Sehenswerthe Bauten besitzt die schnell aufgeschossene Stadt noch nicht sehr viele. Die goth. Johanniskirche stammt aus kath. Zeit und zeigt edle Formen, namentlich im Innern. Diese Kirche wurde in den jüngsten Jahren durch Baumeister Altendorf renovirt. Das Rathhaus neben der Kirche ist ein spätgoth. Bau. Auf der Klosterstrasse im Klosterhof befindet sich in einem Hintergebäude das intr. Portal des alten Chemnitzer Nonnenklosters eingemauert. Die Adlerapotheke am Markt verdient als ein mittelalterlicher Bau gleichfalls Beachtung. Für die prächtige Zimmermannsche Villa am Bahnhof lieferte ein Osnabrücker Bürgerhaus das Modell. Am Schillerplatz liegt die neue Gewerbeschule und die Actienspinnerei, die als industrieller Monumentalbau gelten kann. Gleich imposant durch seine Lage wie durch seine Grösse ist auch das neue Justizgebäude auf dem Kassberg.

Die Schlosskirche über dem Schlossteich besitzt ein originelles Architecturstück von kunsthistorischem Werth; es ist das ein Portal, bei welchem gemeisselte Baumstämme mit Zweigverschlingungen eine phantastische Architectur darstellen. Das ganze erscheint gefällig und leicht und ermangelt keineswegs der statischen Wirkung. Im Innern der restaurirten Kirche, die einst Klosterkirche des Benedictinerstiftes war, die Kreuzigung Christi, eine stark realistische Figurengruppe in Lebensgrösse aus einem Eichstamm geschnitzt.

Die Kunsthütte an der Annaberger Strasse. Geöffnet Donnerstags und Sonntags von 10 bis 3 Uhr. (Donnerstags mit Ausschluss der Mittagsstunde.) Eintritt frei. Ausser der Zeit öffnet der Castellan. 50 Pf. Trinkgeld. Kunsthütte nennt sich ein Verein für Kunstpflege, der in genanntem Gebäude eine Ausstellung von eigenen und von verkäuflichen Gemälden unterhält. U. A. Harlekin von Gönne. (Bedeutendes Bild.)

Das Museum des Geschichtsvereins befindet sich gleichfalls im Gebäude der Kunsthütte. Geöffnet Sonntags von 10 bis 12 Uhr. Eintritt frei. Von Kunstwerth ist eine Grablegung, ein grosses Schnitzwerk aus den Mittelalter, zu nennen. (Entstammt der Johanneskirche.) Ausserdem vieles von localgeschichtlichem Werth.

Das Naturalienkabinet ist ebenfalls im Gebäude der Kunsthütte untergebracht. Sonntags von 10 bis 12 Uhr. Eintritt frei. Interessant durch viele Versteinerungen aus der geologisch merkwürdigen Chemnitzer Umgebung.

Die Stadtbibliothek im alten Rathhaus besitzt 15 000 Bände, die meist durch Geschenke zusammengebracht worden sind. (Montag und Freitag von 5 bis 7 Uhr geöffnet. Bibliothekar Dr. König.)

Die Gewerbe- und Bauschule mit Baugewerken und Werkmeisterschule verbunden, besitzt intr. Modellsammlungen.

Denkmäler. Das Beckerdenkmal an der Poststrasse zeigt den Grossindustriellen Becker in Ueberlebensgrösse. Derselbe war ein Pfarrerssohn aus der Pulsnitzer Gegend und schwang sich vom vermögenslosen Kaufmannsdiener zum Fabrikbesitzer empor; er war ein edler Menschenfreund und nahm sich besonders in theueren Zeiten durch Brod- und Getreidevertheilung des Volkes warm an. Das Kriegerdenkmal am Theaterplatz ist von Händel modellirt. Schlanke Säule mit Victoria. Am Schaft die Medaillonportraits von Kaiser Wilhelm, König Albert, Bismarck und Moltke. Unfern davon in den Promenaden steht in Form eines Denkmals ein versteinerter Baumstamm, ein besonders schönes Exemplar einer Araucaria, wie sie sich in der Umgegend sehr häufig finden. Wurde 1862 beim Bau der Stiftstrasse ausgegraben. (Im Hof der Kunsthütte liegt ein noch grösseres Exemplar.) Das Vater Augustdenkmal am Schillerplatz ist eine sehr bescheidene Büste auf einem essenkopfartigen Granitwürfel, die dem imposanten Platz wenig angemessen erscheint. An der Webschule befindet sich das Standbild des Erfinders der Jaquardmaschine, Jaquard.

Spaziergänge. In der Stadt selbst verdient vor Allem der sehr grosse Schillerplatz mit seinen prächtigen Anlagen einen Besuch. Instructiver ist freilich ein Gang auf den Katzberg, der die Stadt in ihrer ganzen Ausdehnung zeigt. Am Fuss des Berges an der Bierbrücke Rest. Am beliebtesten ist der Spaziergang nach dem Schlossteich, auf die Schlossteichinsel und auf das Schloss. Hier liegen die Schlosskirche (s. [S. 58].) und einige alte Bauten, die Ueberreste des alten Benedictinerklosters und zwei Restaurants mit höchst anmuthiger Aussicht auf den Schlossteich und auf die Stadt mit ihrer reichangebauten Umgebung. (Die Küche im Kesselgarten zeigt noch ein Stück von dem alten gothischen Kreuzgang des Klosters.) Ein ebenfalls beliebter Spaziergang in entgegengesetzter Richtung ist an der Chemnitz aufwärts durch Sachsens Ruhe. Der Weg führt später zum Wind (Rest.) empor und auf der aussichtsreichen Stollberger Strasse nach der Stadt zurück. Hübsche Blicke auf die Stadt gewähren auch noch die Zschopauer Strasse bis zu Baums Rest. und die Dresdner Strasse bis zum Waldschlösschen, welches letztere freilich 3 km von der Stadt entfernt liegt.