So knatterte es hin und her. Unsere dünne blaue Linie wurde immer dünner; die anstürmenden Franctireurs drängten uns von der Straße auf das Gehöft, von dem Gehöft in die Ställe; hier standen wir jetzt rathlos bei unsren Pferden; von außen her, durch Thüren und Luken, knallte der Feind aufs Gerathewohl in die dunklen Räume hinein. Unteroffizier Balzer, eines reichen Gutsbesitzers Sohn, unser Aller Liebling, sprang, als er Mann und Pferd neben sich fallen sah, mitten in den Haufen der Draußenstehenden hinein und rief: Pardon! Sein gutes Gesicht, seine bittende Stimme schienen ihn retten zu sollen: der Zunächststehende setzte das Gewehr ab und sah ihn an; aber im selben Augenblick sprang ein Zuave vor und jagte ihm mit einem Deutsch gesprochenen »stirb Hund« die Kugel durch den Kopf.

Wir andern kapitulirten. Alle Offiziere waren todt; wir waren noch 56 Mann.

Corporal Vollnhals erzählt:

Wir rückten um 9 Uhr ins Dorf, drin wir die Schleswiger Husaren schon vorfanden. Wir waren 60 Mann unter Oberlieutenant Schneider vom 11. Regiment, 1. Bataillon (Regensburg). Die Ausgänge waren von den Husaren besetzt; wir verdoppelten die Posten, legten eine Feldwache von 30 Mann nordwestlich und bezogen mit dem kleinen Rest, der uns blieb, Allarmquartiere in der Mitte des Dorfs. Ich war im Dorf.

Um 3 Uhr knatterte es draußen. Der Feind griff von allen Seiten gleichzeitig an; so hieß es denn Knäuel bilden, um die Zurückgehenden aufnehmen und den Feind, woher er auch komme, erwarten zu können. Unsere ausgestellten Posten waren sämtlich weggeschossen worden; die zurückgehende Feldwache hatte schwere Verluste gehabt, so musterten wir denn nur noch 40 Mann. Mit diesen galt es jetzt das Dorf zu halten. Nach Süden hin, in geringer Entfernung, standen die Husaren.

Eine Viertelstunde lang ging es. Wir attakirten mit dem Bajonet und drängten das, was uns gegenüber stand, mehrmals bis an die Einfassungsmauer zurück; aber jedesmal wenn wir anschlugen, um eine volle Salve in den dichten Haufen hinein abzugeben, hieß es aus dieser Masse heraus: »schießt nicht Kinder, wir sind ja Preußen«. Im selben Augenblick trafen uns Kugeln von hinten her. Nun machten wir Kehrt, glaubten wirklich den Feind blos im Rücken und in unsrer Front die Preußen zu haben, aber im selben Moment, wo wir die Schwenkung gemacht, umzischten uns auch schon wieder die Kugeln unserer vermeintlichen Deutschen Brüder. Wir wußten nicht ein noch aus, und zuletzt von Wuth und Todesangst getrieben, schossen wir blind in alle Haufen hinein, um dem Spiel ein Ende zu machen.

Aber das Spiel war uns bereits theuer zu stehen gekommen. Alle Offiziere todt. Als ich jetzt an dem Straßenkreuzungspunkte mich umschaute, sah ich, daß wir nur noch 15 Mann waren. Ich war der einzige Chargirte und übernahm das Commando. Von allen Seiten gedrängt, zog ich mich in das zunächst gelegene massive Haus zurück und besetzte den ersten Stock, nachdem ich die Thür unten, so gut es ging, verrammelt hatte. An jedem Fenster 4 Mann. Ich postirte sie schräg hinter dem rechten Pfeiler, so daß sie gedeckt standen und einen sichern Schuß hatten. Der Himmel war mit uns. Bis dahin war es dunkel gewesen; jetzt aber dämmerte es, und der erste über die Dächer kommende Tagesschimmer fiel so hell auf unsere Läufe, daß wir das Korn sehen und scharf zielen konnten, während die Franzosen unten im Halbdunkel standen. So ging es fort bis alle Patronen verschossen waren; unser matter werdendes Feuer hatte ohnehin dem Feinde schon verrathen, wie’s mit uns stand. In diesem Augenblick rückte die Masse drüben zum Sturme vor; noch einen letzten Schuß gab ich ab; dann hörten wir wie unten die Fenster und Hinterthüren eingestoßen wurden und alles treppan lärmte. Eine Salve in unser Zimmer hinein; vier von meinen Leuten stürzten; ein Chasseur packte mich beim Kragen und schüttelte mich. Ich stieß ihn in eine Ecke zurück. Wüthend setzte er mir das Gewehr auf die Brust und drückte los, während ich eben den Lauf an der Mündung gefaßt hatte. Die Kugel riß mir die Spitze des kleinen Fingers fort. Jetzt mußte sich’s entscheiden. Wir wollten uns eben an den Hals fahren, als ein Offizier, so viel ich verstehen konnte ein Pole, zwischen uns sprang und mich rettete. Er erklärte uns alle »als in seinen Schutz gestellt«, und als er sah, daß wir nur noch 11 Mann waren, lobte er uns. Mir nickte er zu, was er jedesmal wiederholte, wenn er später an mir vorüberkam.

Sergeant Polzin erzählt weiter:

Um 5 Uhr früh war alles was von uns noch übrig war, in dem großen Gastzimmer des einen Gehöftes versammelt; Husaren und Bayern, alles bunt durcheinander. Verwundete gab es nicht; wenigstens haben wir nichts davon gehört.

Es war eine wunderliche Beleuchtung; Kaminfeuer und ein halbes Dutzend Lichter, auf Blaker und Flaschen gesteckt. Zwei oder drei dieser Lichter standen auf einem großen runden Tisch, der an ein offenstehendes Fenster gerückt worden war; Tageslicht drang ein. Wir athmeten auf in dieser Morgenfrische. Auf dem Tische selbst lag alles aufgeschichtet, was man den Todten draußen an Geld und Geldeswerth abgenommen hatte; jetzt mußten auch wir deponiren, was wir in unseren Taschen hatten. Mitunter half eine Franctireur-Hand nach und beschleunigte die Untersuchung. Nun ging es an ein Sortiren und Theilen. Ein Zehnthalerschein, dessen Werth der großen Mehrzahl ein Geheimniß war, wurde verächtlich bei Seite geschoben. In demselben Augenblick aber fuhr durch die dem Tisch zunächst stehende Franctireur-Mauer eine Hand hindurch, griff nach dem Schein und sagte mit unverkennbarem Accent: »dir kann ich jrade brauchen«. Es war eine Art Elite-Corps, mit dem wir es zu thun gehabt hatten, Fremdenlegionaire, Abhub aus aller Herren Länder, Italiener, Polen, Hannoveraner, und — wie überall in der Welt — auch Berliner.