Die zwei Kuriere mit dieser Depesche — die Kuriere hatten nämlich überall zu zweien zu reisen — ritten am 1. Juli vor Morgengrauen ab; pünktlich am 10. Juli war die Depesche in Mombas, am 11. in Zanzibar, am selben Tage noch hatte der Ausschuß meinen ihm von Zanzibar telegraphisch durch unseren Bevollmächtigten weiterbeförderten Bericht in Händen, während er das per Postschiff gehende Tagebuch allerdings erst zwanzig Tage später erhielt; noch am Abend des gleichen Tages war die Rückantwort in Zanzibar und am 22. Juli schon konnte ich dieselbe den gleich mir über dieses erste Lebenszeichen von den fernen Freunden seltsam bewegten Brüdern vorlesen. Sie war sehr kurz: „Dank für hocherfreuliche Nachricht; Mitgliederzahl derzeit 10000 überschritten; Wagen für je 10 Personen und 20 Zentner Last nach Bedarf bestellt; werden von Ende September ab successive in Mombas eintreffen; 260 Reiter mit 300 Tragtieren und 800 Zentner Waren gehen Ende Juli ab. Bitten um möglichst häufige Nachricht.“ Letzterem Wunsche war inzwischen meinerseits schon entsprochen worden, denn nicht weniger als fünf fernere Depeschen hatte ich zwischen dem 6. und 21. Juli expediert. Was dieselben enthielten, wird sich am besten aus dem weiteren Laufe der Erzählung über unsere Erlebnisse und Arbeiten ergeben. Und zwar sind von da ab zweierlei Vorgänge zu unterscheiden: Kulturarbeiten zur Installierung der neuen Heimat am Kenia, und Vorkehrungen behufs Sicherstellung und Erleichterung des Verkehrs mit der Küste.
Unser Lager hatten wir am Abend des letzten Juni am Ufer eines ansehnlichen Flusses aufgeschlagen, des wasserreichsten, den wir bisher getroffen. Die Breite desselben betrug 30 bis 40 Meter, seine Tiefe schwankte zwischen 1 und 3 Metern. Seine Fluten waren klar und kühl, sein Gefäll jedoch ein auffallend mäßiges. Er durchströmte von Nordwest nach Südost ein muldenartig sanft eingebuchtetes Plateau von nahezu 30 Kilometer Länge, welches sich halbmondförmig an die Vorberge des Kenia schmiegte; dessen größte Breite in der Mitte betrug 14 Kilometer, während es sich am Westende bis auf 1½, am Ostende bis auf 4 Kilometer verengte. Diese etwa 260 Quadratkilometer bedeckende Mulde war durchweg saftiges Grasland, bestanden von zahlreichen kleinen Palmen-, Bananen- und Sykomorenhainen. Begrenzt war dieselbe im Süden von den grasbedeckten Hügeln, die wir überschritten hatten, im Westen von schroffen Felswänden, im Norden teils von dunkeln Waldbergen, teils gleichfalls von kahlen, himmelanstrebenden Felsen, welche die Aussicht nach dem hinter ihnen liegenden Kenia-Massiv benahmen; im Osten zeigte sich zwischen den Hügeln des Südens und den Felsen des Nordrandes eine Lücke, durch welche der Fluß seinen Abzug fand, und zwar, wie von dorther trotz der großen Entfernung herübertönendes Donnern und Brausen anzeigte, in Form eines mächtigen Wasserfalls, der sich als ein solcher von 95 Metern Fallhöhe ergab. Seinen westlichen Eintritt in das Plateau fand dieser Fluß, der sich späterhin als der Oberlauf des an der Wituküste in den indischen Ozean mündenden Dana erwies, durch ein enges Felsenthor, durch welches wir vorerst nicht weiter vorzudringen vermochten. Vom Norden her, den Abhängen der Keniavorberge entlang, eilten dem Dana vier größere und zahlreiche kleinere Bäche zu, die während ihres Laufes über die Felsenschroffen eine Menge mehr oder minder malerischer Kaskaden bildeten. Die Seehöhe dieses, einem großen Tierparke gleichenden Plateaus war, an seinem tiefsten Punkte, dem Spiegel des Flusses gemessen, 1740 Meter.
Noch während wir uns mit der näheren Untersuchung dieser Hochebene beschäftigten, sandte ich mehrere Expeditionen aus mit der Aufgabe, möglichst tief in das Keniagebirge einzudringen, um von beherrschenden Höhen aus genauen Einblick in die Gestaltung und Beschaffenheit des vor uns liegenden Gebietes zu erlangen. Denn so ausnehmend uns allen auch die Landschaft gefiel, in deren Mitte wir lagerten, so wollte ich mich doch nicht entschließen, den Grundstein zu unserer ersten Ansiedelung zu legen, bevor ich zum mindesten oberflächlichen Überblick über das Gesamtgebiet des Kenia gewonnen hätte. Die Auskünfte, die uns diesbezüglich Sakemba erteilen konnte, erwiesen sich als dürftig und ungenügend. Wir waren daher sehr erfreut, als sich acht Eingeborene, die wir als Andorobo erkannten, vor unserem Lager zeigten. Sie hatten in der vorigen Nacht unsere Lagerfeuer bemerkt und wollten nun sehen, wer wir seien. Sakemba, die ihnen entgegenging, machte sie rasch zutraulich und nun hatten wir ortskundige Führer, wie wir sie nur wünschen konnten. Was wir zunächst von ihnen verlangten, war ihnen mit Hilfe Sakembas bald begreiflich gemacht, acht verschiedene Expeditionen unter Führung je eines Andorobo zogen aus und kehrten — die erste schon am Abend des nächsten Tages, die letzte erst nach Verlauf von sieben Tagen, mit ziemlich erschöpfenden Berichten zurück.
Dem Gipfel des Kenia war keine auch nur nahe gekommen. Dagegen hatten sie von verschiedenen leichter zugänglichen Punkten des Hauptstockes, zum Teil aus Höhen von nahezu 5000 Metern, großartige Rundsichten erlangt. Danach war die offenste, für Viehzucht und Ackerbau günstigste Seite des Kenia gerade diejenige, von welcher wir uns genaht hatten. Auch im Osten und Norden dehnte sich anscheinend sehr fruchtbares Vorland, doch war dasselbe im Osten recht monoton, ohne jene nicht bloß malerische, sondern auch mannigfache praktische Vorteile bietende Abwechselung von offenem Land und Wald, Hügel und Ebene, die wir im Süden getroffen; das Land im Norden hinwieder schien zu feucht; im Westen dehnten sich endlose, nur von wenig offenem Land unterbrochene Wälder. All das konnte späterhin ohne Zweifel in üppiges Kulturland umgewandelt werden; vorläufig aber war selbstverständlich bereits kulturfähiger Boden vorzuziehen. Das Innere der Gebirgswelt vor uns erfüllten hohe Waldberge und Felsen, durchkreuzt von zahllosen Thälern und Schluchten. Diese Vorberge treten von allen Seiten nahe an das schroff emporsteigende Hauptmassiv des Kenia heran; nur im Südwesten, etwa fünf Kilometer entfernt vom Westende unseres Plateaus, treten die Vorberge zurück, den Raum freilassend für eine ausgedehnte offene Thalmulde, in deren Mitte auch ein See sich befindet, dessen Abfluß der Dana ist. Den Flächeninhalt dieses Thales schätzten unsere Kundschafter auf ungefähr 150 Quadratkilometer und alle stimmten darin überein, daß es sehr fruchtbar und seiner Lage nach ein wahres Wunder an Schönheit wäre. Zugänglich aber sei dieses Thal am besten durch die Schlucht, aus welcher der Dana hervorbreche, nur müsse dieselbe, so lange geeignete Wasserfahrzeuge fehlen, nicht unmittelbar von unserem Plateau aus, sondern auf dem Umwege über ein südlich einmündendes kleines Seitenthal betreten werden.
Diese Nachricht empfing ich am 3. Juli. Am nächsten Tage schon war ich, ohne die Rückkehr zweier noch fehlender Expeditionen abzuwarten, unterwegs nach diesem vielgepriesenen Seethale. Der bezeichnete und in der That sehr praktikabel sich erweisende Weg führte von unserem Lagerplatze zunächst an das Westende des Plateaus, dann südlich ausbiegend und einen kleinen felsigen Waldberg umgehend, zu einem nach Nordosten ziehenden engen Thale, welches seinerseits in die vom Dana durchflossene Schlucht mündete, die jedoch hier weder so eng, noch so ungangbar war, wie beim Austritte in die Hochebene. Diese Schlucht aufwärts verfolgend, standen wir nach einer Stunde plötzlich inmitten des gesuchten Thales.
Der Anblick, der sich uns hier bot, war geradezu unbeschreiblich. Man denke sich ein 18 Kilometer langes, an seiner breitesten Stelle 12 Kilometer messendes, mit beinahe geometrischer Regelmäßigkeit aufgebautes Amphitheater, dessen Halbkreis durch einen Kranz sanft aufsteigender, 100 bis 150 Meter hoher Waldhügel, dessen Grundlinie dagegen durch die jäh und schroff sich emportürmenden Felswände des Kenia gebildet wird, von deren Höhe, die Wolken überragend, die schneeigen Firnen herniederleuchten. Den Boden dieses majestätischen Amphitheaters deckt auf der einen, dem Kenia zugewandten Seite, ein tiefblauer, klarer See, zur anderen ein blumiges Park- und Wiesenland. Das Publikum, welches diese Arena füllt, sind zahllose Elefanten, Giraffen, Zebras, Antilopen; und das Stück, welches in demselben zur Aufführung gelangt, betitelt sich: Die Kaskaden des Keniagletschers. Hoch oben, in unerreichbarer Höhe, entspringen unter dem Kuß der glühenden Sonne zahllose Wasseradern den bläulich und grünlich strahlenden Eisklüften; schäumend und funkelnd, bald zerstäubt in alle Farben des Regenbogens, bald vereint in weißlichem Glaste, eilen sie hernieder, stets kräftiger anwachsend, stets unbändiger tobend, bis endlich der gesamte Schwall sich vereinigt zu einem mächtigen Flusse, der nun mit donnerndem Tosen, das bei günstiger Windrichtung selbst da unten, in einer Entfernung von gut 10 Kilometern, deutlich zu hören ist, seiner Gletscherheimat enteilt und den Felsschroffen zustürmt; dort angelangt aber stürzt die ganze kolossale Wassermasse, dieselbe, die wenige Kilometer weiter den Dana bildet, 500 Meter tief jäh herab, in Atome zerstäubend, zu einer Regenbogenwolke umgestaltet. Der Fluß ist urplötzlich in den Lüften verschwunden, vergebens sucht dein Auge die Fortsetzung seines Laufes auf den schwarz gleißenden Klippen; erst 500 Meter weiter unten sammeln sich die fallenden Nebelmassen wieder zu fließendem Wasser, um von da ab in kleineren Absätzen dumpf brausend und grollend dem See auf gewundenen Umwegen zuzueilen.
In sprachloses Entzücken versunken standen wir lange vor diesem Naturwunder sonder gleichen, dessen unsägliche Majestät und Schönheit Worte nicht schildern können. Gierig sog das Auge die Flut von Licht und Farbenglanz, gierig das Ohr den aus märchenhafter Höhe herabklingenden Ton der Wässer, gierig die Brust das duftgeschwängerte Labsal ein, welches als Atmosphäre dieses Zauberthal durchfächelt. Zuerst fand das Weib in unserer Mitte, Ellen Fox, wieder Worte. Einer verzückten Seherin gleich hatte sie lange dem Spiel der Wässer zugeschaut; da rief sie plötzlich, als ein stärkerer Windhauch den Nebelschleier des Wasserfalles, der soeben noch einen schillernden, schwertähnlich geschwungenen Streifen gebildet hatte, vollends verwehte: „Seht hin, das Flammenschwert des Erzengels, welches den Eingang zum Paradiese bewacht hat, ist bei unserem Erscheinen zerstäubt; „Eden“ laßt uns diesen Ort nennen!“
Daß dieses Thal — der Name Eden wurde für dasselbe einhellig acceptiert — unser zukünftiger Wohnort sein müsse, stand bei uns allen sofort fest. Eine nähere Untersuchung desselben ergab, daß dessen Gesamtfläche 160 Quadratkilometer betrug. Davon entfallen auf den, in Form einer langgestreckten Ellipse unter dem Keniaabhange sich ausdehnenden See 35, auf den die Höhen umsäumenden Wald 40 Kilometer; 95 Kilometer sind offenes Parkland, welches den See bis auf einige Stellen, wo die Keniafelsen unmittelbar in ihn abfallen, rings umgiebt, im Nordosten, dem Kenia zu, in schmalen Streifen, auf den anderen drei Seiten in einer Breite von 1 bis 7 Kilometern. Der den Abfluß des Keniagletschers bildende Dana mündet am Nordwestende des Sees in diesen und verläßt ihn am Südostende. Seine Wasser, schon vor ihrem Eintritt in den See nicht so kalt, als man nach ihrem Ursprunge unmittelbar aus dem Gletscher da oben vermuten sollte, erwärmen sich hier mit merkwürdiger Raschheit; die Temperatur des Sees erreicht an heißen Tagen bis zu 24 Grad Celsius. Außer dem Dana münden in den Edensee noch mehrere Quellen, die teils den Keniaklippen, teils den Abhängen der seitlich und gegenüber gelagerten Berge entspringen. Wir zählten deren nicht weniger als elf, darunter eine heiße, deren Temperatur 52 Grad Celsius betrug.
Daß wir in den vier Tagen bis zur Entdeckung von Edenthal nicht müßig gewesen, versteht sich von selbst. Zunächst hatten sich schon am 1. Juli, wenige Stunden nach den mit den ersten Depeschen entsandten Kurieren, die zur Herstellung geregelter Verbindung mit Mombas bestimmten Expeditionen auf den Weg gemacht. Es waren deren zwei; die eine unter Leitung Demestres’ und dreier anderer Ingenieure, sollte die Straße bauen, die andere unter Leitung Johnstons, das erforderliche Zugvieh — dessen Menge einstweilen auf 5000 Stück Ochsen präliminiert war — auftreiben und die Verproviantierung längs der ganzen Wegstrecke sicherstellen. Ersterer wurden 20 unserer Mitglieder und 200 unserer Suahelileute nebst einem Train von 50 Tragtieren mitgegeben; Johnston bekam bloß 10 der Unseren, 20 Tragtiere und 10 Schäferhunde mit. Wie diese Expeditionen ihre Aufgabe lösten, davon später.
Bei mir am Kenia blieben, da ich bis nun insgesamt 53 der Unseren, 200 Suahelis und 131 Reit- und Tragtiere entsendet hatte, von letzteren überdies auf dem Marsche 9 zugrunde gegangen waren, 149 Weiße, 80 Suahelis und 475 Tiere — die Hunde und Elefanten ungerechnet. Außerdem waren uns aber einige hundert Wakikuja gefolgt, die sich bereitwilligst zu beliebigen Dienstleistungen erboten. Von diesen behielt ich 150 der anstelligsten zurück, die anderen sandte ich — begleitet von fünf der Unserigen — noch am 1. Juli in ihre Heimat, mit dem Auftrage, 300 kräftige Zugochsen, 150 Kühe, 400 Schlachtochsen und einige tausend Zentner verschiedener Sämereien und Nahrungsmittel einzukaufen und successive an den Kenia zu befördern. Nachdem ich dies erledigt, verteilte und übergab ich die mannigfaltigen Arbeiten, die uns nun zunächst zu beschäftigen hatten, sachverständigen Händen. Einer unserer Techniker erhielt die Feldschmiede und Schlosserei, ein anderer die Sägemühle zugewiesen — dazu selbstverständlich die entsprechenden Arbeitskräfte; zum Holzfällen war eine besondere Sektion bestimmt, eine andere sollte die landwirtschaftlichen Geräte in Stand setzen und ergänzen. Einer der am Kenia zurückgebliebenen Ingenieure hatte mit 100 Schwarzen die Herstellung geeigneter Kommunikationen in dem zu besiedelnden Gebiete, insbesondere den Bau von Brücken über den Dana zu bewerkstelligen.