B. v. Lepel.

Um 7 Uhr früh war ich auf. Es dunkelte noch, aber ein großes Reisigfeuer gab überall hin Licht und Wärme. Um 9½ ging das Schiff. Gepackt war. Auf dem unter Rasumofskys Händen rasch arrangirten Bett lagen meine Habseligkeiten: der Hut, der Ueberzieher, die Reisedecke, zuletzt der blaue Reisesack, der genau das Ansehen jener kattunenen Hülse hatte, drin der Dorffiedler seine Violine auf die nächste Kirchweih trägt. Unten am Bett lag Blanche. Sie hatte noch nicht ausgeschlafen, reckte und streckte sich und sah halb neugierig, halb mißgestimmt unsrem Treiben zu.

Es schlug 8, das letzte Frühmahl war genommen, Rasumofsky hatte seine Erbschaft angetreten. Alles war sein. Vor den Sentimentalitäten des Abschieds wurden wir durch immer neu eintreffende Besucher bewahrt, die mir Grüße, Briefe, Bestellungen mit in die Heimath gaben. Einige drangen in mich, einen großen Lärm wegen schlechter Behandlung der Gefangenen zu machen, was ich aber ablehnte, ihnen nochmals auseinandersetzend, sie möchten doch, um ihrer eigenen guten Laune willen, von der Vorstellung ablassen: daß die französischen Gefangenen in Deutschland ein glückliches und die deutschen Gefangenen in Frankreich ein unglückliches Leben führten. Es würde sich wohl hüben und drüben nicht viel nehmen. Gefangen sein, sei immer unangenehm. Ergebung sei das Beste; an gutem Willen (wie sie zugeben mußten) fehle es den Behörden nicht. Im Allgemeinen wurde dies gut aufgenommen. Nur zwei vom 1. Garde-Ulanen-Regiment wollten nicht viel davon wissen. Sie deuteten leise an: Du hast gut reden.

So kam 9 Uhr. Blanche hatte sich inzwischen erholt und drängte sich an mir vorbei, ihre Flanken immer dichter an meinem Stiefel streifend; Rasumofsky hatte die Decke über den linken Arm gehängt und den blauen Sack in der Rechten harrte er des Zeichens zum Aufbruch. »Nun mit Gott.« Auf der Thürschwelle wandte ich mich noch einmal und sah in das Zimmer zurück, drin das Reisigfeuer eben verglühte. Ich warf, ohne bestimmte Adresse, eine Kußhand hinein, eine Dankesbezeugung gegen den genius loci, der es gut mit mir gemeint hatte. Dann treppab, über Flur und Hof hin, wo noch wieder die Hände geschüttelt wurden, ging es am Glacis und der Stadt-Enceinte entlang, auf das Hafen-Bollwerk zu, wo die Dampfer anzulegen pflegten. Ich löste ein Billet; Rasumofsky legte Decke und Sack auf einen Mühlstein, der Tisch und Stuhl zugleich vorstellte. So standen wir einander gegenüber.

Ja, Rasumofsky, so geht es.

Ja, Herr Leutnant.

Nun, sei’n Sie vernünftig und kommen Sie bald nach.

Ach, Herr Leutnant (hier kam er mir näher ans Ohr), am liebsten brennt’ ich gleich mit durch.

Unsinn. Ewig kann es nicht dauern. Gott befohlen.

Es zwinkerte ihm etwas um die Augen; ich gab ihm die Hand; dann machte er Kehrt und ging stramm auf Stadt und Citadelle zu. An höchster Wegstelle winkte er noch einmal mit einem alten blauen Schnupftuch, das nicht mehr recht flattern wollte. Dann bog er rechts ein und war mir entschwunden.