Wird das andere Geschlecht unseren Erwartungen entsprechen? wird es unsere Bemühung lohnen?
Wir wollen also erndten und uns der Mühe überheben, zu pflanzen? Auf welche Art werden wir uns von der Tragbarkeit des Bodens versichern, wenn wir ihn nicht anbauen? Hat denn nicht bis itzt jeder Boden dieser Art den auf ihn verwendeten Fleiß gelohnt? und dürfen wir hier einen andern Erfolg befürchten, wenn wir es unserer Trägheit nur abgewinnen können, einen ernstlichen Versuch anzustellen? In Alles was die Natur hervorbrachte, legte sie Keime, die nur einer Veranlassung bedürfen, um entwickelt zu werden. Würden nicht die Weiber jedem bürgerlichen Stande, zu welchem man ihnen Zutritt vergönnte, Ehre machen? Und welches bürgerliche Geschäft könnte, so lange sie durch ihre besondere Geschlechtsbestimmung nicht daran behindert würden, unter ihren wohlwollenden Händen sich schlechter befinden? Müßte das Ganze wegen des Wetteifers, der zwischen beiden Geschlechtern entstehen würde, nicht unendlich gewinnen? Nicht die Nymphe Egeria, welche Numa selbst, nicht Pythia, welche die Helden des Alterthums um Rath fragten, wenn sie Gesetze geben, wenn sie Länder erobern wollten, nicht die Aspasien und Phrynen, zu denen ein Perikles, ein Sokrates in die Schule ging, um Weisheit und Regierungskunst zu lernen — sollen sich hier der Beispiellehrstühle bemächtigen. Jene hat die Fabel in ein ätherisches Gewand gehüllt und sie unserm Auge zu weit entrückt, als daß wir sie noch ferner dem Geschlechte zum Vortheil anrechnen könnten, ob sie gleich seinen Namen führen und keine Fabel ohne Wahrheits-Ingredienz anfängt und vorhanden ist — So hieß der Grosoncle eines von den weltberühmten Lügnern neuerer Zeit, Josephs Balsamo, der sich Graf Cagliostro nannte: Cagliostro — Lauter Lügen halten so wenig zusammen, daß nie etwas Vernünftiges, etwas Ganzes herausgebracht werden kann — Will man den poëtischen Tugenden jener weiblichen Heldennamen keine Glorie und keinen Ehrenschein einräumen — immerhin! wir haben auch prosaische Beispiele, um außer Zweifel zu setzen, daß, ungeachtet das weibliche Geschlecht (wenn gleich nicht durch ein förmliches Gesetz, so doch durch ein stillschweigendes Übereinkommen, welches oft noch grausamer und drückender ist) von der Stoa, der Akademie und dem Prytaneum entfernt gehalten wurde; ungeachtet man den Weibern die Schulen des Unterrichtes und der Weisheit verschloß, sie dennoch Gelehrte und Weise unter sich aufweisen können, die ihre Namen durch Thaten und Schriften unsterblich gemacht haben. Es würde nicht schwer fallen, in vielen Fächern des weitläuftigen Gebiets menschlichen Wissens und menschlicher Kunst weibliche Namen aufzufinden, die sich einen Anspruch auf Achtung und Ruhm erwarben. Schon erwies ich einigen in so weit Gerechtigkeit, als sie sich durch große Eigenschaften auszeichneten. Wohlan! die Geschichte mag auftreten, und uns bezeugen, welchen wichtigen Antheil das weibliche Geschlecht an der Ausbreitung der christlichen Religion nahm, und wie groß in dieser Rücksicht sein Verdienst um Sittlichkeit und Aufklärung ist! Der Stifter dieser wohlthätigen, die Rechte der Menschheit vertretenden und menschenfreundlichen Religion (die sich so himmelweit von jenen heidnischen Culten unterscheidet, welche über die Götter die Menschen vergaßen, und eben so von den Jüdischen, die den Menschen durch äußeren Zwang allmählich zum Geiste der Tugend gewöhnen wollten, aber das Volk, bei der besten Absicht seines Heerführers Moses, in der Wüste der Heuchelei und der Äußerlichkeit ließen, ohne daß es je das moralische Kleinod erreichte, wozu diese Umwege es anlegten) unterrichtete die Schwester seines Freundes Lazarus, und gab der Maria vor der bloß häuslichen Martha den Vorzug: Maria hat das beste Theil erwählt, das nicht von ihr genommen werden soll. Die Geschichte der Apostel gedenkt einer frommen Tabea, die sich nicht nur durch ihren Wandel unter den Neubekehrten auszeichnete, sondern auch thätigen Antheil an der Ausbreitung der Lehre nahm, die sie angenommen hatte. Nennet die Kirchengeschichte nicht eine Menge von Weibern, die mit Heldenmuth ihren Glauben bekannten, und sich weder durch Martern noch Verheißungen in ihrem Bekenntnisse wankend machen ließen? die bei dem Verzicht auf alle Hoheit, auf Ehre und Überfluß, unter Verachtung, Hohn, Mangel und Verfolgung ihrer Überzeugung mit unerschütterlicher Standhaftigkeit anhingen? Der Stifter der christlichen Religion bewundert so oft das gläubige Zutrauen des andern Geschlechtes zu seiner Lehre, und hat dasselbe so wenig von der Theilnahme an den Vorzügen der vernünftigen lauteren Milch seines Unterrichtes ausgeschlossen, daß er es vielmehr mit auf die Erhebung desselben und auf Befreiung von den Ketten, die es trug, angelegt zu haben scheint. Und in der That, wenn diese Religion in ihrer reitzenden kindlichen Gestalt erscheinen will — zeigt sie sich nicht in Kindern und ihren Pflegerinnen, den Weibern? Weibliche Herzen sind, wenn ich so reden darf, mit den Lehren dieser Religion gleichsam amalgamirt; denn in Wahrheit, die höchste Stufe der Menschheit ist nicht speculirende Vernunft, nicht Philosophie allein, sondern ein gewisses Etwas, das, wenn es Regierungskunst heißt, eine Kunst ist, der die Natur selbst sich unbedenklich unterwirft — Ein kühler Trunk kann Lebensgeister zu der Wohnung, die sie fast schon verlassen hatten, zurückrufen, kann aber auch ein Gift für den erhitzten Wanderer werden: Das Schwert, das uns beschützt, wird leicht unser Mordgewehr. Die gebildete Freiheit, die sich so sehr von der unregelmäßigen und von dem höchsten Grade derselben, der Zügellosigkeit, unterscheidet, könnte christliche Freiheit heißen. Und ihre Schule? — ist die Schule der Weiber. — Wenn Männer mit Verzichtleistung auf ihre Stärke, die so leicht in Leidenschaft ausartet, eigentliche Christen werden, und Selbstrache, Blutvergießen, alle Machtsprüche und Machtbeweise aufopfern sollen; so wähnen sie, daß sie bei diesen christlichen Tugenden ihr Geschlecht einbüßen — Es ist schwer Gutes zu wollen und zu thun, wenn das so leicht auszuführende Böse noch obendrein Ehre bringt — Ich mag diesem Gegenstande wohlbedächtig nicht näher treten — — —
Überall wo Genieflug und Kunstfleiß der Menschen hinreicht, treffen wir Weibernamen an, die um den Preis ringen. Es sind nicht Weiber, die auf einem ganz entgegen gesetzten Wege ihre Eitelkeit zu befriedigen suchten, weil sie auf dem geschlechtsüblichen nicht fortkamen; sondern solche, die, von ihrem Geiste getrieben, jene Kräfte anlegten, welche die Natur ihrem Geschlechte so reichlich und täglich gespendet hat. Welch eine ehrenvolle Stelle nimmt Anna Comnena unter den Byzantinischen Geschichtschreibern ein! Die große Tochter Heinrichs des Achten, die England nicht durch das Parlament regierte, sondern deren Wink für dieses, Staatsgesetz war, vor der es die Knie beugte, die, wenn sie gleich nicht den stolzen Philipp so doch seine unüberwindliche Flotte überwand, hat eine ihr würdige Geschichtschreiberin an der Keraglio gefunden. In den Jahrhunderten der Unwissenheit, wo tiefe Mitternacht die Völker Europens von einem Ende bis zum andern bedeckte, wo alle Sehnen des Geistes völlig abgespannt waren, versuchte es die Nonne Roswitha, das heilige Feuer der Gelehrsamkeit wieder anzuzünden. Die Dacier und die Reiske thaten sich durch Sprachkenntnisse hervor; und wie viele machten sich nicht in England, Frankreich und Deutschland durch Schriftstellertalente berühmt? Wem sind die Namen einer Macaulay, einer Genlis, einer Sevigné, einer la Roche unbekannt?
Weiber entdeckten nichts, erfanden nichts. Es gab unter ihnen keinen Newton — keinen — — —
Und warum? war es nicht ein Ungefähr, das von Anbeginn unter Menschen Erfindungen zu Stande brachte? Schien nicht die Natur bei allen menschlichen Erfindungen sich den Haupttheil zu reserviren? legte sie nicht dies beste Brot vor das Fenster? Wurden jene Entdeckungen und Erfindungen nicht den Erfindern und Entdeckern in die Hand gespielt? Lag es an Weibern oder an der ihnen verweigerten Gelegenheit, wenn sie hier zurückblieben? — Man räume ihnen Kanzeln und Lehrstühle ein, und es wird sich zeigen, ob sie (der schuldigen Achtung für Paulus unbeschadet, welcher nicht will, daß die Weiber in der Gemeine sich sollen hören lassen) nicht eben so gut unsere Überzeugung zu gewinnen wissen. Ohne allen Zweifel werden sie sich einen noch leichteren Zugang zu unserm Herzen bahnen. Schon sind uns hier die Quäker mit ihrem Beispiele vorgegangen. Die Predigten der Weiber würden sich zu den Predigten vieler unserer Seelenwächter sehr oft verhalten, wie die von Bourdaloue zu denen von einem Stümper seiner Zeit: Wenn dieser predigte, ward gestohlen; wenn jener auftrat, ward wiedergegeben. So wie es bei Körpern eine Ansteckung giebt, so auch bei Gemüthern und Seelen; und wenn es allgemein nicht unrichtig ist, daß schon in den Augen Tod und Leben liegt, und daß gewisse Leute vermittelst derselben beides, tödten und lebendig machen, können: so ist dies besonders der Vorzug der Weiber — Die ganze Zauberei scheint sich aus den Augen herzuschreiben — Auge und Athem sind die Seelenvocale der Liebe und des Hasses; und wer versteht die Augensprache besser als die Weiber? Sie können vermittelst derselben lange Reden im Zusammenhange halten; und wer ist, der von dieser Beredsamkeit nicht ein Zeugniß abzulegen im Stande wäre? — Sind es aber bloß die Augen, die bei den Weibern reden? Das ganze Leben der Weiber bestehet mehr im Reden als im Handeln: ihre Reden sind gemeiniglich Handlungen; und wenn wir einen Mann verachten, dessen Leben eher ein Lexikon als eine Geschichte vorstellt, so ist dies nicht der Fall bei dem schönen Geschlechte, das gewaltiglich spricht — Das Leben eines Weibes würde ein Conversations-Gemählde seyn — wie bewunderungswerth ist es, selbst in anscheinend unwichtigen, oder so genannten Nebenfällen! Was Weiber sagen, fließt oft weit mehr aus ihrem Herzen, als das, was Männer thun; und so haben ihre Reden für den denkenden und empfindenden Menschen auch oft mehr Interesse, als viele Handlungen der Männer. Durch Reden kann man, wenn ich mich so ausdrücken darf, seinem Gedankengemählde ein gewisses Colorit mittheilen; und wie viele Nüancen giebt es hier, wenn man bloß bei seinem Herzen Unterricht nimmt! Man sollte fürchten, daß Weiber, an Toiletten gewöhnt, ihre Gedanken und Empfindungen an diesem Altar durch Putz verderben würden. Nein! diese Seelen-Toiletten überlassen sie gern unserm Geschlechte — Selbst wenn viele unter ihnen von Amts- und Geschlechtswegen Musterkarten des modischen Putzes und der gäng' und geben Hofeitelkeit werden müssen, verändert ihr Ausdruck nicht seine Natur; Milch und Honig bleibt ihre Rede. — — Heißt Genie Weisheit? Wörterkram und Sophisterei Vernunft? Alles was nicht auf gesunden Menschenverstand und moralische Religion berechnet werden kann, ist nicht wahre Weisheit und ächte Vernunft. Falsche Perlen und Glanzgold, womit Weiber ihren Körper schmücken, überlassen sie in Hinsicht des Geistes den Männern — Die tiefste Wahrheit kann in eine Volks-Idee gekleidet werden, und eine Wahrheit, die kein Sokrates in das gemeine Leben bringen kann, ist nicht viel mehr als Sophisterei, womit man seinen Kopf nicht verderben und sein Herz nicht verfälschen sollte — Weiber sind geborne Protestantinnen, und haben die Religion der Freiheit, die Anweisung Gott im Geist und in der Wahrheit anzubeten. Bei dem systematischen Gerüste der Religionslehren finden sie kein Interesse, und schwerlich werden sie je durch Doktorhüte in der Gottesgelahrtheit gereitzt werden. Sie legen es nicht darauf an, Gottes Existenz zu erweisen; vielmehr sind sie dem Neumonde von Philosophie anverwandt und zugethan, der den unerweislichen Gott für ein Postulatum der Vernunft erklärt, weil er zu unserer Glückseligkeit nothwendig ist. »Wer gewisse Dinge erweisen will,« sagte Frau v. **, »zweifelt entweder selbst, oder will den Zweifeln Anderer mit Höflichkeit zuvorkommen.« Ein theures wahres Wort —! Das Minimum von Glauben, ein Glaubens-Senfkorn, und die Vorstellung von der Möglichkeit der Existenz Gottes, ist hinreichend, um Alles aus uns zu machen, was aus uns gemacht werden kann, und unsere Tugend menschenmöglichst untadelhaft und rein darzustellen in der Liebe — Der Zweifel anderer, besonders in gutem Geruch stehender, kluger Männer verwickelt oft wider Denken und Vermuthen (könnte man nicht sagen: wider Verstand und Willen?) in Zweifel — Weiber haben Gott im Herzen; und da sie wohl wissen, daß wegen der zweckvollen Einrichtungen der Natur die Grundursache als verständig gedacht werden muß: so kümmert es sie nicht, wie viel oder wie wenig die speculative Vernunft zu diesem Glauben beitrage. Der moralische Beweisgrund (er verdiene den Ehrennamen Beweis oder nicht) wirkt in ihnen einen lebendigen Glauben. Wie viele haben Gottes Existenz tapfer demonstrirt und durch ihr Leben diese Demonstration noch tapferer widerlegt! — Seinen Willen thun, bleibt der beste Beweis, daß er sey. Das größte Problem ist, den Menschen den Willen beizulegen; an Einsicht fehlt es ihnen weniger. Franklin, ein Mann, deßgleichen weder das Griechische noch das Römische Alterthum aufzuweisen hat, sagte: »Gäbe es einen Gottesleugner, er würde sich beim Anblick, von Philadelphia, einer so wohleingerichteten Stadt, bekehren;« und die Erde, diese große Stadt Philadelphia, sollte so viel nicht über den Gottesleugner vermögen, so bald er aufhört, Alles nach seiner, eigenen kleinen Elle zu messen? Nicht auf unsere Meinungen, sondern auf das kommt es am Ende an, was diese Meinungen aus uns machten. — — Das Glück der Unschuld, die Würde der Natur, der Drang nach Freiheit, die Freude eines stillen Lebens, der hohe Werth der Kunst sich in sein Schicksal zu finden, sind Hauptgegenstände der Weiber. Wie man aus dem Umgange den Menschen kennt, so bestimmen seine Lieblingsgegenstände seinen Verstand und seinen Willen — Jene Verschiedenheiten des Ausdrucks, jenes Zurückhalten, ist bei Weibern nicht wie bei uns Heuchelei; um Alles würden sie gewisse Dinge nicht sagen, einer gewissen sittlichen Reinheit der Sprache nicht ungetreu werden, und in plumpe Zweideutigkeiten und Zoten fallen, wenn auch diese Sittsamkeit und Enthaltung weniger Reitze hätte. Die Keuschheit des Körpers ist mit der Keuschheit der Seele und der Sprache in genauer Verbindung — Weiber kennen so wenig die Regeln als die Gränzen der Sprache, überschreiten die ersteren, und erweitern die letzteren — Wie manche glückliche Bereicherung hat die Sprache ihnen mittelbar und unmittelbar zu danken! Das Mittelmäßige kann im Geschlechte gar nicht aufkommen; was sich unterscheidet, ist vorzüglich — Sie reden zwar noch, wenn sie schweigen; keiner ihrer Blicke ist sprachlos; ihre unarticulirten Ausdrücke der Leidenschaften, wodurch Menschen tief in das Herz der Menschen dringen, sind unüberwindlich —: allein, wer ist beredter als sie, wenn sie wirklich sprechen! — Jene sprachlose Beredsamkeit kann weiter Niemand als sie auf Worte bringen und übersetzen. Männer sagen oft nichts, wenn sie zu viel sagen, so wie man nichts beweiset, wenn man zu viel bewiesen hat. In den Worten der Weiber, auch wenn sie überfließen, liegt Absicht, Gewicht und Nachdruck. Auge und Sprache sind Ein Herz und Eine Seele, und Weiber haben nicht nur in ihrem Blick, in ihrem Auge und auf ihrer Zunge Hölle und Himmel, Leben und Tod, Wohl und Wehe; sondern selbst ihr Hören ist von der äußersten Bedeutung — Sie hören anders als wir; und wer kann den Einfluß leugnen, den das Gehör auf unsere Rede behauptet? — Ich kenne einen schwer beamteten vornehmen Mann, der in dem Rufe steht, daß er alle Menschen höre; auch hört er wirklich Alles, was sich in seinem Vorzimmer hören lassen will: und doch klagt alle Welt, daß er nicht höre; — entweder ist er zerstreuet oder unfähig zu verstehen. Es giebt eine moralische Taubheit bei dem besten physischen Gehör — Man kann gütig und gerecht, unfreundlich und zuvorkommend hören — Der schüchterne bescheidene Jüngling zieht aus dem geneigten Gehör seines Beschützers Muth und Leben, und man kann abhören, anhören, aufhören, aushören und beim Hören in eine Art von Horchen fallen, welches durch das Ohrenspitzen in Verlegenheit, wo nicht gar in Verwirrung, setzt — Weiber sind Meisterinnen in der Kunst zu hören, Original-Hörerinnen, und ich weiß nicht, ob sie im Hören oder im Sprechen stärker sind. Es ist leichter, mit dem Publico, als mit dem Cirkel fertig zu werden, worin man lebt, wenn dieser Cirkel aus witzigen Weibern besteht; und nicht der Männer, sondern der Weiber halben bleib' ich anonymisch, so sehr auch meine Schrift den Weibern das Wort zu reden scheint. —
Die Weiber sind viel zu sehr Kenner des menschlichen Herzens, als daß sie nicht wissen sollten, auch die verborgensten Falten desselben auszuspähen, Leidenschaften zu erregen oder dem Ausbruche derselben zuvorzukommen. Wer weiß mehr als sie, ihre Wuth zu besänftigen, je nachdem es ihre Absichten erfordern! und gewiß würde es ihnen auf dieser Bahn besser glücken, als den berühmtesten Demagogen. Rom würde vielleicht bald nach seiner Entstehung wieder in sein voriges Nichts zurückgefallen seyn, wenn die neuen Römerinnen sich nicht ihrer Räuber angenommen, und die entrüsteten Sabiner beruhigt hätten. Was wär' aus Coriolan's Vaterstadt geworden, wenn die Mutter den Sohn nicht besänftigte? Ohne den Römischen Stolz und die edle Aufforderung eines Weibes (Margarethe Herlobig) wäre der Schweizerbund vielleicht nie zu Stande gekommen — Die Überredungsgabe eines Weibes übertrifft Alles, was Kunst je geleistet hat. Und ihre Lehrmethode? In Wahrheit, Weiber sind äußerst lehrreich: sie sind so große Lehrerinnen, als Erzieherinnen. Wer Weiber bloß auf Gefühle und Empfindungen reducirt, kennt weder Gefühle, noch Empfindungen, noch die Weiber. Oder wie? lehrt das Herz etwa den Kopf? verleihet das Gefühlsvermögen dem Erkenntnißvermögen evidente Gefühle zum Vergleichen und zum Entscheiden? Stammt das moralische Gefühl, wenn es anders ein wirkliches Etwas seyn soll, nicht aus der Vernunft? Muß nicht der Kopf dem Herzen Grundsätze so eigen machen, daß es die Achtung für das Gesetz als Gewohnheit, als Gefühl ansieht? — Das Herz, unbelehrt von der Vernunft, kann wenig oder nichts ausrichten; es muß geistisch gerichtet seyn — Wenn der Philosoph, der Wortführer der Vernunft, nicht wäre; was würde der Dichter, der sich nach dem Haufen richten und selbst zu Volksunarten sich herablassen muß, Gutes stiften? Der Dichter muß seine Weihe im Tempel der Vernunft erhalten und die süßesten Gefühle an Grundsätze knüpfen, wenn er unsterblich seyn will. Weiber verstehen jene Chemie, die man die höhere nennen könnte, Grundsätze in Gefühle aufzulösen, und das, was der theoretische Hexenmeister der Philosophie in schweren Worten ausdrückt, zur Leichtigkeit einer Gewohnheit zu bringen — Weiber haben Sitten, Männer Manieren: diese werden durch Erziehung erworben, durch Nachahmung erlernt, durch Umgang mitgetheilt; jene hangen von Herz und Vernunft ab. Man sagt: Weiber wären kärglicher in ihren Wohlthaten, und an sich und von Natur geitzig. Nicht also; ihre Neigungen des Wohlwollens entstehen aus Grundsätzen, nicht aber aus dem vorübergehenden Rausche des Mitleidens, wie es sehr oft bei uns der Fall ist. Seht! wie schön wissen sie selbst bei angestammter Etiquette, bei den patentisirten Manieren noch zu modificiren! Auch sogar bei der Liebe halten sie sich nicht an das Formular und an die Agende.— Wir haben unsern Kubach, und alles ist in bekannter Melodie — Von Weibern könnte man sogar sagen: sie lieben insgesammt, doch jede liebet anders. — Zur Hoffnung haben sie eine außerordentliche Anlage; überall wollen sie Aussicht: ein Garten, der sie ihnen raubt, ist ihnen ein Gefängniß — Die gnädige Frau ist in guter Hoffnung, heißt: sie wird bald Mutter werden —. Wir wollen alles fröhlich um uns haben, wenn wir es sind, und legen diese Fröhlichkeit unserm Cirkel so nahe, daß, er mag wollen oder nicht, er einstimmen muß — Weiber machen Alles fröhlich, wenn sie es sind. Alle ihre Feste sind Erndtefeste, Laubhüttentage, welche die Natur geheiligt hat; bei den unsrigen werden Kanonen gelös't — sie können sich ohne Tafelmusik behelfen. (Der leibliche, geistliche und ewige Tod aller Unterhaltung.) An Gott denken, heißt ihnen Andacht; — an sich denken, heißt ihnen sterben lernen, und philosophiren sich verlieben; und wer so denkt der denkt wohl! — wer so handelt, ist nicht auf unrichtiger Bahn —
Sprachen sieht man nicht ohne Grund als den Schlüssel zu dem Magazin aller Kenntnisse und alles Wissens an, und eine jede Sprache, die wir erlernen, ist ein Schatz des Wissens, den wir fanden. Sprachen zu lehren, wird ein besonderes Talent erfordert, welches seltener das Theil und Erbe der Männer, als der Weiber, ist. Unsere zeitherige Schulmethode Sprachen zu lehren, ist gewiß nicht von Weibern erfunden; denn kaum würden diese mit der Grammatik den Anfang gemacht haben. Seht da den Lehrer, der es sich Lastträgermühe kosten läßt, Kindern begreiflich zu machen, warum der Römer die Wörter in seiner Sprache so und nicht anders auf einander folgen ließ! seht da den Schüler, der etwas begreifen soll, das schlechterdings unbegreiflich ist, so lange er nicht weiß, wie die Römer ihre Sprache redeten oder schrieben. Bleibt die Kunst eine Sprache sprechen zu lehren, nicht vorzüglich den Weibern eigen? und sollte ihnen nicht der Sprachunterricht ausschließlich überlassen werden? Gedächtniß, Einbildungskraft, und ein gewisser Geist für das Detail scheinen, wenigstens so lange sie wie jetzt sind, vorzüglich ihr Eigenthum zu seyn. Giebt es viele Beispiele, daß man bei einem Sprachmeister die Französische Sprache mit Fertigkeit sprechen lernte? Wer nicht ihretwegen eine Reise nach Frankreich that, lernte sie von Mutter oder Gouvernantin. Kaum hat der Mann angefangen, Materialien zu begreifen und anzufassen, so will er schon zusammen setzen, generalisiren, Capitalien machen; — allmählich zu sammeln, dauert ihm zu lange. —
Wer kann den Weibern ein gewisses Kunstgefühl absprechen? und scheint nicht weniger der Mangel an Anlagen, als ihre zeitherige Lage, Schuld zu seyn, daß sie so wenig Vorzügliches in den schönen Künsten und Wissenschaften leisteten? An dem reitzenden Schauspiele ringender, wenn gleich oft auch unterliegender, Kräfte ist uns zuweilen mehr, als an der Entscheidung und an prahlenden Siegen gelegen; und schlummert nicht zuweilen auch selbst der große Homer? Werden nicht selbst sehr wache Augen vom Schlaf überwunden? schläft nicht zuweilen Brutus? Schöne Künste und schöne Wissenschaften erfordern einen weiten Spielraum, leiden keinen drückenden Zwang, und gedeihen nur da, wo der Geist, sich keiner Fesseln bewußt, das Gebiet der Einbildungskraft, jenes Reich der Unsichtbarkeit, durchkreuzen kann. Auch bei der größten Empfänglichkeit für schöne Formen und Gefühle, auch bei der glücklichsten Organisation, wird, so lange der jetzige Druck dauert, nichts Großes, nichts Vollendetes das Theil der Weiber seyn; eben so wenig wie der Griechen, die bei den nämlichen Anlagen, bei dem nämlichen milden Himmel, nie etwas, den unerreichbaren Meisterstücken ihrer Vorfahren Ähnliches hervorbringen werden, so lange ihr Nacken noch in das eiserne Joch der Türken eingezwängt bleibt. Wie wär' es möglich, daß das weibliche Geschlecht, so lang' es im Käficht eingeschlossen ist, und ein schnödes Vorurtheil seine Flügel lähmt, sich in die höheren Regionen aufschwingen sollte? Die Seele pflegt schwach zu seyn, wenn der Leib es ist, und Sklaverei erlaubt ihren Gefesselten keinen Flug eine Spanne hoch über die Erde. Doch zeigten Einige, daß sie Eines Geistes Kinder mit Männern wären; und irre ich mich, oder ist es gewiß, daß sie weniger nach jedem Fünkchen eines fremden Lichtes haschten, um es aufzufangen, als wir? Mit geübterem Verstande, mit geschärfterer Empfindung, mit reicherer Phantasie, mit festerem Charakter, werden sie reifere Früchte bringen, und in dem Felde des Schönen, auf das sie ohnehin schon unleugbare Ansprüche haben, Thaten thun — werth der Unsterblichkeit. Man klagt nicht ohne Grund: alle Oberideale wären mit dem Heidenthume verloren gegangen; und da die ins Große gehende Kunst ohne Ideale nicht bestehen könne, so schiene es, als ob unsere Dichter und Künstler sich nicht über die gemeine und wirkliche Natur zu erheben im Stande wären. — Vielleicht ist es dem schönen Geschlechte vorbehalten, sich hier neue Bahnen zu brechen, und mit neuer verjüngter Einbildungskraft zu schaffen was verloren ging, ohne dem Segen der größeren und heilsameren Wahrheit der christlichen Religion, welche für alle jene Ideale durch ihren weisen und beglückenden Einfluß entschädiget, zu nahe treten zu dürfen.
Unser Geschlecht hat Gelegenheit, so viel von der Prosa der wirklichen Welt kennen zu lernen, und dünkt sich, die Wahrheit zu gestehen, in derselben so gewaltig viel, daß es nicht umhin kann, der wirklichen Welt, so herrlich und schön sie auch ist, keinen poëtischen Stoff zuzutrauen. Unzufrieden mit Menschen, spricht es: »Laßt uns Götter schaffen, ein Bild, das uns gleich und doch Gott sei!« — Und da wird? Seht doch, seht! ein Himmel voll Ganz- und Halbgötter, alle zusammen nicht werth einen einzigen wackern Kerl abzugeben. An den himmlischen Harem mag ich gar nicht denken, der gewiß noch weit weniger ein einziges braves Weib aufwiegt — Wozu der Götterunrath? — Mährchen, sie mögen nun Volks- oder Helden- und Staatsmährchen seyn, gehören, sagt man, für das Kinder- und Greisenalter; wer wird indeß diesen Spielen der Einbildung nicht gern Gerechtigkeit erweisen, wenn sie zum Ernste der Wahrheit leiten, und von der Vernunft die vollzähligen Weihen erhalten haben? wer die Imagination nicht ehren, wenn sie bei allen ihren Avantürier-Eigenschaften ein Sprößling der Vernunft ist? — Nur thut unser Geschlecht zu oft so äußerst nothgedrungen, eine Abschweifung in das Reich der Möglichkeit machen zu müssen, obgleich von der lieben Wirklichkeit noch so viel in Rückstand ist; — nur will es zuweilen höchst unzeitig die Einfälle aus dem Reiche der Einbildung zu Gesetzen in der Sinnenwelt, die vor uns liegt, tausendkünsteln; nur macht es sich kein Gewissen daraus, die hehre und mächtige Religion der Vernunft, welche sich bescheidene Flügel beilegt, mit aller Gewalt zu überflügeln und, ohne sich mit ihr und der Volksreligion zu berechnen, bloß auf Vergnügen auszugehen, wo sich doch die Vernunft ihren Aufsehersitz und ihre Stimme nicht nehmen läßt. Hier ist Stoff zum neuen Himmel und zur neuen Erde. Und sag' ich zu viel, wenn ich behaupte, daß dem andern Geschlechte hier noch ein Richtsteig vorbehalten ist und Palmen, die nicht etwa im dritten Himmel zu brechen sind, wo man zu unaussprechlichen Worten entzückt ist — sondern nicht fern von einem Jeglichen unter uns. — Genug, wenn seine Dichtkunst das Herz nicht verfehlt, wenn sie von Herzen kommt und wieder zu Herzen geht. — Was soll ein wildes Feuer? Ein heiliges ist sein Ziel. Nie wird es sich erlauben mehr anzulegen, und wär' es Cedernholz, als nöthig ist, und um die Wette wird seine Dichtkunst mit der Cultur, Leidenschaften zu lenken und zu zähmen sich bemühen — der edelste Beruf der Vernunft und der Dichtkunst! Grundsätze, welche die Vernunft im Allgemeinen lehrt, macht Dichtkunst durch treffende Beispiele anschaulich. Wovon die Vernunft innerlich überzeugt ist, das stellt die Dichtkunst in Lebensgröße unsern sittlichen Augen dar, und bringt ein unaussprechliches Vergnügen zu Stande, das einzige, das wir durch kein Opfer erringen dürfen — und das immer mit in den Kauf geht! — Wie? dieser heilige Geist sollte nicht über das andere Geschlecht ausgegossen seyn? diese Gaben hätt' es nicht empfangen? O, ihr Kleingläubigen! — als ob der Pegasus bloß für Männer wäre! Dies so überaus gute Thier, das sich so viel gefallen läßt, sollte keinen Quersattel vertragen? Sollte dieses Vorurtheil nicht zu übersiebnen seyn? Allerdings. Wie herrlich sind jene weiblichen Explosionen, die Lieder der Liebe der Sappho, die selbst auch in Deutschland mehr als neun Schwestern hatte, von denen eine der vorzüglichsten (Karschin), nachdem ihr der Dichter Friedrich II vier Gulden verehrt, und Friedrich Wilhelm II, der kein Poët ist, ein Haus hatte bauen lassen, unlängst zu ihrer älteren Schwester heimging. — Darf ich mehr als Elisen nennen, um ihrem Kopf und ihrem Herzen den Rang beizulegen, der beiden gebührt — und der durch eine exemplarische Bescheidenheit noch mehr gewinnt? — Angelika Kaufmann, die Schöpferin schöner Formen, und mehr ihres Gleichen waren und sind Mahlerinnen. Der Vorwurf, den man der Angelika macht, daß sie männliche Gesichter zu weibisch mahle, ist nicht ohne Grund; vielleicht nimmt sie hierdurch an unserm Geschlecht eine heimliche Rache. Man sagt: Weiber würden nie Meisterinnen im Portraitiren. — Daß ich nicht wüßte; *ra** trifft zum Sprechen — zum Hören —. Wär' es in der Regel der Fall, so würd' ich es mir aus dem Umstande erklären, daß sie immer Züge aus ihrer trefflichen Seele hineinzeichnen, so wie Mahler der Venus Züge von ihren Weibern und Töchtern verehren. — Mahlerinnen würden in dem Grade die Seelen der Männer in ihren Portraiten verschönern oder verklären, wie Mahler die Gesichter des andern Geschlechtes schminken — Ist es, weil die Männer von der Natur entfremdeter sind, als die Weiber; oder hat die Natur wirklich zu dem andern Geschlechte mehr Vorliebe und Zutrauen; oder macht es die Seltenheit, daß die Männer, weil sie zu wenig in die Heiligthümer der Natur kommen, nicht recht wissen, wie sie mit ihr daran sind? — ich weiß es nicht. Wer kann indeß unter den Männern, er sei Dichter oder Mahler, im Wonnegefühl der Natur, in der Fülle ihres Genusses, darstellen, was er empfindet? — wer erliegt nicht unter der Gewalt alles Erhabenen und Schönen, das ihm zuströmt und ihn entweder in einen Schlummer einwiegt, oder ihn so angreift, daß er den zu großen Eindruck nicht umfassen und entwickeln kann. Der Schlummer ist ein Beweis der Schwäche; und auch aus zu großer Spannung wird man ohnmächtig. Diese Lagen (sowohl die Schlummer- als die Spannungslage) darzustellen, ist Manchem unter den Männern so vortreflich geglückt, daß, da alle geneigte Leser sich getroffen fanden, diese Darstellungen als Meisterstücke bewundert wurden. Man erstaunte, daß die Kraft der Kunst in dieser Schwachheit so mächtig war! Hat sich das Feuer des Eindrucks gelegt, ist man aus einem entzückenden Schlaf erwacht, so mahlen wir aus dem Spiegel der Zurückerinnerung, und die Natur hat nicht Ursache, diese Copien für viel weniger als Originale zu halten — Es sieht wie aus der ersten Hand aus, ob es gleich eigentlich aus der zweiten ist. Weiber können im vollen Genusse der Natur diesen Genuß beschreiben; auf das innigste in sie verwebt, verlieren sie den Ausdruck nie; sie scheinen Ein Herz und Eine Seele mit der Natur zu seyn, und da sie weder zu hoch gespannt sind, noch in süßen Schlummer versinken, so gebricht es ihnen bloß an Dreistigkeit, um ihren Naturgenuß auch Andere durch Darstellung geniessen zu lassen. — Sie können im ersten Feuer arbeiten, wenn wir uns zuvor abkühlen müssen. Gewiß hatten wir manche weibliche Ossiane, wenn wir es wollten; und was wäre unsere Karschin geworden, wenn man ihr nicht die Flügel der Morgenröthe durch den Unterricht in der Mythologie beschnitten hätte! Die Originalität gedeihet nur im Schooße der Freiheit; und kann wohl die Natur durch Weiber vernehmbar seyn, ehe Männer aufhören, die Weiber (diese Gefäße zu Ehren) zu bevormündern, und ehe Geist, Herz und Zunge dem andern Geschlechte gelöset werden? — Wozu dies Alles führen soll? Männer, wo nicht aus Pflicht, so doch aus Kunstneugierde zu reitzen, daß sie den Schooßkindern der Natur die Geistesfreiheit nicht länger vorenthalten, ihre Kräfte nicht weiter unterdrücken, und ihre Vernunft durch unzeitige Blödigkeit nicht vor wie nach zurückhalten. Die Dichter, die Helden, die Weisen der Vorzeit sahen keine andere Sonne, erblickten keine andere Natur, als wir: Jene göttlichen Natureingebungen, welche die Uralten hatten, können wir noch neutestamentlich aus Hand und Mund der Weiber mit Danksagung empfahen. —