C’est ici; voilà.

A quelle heure part le train?

A présent. Dans cinq minutes. Dépêchez-vous.

Im Fluge löste ich mein Billet und weiter rasselte der Zug auf Genf zu. Nur noch 20 Meilen bis zur Grenze! Mir begann das Herz höher zu schlagen. Ich fing auch wieder an zu denken. Wie hatt’ ich diese anderthalb Tage seit Angoulème zugebracht? Getreulich nach der Weisung meines Berathers. Die Augen geschlossen oder in ein Zeitungsblatt vertieft, so hatt’ ich die langen Stunden über da gesessen. Auch in der Nacht war kein Schlaf über mich gekommen. Was geht in solchen Stunden in einer Menschenseele vor? womit tödtet man die Zeit hinweg? Hier liegen Fragen für einen Psychologen vor. Das Auge ist todt; die Landschaft spricht nicht zu ihm; die Bilder fallen auf die Netzhaut, aber der Nerv, der uns das Bild zum Bewußtsein bringen soll, versagt seinen Dienst. Und wie keine Bilder zu uns sprechen, so sprechen auch keine Gedanken in uns. Schemen, ein geistlos-geisterhaftes Wesen, ein fieberhaft durch das Hirn gehetztes Nichts; ein Stunden- und Minutenzählen; immer dieselbe Frage: wie weit noch, wie viel Meilen noch?

Jetzt, auf dem Wege zwischen Lyon und Genf, war ich wenigstens so weit gediehen, über das Nichtdenken der vorhergehenden Stunden nachdenken zu können. Auch das schon war ein Gewinn. Dabei begann ich die letzte Nummer des »Salut public« auswendig zu lernen.

Nun waren wir in den Jura hinein; die Wälder bereift, die Häupter tief in Schnee. Ein Sturm pfiff; aber gleichviel, es ging vorwärts. Das war Bellegarde. Die letzte französische Schildwacht, den Kopf in der Kaputze, sah von der Felsenbrücke hoch oben auf unsren, ihm muthmaßlich wie Spielzeug erscheinenden Zug hernieder. Fünf Minuten später rasselten wir an einem mit Holzbalkonen umschmückten Hause vorüber, das die Inschrift trug: »Café Guillaume Tell«. Also Schweiz!

Die »Bise« wehte von den Bergen her; die Maschine keuchte; unter einem hohlen Gebraus fuhren wir in die Bahnhofshalle ein.

Victoria Hôtel! Ich wählt’ es mit gutem Vorbedacht.

Ein Blick des Oberkellners auf meinen Rochefort-Reisesack (wie hätte erst Rasumofskys Schöpfung gewirkt!) verurtheilte mich zu drei Treppen. Als ich in den kleinen Raum eintrat, sang neben mir eine Pensions-Engländerin die Gnaden-Arie und an dem schlecht eingehakten Fenster rüttelte und rasselte der Sturm. Gleichviel. Ich warf den Reisesack in die Ecke, mich selber auf’s Sopha, kreuzte die Hände über der Brust, athmete hoch auf und sagte das eine Wort: Frei.

[3] Ueber diese Streitscene war ich in dem Kapitel Marennes absichtlich hin gegangen, um den raschen Verlauf der Erzählung nicht zu unterbrechen. Ich muß aber dieses Vorganges doch noch nachträglich Erwähnung thun, weil er mir durchaus charakteristisch erscheint. Der Telegraphen-Beamte, der sich aus einem Mischgefühl von Neugier und Freundlichkeit unsrem Zuge anzuschließen gedachte, hatte nämlich auf dem zweirädrigen Karren meines Pellerinen-Kutschers Platz nehmen wollen, was diesem letzteren unbillig und eine Ueberbürdung seines Fuhrwerkes schien. Aus dieser Geringfügigkeit entspann sich nunmehr ein Disput, der mindestens eine Viertelstunde dauerte und während dieser ganzen Zeit keine andre Steigerung erfuhr, als daß jeder der Streitenden erst ein je vous assure und schließlich (als höchsten Trumpf) ein je vous jure jenen oben citirten, immer wiederholten Worten hinzusetzte. Es machte einen unglaublich ärmlichen Eindruck, und ich kann sagen, ich empfand einen gewissen Stolz darüber, in Gegenden zu Hause zu sein, denen man Reichthum und Produktionskraft nach dieser Seite hin nicht absprechen wird.