All dies machte die Fahrt nach Poitiers zu einer sehr angenehmen; aber sie hatte doch auch ihre unangenehme Seite. Bis dahin immer warm zusammengepfercht, mußte hier die freiere Bewegung und die frischere Luft mit einer sehr empfindlichen Kälte bezahlt werden, die nur wuchs, wenn ich auf die mondbeschienene fast wie in einem dünnen Schneeschleier daliegende Landschaft sah. Ich wurde der Schönheit dieser Bilder nicht recht froh und segnete die Stunde, als wir endlich zwischen 10 und 11 durch die glitzernden Felsmassen hindurchfuhren, auf deren Höhe sich Poitiers erhebt. Das allgemeine Frösteln spornte zur Eile; im Geschwindschritt ging es, über wohl 100 Steinstufen, die Berglehne hinan, bis wir, durch ein Gewirr von Gassen hindurch (natürlich völlig unbelästigt) das Gefängniß erreichten.

Es war 11 Uhr; alles schlief. Die verschiedenen Beamten in zum Theil fragwürdigen Costümen erschienen staffelförmig, nach dem Grade ihres Ranges; der vornehmste zuletzt. Die üblichen Fragen und Schreibereien erfolgten rasch; ich bat um ein Kaminzimmer, wurde geschäftsmäßig nach der Ausreichendheit meiner Kassenbestände befragt und erhielt das Gewünschte ohne Weiteres, nachdem ich die ausreichenden Garantieen gegeben hatte. Diese nüchtern-geschäftsmäßige Behandlung, wie immer in Geldsachen, war auch hier das beste. Daran muß ich noch, wie vorhin ein Lob der französischen Gensdarmerie, so hier ein Lob der französischen Beamten knüpfen, so weit ich sie kennen gelernt habe, sowohl hier in Poitiers, wie überhaupt. Sie waren nämlich nie ärgerlich und gereizt, nie schlechter Laune und sind mir nach dieser Seite hin geradezu als ein Muster erschienen. Es spricht sich darin entweder eine gewisse Wohlerzogenheit oder ein tiefgehender, längst Allgemeingut gewordener humaner Zug, oder aber drittens eine richtige Vorstellung vom Metier, von der Beamtenpflicht aus. Wahrscheinlich wirkt alles drei zusammen. Alle diese Beamten wurden unseretwegen aus dem ersten Schlaf geholt, die Unbequemlichkeit war groß; aber ich habe keine unfreundliche Miene, keine gerunzelte Stirn gesehen. Im Gegentheil, man war artig und zeigte eine gewisse Theilnahme. Es war Dienst und damit abgemacht.

Unser Gefängniß zu Poitiers war das besteingerichtete unter allen die ich kennen lernte; es hatte etwas von der Opulenz eines großen Bahnhofs oder eines Musterkrankenhauses. Am andern Morgen erschien ein Mitgefangener, um ein Kohlenfeuer zu machen und überhaupt auf 8 Stunden in meinen Dienst zu treten. Es war ein Pariser, ein allerliebster Kerl, der sich auf die Kunde hin, »daß ich aus Berlin sei«, zu diesem Dienst gemeldet hatte. Wir wurden bald gute Freunde. Er hatte nämlich in Constantine, ich glaube ein halbes Jahr lang (von 1864 auf 65) Offiziers-Burschendienste beim Ulanen-Lieutenant v. Prittwitz gethan, der damals nach Paris kommandirt, auch nach Algier gegangen war, um die Kämpfe gegen Kabylien mitzumachen. Von diesem seinem ehemaligen Herrn sprach er nun mit der größten Anhänglichkeit, betrachtete jene Wochen als die beste Zeit seines Militärdienstes und schilderte mir in lebhaften Farben das Aufsehn, das sein »Lieutenant« gemacht habe, als er das erste Mal, in vollem Ulanen-Aufputz durch die Straßen von Constantine gegangen sei, um sich dem General zu präsentiren. Ich versprach, bei meiner Rückkehr nach Berlin, seinem Herrn von ihm zu erzählen. Vielleicht lösen diese Zeilen mein Wort ein. Sein Name war Louis Charbault, Voltigeur im 93. Regiment.

Die anderen Begegnungen in Poitiers waren die herkömmlichen, so daß ich — und um so lebhafter, als der schlechtziehende Kamin meine Zelle mehr und mehr mit Kohlengas zu füllen begann — mit wahrer Freude die Nachricht begrüßte: um 4 Uhr nach Rochefort. Die Fahrt war der vom Tage vorher sehr ähnlich, nur mit dem einen Unterschiede, daß wir diesmal wieder »gekeilt in drangvoll fürchterliche Enge« saßen, was ich, als das kleinere von zwei Uebeln, freudig willkommen hieß. Um 11 Uhr Ankunft. Rochefort ist noch 2 Meilen von der Küste entfernt, aber die Fluth dringt bis hierher vor und macht es zu einer Seestadt. An den Brücken, am Bollwerk hin, lagen Briggs und Dreimaster; ihr Raaen- und Spierenwerk schimmerte phantastisch im Mondenlicht. Im Gefängniß wiederholten sich die Scenen vom Tage zuvor. Es war bitterkalt. Der Schließer, trotz später Stunde, brachte mir noch ein Abendbrot, das aus Landwein, großen Birnen und einigen Nüssen bestand. Gut gemeint, aber wenig geeignet mich zu erwärmen. Ich wickelte mich in mein Reiseplaid, ganz dicht und fest wie man ein Kind wickelt, und schob mich vorsichtig unter die Decken, aus meinem Ueberzieher gleichzeitig eine Art Koppel aufbauend, die sich über Brust und Kopf wölbte. So schlief ich endlich ein, träumend von Schneestürmen, und daß ich am Wege eingeschlafen und erfroren sei.


6. Marennes.

Es rauscht kein Wald, mit hartem Schrei
Nur fliegt die Wandergans vorbei,
Am Strande weht das Gras.

Th. Storm.

Gebt uns ein Lied!

»Wenn ihr begehrt, die Menge.«