Victoire sah die Mama mit einem Anfluge schelmischer Verwunderung an.
»Ja, lache nur, Kind, lache laut, ich verüble Dir's nicht. Hast Du mich doch selber oft genug über diese Dinge lachen sehen. Aber, meine süße Victoire, die Stunden sind nicht gleich, und heute bitt ich Deinem Vater ab und dank ihm von Herzen, weil er mir in seinem Adelsstolze, mit dem er mich zur Verzweiflung gebracht und aus seiner Nähe hinweg gelangweilt hat, eine willkommene Waffe gegen diesen mir unerträglichen Dünkel in die Hand giebt. Schach, Schach! Was ist Schach? Ich kenn ihre Geschichte nicht und will sie nicht kennen, aber ich wette diese meine Broche gegen eine Stecknadel, daß Du, wenn Du das ganze Geschlecht auf die Tenne wirfst, da, wo der Wind am schärfsten geht, daß nichts übrig bleibt, sag ich, als ein halbes Dutzend Obersten und Rittmeister, alle devotest erstorben und alle mit einer Pontaknase. Lehre mich diese Leute kennen!«
»Aber, Mama ....«
»Und nun die Carayons! Es ist wahr, ihre Wiege hat nicht an der Havel und nicht einmal an der Spree gestanden, und weder im Brandenburger noch im Havelberger Dom ist je geläutet worden, wenn einer von ihnen kam oder ging. Oh, ces pauvres gens, ces malheureux Carayon! Sie hatten ihre Schlösser, beiläufig wirkliche Schlösser, so blos armselig an der Gironde hin, waren blos Girondins und Deines Vaters leibliche Vettern fielen unter der Guillotine, weil sie treu und frei zugleich waren und uneingeschüchtert durch das Geschrei des Berges für das Leben ihres Königs gestimmt hatten.«
Immer verwunderter folgte Victoire.
»Aber,« fuhr Frau von Carayon fort, »ich will nicht von Jüngstgeschehenem sprechen, will nicht sprechen von heute. Denn ich weiß wohl, das von Heutesein ist immer ein Verbrechen in den Augen derer, die schon gestern da waren, gleichviel wie. Nein, ich will von alten Zeiten sprechen, von Zeiten, als der erste Schach ins Land und an den Ruppiner See kam, und einen Wall und Graben zog, und eine lateinische Messe hörte, von der er nichts verstand. Eben damals zogen die Carayons, ces pauvres et malheureux Carayon, mit vor Jerusalem und eroberten es und befreiten es. Und als sie heimkamen, da kamen Sänger an ihren Hof, und sie sangen selbst, und als Victoire de Carayon (ja sie hieß auch Victoire) sich dem großen Grafen von Lusignan vermählte, dessen erlauchter Bruder Großprior des hohen Ordens vom Spital und endlich König von Cypern war, da waren wir mit einem Königshause versippt und verschwägert, mit den Lusignans, aus deren großem Hause die schöne Melusine kam, unglücklichen aber Gott sei Dank unprosaischen Angedenkens. Und von uns Carayons, die wir ganz andere Dinge gesehn haben, will sich dieser Schach abwenden und sich hochmüthig zurückziehn? Unsrer will er sich schämen? Er, Schach. Will er es als Schach, oder will er es als Grundherr von Wuthenow? Ah, bah! Was ist es denn mit beiden? Schach ist ein blauer Rock mit einem rothen Kragen, und Wuthenow ist eine Lehmkathe.«
»Mama, glaube mir, Du thust ihm Unrecht. Ich such es nach einer andern Seite hin. Und da find ich es auch.«
Frau von Carayon beugte sich zu Victoire nieder und küßte sie leidenschaftlich. »Ach, wie gut Du bist, viel viel besser, als Deine Mama. Und nur Eines ist gut an ihr, daß sie Dich liebt. Er aber sollte Dich auch lieben! Schon um Deiner Demuth willen.«
Victoire lächelte.
»Nein, nicht so. Der Glaube, daß Du verarmt und ausgeschieden seiest, beherrscht Dich mit der Macht einer fixen Idee. Du bist nicht so verarmt. Und auch er ....«