Dem Besuche des Vicars folgte der des Geistlichen selbst, eines Mannes von funfzig, heiter wie jener (der Vicomte), aber von ersichtlich anderer politischer Richtung. Er kam vorwiegend, um mir mitzutheilen, daß er seit 3 Monaten einen Berliner Gast auf seiner Pfarre beherberge: den Pater Rouard, Prior des Dominikanerklosters zu Moabit. Bei Ausbruch des Krieges habe derselbe Berlin verlassen, um nicht das von Confessions wegen bereits Erlebte, von Nationalitäts wegen noch einmal zu erleben. Wie gern hätte ich ihn gesehen! In solchen Momenten wiegt nicht das was trennt, sondern nur das, was verbindet. Aber es war zu spät. Ehe sich eine Annäherung ermöglichte, waren wir bereits auf dem Wege nach Poitiers.


5. Poitiers-Rochefort.

Jetter. Diese Kerle sind wie Maschinen,

in denen ein Teufel sitzt.

sie so bald Brüderschaft mit uns trinken
würden.

Egmont.

Um 4 Uhr nach Poitiers. Wie schön der Name in meinem Ohre klang! Aber seitdem Moulins meine Erwartungen so arg getäuscht hatte, hatt’ ich den Muth verloren, meiner alten Neigung zu leben und auf Namen und Namensklang zu bauen.

Wir hatten eine stärkere Begleitung als gewöhnlich. Die Folge war, daß ein Coupé (oder wie es in Frankreich heißt, ein »Compartiment«) für die Gesammtheit von Gefangenen und Gensdarmen nicht ausreichte und eine Theilung vorgenommen werden mußte. Der »Brigadier« und ich sonderten uns aus und bezogen ein Nachbar-Coupé. Dies war zunächst sehr angenehm; man hatte freie Bewegung, konnte rechts und links in die Landschaft hineinblicken und rechts und links die Stationen mustern. Dazu kam ein direktes Angewiesensein auf einen Begleiter, der nach Sprache, Haltung, Benehmen eher ein »Brigadier« in unserem, als in französischem Sinne war. Er hatte etwas Distinguirtes, war leicht, gefällig, unterrichtet, dabei ohne alle Renommisterei, weder persönliche noch nationale. Unter allen Gensdarmen, die ich in Frankreich kennen gelernt habe (wenigstens 40 an der Zahl), war er unstreitig der Sanspareil; die ganze Klasse verdient es aber, daß ich ihr an dieser Stelle, wo ich ohnehin bald von ihr Abschied nehmen werde, eine warme Lobrede halte. Sie waren alle gut. Im ersten Moment in der Regel nüchtern, steif, selbst ein wenig schroff, kehrten sie nach 10 Minuten regelmäßig die gemüthliche Seite heraus, waren mittheilsam, ertrugen Widerspruch, luden mich zu ihrem Frühstück ein (was ich auch in der Regel annahm), und erwiesen sich als absolut unbestechlich, selbst in Kleinigkeiten. Sie mieden, klugerweise, auch den Schein. So oft ich einen Versuch machte, mich am Buffet zu revanchiren, meine Anerbietungen wurden stets artig aber entschieden abgelehnt. Ich war ihr Gast, nicht sie die meinigen. Dazu ein wahres Elite-Corps. Große, schöne Männer zwischen dreißig und vierzig, vielfach aus den Kürassier-Regimentern, am liebsten aus der Artillerie genommen; alles Leute, die in der Krim, in Italien und Mexiko mitgefochten hatten, von Algier und Kabylien gar nicht zu sprechen. Wenige, die nicht die Solferino-Medaille trugen. Alle die liebenswürdigen Züge des alten Soldaten waren bei ihnen heimisch; nie verstimmt, nie feindselig, immer ein Schutz, immer zu Zuspruch geneigt; — dabei (vielleicht ihr hervorstechendster Zug) von einer unsagbaren Verachtung gegen die Populace und gegen die Militairspielerei, die sich vor ihren Augen breit machte. Möglich, daß sie später, als sich die aus dem Boden gestampften Armeen mit rühmlicher Bravour in den Tod stürzten, eine veränderte Stellung zu dieser Frage einnahmen; im Dezember lagen die Dinge anders als im Oktober.

Ich kehre nunmehr zu meinem »Brigadier« zurück. Er erzählte mir viel von der Familie des Vicomte d’Ussel, dessen älterer Bruder sein Escadronchef gewesen war, lobte die Gesinnung und Noblesse des alten Adels und that mir durch die Einfachheit und Leichtigkeit seiner Unterhaltung geradezu wohl. Er war auch der einzige, der Verstand und Takt genug besaß, sich in große politische Gespräche gar nicht einzulassen.