Desselben Stammes ist die Bevölkerung auf böhmischer Seite, sie lebt unter gleichen Verhältnissen, treibt vielfach dieselben Gewerbe, nur bekennt sie sich zu einer anderen Kirche. Doch herrscht an der Grenze der tiefste Religionsfriede unter den Gebirglern; gegen Fremde ist der Böhme neuerdings etwas misstrauischer. Der Grund hiervon mag sein, dass viele Reisende über den Kamm herüber kommen und ohne bösliche Absichten, nur aufgeregt durch Freiheit, Natur und Wanderlust in übermüthiger Stimmung den alten Spruch nicht beachten:

Landesbrauch ist Landesehr'. –
Fall nicht grob darüber her.

Noch sei hier erwähnt, dass in stillen Thälern, auf einsamen Höhen, in Gehöften und Mühlen oft seltsame Käuze zu finden sind, die mit gutem Erzähltalent haarsträubende Geschichten zum Besten geben. Die Einsamkeit, die Wildheit der Natur, die Unbill des stürmischen Winters, die Waldgeheimnisse der unabsehbaren Forsten haben die Phantasie dieser schlichten Leute angeregt und eigenthümliche Blüthen gezeitigt. Man kann sich durch treuherzige Annäherung einen unerschöpflichen Sagenborn erschliessen, freilich sind diese Sagen zuweilen wild und unheimlich, oft aber auch von frischer Anmuth, sie gleichen ganz der erzgebirgischen Natur – sie sind ja selbst ein Product der Natur.


Wie bereist man am Besten das Erzgebirge.

Grosse touristische Heerstrassen hat das Gebirge nicht; aber ein dichtes Strassennetz, sechs grosse Eisenbahnen und zwei Sekundärbahnen ermöglichen immer neue Varianten. Auch eine Menge Passrouten durchziehen das Gebirge, ja, man kann es in allen seinen Theilen bereisen, ohne auch nur eine Meile Weges gehen zu müssen. Doch das Buch soll dem Touristen dienen und darum ist auf diese Art zu reisen, weniger Rücksicht genommen, es schmiegt sich vielmehr der natürlichen Entwicklung der erzgebirgischen Touristik völlig an. Die meisten Touristen gehen (von der Nordgrenze her) in den Stromthälern den Eisenbahnen nach oder fahren mit denselben bis unter den Kamm, geniessen vom Kamm aus einen oder mehrere Aussichtspunkte und wandern dann dem böhmischen Tiefland zu, um in einem der grossen böhmischen Bäder Rasttag zu halten. Die Rückkehr geschieht zumeist wieder durch Fusswanderung auf einem anderen Gebirgspass und später per Bahn. Passionirtere Touristen verlassen den Kamm nicht sobald, sie geniessen die jungfräuliche Berg- und Waldnatur längere Zeit. Merkwürdiger Weise hat die natürliche Entwickelung der Touristik zwei der herrlichsten Touren, wie sie am Schluss des Buches in Anregung gebracht werden, bisher vollständig ignorirt. Die erstere führt von Osten her, von der Nollendorfer Höhe auf den 130 km langen Kamm hin bis in die Gegend, wo sich das Gebirge nach dem Voigtland hinabsenkt; sie ist nur zu Fuss zu machen, dafür ist es eine echte und gerechte Gebirgspartie mit einer Kette herrlicher Aussichtspunkte inmitten der grossartigsten Forsten. Zur Rechten hat man die Sächsische Abdachung, zur Linken erst das Teplitzer Mittelgebirge, dann die Saazer Ebene und zuletzt das Karlsbader Gebirge und das Egerland. Die zweite Tour führt auf böhmischer Seite am Abhang oder am Fuss des Gebirgs hin, sie beginnt bei Kulm und endigt bei Grasslitz. Eisenbahnen laufen mit ihr parallel, so dass man mit Fahrt und Fusswanderung nach Belieben wechseln kann. Die Aussicht, welche diese Partie ununterbrochen gewährt, gleicht einem Wandelpanorama von überaus fesselnder Schönheit. Dabei liegen die grossen böhmischen Bäder nur wenige km abseits, lassen sich also bequem in die Tour hereinziehen.

Der Sommerfrischler wird sich in einem der kleinen Badeorte unter dem Kamme niederlassen und wird von hier aus das Gebirg durchkreuzen. Empfehlenswerth sind Gottleuba, Berggiesshübel, Kreischa, Tharandt, Bad Einsiedel, Georgenthal mit Georgensdorf, Erdmannsdorf, Olbernhau, Reitzenhain, Warmbad Wolkenstein, Wiesenbad, Schwarzenberg, Wildenthal, Reiboldsgrün und vor Allem Bad Elster.

Soviel über die erzgebirgische Touristik im Allgemeinen; einen persönlichen zusagenden Reiseplan wird Jeder unter der reichen Auswahl leicht ausfindig machen können. Zur Empfehlung der Touren sei hier bemerkt, dass sie nicht willkürlich, sondern mit Sorgfalt und mancher Mühe zusammengestellt sind.


Wann bereist man am Besten das Erzgebirge.