„Malthus hat das, was Sie soeben darlegten,“ antwortete der eine der freiländischen Professoren, „und was thatsächlich von der ganzen bürgerlichen Welt einem unumstößlichen Dogma gleich geachtet wird, nicht bewiesen, sondern nur behauptet. Und daß man diese, den augenscheinlichsten Thatsachen hohnsprechende, in der Luft schwebende Behauptung ein volles Jahrhundert hindurch für einen vollgültigen Beweis nahm, ist nur ein Zeugnis mehr für die voreingenommene Verblendung dieser merkwürdigen Zeit, die über dem erfolgreichen Bestreben, der Natur ihre Geheimnisse abzulauschen, den großen Zusammenhang aller natürlichen und menschlichen Dinge gänzlich aus dem Auge verlor. Es ist allerdings wahr, daß die Vermehrung der Menschen, wie überhaupt aller lebenden Wesen, irgend eine Grenze haben müsse, und es ist ebenso wahr, daß Hunger und Entbehrungen unter Umständen zu einer Grenze der Volksvermehrung werden; unwahr aber ist, daß die Menschen sich unter allen Umständen vermehren, bis sie der Hunger decimiert, vielmehr zeigt selbst der oberflächlichste Blick auf die Thatsachen jedem durch Vorurteile nicht vollends verblendeten Beobachter, daß als große Regel das Gegenteil stattfindet, daß die Menschen sich nirgends oder doch beinahe nirgends bis an die Grenzen ihres Nahrungsspielraums vermehren noch jemals vermehrt haben. Wäre es anders, so müßte ja Übervölkerung die allgemeine Regel sein, während thatsächlich die Erde mit Leichtigkeit die hundertfache Menschenzahl ernähren könnte.
„Malthus beruft sich zur Erhärtung seines Lehrsatzes auf die Natur; auch dort findet als Regel das Gegenteil von dem statt, was er aus ihr herauslesen will; in der Natur herrscht nicht Mangel, sondern grenzenloser Überfluß; selbst jene Arten, deren Fruchtbarkeit die stärkste ist, vermehren sich doch nirgends oder doch nur in höchst vereinzelten Ausnahmefällen auch nur annähernd bis an die Grenzen ihres Nahrungsspielraumes. Daß Malthus auf die aberwitzige Idee geraten konnte, die Menschen hungerten und hätten alle Zeit gehungert, weil ihrer zuviel seien, ja, daß er auf die noch aberwitzigere Wahnvorstellung geriet, allenthalben in der Natur herrsche der nämliche Zustand des regelmäßigen Hungers, erklärt sich bloß daraus, daß er den Hunger in der Menschheit als Thatsache vor sich sah, die richtige Erklärung desselben — daß die Massen hungern, weil ihnen vorenthalten wird, womit sie sich sättigen könnten — nicht zu entdecken vermochte und deshalb zu dem Auskunftsmittel griff, welches sich überall einstellt, wo richtige Erklärungen fehlen, nämlich ein Naturgesetz aufzustellen, wo nichts anderes vorliegt, als eine verkehrte menschliche Einrichtung. Die Wahrheit ist, daß die Natur außer dem Hunger noch eine ganze Reihe von Mitteln besitzt, um das Gleichgewicht in der Fortpflanzung jeglichen Lebewesens aufrecht zu erhalten; die Vermehrung fände eine Grenze im Hunger, wenn sie im übrigen grenzenlos wäre; da sie aber letzteres nicht ist, da andere Naturgewalten das Gleichgewicht zwischen Fortpflanzungsvermögen und Sterblichkeit lange vor Erreichung der Hungergrenze herstellen, so kann der Hunger höchstens ausnahmsweise die ihm von Malthus als Regel zugeschriebene Wirkung äußern.
„Aber die hohe Bedeutung, welche der Malthusschen Übervölkerungslehre von der bürgerlichen Welt beigemessen wird, wäre selbst dann ungerechtfertigt, wenn dieser Lehrsatz an und für sich auf Wahrheit beruhen würde. Daß die Kohlenfelder der Erde in absehbarer Zeit erschöpft werden müssen, wenn mit ihrem Verbrauche in der bisherigen Weise fortgefahren wird, ist doch für alle Fälle viel sicherer, unzweifelhafter, als daß die Erde für die Menschheit zu eng werden müßte, wenn man den Arbeitenden gestatten würde, sich zu sättigen; warum ängstigt sich die bürgerliche Welt nicht vor dem Versiegen der Kohlenminen, sondern überläßt die Sorge um die Beschaffung zukünftigen Brennstoffes getrost den kommenden Generationen, während sie sich unablässig den Kopf dieser nämlichen Generationen wegen der Übervölkerungsgefahr zerbricht? Es steckt hier ein gutes Stück bewußter oder unbewußter Heuchelei verborgen; man sucht nach Gründen für eine Handlungsweise, von welcher man instinktiv empfindet, daß sie nicht zu rechtfertigen sei. Der Übervölkerungstheorie liegt in Wahrheit gar nichts anderes zu Grunde, als die nur zu berechtigte Scham darüber, daß wir ungezählte Millionen gleichberechtigter Mitgeschöpfe dem jämmerlichsten Elende preisgeben, während wir doch die Mittel besäßen, ihnen allen ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen.“
Hiermit hatte diese interessante Auseinandersetzung ihr Ende erreicht. Nicht leicht zuvor sah ich jemals einen Besiegten und vollends einen im Wortkampfe besiegten Professor, der ob seiner Niederlage so froh gewesen wäre, wie diesmal mein einst so zäher Lehrer und Freund Tenax. Er schüttelte beim Abschiede seinen zwei erfolgreichen Widersachern so freudig bewegt die Hände, als ob es nur von deren gutem Willen abgehangen hätte, ihm dem Übertritt nach Freiland zu ermöglichen oder zu verwehren.
„Jetzt bin ich mit der Vergangenheit fertig; meine ganze Zukunft gehört der Verbreitung jener Ideen, die ich hier in mich aufgenommen“ — das waren des Professors Worte, als wir uns trennten.
Schluß-Kapitel.
Ich schließe hiermit das Tagebuch über meine Erlebnisse in Freiland und zwar aus dem sehr triftigen Grunde, weil meine Zeit, die bisher zwischen Arbeit, Belehrung und Vergnügen geteilt war, derzeit durch Gefühle, Gedanken und Handlungen ausgefüllt wird, die sich allesamt in einem Kreise bewegen, in dessen Mittelpunkt ein weibliches Wesen steht, das für mich der Inbegriff alles Edlen, Schönen und Guten ist. Das heißt mit andern Worten: ich bin verliebt.
Der Leser besorge nicht, daß ich ihn mit Ergüssen meiner Liebe behellige; dieses Schlußkapitel soll nichts anderes sein als eine möglichst trockene Verlobungsanzeige. Nur eines muß ich noch erzählen, weil es bezeichnend ist für die Denkungsart der freiländischen Mädchen.
Als ich mich mit meiner Braut verlobt hatte und die Einrichtung unseres zukünftigen Heims zur Sprache kam, erwähnte ich, daß ich in Europa ein sehr bedeutendes Vermögen zurückgelassen, über welches ich allerdings teilweise bereits zu gunsten des freiländischen Gemeinwesens verfügte, von welchem jedoch immerhin noch genug vorhanden sei, um uns hier den Luxus eines besonders schön und behaglich eingerichteten Hausstandes zu gestatten. Da verfärbte sich meine Braut und bat mich dringend, auf diesen Gedanken zu verzichten. Als ich nach dem Grunde forschte und zu wissen begehrte, warum ihr meine Absicht so hochgradigen Widerwillen einflöße, erklärte sie mir zögernd, es wäre ihr geradezu unheimlich, einen Luxus zu genießen, der aus Not und Jammer unterdrückter Mitgeschöpfe erwachsen. „Mir würde zu Mute“ — so meinte sie — „als ob ich Menschenfleisch genießen müßte; so wenig eine in Europa aufgewachsene Frau es ertragen könnte, wenn in ihren Hausstand eine Anzahl fetter Menschen eingeschlachtet würde, ebensowenig kann ich, die ich seit meiner Kindheit Freilands Luft geatmet, es vertragen, etwas zu genießen, was entstanden ist, indem menschliche Geschöpfe durch Überanstrengung und Entbehrung zu Tode gehetzt wurden.“
Und dabei blieb es; auch der Rest meines in Europa von meinen Vorfahren nach den dortigen Begriffen „redlich erworbenen“ Vermögens ist in die Kasse der freiländischen Behörde für auswärtige Angelegenheiten gewandert, welche derartige Einzahlungen reicher Genossen — in Verbindung natürlich mit den zu gleichen Zwecken aufgewendeten Mitteln unseres Gemeinwesens — dazu benützt, um stets größeren und größeren Massen ausländischer Proletarier die Übersiedelung nach Freiland zu ermöglichen.