Wir ritten aus; es nebelte noch. Das erste Dorf, das wir passirten, hieß Villiers-le-Sec, das zweite Lemesnil-Aubry; der Nebel war inzwischen gefallen und Alles versprach einen klaren Tag. Wir trabten nun auf das dritte Dorf zu. Es war Ezonville. Sein heller Kirchthurm blinkte schon durch die Pappeln.

Als wir dicht heran waren, stießen wir auf drei Mann von unserer 5. Escadron, die schon vor uns ausgeritten waren. Der Gefreite machte Meldung und stellte sich unter mein Commando. Ich hatte nun 7 Mann und war guter Dinge; mit sieben Lanzen ist schon was anzufangen.

Ich theilte jetzt meine Streitkräfte in zwei Seiten- und eine Mittel-Patrouille. Die Mittel-Patrouille (für das Dorf bestimmt) war die Hauptsache. Diese führte ich selber und suchte mir zwei Mann dazu aus, die beiden besten. Ich sagte mir so: die drei von der 5. Escadron mögen gut sein, aber du kennst sie nicht; deine eigenen kennst du: Rabinsky is ein Deubelskerl, aber Pollacke und unzuverlässig; Pottmüller is willig, aber noch ein halber Rekrut; bleiben dir noch Sattler Gemke und der rothhaarige Schindler; die nimm, die sind jut. Und so nahm ich mir denn Gemken und Schindlern; die drei von der 5. schickt’ ich links um das Dorf rum; Rabinsky und Pottmüller rechts.

Sattler Gemke hatte die Spitze; dreißig Schritt hinter ihm Schindler und ich; so ritten wir in das Dorf ein. Ich kannt’ es schon von Mitte Oktober her, wo wir bei hellem Mittagsschein durchgekommen waren. Ein langes Dorf, blos zwei Reihen Häuser; in der Mitte die Kirche mit einem Platz. Ich hatt’ es noch gut in Erinnerung.

Die ersten Gehöfte in ihrem weißen Anstrich und mit den Vorgärten, in denen noch das bunte Laub hing, sahen freundlich genug aus; aber in jeder Thür stand ein altes Weib, was mir all mein Lebtag nichts Gutes bedeutet hat. Ich ritt an die erste heran und fragte: »Franctireurs?« worauf sie mit dem Kopf schüttelte, nach Süden hin zeigte und blos immer wiederholte en bas. Ich sagte »Dank, Mütterchen«, ritt auf die zweite zu und fragte wieder »Franctireurs?« worauf diese mit dem Kopfe nickte, auch nach Süden zeigte und auch wiederholte en bas.

Ich war jetzt ärgerlich; die eine schüttelte, die andere nickte; ich warf ihr also einen altmärkischen Morgengruß an den Kopf, den ich hier nicht wiederholen will. Vielleicht hatte sie’s gut mit mir gemeint. Es ist schlimm, wenn man sich in fremden Sprachen vernachlässigt hat.

Gemke war uns jetzt erheblich vorauf. Schindler und ich ritten rechts und links an den Gehöften vorbei; wo es möglich war, hielten wir uns so dicht an den Häusern hin, daß wir in die Fenster des ersten Stocks hineinsehen und den Flur und die Zimmer mustern konnten. Aber nirgends zeigte sich etwas Verdächtiges; die Dorfstraße war leer, die Gehöfte wie ausgestorben; nur Kinder spielten im Hof. Männer schien es nicht zu geben.

So waren wir an der Kirche vorbei bis an die letzten, schon vereinzelt stehenden Häuser gekommen und wollten eben auf Ecouen und Sarcelles zu uns in Trab setzen, als zwei Schüsse fielen, und Gemke, sein Pferd herumwerfend, in voller Carriere auf uns zu sprengte. Er hielt seinen linken Arm in die Höh’, der stark blutete. Jetzt wußt’ ich Bescheid. »Gemke« rief ich ihm zu »helfen is nich; Sie müssen sehen wie Sie durchkommen; immer querfeldein; Gott verläßt keinen Ulanen nich.« Ich sah noch wie er über den Graben setzte. Schindler und ich aber machten Kehrt und jagten wieder zurück in das Dorf hinein, das wir eben erst verlassen hatten.

Welch Wechsel! Die Gasse stand jetzt so vollgepfropft als ob Jahrmarkt oder Hinrichtung wäre. Es war auch so was. Durch diesen Menschenhaufen mußten wir hindurch. Es schien glücken zu sollen. Die ganze Masse war ersichtlich noch nicht recht in Ordnung; nur einzelne Schüsse fielen. So kamen wir bis an den Kirchenplatz, wo die Straße nach links hin ausbuchtet. Hier war alles leer; ich that einen vollen Athemzug und dachte so vor mich hin: Janeke, das war überstanden.

Aber ich hatte mich verrechnet. In der zweiten Dorfhälfte hatten sie derweilen Zeit gefunden sich zurecht zu machen, und als wir jetzt in die wieder schmaler werdende Gasse hinein wollten, da sahen wir aus allen Fenstern und Dachluken Gewehrläufe auf uns gerichtet, und gleich dahinter einen in drei Gliedern stehenden Schützenzug, der uns mit Flintenschüssen empfing. Ich duckte mich; als wir aber glücklich durch waren, richtete ich mich hoch auf, um zu sehen, was wir noch vor uns hätten, und sah nun, daß bis ans Ende des Dorfes hin und drüber hinaus, alle hundert Schritt eine solche Chaine gezogen war, und daß wir also auf dem zwischenliegenden freien Raum das Seitenfeuer der Häuser und das Frontfeuer dieser Chainen auszuhalten haben würden.