So waren die Paare, die sich abwechselnd zum Thee bei mir versammelten. Mit herzlichem Vergnügen denke ich an jene Stunden zurück. Sie gönnten mir Einblick in das Leben unsres Volks, in seine Kraft und seine Güte.
[1] Unter den Gefangenen, auch schon in Besançon, befanden sich stets sehr viele, die französisch sprachen. Dies hatte darin seinen Grund, daß die Meisten weggefangene Patrouillen waren und daß zum Patrouillen- und Recognoscirungs-Dienst, so lang es sich ermöglichte, immer wenigstens ein Französischsprechender genommen wurde.
9. Regentage.
Du strebst vergebens des Menschen
Göthe. (Episteln.)
Sturm- und Regentage, und ihrer waren nicht wenige, unterbrachen den gewöhnlichen Tagesgang und gehörten vorwiegend der Arbeit und der Lektüre.
Der Lektüre! Unter gewöhnlichen Verhältnissen freilich hätt’ es nothwendig schlecht damit stehen müssen, da ich nichts besaß als ein kleines unterwegs aufgekauftes Eisenbahn-Coursbuch und eine drei Jahr alte Nummer des Witzblattes »La Lune«, die ich in einem Kommodenkasten leidlich wohlerhalten vorgefunden hatte. Der Leser mag sich berechnen, wie weit das reichte. Es hätte aber keinen Kommandanten aus Oléron geben müssen, wenn diese Verlegenheit eine dauernde hätte sein sollen; — Capitain Forot hatte kaum von meinem Wunsche gehört, als auch schon Rasumofsky erschien, um mir, mit Gruß und besten Empfehlungen, drei Bücher zu überreichen, ein kleines, ein großes und ein sehr großes.
Mit dem kleinen wollt’ es nicht gehen. Ich glaube, es hieß »eine Reise ins Freie« und schilderte in unangenehm pointirter Sprache eine rasche Reihenfolge von Coupé-Aventuren: auflodernde Leidenschaft (natürlich immer von unwiderstehlicher Gewalt), intervenirende Gatten, high-life-Duelle, todtgeschossene Grafen etc. Noch ehe ich bis Seite 100 gekommen war, warf ich das Zeug in die Ecke. Es war mir um einen Grad zu Französisch.
Ich ging nun an das große Buch. Es war das »Memorial von St. Helena«, das bekannte Tagebuch des Grafen Las Cases. Ich sage »bekannt«, aber freilich wohl den meisten Menschen (wie mir selber) nur dem Namen nach. Man muß gefangen sein, um dergleichen nachzuexerciren. Ich las mit dem größten Interesse. Gleich die ersten Kapitel (die Einschiffung Napoleons auf dem Bellerophon und die vorhergehenden Verhandlungen mit dem englischen Capitain Maitland) versetzten mich genau in jene Insel- und Städte-Gruppe, innerhalb deren ich mich jetzt befand; Einzelnes, was ich auf den ersten Seiten dieses dritten Abschnitts über Oléron gesagt habe, ist diesen Las Cases-Memoiren entnommen. Die Lektüre, neben manchem anderen, hatte den besonderen Reiz für mich, daß sie in einem gewissen, übrigens höchst pikanten Durcheinander des Stoffs, zu einer Art General-Revue meines historischen Wissens wurde, zu einer großen Repetition, bei der ich die Befriedigung hatte, leidlich gut zu bestehen. Dieser Reiz steigerte sich noch dadurch, daß ich mich fähig fühlte, mit Kritik zu lesen; selbst diesem Quellenbuche gegenüber glückte es mir, die Fehler, die Illusionen, die absichtlichen Täuschungen zu erkennen. Nicht Frankreich hatte diesen 25jährigen Riesenkampf verschuldet, sondern England. Pitt hatte diesen Brand entzündet, halb aus nationalem Egoismus, halb aus Legitimitäts-Donquixoterie. Das alles war so ruhig, so bestimmt gesagt, durch Las Cases so überzeugungsvoll bestätigt, daß ich Tage lang in meinem Innersten wie beunruhigt war. Ich mußte, während draußen Sturm und Regen an die Fenster schlugen und Rasumofsky ein Scheit nach dem andern auf den Herd legte, förmliche Kämpfe in mir durchmachen, hatte aber die Freude, mit gestärkter Ueberzeugung zu meinen alten Fahnen zurückkehren zu können. Das Nationalitätsprinzip hatte gegen den Napoleonischen Weltmonarchie -Gedanken gestritten; — es wird noch auf lange hin ein Ruhm Pitts bleiben, jenes siegreich vertheidigt zu haben.
Meine eigentlichste Freude war aber doch das »sehr große Buch«, in dem sich nicht eigentlich lesen, sondern nur naschen ließ. Es war in reicher Schale das süßeste Dessert. Wenn mir Las Cases anfing etwas zu substantiell zu werden, so schob ich dies pièce de résistance bei Seite, um von dem Confektteller und seinen Knallbonbons zu nehmen.