Von 6 an war Plauderstunde. Dann kamen, wie schon in einem früheren Kapitel erzählt, die Avantageure, Sergeanten und Unteroffiziere (meist Cavalleristen), um, ein Glas Thee in der Hand und die Füße am Kamin, die Tagesereignisse durchzusprechen: wer krank sei? wer gestorben sei? ob es noch lange dauern werde? ob der Cantinier den Cours des Papierthalers abermals um 5 Sgr. herabgedrückt habe? ob die angesagten Oefen und Strohsäcke eine Wirklichkeit werden oder eine Mythe bleiben würden? Es waren nicht gerade welterschütternde Fragen, die uns beschäftigten und die an zweiten und dritten Abenden mit derselben Hingebung behandelt wurden, wie am ersten; die Hauptunterhaltung blieben aber doch die Kriegsabenteuer, namentlich die Momente der Gefangennehmung, und aus der Fülle von Stoff, der damals vor mir ausgeschüttet wurde, geb ich das Nachstehende.
Sergeant Polzin erzählt:
Unsere Division (Herzog Wilhelm von Mecklenburg) lag in Rambouillet. Wir waren 5 Regimenter stark: Brandenburgsche Kürassiere, Fürstenwalder Ulanen, Zieten-Husaren, — das waren die alten; dazu zwei neue: die 15. Ulanen und die 16. Husaren, beides Schleswig-Holsteiner. Ich stand bei den 16. Husaren, 3. Eskadron.
Am 7. Oktober Mittags wurden wir allarmirt und auf einer der nach Chartres führenden Chausseen (nicht auf der Hauptstraße) bis zum Dorfe Ablis vorgeschoben. Wir waren die äußerste Spitze. In Chartres stand der Feind.
Es mochte 5 Uhr sein, als wir in Ablis einrückten; es dämmerte schon. Wir suchten das Dorf ab, fanden nirgends Verdächtiges, besetzten die nach Süden zu gelegenen Gehöfte und stellten Doppelposten an die vier Ausgänge des Dorfes. Das sah sehr gut aus und konnte einen Rekruten beruhigen, aber nicht einen Alten. Es war ein Fehler von Grund auf. Unser Rittmeister behandelte uns wie Infanterie; wir waren aber nicht hierher geschickt worden, um Schützen oder Jäger zu spielen. Wir waren Husaren; wir mußten Spielraum haben. Statt dessen hatten wir Barrikaden. Unsinn. Sie kamen uns später theuer genug zu stehen.
Um 9 Uhr — wir lagen schon bei unseren Pferden —rückte noch eine Unterstützung für uns ein: 60 Mann vom 11. Bayrischen Regiment. Nun sicherlich wär’ es an der Zeit gewesen, unsere Husaren wieder zu Husaren zu machen und nach allen vier Seiten hin Vedetten zu stellen und Recognoscirungspatrouillen auszuschicken; aber nichts von dem allen geschah. Wir sollten als »Infanterie« zu Grunde gehen.
Eine halbe Stunde später nach Einrücken der Bayern schlief alles fest. Ich allein wachte. Ich hatte in dem Gehöft, in dem wir lagen, den ganzen Abend über ein Kommen und Gehen bemerkt, ein Tuscheln und Flüstern und dann wieder ein rasches Abbrechen, wenn sie sich beobachtet glaubten; — das ganze Nest war mir unheimlich vorgekommen; es stand fest in mir, daß es was geben müsse. Bei jedem Geräusch horcht’ ich auf; aber es war nichts. Ich hört’ es noch Mitternacht schlagen; dann fiel ich in tiefen Schlaf wie die andern.
Es mochte 3 Uhr sein, als es an die Stallthür pochte; klick, klack. Ich sprang auf und rief noch in halbem Schlaf: »gleich, gleich«; aber während ich noch auf die Stallthüre zutappte, steigerte sich das Klopfen so, daß es kein Klopfen sein konnte; klick, klack; wie wenn Steine aufs Dach fallen. Jetzt wußt ich was los war; ’raus Kerls, wir sind überfallen«.
In meinem Stall lagen 10 Mann. Wie ein Wetter waren sie auf; aller Schlaf wie weggeblasen; Karabiner in Hand stürzten wir hinaus. Als wir in die Dorfgasse traten, stand schon alles im Gefecht. Von rechts her, aus der Mitte des Dorfs, wo die beiden Gassen sich schneiden, hörten wir das Commando der Bayrischen Offiziere, von links her blitzten die Karabinerschüsse der Unseren, oder leuchtete mitunter das Blau und Weiß der Uniformen. Der Feind schien überall. Im Einverständniß mit den Bewohnern drang er weniger durch die Eingänge des Dorfs, als durch die Häuser und Gärten vor; aber noch war nicht alles verloren. Die Bayern, ersichtlich, hielten Stand; ja, wir konnten hören, daß sie Terrain gewannen. Wir riefen uns einander zu. Wenn wir jetzt als richtige Husaren, unsere Pferde unterm Leibe, in die zerstreut kämpfenden Feinde hineingefahren wären und in immer wiederholtem Auf- und Niederjagen die beiden Dorfstraßen leer gefegt hätten, während die Bayern die vier Eckhäuser am Kreuzungspunkt besetzt hielten, so wären wir vielleicht durch gewesen. Aber die verd... Barrikaden! Keine 50 Schritt freie Bewegung. Wir scheiterten, weil wir uns statt auf die Pferde, auf den Karabiner verlassen mußten. Jeder kann nicht jedes.