Ich habe mich in Hargazzo nur einen Tag lang aufgehalten und muß erklären, daß ich trotz der äquatorialen Lage und trotzdem die Seehöhe des Ortes nicht ganz dreihundert Meter ist, von absonderlicher Hitze wenig bemerkte. Die Gegend beginnt hier schon gebirgig zu werden, kühle, schattige Thäler verlaufen sich bis unmittelbar an den Fluß und da es in der Nachbarschaft keine Sümpfe giebt, so halte ich den Ort auch für durchaus gesund. Trotzdem betrachten die Freiländer Hargazzo nicht als dauernden Ansiedelungspunkt. Die Bewohner verweilen hier immer nur kurze Zeit und werden längstens nach Jahresfrist durch Ersatzmänner abgelöst. Die Freiländer haben nämlich die Erfahrung gemacht, daß die, wenn auch nicht übermäßige, so doch andauernde Hitze, die überall im äquatorialen Tieflande herrscht, den meisten Europäern auf die Länge der Zeit nicht zuträglich sei. Einige Monate, ja selbst Jahre hindurch erträgt man sie ohne Beschwerde, dann aber stellt sich leicht Appetitlosigkeit in Verbindung mit lästigen Leberleiden ein. Und da die Freiländer es nicht nötig haben, ihre Gesundheit zu gefährden, um reichlichen Lebensunterhalt zu finden, so vermeiden sie es, einen der Ihren auch nur der entfernten Möglichkeit solcher Gefahren auszusetzen.

Nach eintägigem Aufenthalte dampfte ich mit der freiländischen Eisenbahn nordwestwärts dem Kenia zu. Der Ausdruck „dampfen“ ist jedoch hier bloß figürlich zu nehmen, denn diese Linie wird nicht durch Dampf, sondern durch Elektrizität betrieben. Die Stromschnellen und Katarakte des Tana liefern hierfür, wie für eine Menge anderer Verkehrs- und Industrieanlagen Freilands, die elektrische Kraft. Um das begreiflich zu finden, muß man wissen, daß der Strom von Hargazzo bis Kikuja eine ununterbrochene Kette von Schnellen und Wasserfällen bildet, deren Großartigkeit in der ganzen übrigen Welt nicht ihresgleichen hat. Der Tana besitzt auf dieser rund 200 Kilometer langen Strecke ein Gefäll von über 5000 Fuß und einzelne der Katarakte haben eine Fallhöhe von 300 Fuß. Es ist also hier eine motorische Energie von vielen Millionen Pferdekräften verfügbar und trotzdem Freiland bisher schon für die 21/2 Millionen seiner derzeitigen Einwohnerzahl diese Kraftquelle recht ausgiebig angezapft hat, so ist für fernere Zwecke noch immer genug vorhanden.

Also der Tana war es, der, auch nachdem wir ihn verlassen, unsere Beförderung weiter besorgte. Die Schwerkraft, die sich in seinen Wässern auf ihrem Wege vom Kenia zum Thale gleichsam aufgestapelt hatte, dient nun dazu, in Elektrizität verwandelt uns bergauf durch alle Windungen der mächtigen Gebirgswelt, in die wir jetzt eintraten, dem Kenia entgegenzuheben.

Unser Zug brauchte für die 280 Kilometer der Tana-Keniabahn zwölf Stunden. Vom Schlusse des nächsten Jahres ab, wenn die bereits im Bau begriffene neue Tana-Keniastrecke vollendet sein wird, dürften für den gleichen Weg vier Stunden genügen. Die derzeit noch im Betriebe befindliche Linie ist ein provisorischer Bau, den Freiland im zweiten Jahre seines Bestandes in Angriff genommen und vollendet hatte. Es giebt da eine Menge sehr scharfer Krümmungen und steiler Steigungen; die Brücken und Viadukte sind zum Teil aus Holz gezimmert, was alles notwendig macht, daß langsam gefahren werde.

Die großartige Romantik der Hochgebirgswelt, in welche wir bald nach Hargazzo eindrangen, spottet jeder Beschreibung. Die Bergriesen, an deren Fuß und Seite der Zug emporkletterte, haben bis zu 12000 Fuß Höhe; ihre Lehnen sind teils von undurchdringlichem, majestätischem Urwalde bestanden, teils von parkartigen Wiesen bedeckt, teils aber starren sie uns in unheimlicher, wilder Schroffheit entgegen. Die Mittagsrast hielten wir in einem Thale, dessen lachende Lieblichkeit an die schönsten Landschaften der oberitalienischen Alpenwelt erinnert; eine Stunde später rollte der Zug durch eine Felsenwildnis von schauriger Öde, in welcher kein Grashalm, kein Tier die Starrheit des Todes unterbrach. Und abermals eine Stunde später durchmaßen wir ein üppiges breites Flußthal, welches von ungezählten Schaaren friedlich weidender Antilopen, Zebras und Büffel, Rhinocerosse und Elefanten gleichsam erfüllt schien.

Alles bis dahin Gesehene trat jedoch weit in den Hintergrund, als um die vierte Nachmittagsstunde der Zug den Kamm des zwischen Tana und Kenia gelagerten Gebirgsstockes erklommen hatte und nun die Gletscherwelt des Kenia sich urplötzlich unseren entzückten Blicken darbot. Zugleich machte die bis dahin herrschend gewesene ziemlich drückende Schwüle einer erfrischenden Kühle Platz, hervorgerufen offenbar durch die vom Kenia herabwehenden Brisen. Wir hatten die Hochebene von Freiland erreicht und liefen um fünf Uhr nachmittags in die erste freiländische Station, Washington geheißen, ein.

Mit der Schilderung auch dieses Ortes will ich mich nicht aufhalten. Um acht Uhr abends langten wir in Edenthal, der Hauptstadt Freilands, an. Der Bahnhof und alle Straßen, die ich auf dem Wege nach dem Gasthofe durchfuhr, waren mit elektrischen Bogenlampen taghell erleuchtet. Von Häusern sah ich auf dieser ersten Fahrt durch Edenthal so gut wie nichts, denn die Straßen sind von mehrfachen Palmenalleen eingesäumt, die Häuser selber liegen allesamt inmitten üppiger Gärten, so daß alles, was man von ihnen wahrnehmen konnte, das Blinken einzelner beleuchteter Fenster war. Desto deutlicher sagte mir mein Ohr, daß Edenthal keine ausgestorbene Stadt sei. Aus zahlreichen Gärten, an denen ich vorüberfuhr, tönte mir Musik, Becherklang und fröhliches Lachen entgegen.

Ich war übrigens zu müde und erschöpft von der Reise, um die Versuchung zu spüren, irgend wie an der allgemeinen Fröhlichkeit heute schon teilnehmen zu wollen. Der Omnibus, den ich am Bahnhof mit sieben anderen meiner Reisegefährten bestiegen, setzte uns nach einviertelstündiger Fahrt vor einem jener großen Gasthöfe ab, die von besonderen freiländischen Gesellschaften unterhalten werden.

Nachdem ich ein einfaches Mahl genommen, suchte ich mein Bett auf und trotz der fieberhaften Erwartung, mit welcher ich dem nächsten Tage entgegensah, umfing mich alsbald tiefer, erquickender Schlaf.

Drittes Kapitel.
Wo Freiland liegt und was Freiland ist.