Auch dieser Antrag wurde debattelos einstimmig angenommen und sofort zur Ausführung gebracht. Den sämtlichen Beitragleistenden wurden die eingezahlten Beträge zurückerstattet, resp. in den Büchern der Centralbank gutgeschrieben, wo sie nach Gefallen über dieselben verfügen mochten.
Damit aber kann auch die zweite Epoche der Geschichte von Freiland als abgeschlossen betrachtet werden. Die Gründung des Gemeinwesens — die erste Epoche ausfüllend — vollzog sich gänzlich durch freiwillige Opfer einzelner seiner Mitglieder; in der zweiten Periode war diese Hülfeleistung, wenn auch nicht mehr durchaus notwendig, doch ein nützliches und wirksames Beförderungsmittel des raschen Wachstums gewesen; von jetzt ab wies die zu einem Riesen erstarkte freie Gemeinschaft jeden wie immer gearteten, nicht aus ihren regelmäßigen Hülfsquellen geschöpften Beistand ab, und die einst empfangene Unterstützung tausendfach vergeltend, war nun sie es, auf deren stets unerschöpflicher fließende Mittel Not und Elend, sie mochten sich in welchem Teile der bewohnten Erde immer zeigen, mit Sicherheit zählen durften.
Drittes Buch.
13. Kapitel.
Abermals sind zwanzig Jahre verflossen, fünfundzwanzig Jahre, seitdem unsere Pfadfinder den Kenia erreichten. Die Prinzipien, nach denen sich Freiland regiert und verwaltet, sind die gleichen geblieben und auch der Erfolg hat nicht gewechselt, nur daß das Wachstum von geistiger und materieller Kultur, von Einwohnerzahl und Reichtum sich in unablässig steigender Progression bewegte. Die Einwanderung, vermittelt durch 54 der größten Ozeandampfer von zusammen 495000 Registertonnen, hatte im letzten Jahre die Ziffer von 1152000 Köpfen erreicht. Um diesen, aus allen Weltteilen anlangenden Zuzug an den afrikanischen Küsten aufzunehmen und mit möglichster Beschleunigung in das Herz des Kontinents zu befördern, war das Eisenbahnnetz von Freiland an vier verschiedenen Punkten bis an den Ozean, resp. bis an die zum Ozean führenden fremden Anschlußbahnen vorgedrungen. Der eine dieser Schienenstränge ist der noch in der vorigen Epoche vollendete von Edenthal nach Mombas; diesem folgte vier Jahre später, nachdem die Pacifizierung der Gallasstämme gelungen war, die Eisenbahn im Danathale an die Wituküste; nach neun ferneren Jahren war ein — gleich allen freiländischen Hauptbahnen zweigeleisiger — Schienenstrang längs des ganzen Nilthales, vom Ukerewe und Albert-Njanza über die ägyptischen Äquatorialprovinzen, Dongola, den Sudan und Nubien bis zum Anschlusse an das ägyptische Bahnnetz fertig und solcherart die Verbindung der Mittelmeerküste mit Freiland bewerkstelligt; im Vorjahre endlich war der letzte Spatenstich der großen äquatorialen „Transversalbahn“ gemacht worden, die von Uganda am Ukerewe ausgehend und den Nil bei dessen Austritt aus dem Albert-Njanza überbrückend, von hier den Aruwhimi und Kongo entlang den atlantischen Ozean erreichte. Wir besaßen also zwei direkte Schienenverbindungen mit dem indischen und je eine mit dem mittelländischen und atlantischen Meere. Die Mombaslinie war durch die weitaus kürzere Danabahn selbstverständlich in den Hintergrund gedrängt; die 580 Kilometer der letzteren durchflogen unsere Passagierzüge in 9 Stunden, während die Mombasstrecke, trotz ihrer inzwischen erfolgten Abkürzung durch die Athizweigbahn, nahezu die doppelte Zeit erforderte. Auf der Nilbahn waren von Alexandrien bis Edenthal 6452 Kilometer zu durchmessen, deren Betrieb von Assuan — der Grenze Oberägyptens — ab in unseren Händen war; die Reise beanspruchte hier — wegen des langsameren Betriebes auf der ägyptischen Linie — 6½ Tage; trotzdem war diese Route die meistbenutzte, da sie allen über das Mittelmeer gehenden Einwanderern, also allen europäischen und den meisten amerikanischen, die Reise nahezu um zwei Wochen verkürzte. Die im Einvernehmen mit dem Kongostaate, jedoch beinahe ausschließlich auf unsere Kosten ausgebaute und durchweg in freiländischem Betrieb stehende äquatoriale Transversalbahn endlich hatte eine Länge von 4874 Kilometern und auf ihr konnte man in nicht ganz 4 Tagen von der Kongomündung in Edenthal anlangen.
Edenthal, wie überhaupt das Keniagebiet, hatten schon seit langer Zeit aufgehört, den ganzen Zuzug der Einwanderer in sich aufzunehmen. Zwar die dichteste Menge der freiländischen Bevölkerung war noch immer in den Hochgebirgslandschaften zwischen dem Ukerewe und dem indischen Ozean zu suchen, der Sitz der obersten Verwaltung war nach wie vor in Edenthal, Freiland aber hatte seither seine Grenzen nach allen Seiten, insbesondere nach Westen zu mächtig ausgedehnt. Über ganz Massailand, Kawirondo und Uganda, rings um die Ufer des Ukerewe, Mwutan-Nzige und Albert-Njanza hatten sich freiländische Ansiedler ausgebreitet, so weit gesunde, hohe Lage und fruchtbarer Boden zu finden war. Im Südosten bilden die paradiesischen Gebirgslandschaften von Teita, im Norden die Höhenzüge zwischen dem Baringo und Ukerewe und den Gallaländern, im Westen die äußersten Ausläufer der am Albertsee beginnenden Mondberge, im Süden endlich die bis zum Tanganikasee streichenden Gebirgszüge die vorläufigen Grenzen unserer Ausbreitung, ein Gesamtareal von 1½ Millionen Quadratkilometern umfassend, welches jedoch nicht überall von kompakten Massen freiländischer Bevölkerung besiedelt ist, vielmehr unsere Kolonisten an vielen Stellen zerstreut unter den Eingeborenen sitzen, dieselben überall zu höherer, freier Kultur erziehend. Die Gesamtbevölkerung des derzeit unter freiländischem Einflusse stehenden Gebietes beträgt 42 Millionen Seelen, davon 26 Millionen Weiße und 16 Millionen schwarze oder braune Eingeborene. Von ersteren wohnen 12½ Millionen im Stammlande am Kenia und Aberdaregebirge; 1½ Millionen sind im übrigen Massailand, am Nordabhange des Kilima-Ndscharo und in Teita zerstreut; die Berge westlich und nördlich vom Baringosee haben eine weiße Bevölkerung von 2 Millionen; rings um den Ukerewe sitzen 3½ Millionen, in den Bergen zwischen diesem und dem Mwutan-Nzige und Albertsee 1½ Millionen, in den Mondgebirgen westlich vom Albert-Njanza 3 Millionen und endlich südlich von diesen beiden Seen bis zum Tanganika zerstreut 2 Millionen.
Die freiländische Produktion hat sich auf nahezu alle Bedarfsartikel des Kulturmenschen ausgedehnt, der hauptsächlichste Produktionszweig aber ist die Maschinenindustrie geblieben. Sie erzeugt vornehmlich für den inländischen Gebrauch, trotzdem ihre Leistungsfähigkeit schon seit Jahren die aller Maschinenfabriken der ganzen übrigen Welt zusammengenommen sehr wesentlich übertrifft; Freiland hat eben für mehr Maschinen Verwendung, als die ganze übrige Welt zusammengenommen, denn die Arbeit seiner Maschinen ersetzt ihm die Sklaven- oder Knechtesarbeit der Anderen und da unser — die civilisierten Neger gar nicht gerechnet — 26 Millionen „Arbeitgeber“ sind, so brauchen wir sehr viel stählerne und eiserne Knechte, um unseren mit jedem Fortschritte unserer Kunstfertigkeit stetig Schritt haltenden Bedürfnissen zu genügen. Von unseren Maschinen also geht — mit Ausnahme einiger Specialitäten — verhältnismäßig wenig über unsere Grenzen; dafür arbeitet die Landwirtschaft überwiegend für den Export, ja es kann füglich behauptet werden, daß die Gesamtproduktion des freiländischen Körnerbaues für den Export verfügbar ist, da die zur Deckung des eigenen Bedarfs erforderlichen Mengen im Durchschnitt kaum so groß sind, als die auf unsere Märkte gelangenden Überschüsse der Negerproduktion. Im letzten Jahre waren 9 Millionen Hektaren Ackerland bestellt gewesen, die in zwei Ernten einen Ertrag von 2100 Millionen Zentner Körner- und sonstiger Feldfrüchte im Werte von rund 600 Millionen Pfd. Sterling ergaben. Zu diesem Getreidequantum kamen nun noch für 550 Millionen anderweitige Ausfuhrgüter, so daß der Gesamtexport 1150 Millionen Pfd. Sterling betrug. Unter den Importartikeln dagegen nimmt weitaus die erste Stelle der Posten: „Bücher und andere Drucksachen“ ein, diesen zunächst folgen Kunst- und Luxusgegenstände. Von den, anderwärts als sogenannte Massenartikel des Außenhandels anzutreffenden Waren, zeigen die freiländischen Importlisten bloß Baumwollwaren, die im Lande selbst fast gar nicht erzeugt, im Gesamtbetrage von 57 Millionen Pfd. Sterling zur Einfuhr gelangten. Der Bücherimport — Zeitungen eingeschlossen — betrug im letzten Jahre 138 Millionen Pfd. Sterling — nicht unwesentlich mehr, als im gleichen Jahre die ganze übrige Welt für Bücher ausgegeben hatte. Und dabei darf man nicht etwa glauben, daß Freiland seinen Bücherbedarf gänzlich oder auch nur zum größeren Teile vom Auslande her gedeckt hätte; mehr als zweimal so viel, als an ausländische Verleger hatten im selben Jahre die freiländischen Leser an ihre einheimischen zu bezahlen; sie lesen eben zur Zeit, bei welcher wir angelangt sind, mehr als dreimal so viel, als das ganze Lesepublikum außerhalb Freilands.
Diese Ziffern schon lassen auf die Höhe des Reichtums schließen, zu welchem Freiland gediehen. In der That, der Gesamtwert der von 7½ Millionen Produzenten im letzten Jahre hervorgebrachten Erzeugnisse hatte den Betrag von nahezu 7 Milliarden Pfd. Sterling erreicht, wovon nach Abzug von 2½ Milliarden zur Deckung der Ausgaben des Gemeinwesens, 4½ Milliarden als Gewinn der Produzenten verblieben, aus welchem im Durchschnitt 600 Pfd. Sterling auf den einzelnen Arbeiter entfielen. Und dabei hatten wir im Mittel bloß 5 Stunden täglich oder 1500 Stunden im Jahre zu arbeiten gebraucht, so daß der durchschnittliche Nettowert der Arbeitsstunde 8 Schilling erreichte, kaum weniger, als in gar manchen Teilen Europas der durchschnittliche Wochenlohn gewöhnlicher Handarbeiter.
Die Preise fast aller Bedarfsartikel in ganz Freiland sind dabei immer noch wesentlich billiger, als sonst in einem Teile der civilisierten Welt. Ein Zentner Weizen kostet durchschnittlich 6 Schilling, ein Kilogramm Rindfleisch nicht ganz ½ Schilling, ein Hektoliter Lagerbier oder leichten Weines 10 Schilling, ein kompletter Anzug aus gutem Schafwollstoff 20-30 Schilling, ein Pferd vorzüglicher arabischer Vollblutzucht 15 Pfd. Sterling, eine gute Milchkuh 2 Pfd. Sterling u. s. w. Teuer sind bloß einige vom Ausland bezogene Luxusartikel, z. B. einige Weine und alle nur durch Handarbeit produzierbaren Dinge, deren es aber äußerst wenig giebt. Letztere werden sämtlich aus dem Auslande importiert, mit welchem in Handarbeit zu konkurrieren, einem Freiländer natürlich nicht in den Sinn kommen kann. Denn obwohl die harmonisch ausgebildeten, vollkräftigen und intelligenten Arbeiter unseres Landes auch an Kraft und Geschicklichkeit ihrer Muskeln den entnervten, ausgemergelten Knechten des Abendlandes sicherlich mindestens zwei- und dreifach überlegen sind, so vermögen sie doch nicht zu konkurrieren mit einer Arbeitskraft, die fünfzig- und hundertfach wohlfeiler ist, als die ihrige. Ihre Überlegenheit beginnt erst, wo sie den ausländischen Knechten aus Menschenfleisch und Bein ihre stählernen entgegenstellen können; mit diesen arbeiten sie dann billiger noch, als jene, denn diese von Dampf, Elektrizität und Wasser in Bewegung erhaltenen Sklaven sind noch genügsamer, als die Lohnarbeiter des „freien“ Europa. Verlangen diese doch immerhin Kartoffeln zur Füllung ihres Magens und einige Lumpen zur Verhüllung ihrer Blöße, während Kohle oder ein Wasserstrahl den Hunger jener stillt und ein wenig Schmieröl hinreicht, um ihre Glieder geschmeidig zu erhalten.
Im übrigen bestätigt diese Überlegenheit Freilands im Maschinenwesen und die des Auslandes in Handarbeit bloß einen alten Erfahrungssatz, der deshalb nicht minder richtig ist, weil er der Erkenntnis der sogenannten „Kulturnationen“ noch immer entgeht. Daß nur die verhältnismäßig reichen Nationen, d. h. jene, deren Massen verhältnismäßig am besten gestellt sind, zugleich eine unter starker Verwendung von Maschinenkraft betriebene Produktion besitzen, konnte selbst dem blödesten Auge auf die Dauer unmöglich entgehen, nur erklärte man sich dieses unleugbare Phänomen umgekehrt; man glaubte, daß das englische oder amerikanische Volk deshalb menschenwürdiger existiere, als z. B. das chinesische oder russische, weil es reicher sei und daß aus dem gleichen Grunde, weil nämlich die erforderlichen Kapitalien reichlicher vorhanden seien, dort mit Maschinenkraft, hier mit menschlicher Muskelkraft gearbeitet werde. Das läßt allerdings die Hauptfrage, nämlich woher denn eigentlich diese Unterschiede des Reichtums rühren, unerledigt und schlägt anderseits den Thatsachen ganz ungeniert ins Antlitz, denn dem Chinesen oder Russen nützt alles ihm noch so freigebig und billig angebotene Kapital nichts; die Maschinenarbeit bleibt bei ihm unrentabel, so lange sich seine Lohnarbeiter mit einer Handvoll Reis oder mit halbverfaulten Kartoffeln und etwas Schnaps begnügen — aber es gehört einmal ins Kredo der orthodoxen Nationalökonomie und wird deshalb unbesehen geglaubt. Wer jedoch seine Augen nicht bloß dazu hat, um sie den Thatsachen gegenüber zu verschließen, seinen Verstand nicht bloß dazu, um einmal angenommene Vorurteile hartnäckig festzuhalten, der muß endlich begreifen, daß der Reichtum der Nationen nichts anderes ist, als ihr Besitz an Produktionsmitteln, daß dieser Reichtum groß oder gering ist, je nachdem zahlreiche und mächtige, oder wenige und kleinliche Produktionsmittel vorhanden sind und daß man viele oder geringfügige Produktionsmittel braucht, nach Maßgabe des großen oder geringen Verbrauches jener Dinge, die mittels dieser Produktionsmittel erzeugt werden sollen — also ausschließlich nach Maßgabe des großen oder geringen Konsums. Wo man wenig gebraucht, kann man wenig erzeugen, kann also auch wenig Instrumente der Erzeugung besitzen, muß also arm bleiben.