An diesen Ritt will ich denken. Schindler, nach links, immer dicht neben mir; nur so viel Zwischenraum, daß er mit seiner Rechten frei hantiren konnte. »Mann«, rief ich ihm zu, »wir müssen durch!« Sein Sommersprossengesicht nickte mir zu und der rothe Spitzbart tupfte ihm dabei vorn auf die Ulanka und das Kreuz von 66. So ging es hinein; Schindlers Lanze immer um drei Fuß vor. Ich faßte meinen Säbel krampfhaft fest und stieß und hieb, aber das war nur Spielerei; davon ist nicht zu sprechen neben der Lanze meines Rothkopps. Was ich sonst nur immer gehört hatte, hier sah ich es: die Lanze ist eine furchtbare Waffe. Ich will nicht Zahlen nennen, sie möchten doch nicht geglaubt werden; zudem bin ich meiner Sache nicht sicher. Ich weiß auch nicht wie viel der Anprall der Pferde und wie viel die bloße Furcht vor dieser langvorgestreckten Spitze gethan haben mag, aber das muß ich sagen, ich habe den Eindruck, daß uns diese eine Lanze unsern Weg durch all die Colonnen bohrte. Keine Kugel traf; wir hörten nur das Klatschen auf den Dachziegeln gegenüber.

Jetzt kam wieder eine Lichtung, ein größerer Zwischenraum, und über die Köpfe der zwei letzten Chainen weg, die den Ausgang sperrten, sah ich schon die Pappeln der Chaussee und dachte eben in meinem Sinn: »sie schießen doch zu schlecht«, klatsch, da hatt’ ich eins weg in den Schenkel, nicht viel, aber mein Pferd mußte scharf getroffen sein, denn das Blut spritzte hoch auf und meine weißen Fangschnüre waren wie getränkt damit. Ein Unglück kommt nie allein. In diesem Augenblick rief Schindler: »Unt’roffizier, ich bin getroffen«, und ich sah deutlich, daß er zusammenzuckte. »Halt Dich fest,« schrie ich ihm zu, »durch, durch,« und er packte mit der Linken den Hals seines Braunen und ging wieder hinein. Es war ein prächtiger Kerl. Aber plötzlich fehlte er neben mir; mit halbem Blick nach links sah ich, daß Pferd und Reiter zusammengebrochen waren und daß man über ihn her war. Ich hatte nicht viel Zeit drüber nachzudenken, denn im nächsten Augenblick war es auch mit mir vorbei. Mein Pferd, von einer zweiten Kugel in den Kopf getroffen, stürzte zu Boden; ich lag drunter und verlor die Besinnung.

Als ich wieder zu mir kam, war ich unter einem Dach von Bajoneten. Man zog mich hervor und schleppte mich im Triumph in die Mitte des Dorfes, an meinem treuen Schindler vorbei. Er richtete sich noch einmal auf; der Todesschmerz stand ihm im Gesicht. Es hat nicht lange mehr gedauert. Einer von den Franctireurs gönnte ihm eine letzte Kugel. Es war auch das Beste.

Sattler Gemke, wie ich gehört habe, ist durchgekommen und hat seine Meldung gemacht. Ich gönn’s ihm; einer hat eben Glück vorm andern; die Loose fallen verschieden. Gemke lebt, Schindler ist todt und ich — sitze hier.


12. Fünf vom 14. Jäger-Bataillon.

Tarry, dear cousin!

My soul shall thine keep company to heaven,
Tarry, sweet soul, for mine, then fly a-breast.

Shakespeare. (Henry V.)

Jäger Schoenfeldt erzählt: