»Seine Wuthenower Tage?«
»Ja, meine Gnädigste. Mit unbestimmtem Urlaub. Und Sie wissen nicht davon? Er wird sich doch nicht ohne vorgängigen Abschied von Ihnen in sein altes Seeschloß zurückgezogen haben, von dem Nostitz neulich behauptete, daß es halb Wurmfraß und halb Romantik sei.«
»Und doch ist es geschehen. Er ist launenhaft, wie Sie wissen.« Sie wollte mehr sagen, aber es gelang ihr, sich zu bezwingen und das Gespräch über allerhand Tagesneuigkeiten fortzusetzen, bei welcher Gelegenheit Alvensleben zu seiner Beruhigung wahrnahm, daß sie von der Haupttagesneuigkeit, von dem Erscheinen der Bilder, nicht das Geringste wußte. Wirklich, es war der Frau von Carayon auch in der zwischenliegenden halben Woche nicht einen Augenblick in den Sinn gekommen, etwas Näheres über das von dem Tantchen Angedeutete hören zu wollen.
Endlich empfahl sich Alvensleben, und Frau von Carayon, alles Zwanges nunmehr los und ledig, eilte, während Thränen ihren Augen entstürzten, in Victoirens Zimmer, um ihr die Mittheilung von Schachs Flucht zu machen. Denn eine Flucht war es.
Victoire folgte jedem Wort. Aber ob es nun ihre Hoffnung und Zuversicht oder umgekehrt ihre Resignation war, gleichviel, sie blieb ruhig.
»Ich bitte Dich, urtheile nicht zu früh. Ein Brief von ihm wird eintreffen und über alles Aufklärung geben. Laß es uns abwarten; Du wirst sehn, daß Du Deinem Verdacht und Deiner Verstimmung gegen ihn mehr nachgegeben hast, als recht und billig war.«
Aber Frau von Carayon wollte sich nicht umstimmen lassen.
»Ich kannt ihn schon, als Du noch ein Kind warst. Nur zur gut. Er ist eitel und hochfahrend, und die prinzlichen Höfe haben ihn vollends überschraubt. Er verfällt mehr und mehr ins Ridiküle. Glaube mir, er will Einfluß haben und zieht sich im Stillen irgend einen politischen oder gar staatsmännischen Ehrgeiz groß. Was mich aber am meisten verdrießt, ist das, er hat sich auch plötzlich auf seinen Obotritenadel besonnen, und fängt an sein Schach- oder Schachenthum für etwas ganz Besondres in der Weltgeschichte zu halten.«
»Und thut damit nicht mehr, als was alle thun .... Und die Schachs sind doch wirklich eine alte Familie.«
»Daran mag er denken und das Pfauenrad schlagen, wenn er über seinen Wuthenower Hühnerhof hingeht. Und solche Hühnerhöfe giebt es hier überall. Aber was soll uns das? Oder zum wenigsten was soll es Dir? An mir hätt er vorbeistolzieren und der bürgerlichen Generalpächterstochter, der kleinen Roturière, den Rücken kehren können. Aber Du Victoire, Du; Du bist nicht blos meine Tochter, Du bist auch Deines Vaters Tochter, Du bist eine Carayon!«