Das Schiff war noch nicht da. Ich setzte mich auf den Mühlstein und gab mich dem Zauber dieser Minute hin. Es war wie ein Vorschmack der Freiheit. Hinter mir und zu meiner Rechten lag das Meer, nach links hin dehnte sich die Insel, vor mir ein Schiffs-Etablissement, halb Werft, halb Holzhof. Es nebelte leise und durch die stille, wasserreiche Luft klang gedämpften Tones der schrille Ton mehrerer Sägen, die, ein Mann oben, ein Mann unten, große Stämme in Bretter zerschnitten. Das ganze Bild, so einfach es war, war eigenthümlich und einschmeichlerisch, und dennoch empfand ich, das alles schon einmal gehabt zu haben. Ich sann hin und her. Da hatt’ ich es. In Linlithgow, angesichts des Schlosses, drin Maria Stuart geboren wurde, hatte all’ das schon einmal zu mir gesprochen: derselbe Nebelmorgen, derselbe durchrümpelte Holzhof, vor allem derselbe gedämpfte Ton auf- und abgehender Holzsägen. Wenn es etwas geben konnte, den Zauber dieser Minute zu steigern, so war es diese Erinnerung.
Der Dampfer hatte inzwischen angelegt. Ich war der einzige Passagier, wenn zwei Pferde nicht mitzählen sollen, die, mit krausem Winterhaar und klumpigen Füßen, wie heruntergekommene Anverwandte der schönen Percheron-Raçe, auf dem dritten Platz des Schiffes untergebracht waren. Mit Leichtigkeit löste sich der Dampfer vom Ufer, der Seewind strich über Deck und ein leises Frösteln schüttelte mich. Aber ich konnte doch von dieser Stelle nicht scheiden, ohne bis zuletzt eines freien Umblicks genossen zu haben. Ich stellte mich also auf die Mitte der Kajütentreppe und blickte von hier aus, die erhöhte Treppenwand als Windschirm benutzend, nur den Kopf frei, in die Landschaft hinein. An Büschen und Bojen hin, die das Fahrwasser bezeichneten, glitt der Dampfer ruhig seine Straße, der Schleier über Oléron wurde dichter, nichts als der Citadellthurm und rechts daneben das hohe Fanal ragten noch wie Schattenbilder aus dem Grau hervor. Auf dem Schiffe herrschte Stille; lautlos dirigirte der Matrose das Steuer, nur die Maschine prustete, die Pferde stampften und die großen Holzschuhe des Schiffsjungen klapperten über Deck.
Nun begann das Hohio und das Rufen in den Maschinenraum hinunter; die Breitseite des Dampfers legte sich an den Quai.
Ich sprang ans Ufer. Festland unter den Füßen. Drüben auf Oléron verschwanden die letzten Schatten im Nebel.
5. Rückreise.
Komm mit deinem Scheine
Süßes Engelbild.
M. v. Schenkendorf.
Am Ufer hielten Diligencen und Omnibusse, die bis Marennes und Rochefort gingen; keins dieser großen Gefährte aber hatte Lust, einen einzigen Passagier landeinwärts zu schaffen. Ich nahm also eine Art Postkutsche, nicht billig, aber doch immer noch nicht so theuer, wie wenn man in Mark Brandenburg von Buckow bis Werneuchen fährt, und rollte bei immer heller werdendem Wetter, die Hauptstraße von Marennes hindurch, in die dahinter gelegene Landschaft hinein. Ich erkannte all’ die alten Punkte wieder. Dies war das Wäldchen, wo der Marketender die »Wacht am Rhein« angestimmt hatte; dies war die Wegebiegung, wo mein Ziegenfell-Kutscher und ein Telegraphen-Beamter ihren großen Disput begonnen und eine Viertelmeile lang die Worte wiederholt hatten: »vous êtes un malhonnête« und »vous êtes un grossier «[3], und dies endlich war das Dorf und die Auberge, wo in das Gewirr der Stimmen und das Geklapper der Kaffeetassen hinein die Schlagtriller der Kanarienvögel erklungen waren. War jener Tag schön gewesen, so war dieser doch schöner, trotz eines leisen Druckes, den ich nach wie vor auf dem Herzen spürte.
Die französischen Kutscher fahren brillant; schon um 2 Uhr rasselte die Kutsche über das Vorstadtpflaster von Rochefort. An dem alten Stadtthor, in Nähe einer großen Esplanade, hielten wir.