Ich wählte für die Reise nach Freiland ein freiländisches Schiff. Es flößte mir zwar einiges Bedenken ein, daß auf den Riesendampfern, welche dieser Staat seit einer Reihe von Jahren zwischen der ostafrikanischen Küste und den Haupthafenplätzen Europas wie Amerikas laufen läßt, keinerlei Klassenunterschiede bestehen, denn da diese Schiffe in der Regel von mehr als tausend Auswanderern benutzt werden, so hegte ich hinsichtlich der Bequemlichkeit dieser gleichförmigen Unterkunft einige Zweifel und ich war einen Augenblick lang versucht, die Seereise mit den französischen Messageries maritimes oder mit der englischen P. & O. Company zu machen. Indessen, schließlich überwog der Wunsch, das freiländische Wesen so früh als möglich kennen zu lernen, und so meldete ich mich denn bei der nächsten freiländischen Agentur für den am 2. Mai von Triest abgehenden Dampfer „Urania“ an.

Ich hatte diese Wahl nicht zu bereuen. Wir waren unser nicht weniger als 1160 Passagiere, aber die freiländischen Schiffe sind so eingerichtet, daß alle Mitfahrenden in zwar kleinen, aber netten, bequem ausgestatteten Kabinen gesonderte Unterkunft finden. Tagsüber nehmen gewaltige, luftige Speise- und Gesellschaftssäle die Reisenden auf, für die Nacht hat jedermann und jede Familie gesonderte Schlafräume. Da insbesondere während der Fahrt durch das rote Meer die Hitze mitunter sehr groß ist, so wird durch kräftige Ventilationsapparate, die allen Räumen des Schiffes frische Luft zuführen, für ausreichende Abkühlung gesorgt. Die Verpflegung ist einfach, aber vortrefflich, die Reinlichkeit über jedes Lob erhaben.

Die Erlebnisse der Seefahrt will ich übergehen. Am 8. Mai passierten wir den Suezkanal, am 19. desselben Monats warf die „Urania“ in der Reede von Lamu Anker.

Dieser Ort, noch vor sieben Jahren, als Freiland gegründet wurde, ein unansehnliches Arabernest, ist jetzt eine große, mit allen Behelfen des modernen Verkehrs ausgestattete Handelsstadt. Die Engländer, die hier herrschen, haben die Vorteile, die ihnen das freiländische Hinterland gewährt, trefflich auszunutzen verstanden.

Die Einwanderung nach Freiland, die mit verschwindenden Ausnahmen die Richtung über Lamu und die Tanamündung nimmt, hat im Vorjahre die Ziffer von 500000 Seelen nahezu erreicht und ist in stetem Wachstum begriffen; der Warenhandel betrug im selben Jahre 92 Millionen Pfund Sterling in der Ausfuhr und ebenso viel in der Einfuhr. Dieser Handel ruht zwar in den Händen des freiländischen Gemeinwesens, aber die Engländer und die ganze Küstenbevölkerung haben selbstverständlich kolossale Vorteile davon, wie sich am rapiden Wachstum Lamus und dem sichtlichen Wohlstande der dortigen Bevölkerung deutlich zeigt.

Der größere Teil von uns Einwanderern stieg in Lamu ans Land, wo große, Freiland gehörige Hotels uns aufnahmen. Bloß ein kleiner Teil — nicht ganz zweihundert — bestiegen sofort in der Reede einen kleinen Dampfer, der, das Vorgebirge von Ras-Schaga umschiffend, durch die Bay von Ungama direkt in die Tanamündung einläuft. Diese direkte Einfahrt in den Strom, der auch uns später als Weg in die neue Heimat diente, ist mitunter, wenn der Wind nicht gerade günstig weht, nicht ungefährlich, denn der Tana bildet an seiner Mündung eine Barre, die früher beinahe ganz unpassierbar war und auch jetzt, nachdem Baggerungen vorgenommen worden sind, der Schiffahrt ernstliche Hindernisse bereitet. Man muß die Brandung passieren, die dabei in recht häßlicher Weise über Deck zu spülen pflegt, wird aus diesem Anlasse jedenfalls gehörig hin- und hergeworfen, und das ist, insbesondere wenn man gerade eine siebzehntägige Seereise glücklich hinter sich hat, nicht jedermanns Sache.

Die Mehrzahl, und darunter auch ich, zog es — wie gesagt — vor, die Tanabarre auf dem Landwege zu umgehen. Lamu liegt auf einer Insel, vom Festlande durch einen schmalen Kanal getrennt. Dieser Kanal bildet Lamu gegenüber eine tief in das Land hineinreichende Bucht und vom äußersten Endpunkte dieser Bucht, wo die Ortschaft Mkonumbi liegt, haben die Engländer eine Eisenbahn an den untern Tana gebaut, die wir dann benutzten.

In Engatana, wo wir den Tana erreichten, nahmen uns freiländische Flußdampfer auf, und zwar standen zu diesem Behufe für die signalisierten neunhundert Passagiere fünf Dampfschiffe bereit. Der Tana ist ein mächtiger Strom, so breit und tief als der Rhein bei Köln oder die Donau bei Wien, und ich konnte daher nicht begreifen, warum man es nicht vorzieht, größere Schiffe zu bauen. Später, als wir nach vierzehnstündiger Bergfahrt Odaboruruwa erreichten, wurde mir das Rätsel gelöst. Der Tana teilt sich von da ab in zahlreiche Arme, die so mannigfaltig verschlungen und gewunden sind, daß größere und insbesondere längere Schiffe leicht steckenbleiben könnten; deshalb zieht es die freiländische Verwaltung vor, kleinere Schiffe gehen zu lassen, die dafür den Vorzug haben, die Reisenden, ohne daß ein Umsteigen nötig wäre, bis Hargazzo befördern zu können, wo die Stromschnellen und Katarakte beginnen und alle Schiffahrt ein Ende hat.

Auch die zwanzig Stunden dauernde Stromreise auf dem Tana, von Engatana bis Hargazzo, will ich kurz übergehen. Bis Odaboruruwa war die Fahrt ziemlich einförmig. Die Ufer des herrlichen Stromes sind auf beiden Seiten von Gebüschen und Waldungen eingesäumt, die das Hinterland dem Blicke vollständig entziehen. Häufig zwar sind diese Uferwaldungen von üppigen, mitten in denselben eingebetteten Ansiedelungen, sei es der schwarzen Ureinwohner, sei es weißer Einwanderer, unterbrochen; aber diese Ansiedelungen gleichen mit ihren netten, von Bananen beschatteten Häuschen, mit ihren üppigen Feldern und Obsthainen einander so sehr, daß sie schon nach wenigen Stunden die Aufmerksamkeit nicht mehr erregen. Ganz anders wird die Scenerie von Odaboruruwa an. Hier bieten die zahllosen Inseln und die Krümmungen des Flußlaufes stets neue und entzückende Ansichten, dabei beginnt der Fluß, der von da ab äußerst fischreich ist, eine überaus belebte Tierwelt zu zeigen. Flamingos und anderes Wassergevögel besetzt zu Myriaden alle seichten Uferstellen; die Flußpferde sind an einzelnen Plätzen so zahlreich und dichtgedrängt, daß es fast scheint, als würden sie den Schiffslauf aufhalten; doch sind die ungeschlachten Gesellen stets, bevor sie der Dampfer erreicht, untertauchend verschwunden, um mit einer Behendigkeit, die man ihnen gar nicht zutrauen sollte, erst in weiter Entfernung wieder aufzutauchen. Nicht so eilig haben es in der Regel die Krokodile, die gleichfalls in großer Zahl an allen sonnigen Uferbänken lagern und im Vertrauen auf ihren Panzer die Dampfschiffe unbesorgt herannahen lassen.

Nach Mitternacht erreichten wir Hargazzo, die Umschlagstation zwischen Tanaschiffahrt und freiländischer Eisenbahn. Hier haben die Freiländer ihre erste Ansiedelung gegründet, die jedoch noch außerhalb ihres eigentlichen Gebietes liegt. Sie ist dazu bestimmt, den Reisenden Unterkunft zu bieten, und eine großartige Land- und Gartenwirtschaft dient dazu, die für den Empfang der zahllosen, täglich wechselnden Ankömmlinge erforderlichen Bedarfsartikel an Ort und Stelle zu erzeugen. Die Fruchtbarkeit ist hier eine außerordentliche, alle Vorstellungen überflügelnde. Die oberhalb dieses Ortes beginnenden Stromschnellen ermöglichen die reichliche Bewässerung des fetten Humusbodens, die glühende äquatoriale Sonne — denn Hargazzo liegt bloß einen halben Breitegrad südlich vom Äquator — bringt jegliche Frucht in fabelhaft kurzer Zeit zu üppigster Reife, so daß einhundertzwanzig- bis einhundertfünfzigfache Ernte vom gesäeten Korn hier zweimal im Jahre die Regel ist.