Das Geschrei der Menge folgte uns, starb aber bald, und der ganze Vorgang, dem wir bis dahin wenig Bedeutung beigelegt hatten, da wir uns auf völlig gesichertem Boden glaubten, war schon halb wieder vergessen, als wir, dreiviertel Meilen hinter Provins, in den Forêt de Sordun eintraten, der, mehrere Stunden groß, das halbe Terrain zwischen Provins und Nogent mit seinen Wald- und Berg-Coulissen ausfüllt. Wir mußten jetzt durch Schluchtenwege hindurch, die zu beiden Seiten sich bald zu beleben anfingen; hinter jedem Baum trat ein Blaukittel hervor, einige bewaffnet, andere nicht; auch Frauen und Kinder. Diese begannen ein Gejohle und Geschrei; alles aber folgte und hing sich wie eine Heerde Wölfe, die auf den richtigen Moment wartet, an unser Gefährt.
»Nicht umsehen«, kommandirte Ellis und nahm selber die Leinen in die Hand. Er war ein guter Fahrer und die beiden dampfenden Pferde, die in Provins ohnehin um ihre volle Ration gekommen waren, griffen jetzt aus mit ihrer letzten Kraft. Das half zunächst; der Wald lag alsbald hinter uns; nur die besten Läufer hatten Schritt mit uns gehalten; Nogent konnte keine Stunde mehr ab sein; wenn die Pferde aushielten ...?! In diesem Augenblick fuhren wir in ein Dorf hinein; in Mitte desselben standen die beiden Braunen still; sie konnten nicht weiter. Ellis warf die Zügel aus der Hand und sprang vom Wagen; wir andern folgten.
Nur Fritsche blieb oben stehen; er hatte die angeborene Heldennatur und schrie in das Geschrei des andrängenden Menschenhaufens hinein: »Qu’est c’est-que ça? que voulez-vous?« Sie blieben ihm die Antwort nicht schuldig: »Vos fusils! vous êtes prisonniers« und im selben Augenblick stürmten sie auf ihn ein; ein Franctireur, ein schöner junger Kerl mit Klapphut und rother Schärpe, an ihrer Spitze. Ich seh ihn noch. Fritsche schlug an und der Franctireur stürzte zu Boden. Ich habe nie so viel Blut an einem Menschen gesehen. Aber dies Blut kam über uns. Eh uns noch klar war, was geschehen, waren wir entwaffnet. Fritsche, der sich auch jetzt noch zur Wehr setzte, wurde vom Wagen gezerrt und an die Wand des nächsten Hauses gestellt: »meurs chien prussien!« Er wußte jetzt, daß er vor dem Tode stand, richtete sich in die Höh, riß Rock und Weste auf und schrie: tirez. Im selben Moment lag er todt am Boden. Ellis, in Verzweiflung, machte sich gewaltsam los, um die Hand des Todten noch einmal zu fassen; aber eh er zehn Schritt gemacht hatte, trafen ihn drei Kugeln in Kinnbacke, Brust und Schenkel; er kroch jetzt heran und umarmte zärtlich die am Boden liegende Leiche des Freundes. Selbst die Feinde hielten einen Augenblick inne und sahen dem grausig-rührenden Schauspiel zu. Aber im nächsten Augenblick war Lübbe auf den Tod getroffen, und Jahn und ich wurden an die Bäume der Chaussee gestellt, um hier das Schicksal Fritsches zu theilen. Ich war fertig und hatte nur noch ein Flimmern vor den Augen; aber Jahn (Gott segne jede französische Privatstunde, die er gehabt) sprang jetzt vor und haranguirte die tobende Volksmasse. Ich weiß nicht mehr, was er sagte, er wird es selber kaum wissen, aber als er schwieg, setzten sie die Gewehre ab und erklärten uns als Gefangene. Wir mußten uns jetzt auf die Bank des Wagens setzen, zwei Franctireurs dicht neben uns; dann wurden die beiden Verwundeten aufgeladen, zwischen ihnen die Leiche Fritsches. So ging es auf Nogent zu.
Ellis litt unsäglich. Er beschwor die Franzosen, seiner Qual ein Ende zu machen. Umsonst. Im Trabe ging es weiter. Als wir Schritt fuhren, eine Berglehne aufwärts, kam ein Bauer uns nachgelaufen, der den anstoßenden Acker pflügte. Er verwünschte uns Alle; dann nahm er seinen Peitschenstock und schlug den sterbenden Ellis ins Gesicht. Das war den Franctireurs denn doch zu viel; sie sprangen vom Wagen und stießen das blaukittlige Scheusal in den Chausseegraben hinein.
Um 3 Uhr waren wir in Nogent. Welch Einzug! So hatten wir den »Tag von Leipzig« gefeiert.
Am 2. November kamen wir hier auf der Insel an. Es war Todtenfest. Das paßte schon besser.
13. Begräbniß.
Sie hüllten ihn ein in weißes Lein
Und trugen ihn dann zur Ruh,
Die Mönche sangen die Todtenmess’
Und Litaneien dazu.
W. Scott.