Dieses Gespräch hatte vorgestern stattgefunden. Heute morgens brachte mir ein Amtsdiener mein Bestallungsdekret ins Haus. Freudig überrascht eilte ich in die Anstalt, um dem Direktor meine Dankesvisite abzustatten. Er empfing mich mit freundschaftlichen Vorwürfen darüber, daß ich gleichsam inkognito mich um ein Amt beworben und entschuldigte sich geradezu, mich so lange warten gelassen zu haben. „Hätte Ihr zukünftiger Schwiegerpapa mich nicht mit seinem Besuche beehrt,“ meinte er schmunzelnd, „so wüßte ich heute noch nicht, wer Sie sind.“

Mich ärgerte das nicht wenig. Ich hatte mir geschmeichelt, durch meine Zeugnisse, die Beweise meines Fleißes und meiner Kenntnisse, etwas erlangen zu können und sah mich nun durch meine „Konnexionen“ ins Amt gebracht. Allein die Sache war einmal geschehen und so machte ich denn leidlich gute Miene zum bösen Spiel. Ich verabschiedete mich unter den üblichen Höflichkeitsphrasen und hatte nur die Absicht, meinem schwiegerväterlichen Freunde einige Vorwürfe wegen seiner unerbetenen Einmischung zu machen. Allein es sollte anders kommen.

Im Begriffe fortzugehen, stieß ich im Wartezimmer des Direktors auf einen Kollegen, den ich schon wiederholt hier getroffen und der, wie ich wußte, gleichfalls auf Anstellung wartete — nur, zum Unterschiede von mir, nicht seit zwei, sondern schon seit vier Jahren. Ich erzählte ihm, daß ich soeben eine Stelle erhalten hätte und bezeichnete dieselbe auf Befragen genauer. Da verfärbte sich der Mann plötzlich und wäre, hätte ich ihn nicht rasch aufgefangen, zu Boden gesunken. Peinlicher Ahnungen voll forschte ich nach der Ursache dieses auffallenden Benehmens und erfuhr denn, daß die mir zuteil gewordene Stelle gerade diejenige sei, auf die man ihn seit Jahr und Tag vertröstete. Nun wußte ich, daß der Bedauernswerte früher einmal schon Angestellter des nämlichen Instituts gewesen, seinen Dienst auch zu voller Zufriedenheit versehen und nur deshalb entlassen worden war, weil die Abteilung, in welcher er beschäftigt gewesen, aufgelöst wurde. Dabei war der Mann verheiratet, Vater von vier Kindern und während der langen Wartezeit allgemach ins tiefste Elend geraten. Die letzte Habe war bereits gepfändet und die Familie stand unmittelbar vor dem Hungertode. Das alles erzählte er mir, mühsam die Worte hervorwürgend, und in seinen Augen flimmerte es seltsam unheimlich, wie von Gedanken an Rasiermesser, Kohlendunst oder sonstige Mittel des Selbstmordes.

Mein Entschluß war sofort gefaßt. Ich ersuchte den Ärmsten, mich zu erwarten und ließ mich neuerlich beim Direktor melden. Diesem erklärte ich in kurzen, dürren Worten, was ich erfahren, gab ihm mein Dekret zurück und forderte ihn auf, die Anstellung dem älteren, besser berechtigten Bewerber zuzuwenden. Er lachte mich aus. „Wenn Sie es nicht werden, so giebt es andere Aspiranten in Fülle, die Ihrem Schützling vorangehen. Ich selbst bedauere den armen Teufel, aber was soll ich machen? Nicht weniger als sieben Bewerber um dieselbe Stelle werden von unterschiedlichen einflußreichen Persönlichkeiten protegiert und sie ist nur aus dem Grunde bisher nicht vergeben worden, weil diese verschiedenen Einflüsse sich gegenseitig die Wage hielten. Ihre Konnexionen gehen denen aller anderen entschieden vor; dies hat dem Schwanken ein Ende gemacht. Sie blicken mich verächtlich und zornsprühend an? Ja, vermuten Sie denn, daß mir Protektionskinder lieber sind als verdiente Kollegen? Bin ich denn der Herr hier? Hänge ich nicht selber ab von jenen Einflüssen, die bei dieser Anstellung spielen? Ließe ich mir beifallen, gegen diese Gönnerschaften anzukämpfen, sie würden sehr bald mich selber hinwegfegen. Glauben Sie mir, junger Freund, mit den Wölfen muß man heulen, und wer es nicht ertragen kann, Hammer zu sein, der wird sich gar bald als Ambos finden, auf den die anderen loshämmern. Wenn Sie das nicht einsehen, taugen Sie nicht für unsere Verhältnisse, und ich kann Ihnen nur den Rat geben, uns möglichst bald den Rücken zu wenden.“

Ich erklärte dem weltklugen Geschäftsmann, dem ich im übrigen nicht unrecht geben konnte, er möge es mit der Stelle halten wie er wolle und könne, ich für meinen Teil verzichte endgültig auf dieselbe. Meinem Mitbewerber erzählte ich draußen, was vorgefallen und händigte ihm eine Summe ein, genügend groß, um ihn und seine Familie für längere Zeit vor Not zu bewahren, gab ihm aber den wohlgemeinten Rat mit auf den Weg, sein Bündel zu schnüren und nach Freiland auszuwandern.

Eine halbe Stunde später hatte ich eine Auseinandersetzung mit dem Vater meiner Verlobten. Ich wollte ihm seine unberufene Einmischung vorhalten; kaum aber hatte er erfahren was geschehen, als er den Spieß umkehrte und mich mit den heftigsten Vorwürfen überschüttete. Ich sei ein durchaus unzurechnungsfähiger, für den „Ernst des Lebens“ schlechthin unbrauchbarer Mensch; längst schon habe er es bereut, seine Einwilligung zur Vermählung seines Kindes mit solchem Faselanten erteilt zu haben; nunmehr aber wäre seine Langmut zu Ende; ich möge mich zum T..... scheren und meine Menschenfreundlichkeit anderswo an den Mann bringen.

Der Engel, dem ich mich hatte verbinden wollen, war Zeuge dieser Scene. Einen Augenblick lang hoffte ich, die Erwählte meines Herzens für mich Partei nehmen zu sehen. Es geschah nicht; im Gegenteil, sie stand auf Seite des Vaters und versuchte bloß schüchtern, auf mildernde Umstände für mich zu plaidieren. Ich sei noch jung, meinte sie, eine augenblickliche Gefühlswallung habe mich wohl übermannt und man dürfe die Hoffnung nicht aufgeben, daß ich, durch Schaden klug geworden, hinkünftig derlei Thorheiten unterlassen würde. Als ich aber erklärte, mit gutem Vorbedachte gehandelt zu haben, als ich hinzufügte, ich müßte mich verachten, wenn ich jemals anders handeln könnte, da kehrte sie mir geringschätzig den Rücken.

Als sie sah, daß ich mich, ohne Buße zu thun, zum Abschied anschicke, machte sie zwar noch einen Versuch, mich unter Thränen und Beschwörungen festzuhalten. Aber der Kehrreim all ihrer Bitten war immer und immer wieder, ich möge doch endlich ein „vernünftiger Mensch“ werden, aufhören, mich um fremder Leute Angelegenheiten zu kümmern. Der Zauber, der mich an das anmutige Geschöpf bis dahin gebunden, war gründlich zerstört; ich erkannte, daß es eine gemütlose Puppe gewesen, der ich gehuldigt. Was ich anfangs als Opfer meiner Überzeugungstreue angesehen — der Bruch mit ihr — das nahm, je mehr sie sprach und weinte, mehr und mehr die Gestalt einer Belohnung an. Ich sah, meine Handlungsweise hatte mich davor bewahrt, Opfer eines Irrtums zu werden, den ich bei Auswahl meiner zukünftigen Gattin begangen. Das merkte endlich der Gegenstand meiner einstigen Zärtlichkeit selber; ich erhielt unter zornigen Worten meinen Abschied.

So ist das letzte Band, das mich festhielt, gerissen. Meine Angelegenheiten hier werden in wenigen Tagen geordnet sein und dann auf nach Freiland!

Zweites Kapitel.
Die Reise.