Ich hatte zwei Gänge in Rochefort zu machen, den einen um der Pietät, den andern um der Respektabilität willen. Diesen zweiten Gang macht’ ich zuerst. Es war nämlich unmöglich, den blauen Kattunsack, diese in ihrer Art vollendete Leistung meines Rasumofsky, als Handgepäck eines première-classe-Reisenden beizubehalten; — dieser Sack allein schon wäre eine beständige Denunciation gewesen. Ein Tausch also mußte sich nothwendig vollziehen. An einem squareartigen Platz, inmitten der Stadt, fand ich endlich eine Reiseeffekten-Handlung, trat ein und hatte einen kleinen degenerirten Franzosen vor mir, der nicht aussah, als ob er die letzten Kraftanstrengungen der Republik seinerseits unterstützen wolle. Ich kaufte eine leidlich elegante Tasche, bat, den Prozeß des Umpackens sofort vornehmen zu können, und löste diese Aufgabe, die bei der Beschaffenheit meiner Effekten nicht eben leicht war, mit Geschick und Decenz. Dann überreichte ich den Kattunsack mit der Bitte, diese blaue Trophäe zur Erinnerung an einen preußischen prisonnier de guerre aufbewahren zu wollen. Der kleine Mann konnte sich in diesen Worten nicht gleich zurecht finden; nur drei Nähterinnen, die schon den Umpackungsprozeß mit Theilnahme verfolgt hatten, kicherten jetzt und blickten mich freundlich an. Dieser Erfolg genügte mir vollkommen. Ich grüßte und verschwand.
Mein nächster Gang in Rochefort galt dem Mr. Vignaud, dem Vorstande des Gefängnisses. Ich hatt’ es noch dankbar in Erinnerung, daß seine sorgliche Pflege mich vielleicht vor einer ernstlichen Krankheit bewahrt hatte; so fragte ich mich denn durch Straßen und Gassen durch und zog alsbald an dem großen Holzgatter die weithin schallende Glocke. Man empfing mich wie einen alten Bekannten; »der Direktor habe eben von mir gesprochen«. Dieser saß wie gewöhnlich an seinem Pult und las im Moniteur universel den Meinungsaustausch zwischen dem Grafen Bismarck und dem Comte Chaudordy über Gefangenenbehandlung hüben und drüben. Ein sehr zeitgemäßes Thema. Er schob mir das Blatt zur Durchsicht hin; ein kurzes Gespräch knüpfte sich daran; ich fragte nach dem Sohn, dessen Zimmer ich bewohnt hatte; er zuckte mit den Achseln, — ein Ballonbrief war seit Wochen nicht eingetroffen. So schieden wir; ein jeder gut-national und doch gute Freunde mitten im Kriege.
Der Bahnhof war ziemlich nah. Ich erfuhr, daß in 30 Minuten ein Zug abgehe, der aber halben Wegs zwischen Rochefort und Bordeaux (in Angoulème) 4 oder 5 Stunden liegen bleibe, um das Eintreffen des Hauptzuges von Orleans her abzuwarten. Mir brannte der Boden unter den Füßen. Also weiter.
Um 10 Uhr Abends war ich in Angoulème. Ich nahm einen Imbiß; dann wurden die Gasflammen am Buffet gelöscht und ein Kellner führte mich einem Bahnhofsbeamten zu, der nun den Warte-Salon öffnete. Hinter mir wurde wieder zugeschlossen. Es war ein dunkler Raum; die dicht aufgeschüttete Kohlenmasse glühte nur; große Schatten gingen an der Decke hin, wenn draußen auf dem Perron sich irgend etwas regte; — es war die Infirmerie von Moulins ins Elegante übersetzt. An den Wänden entlang standen Plüsch-Canapés mit großen Kissen vom selben Stoff; alles bequem und einladend. Ich streckte mich, um ein paar Stunden zu schlafen. Es wollte aber nicht recht glücken, da ich bald wahrnehmen mußte, daß ich nicht der einzige Bewohner an dieser Stelle war. Auf einem zweiten Canapé, das Kopf an Kopf mit dem meinigen stand, wurd’ es unruhig, drehte und dehnte sich, gähnte dazwischen und gab allerhand andere Zeichen des Unbehagens. Endlich stand der Unruhige auf und setzte sich vor den Kamin. Die Kohlengluth gab gerade so viel Licht, daß ich ihn erkennen konnte. Es war ein junger Mann, wohlwollenden Gesichts; allem Anschein nach ein Kaufmann.
Nach einer halben Stunde waren wir im Gespräch, und ich darf wohl sagen, ich schulde ihm den glücklichen Verlauf einer Reise, von der er mir offen bekannte, daß er sie unter den obwaltenden Umständen für ein Wagniß halten müsse. »Sie müssen sich eilen; keine Aufenthalte; immer erster Klasse; — die Züge, zum Glück, greifen ineinander ein.« Sein ceterum censeo aber war: »schlafen Sie viel, lesen Sie viel, sprechen Sie wenig«.
Etwa um 2 Uhr Nachts traf der Zug von Orleans ein. An demselben Vormittage war auf dem Terrain zwischen Artenay und der Loire-Hauptstadt gekämpft worden; fünf oder sechs Waggons waren mit bayerischen Gefangenen und Verwundeten gefüllt; namentlich Artillerie. Sie befanden sich auf dem Wege nach Pau. Ich trennte mich von meinem freundlichen Berather, wiederholte ihm meinen Dank und weiter ging es, auf Bordeaux zu. Wir erreichten es 6 Uhr früh. Ein Fiacre führte mich, über Brücken und Plätze, an einem prächtigen Quai hin, von einem Bahnhof auf den andern. Nur eine halbe Stunde Rast!
Nun begann ein Fahren Tag und Nacht. Am Nachmittag in Toulouse; am Abend in Cette. Eine weite Wasserfläche dehnte sich zur Rechten; der Mond, in breitem Streifen, schimmerte drüber hin. »Was ist das?« Das mittelländische Meer.
Weiter. Montpellier, Nismes, Tarascon. Hier gingen wir auf die Marseiller Linie über. Am Morgen in Lyon.
Lyon hat acht Bahnhöfe.
Où est la gare de Genève?