Arbeit und Lektüre kürzten die Zeit, aber für Jeden, der weder das Eine noch das Andere hatte, waren es langweilige Tage, nichts geschah, und Sergeant Genzel, wenn er seinen Heine so gut kannte wie seinen Schiller, durfte citiren:
Nur wenn sie einen begraben,
Bekommen wir was zu sehn.
Leider kam dies »Begraben« bald öfter vor, als auch dem Zerstreuungssüchtigsten unter uns wünschenswerth sein mochte. Niemand konnte wissen, wie bald die Reihe an ihn kommen würde. Erst starb ein Alter, ein bayerscher Fuhrmann. Offiziell hieß es, er habe einen »organischen Fehler« gehabt. So heißt es immer. Der zweite war ein Cürassier (auch Bayer), den man von Orleans krank hergebracht hatte. Am 22. November begruben wir ihn.
Um 9 Uhr wurd’ es lebhaft. Chorknaben, vier oder sechs, mit weißen Hemden und rothen fezartigen Mützen, erschienen auf dem Kasernenhofe; dann kamen drei Geistliche, schwarz und weiß, mit Mitren auf dem Haupt. Die Bayern standen schon da und formirten sich zu einer Kolonne. Acht von ihnen, in blankem Helm, trugen den Sarg herbei, der bis dahin in einem Schuppen gestanden hatte, und setzten ihn auf die Bahre. Es war eine einfache Holzkiste mit einem zugeschrägten Deckel. Das schwarze Tuch mit dem silbernen Kreuz wurde drüber geschlagen; dann setzte sich der Zug in Bewegung, zunächst auf die Stadt und die Kirche zu, die Chorknaben mit Crucifix und rothen Laternen allen Uebrigen vorauf. So ging es durch das Portal über die Zugbrücke. Als wir an der Cantine vorbei kamen, schwenkten einige Leidtragende ab; ihre Empfindungen nahmen plötzlich eine andere Richtung. Die Mehrzahl folgte. So erreichten wir die Kirche, die sich bald füllte; denn auch die Stadt nahm Theil. Freund und Feind durcheinander, so saßen wir da.
Die acht Bayern hatten inzwischen die Bahre mit dem Sarg in das Mittelschiff gestellt, unmittelbar in Nähe des hohen Chores, der nur durch ein vergoldetes Eisengitter von uns und dem Todten geschieden war. Die geistlichen Herren nahmen innerhalb des Chores Platz; dann begannen die Litaneien. Es klang misererehaft.
Ich konnte den Worten nicht folgen und betrachtete deshalb lieber die Kirche. Sie war in gutem Styl aus gutem Materiale gebaut; dabei mit Bildern reich geschmückt. Die Altar-Nische wies, außer dem großen Altarbilde, noch zwölf kleinere auf. Aehnlich die ganze Kirche. Mehrere waren gut, viele mittelmäßig, keins schlecht. Man konnte hier, wie in jeder französischen Kirche, wahrnehmen, daß die Durchschnittsleistung nach dieser Seite hin besser ist als bei uns. Ich lege nicht viel Gewicht darauf, aber es ist doch immerhin etwas.
Nun waren die Litaneien vorüber. Die Geistlichen erschienen neben dem Sarg und lasen die Gebete; ein Chorknabe schwenkte den Weihkessel; dann that der fungirende Priester dasselbe. Damit war der kirchliche Akt geschlossen, und der Zug setzte sich aufs Neue in Bewegung, der Begräbnißstätte zu.
Es war noch eine hübsche Strecke. An zahlreichen Mühlen vorbei (weiße Rundthürme mit grüner oder rother Dachmütze) ging der Weg. Endlich sahen wir die weiße Mauer, das Thor stand auf und der Zug bog ein. Die Stätte machte einen guten Eindruck; Kreuze und Denkmäler, Alles in Marmor; man ehrte die Todten hier; dazu sprach aus Allem eine gewisse Wohlhabenheit. Cypressenbäume und wilder Lorber faßten die Gänge und Steige ein; hier und dort ragte ein Ginsterstrauch, kahl wie ein Besen, mit seinen hundert Ruthen in die Luft; Hagebutten standen zu Füßen der Gräber, zwischen ihren großen, rothen Früchten noch mit vereinzelten, blaßrothen, halbverwaschnen Blüthen geschmückt.
Nun hielten wir am Grabe; die thonige, graublaue Schlickerde lag uns zur Seite. Der Nordwest ging immer schärfer und mahnte zur Eile. Das Brett, auf dem der Sarg stand, wurde an die Grube getragen und dann gesenkt, so daß der Todte allmälig hinabglitt. Ein Tau, von zwei Männern gehalten, regelte das Hinabgleiten. Nun wurde die Planke zurückgezogen; noch ein kurzes Gebet, dann griffen die Muthigsten in den nassen Schlick und warfen einen Erdklos hinunter. Damit war es gethan. In drei Minuten war Alles verschwunden, der Friedhof leer.
Ich konnte so nicht scheiden. Der Todtengräber, ein Alter, kam und begann zu schaufeln. Ich sah ihm eine Weile zu, sprach zu ihm und gedachte derer, die, fern in der Heimath des Todten, dieser Stunde nicht gedachten. Dann, an den Hagerosen vorbei, von denen auch nicht eine auf sein Grab gelegt werden wird, trat auch ich meinen Rückweg an.