Am Naiwascha — einem von malerischen Bergzügen, deren höchste Gipfel sich zu 2800 Meter erheben, umsäumten schönen See von ungefähr 80 Quadratkilometer Flächenraum, dessen charakteristische Eigenschaft ein fabelhafter Reichtum an Federwild aller Art ist, hatte inzwischen Johnston umfassende Vorkehrungen zu dem großen Friedens- und Freudenfeste getroffen, das wir den Massai zu geben gedachten. Die Botschaft, daß sie von nun ab auch die Wakikuja als in den Kreis unserer Freunde gehörig zu betrachten hätten, wurde zwar von den El-Moran mit gemischten Gefühlen entgegengenommen; indessen fügten sie sich doch ohne Murren und bei dem nun folgenden Feste, an welchem auch 50 mit uns angelangte angesehene Wakikuja teilnahmen, wurden die neugeknüpften Freundschaftsbande zwischen den Beiden etwas inniger gestaltet.
Dieses Fest aber bestand aus einer zweitägigen großen Schmauserei, bei welcher wir nicht weniger als 6000 Gäste — Weiber und Kinder ungerechnet — mit riesigen Quantitäten Fleisch, Backwerk, Früchten und Punsch bewirteten, und dessen Glanzpunkt ein splendides Feuerwerk war. 150 fette Stierkälber, 260 verschiedene Antilopen, 25 Giraffen, unzählbares Federwild, und gar nicht zu übersehende Mengen von Vegetabilien wurden in diesen zwei Tagen vertilgt, der Punsch aber in 160 je 30 Liter fassenden Töpfen gebraut, die im Durchschnitt nicht weniger als viermal frisch gefüllt werden mußten. Nichtsdestoweniger kostete uns diese kolossale Gastfreundschaft — vom Feuerwerke abgesehen — fast gar nichts. Denn die Rinder waren Geschenke — und zwar nur ein Teil der uns von zahlreichen Stämmen als Zeichen dankbarer Wertschätzung dargebrachten — das Wild hatten wir natürlich nicht gekauft, sondern geschossen, und die Vegetabilien waren hier an der Grenze von Kikuja so billig, daß man die Preise eigentlich nur nominelle nennen konnte; was dagegen den Punsch anlangt, dessen wichtigster Bestandteil bekanntlich Rum ist, ein Saft, der in Massai- und Kikujaland — glücklicherweise — nicht heimisch ist, so hatten unsere Techniker auch diesen dadurch verschafft, ohne unsere ohnehin zur Neige gehenden mitgebrachten Vorräte anzugreifen, daß sie denselben an Ort und Stelle brannten. Unter den mitgenommenen Maschinen und Geräten befand sich nämlich auch eine Destillierblase. Diese wurde ausgepackt, wildwachsendes Zuckerrohr war in Menge vorhanden und so gab es alsbald Rum in Fülle. Nur wurde dafür Sorge getragen, daß diese Prozedur nicht etwa von den Eingeborenen erlauscht und späterhin nachgeahmt werde, denn die Rumflasche — diese Pest der Negerländer — wollten wir nicht unter unseren Nachbarn einbürgern. Den Punsch, den wir ihnen servierten, erhielten sie zwar heiß, aber anständig verdünnt, etwa 10 Teile Wasser auf einen Teil Rum, was übrigens nicht hinderte, daß während der zwei Festtage 18 Hektoliter dieses edlen Nasses in den improvisierten Bowlen verschwanden. Der Jubel, insbesondere während des Feuerwerkes, war unbeschreiblich, und als wir vollends, nachdem ein Trompetentusch Stillschweigen geboten hatte, durch stimmkräftige Herolde ausrufen ließen, das Volk der Massai sei von nun an alljährlich für den 19. und 20. Juni hier an dieser Stelle von uns zu Gaste geladen, wären wir aus purer Begeisterung beinahe in Stücke gerissen worden.
Den 21. Juni weihten wir der Erholung von den Strapazen des Festes und der Ordnung des Gepäcks; am 22. wurde der Marsch nach Kikuja angetreten. Da wir mit den Lasttieren den von mir auf dem Rückwege gewählten Pfad über die steilen Abhänge der das Naiwaschathal umsäumenden Berge vermeiden wollten, kehrten wir vorerst nach Ngongo-a-Bagas zurück, welches am 24. erreicht wurde. Von hier aus beschlossen wir eine Eilbotenverbindung mit dem Meere herzustellen, damit die Nachricht von unserem Eintreffen am Ziele, dem wir binnen wenigen Tagen entgegensahen, so rasch als möglich nach Mombas und von da an den Ausschuß der Internationalen freien Gesellschaft gelangen könne. Von Mombas nach Ngongo hatten unsere Ingenieure 802 Kilometer verzeichnet; wir rechneten nun, daß unsere arabischen Hengste, wenn ihnen immer bloß je eine eintägige Anstrengung zugemutet würde, während eines solchen Tages bequem 100 Kilometer, demnach in 8 Etappen den ganzen Weg in 8 Tagen zurücklegen könnten. Es wurden also 16 unserer besten Reiter mit 24 der ausdauerndsten Renner zurückbeordert; diese Kuriere erhielten die Anweisung, sich zu zweien und zweien in Distanzen von circa 100 Kilometern — wo böse Wegestrecken sind, etwas weniger, wo der Weg leicht ist, etwas mehr — zu verteilen. An Gepäck bekamen sie nebst Waffen und Munition bloß so viel europäische Bedarfsartikel und Tauschwaren auf den Weg, als die 8 überzähligen Pferde, die zugleich als Reserve dienen sollten, leicht zu tragen vermochten. Im übrigen konnten wir uns jetzt darauf verlassen, daß sie überall, wo sie längs der von uns durchzogenen Straße auf Eingeborene stoßen, mit offenen Armen aufgenommen und reichlich verpflegt werden würden. Der gleiche Etappendienst wurde selbstverständlich auch zwischen Ngongo und dem Kenia eingerichtet; da diese Wegestrecke 193 Kilometer maß, so genügten hier zwei Etappen, so daß ihrer im ganzen zehn waren; dabei wurde also vorausgesetzt, daß eine Nachricht vom Kenia nach Mombas in zehn Tagen gelangen werde — was sich denn auch als richtig erwies.
Der Marsch durch das Waldland von Kikuja, der am 25. Juni angetreten wurde, vollzog sich ohne jeden Zwischenfall. Als wir zeitlich am Morgen des 27. in das offene Land eintraten, umfing uns zuerst dichter Nebel, der von uns Kaukasiern bloß insofern unangenehm empfunden wurde, als er uns jegliche Aussicht benahm, unsere Suahelileute dagegen, die eine Temperatur von 12 Grad Celsius, verbunden mit Feuchtigkeit noch niemals erlebt hatten, zum Zähneklappern brachte. Für die Nordländer und insbesondere für die Gebirgsbewohner unter unter uns hatten die wallenden, vom Dufte balsamischer Bäume und Sträucher durchtränkten Nebelmassen sogar etwas anheimelndes. Da — es war gegen 8 Uhr — erhob sich plötzlich eine von Norden her wehende leichte warme Brise, mit zauberhafter Schnelle teilten sich die Nebel, und vor uns lag im strahlenden Glanze des sieghaften Tagesgestirnes eine Landschaft, deren überwältigende Großartigkeit jeder Beschreibung spottet. Hinter uns und seitlich zu unserer Linken der wundervolle Wald, den wir erst kürzlich verlassen; unmittelbar vor uns ein sanft abfallendes Gelände, in welchem smaragdne Wiesen mit dunkeln Bananenhainen und kleinen Flecken wogender Saat abwechselten. Der Boden überall mit leuchtenden Blumen bedeckt, deren süßen Duft uns die laue Brise in berauschender Fülle entgegentrieb; kleine Gruppen hoher Palmen, einzelne riesenhaft sich ausbreitende Feigen, Platanen, Sykomoren da und dort zerstreut, und all das belebt von zahlreichen Herden des verschiedensten Wildes. Hier tummelt sich übermütig eine Schar von Zebras, dort weiden ruhig einige Giraffen zwischen zierlichen Antilopen; links jagen sich grunzend zwei ungeschlachte Nashörner, ein Rudel von 20 Elefanten zieht einige tausend Meter von uns dem Walde zu, und in noch größerer Ferne trottet eine nach Hunderten zählende Herde Büffel dem gleichen Ziele entgegen.
Unabsehbar dehnt sich dieses herrliche Land nach Ost und Südost, durchschnitten von einem breiten Silberbande, dem Guaso Amboni, der etwa 8 Kilometer vor uns und vielleicht 100 Meter tiefer gelegen als unser Standplatz, seine Fluten nach Osten trägt und soweit wir es übersehen können, mindestens ein Dutzend von Quellbächen von beiden Seiten der ihn einfassenden Abdachung aufnimmt. Die von der Südseite — auf welcher wir uns befinden — entsprungen aus dem Kikujawalde, sind die kleineren; die von der Nordseite sind unvergleichlich wasserreicher und mächtiger, denn ihr Quellland ist der Kenia. Und dieser Riese unter den Bergen Afrikas, dessen Massiv ein Areale von reichlich 2000 Quadratkilometern deckt, und dessen Gipfel nahezu 6000 Meter hoch gen Himmel ragt, zeigt sich jetzt zum ersten Male unseren trunkenen Blicken, ein trotz der Entfernung von gut 80 Kilometern in der Luftlinie sich vom tiefdunkeln Firmament scharf abhebendes riesiges Eisfeld und darüber hinausragend zwei krystallklare Spitzen.
Selbst unsere Suahelis, die sonst Naturschönheiten gegenüber stumpf sind, brechen bei diesem Anblicke in betäubendes Jubelgeschrei aus; wir Weißen aber stehen in Entzücken versunken, drücken uns stumm die Hände und gar Mancher wischt verstohlen eine Thräne aus dem Auge. Das Land der Verheißung liegt vor uns, schöner, herrlicher, als wir zu träumen gewagt, die Wiege einer beglückenden Zukunft für uns und, wenn unser Hoffen und Wollen nicht eitel ist, noch für die spätesten Geschlechter.
Von da ab war’s, als ob unsere Füße und die unserer Tiere Flügel bekommen hätten. Die reine, erquickende Luft dieses schönen Tafellandes, erfrischt durch die vom Kenia kommenden Winde, der angenehme Weg auf weichem kurzem Grase und die vortreffliche leichte Verpflegung ermöglichten uns bisher unerreichte Marschleistungen. Am Abend des 27. überschritten wir die Ostgrenze von Kikuja, wo wir uns reichlich verproviantieren mußten, weil von da ab gänzlich unbewohntes Gebiet begann, durchstreift bloß von wandernden Andorobo. Das Land glich, so weit das Auge reichte, einem Garten, aber der Mensch hatte noch nicht Besitz ergriffen von diesem Paradiese. Den 28. und die größere Hälfte des 29. zogen wir dahin durch blumige Wiesen und malerische Wäldchen, über murmelnde Bäche und ansehnliche Flüsse; aber Giraffen, Elefanten, Nashörner, Büffel, Zebras, Antilopen und Strauße, an den Flußufern Nilpferde und Flamingos waren die einzigen lebenden Wesen, denen wir begegneten. Die meisten dieser Tiere waren so wenig scheu, daß sie unserem Zuge kaum auswichen, ja einige übermütige Zebras begleiteten uns unter Kapriolen und herausforderndem Gewieher eine Strecke weit. Am Nachmittag des 29. betraten wir den gewaltigen, in unabsehbarer Linie vor uns sich dehnenden Hochwald, durch dessen dichtes Unterholz die Axt unserer Pioniere uns Bahn hauen mußte. Das Terrain, schon seit zwei Tagen, seitdem wir nämlich den Amboni überschritten hatten, allmählich ansteigend, wurde jetzt steiler; wir waren am Fuße der Keniaberge angelangt. Die Waldzone erwies sich jedoch als ein bloßer Gürtel von verhältnismäßig geringer Breite, jenseits dessen wir schon am Vormittag des 30. wieder offenes welliges Vorland betraten. Als wir den Rücken einer der vor uns gelagerten Erhöhungen erreicht hatten, lag vor uns, fast mit Händen zu greifen, der Kenia in der ganzen eisigen Pracht seiner Gletscherwelt.
Wir waren am Ziele!
5. Kapitel.
Am Morgen nach unserer Ankunft am Kenia war meine erste Sorge — denn von da ab überging die Leitung der Expedition in meine Hände — das ausführliche, die bisherigen Ereignisse schildernde Tagebuch und einen kurzen Schlußbericht an unsere Freunde in Europa zu expedieren. Ich erklärte in diesem Berichte, daß wir dafür einstehen könnten, bis zur nächsten Ernte, d. i. also nach afrikanischem Kalender bis Ende Oktober dieses Jahres, alles zum Empfange von vielen Tausenden unserer Brüder vorbereitet zu haben; ebenso könnten wir versprechen, von Mombas zum Kenia einen für langsam fahrendes Fuhrwerk vollkommen geeigneten Weg bis längstens Ende September fertig zu stellen und Zugochsen in genügender Zahl herbeizuschaffen. Ich forderte die Gesellschaftsleitung auf, ihrerseits den rechtzeitigen Bau geeigneter und genügender Wagen zu veranlassen und machte mich anheischig, jede beliebige, uns rechtzeitig angekündete Zahl einwandernder Mitglieder, vom 1. Oktober angefangen, gefahrlos und so bequem, als angesichts der gebotenen Transportmittel nur immer möglich, in die neue Heimat zu befördern. Zum Schlusse bat ich um sofortige Nachsendung einiger hundert Zentner verschiedener Waren in Begleitung einer neuen Schar kräftiger junger Mitglieder.