Wir lagen 2 Meilen rechts von Corbeil, die ganze 17. Brigade, das Grenadier-Regiment aus Schwerin, die Rostocker Füsiliere und unser Jäger-Bataillon. Alles war guter Dinge; unsere Offiziere wetteten »in 4 Wochen ist es vorbei«; nur in Einem sah es schlecht aus: wir hatten nichts zu essen. Das ist immer schlimm, aber für einen Mecklenburger doppelt.
Am 16. Oktober erhielt unser Bataillons-Kommando, Major v. Gaza, einen Brief von guter Hand, in dem zu lesen stand, daß in dem Städtchen Nogent ein deutscher Kaufmann wohne, der noch Vorräthe habe und gewillt sei, sie gegen gute Prozente zu verkaufen. Gut so. Das war just was wir brauchten. Ein Detachement sollte am andern Morgen aufbrechen, um bei besagtem Kaufmann für 100 Thaler Brod, Cognac und Taback zu erhandeln. Mit dem Brod stand es schon seit 14 Tagen schlecht. Ein Wagen, ein guter Zweispänner, sollte für die Fahrt beschafft werden. Ich erfuhr spät Abends, daß ich mit von der Parthie sein werde.
Zwei Tage hin, zwei Tage zurück; ich freute mich nicht wenig.
Am 17. früh brachen wir auf; in Mormant sollten wir übernachten und am Nachmittage des zweiten Tages in Nogent eintreffen. Dies war Alles. Karten hatten wir nicht. Wir wußten nur dreierlei: Bestimmungsort Nogent, Richtung nach Osten, Entfernung 10 Meilen. So ausgestattet, hofften wir in der That uns durchtappen zu können. Wir waren guter Dinge und ohne Ahnung davon, daß es in Frankreich anderthalb Dutzend Nogents giebt. Das sollte verhängnißvoll für uns werden.
Das Detachement, wenn ich von mir absehe, war gut gewählt. Unteroffizier Ellis, Gefreiter Fritsche, Jäger Lübbe, Jäger Jahn; dazu ich. Ellis, Gutsbesitzer, hatte das Jahr vorher als Freiwilliger beim Bataillon gestanden; Fritsche, Schiffscapitain oder Steuermann, ich weiß nicht genau, war eben aus England zurückgekommen; Lübbe, Apotheker; Jahn, Mediciner. Sie waren all aus gutem Hause und konnten parliren. Jahn am besten. Fritsche war aus Rostock, Sohn des Professors; Jahn aus Schwerin, Sohn des Hofpredigers. Ich für mein Theil wußte nichts. Es muß auch solche geben.
Der erste Tag verging ohne Störung. Wir fuhren bei guter Zeit in Mormant ein; vier Meilen waren gemacht. Wir befanden uns hier noch im Bereich unserer Armeen; Alles war dienstfertig und bereit. So verging die Nacht.
Sechs Uhr früh saßen wir wieder auf unserem Wagen, die Büchse im Arm, und trabten auf Nogent zu. Wir hatten am Abend vorher Information eingezogen und in Erfahrung gebracht, daß wir über Provins fahren müßten. »Immer ostwärts die Chaussee hinunter; noch drei Meilen bis Provins, noch sechs Meilen bis Nogent.« Das schien zu stimmen; Entfernung und Himmelsgegend waren richtig. Es war aber dennoch falsch. Wir fuhren auf Nogent sur Seine, statt auf Nogent sur Marne; das Marne-Nogent (Eisenbahnstation zwischen Chateau-Thierry und La Ferté) lag unterm Schutz der Preußischen Bajonete, das Seine-Nogent unterm Schutz der Franctireurs. Unser Schicksal wollte es, daß wir auf das Franctireur-Nogent zufuhren. Ob uns der Wirth von Mormant (Mormant war Gabelpunkt für beide Wege) absichtlich in die falsche Direktion schickte? Ich glaub’ es kaum.
Es war ein kostbarer Tag dieser 18. Oktober und heiter wie der Tag gings in die Landschaft hinein. Fritsche richtete sich hoch auf, schwenkte seine Büchse und rief, als wir das nächste Dorf passirten: »Hoch Deutschland; heut ist der 18. Oktober!« Wir stimmten jubelnd ein; die Chaussee hinauf, hinunter, ging es durch die schönen lachenden Dörfer. So kamen wir nach Provins. Es war gerade Mittag.
Provins ist eine reizend gelegene Stadt am Fuß und Abhang eines Berges; beinah einsam, vom Berge herab, grüßt eine alte Kirche; durch die Stadt hin aber schlängelt sich ein Fluß mit Lohmühlen und Gerbereien, und dazwischen — Rosengärten. Einzelne Stämme standen noch in Blüthe.
Wir fuhren auf den Markt, hielten vor einem Gasthaus um zu futtern und begannen eben Fragen zu stellen, wie man wohl thut, wenn man sicher und guter Dinge ist, als wir plötzlich den Marktplatz mit Hunderten von Menschen sich füllen sahen, viele blos neugierig, aber die meisten ersichtlich feindselig. Die Antworten auf unsere Fragen wurden immer kürzer; ein Murmeln begann, ein Andrängen auf unsern Wagen zu, so daß Ellis, der Ordre hatte alle Häkeleien zu vermeiden, uns schnell entschlossen zurief »aufsitzen«, und im nächsten Moment schon rasselte der Wagen wieder über das Pflaster hin, mitten durch die auseinanderstiebende Menschenmenge hindurch, zur andern Seite der Stadt hinaus. Ein Gespräch mit dem Wirth hatte uns schon vorher genau die Richtung angegeben. Die Richtung auf das falsche Nogent. Es war noch drittehalb Meilen.