Dagegen gab dieser Beschluß den Anstoß zu einem ganz merkwürdigen Versuche, die damit eingeräumte vollkommene Freiheit der Kreditgewährung zu einer großartigen gegen das Gemeinwesen gerichteten Schwindelei zu mißbrauchen. In Amerika hatte sich ein Konsortium unternehmender „Geschäftsleute“ gebildet, eigens zu dem Zwecke, die Vertrauensseligkeit von uns „dummen Freiländern“ gehörig auszubeuten, und zwar in der Weise, daß unserer Zentralbank unter der Maske einer zu solchem Behufe zu gründenden beliebigen Association, eine möglichst große Summe entlockt werden sollte. 46 der geriebensten und skrupellosesten Yankees vereinigten sich zu diesem Feldzuge gegen unsere Taschen; wie sie es anstellten und was sie dabei erreichten, entnehmen wir am einfachsten der nachträglich zum Besten gegebenen Erzählung ihres damaligen Anführers, gegenwärtig ehrsamen Werkmeisters in der großen Salzsiederei am Nakuro-See:
„Wir waren also in Edenthal angelangt und beschlossen fürs erste, das Terrain genau zu sondieren, ehe wir an die Ausführung unseres Geschäftes schritten. Dabei bemerkten wir sofort zu unserer großen Genugthuung, daß Mißtrauen der Freiländer uns wenig zu schaffen machen werde. Das Gasthaus, in welchem wir abgestiegen, gab Alles auf Kredit, ohne daß man uns auch nur fragte, wer wir seien. Als ich dem Wirt gegenüber in väterlichem Tone bemerkte, solch unterschiedsloser Pump für jeden Hergelaufenen sei doch großer Leichtsinn, lachte mir der Wirt, will sagen der Direktor der Edenthaler Hotel-Association, ins Gesicht und meinte zuversichtlich, hier brenne Niemand durch, wer da sei, denke nicht daran, Freiland wieder zu verlassen. „Schon gut“, dachte ich mir; fragte aber weiter, was die Hotel-Gesellschaft mache, wenn ein Gast nicht zahlen könne? „Unsinn“, sagte der Direktor, „hier kann jeder zahlen, sowie er zu arbeiten anfängt“. „Und wenn er nicht arbeiten kann?“ „Dann erhält er Unterstützung vom Gemeinwesen.“ „Und wenn er nicht arbeiten will?“ Da klopfte mir der Mann lächelnd auf die Schulter und meinte: „Nichtwollen hält bei uns nicht lange vor, verlaßt Euch darauf. Übrigens, wenn Einer durchaus mit gesunden Gliedern faullenzen will — Bett und gedeckten Tisch findet er bei uns trotzdem allezeit. Macht Euch also wegen Berichtigung der Zeche in keinem Fall Sorge; Ihr werdet zahlen wann Ihr könnt und wollt.“
„Machte auf uns einen ganz curiosen Eindruck, dieser Direktor; wir sagten aber nichts, sondern beschlossen, den Freiländern weiter auf den Zahn zu fühlen. Wir kamen in die große Warenhalle und versuchten Kleider, Wäsche u. dgl. auf Borg zu nehmen. Es ging vortrefflich. Die Verkäufer — es waren, wie sich herausstellte, Kommis der Anstalt — verlangten zwar eine Zahlungsanweisung an die Centralbank, als wir jedoch entgegneten, daß wir dort noch kein Konto besäßen, meinten sie, das thäte auch nichts; sie begnügten sich einstweilen mit schriftlicher Bestätigung der Kaufsumme, welche die Bank ihnen seinerzeit, wenn wir unser Konto hätten, schon gutschreiben werde. So ging’s überall. Mackay oder Gould kann in New-York nicht bereitwilliger Kredit finden, als wir in Edenthal fanden.
„Nach einigen Tagen schon schritten wir an unsere „Gründung“. Mißtrauen war, wie gesagt, fürs erste nicht zu besorgen, unangenehm blieb aber trotzdem, daß die freiländischen Einrichtungen die Öffentlichkeit aller auf Geschäfte bezüglichen Akte, Daten und Umstände verlangen. Wir wußten zwar, daß von Polizei oder Gerichten nichts zu befürchten sei; was aber wollten wir thun, wenn das freiländische Publikum der vorgeschützten Gründung Geschmack abgewinnt und unserer Association beizutreten wünscht? Wir konnten natürlich Kompagnons nicht brauchen, sondern mußten hübsch unter uns bleiben, sonst war unser ganzer Plan ins Wasser gefallen. Wir forschten überall, ob es kein Mittel gäbe, die Zahl der Teilnehmer zu begrenzen, hatten über diesen Gegenstand eingehende Besprechungen mit gutunterrichteten Freiländern, beklagten uns über das himmelschreiende Unrecht, daß wir gezwungen sein sollten, den Nutzen der ausgezeichneten „Idee“, die wir gefaßt, hier mit aller Welt zu teilen, unsere Geschäftsgeheimnisse preiszugeben u. s. w.; es half aber alles nichts. Die Freiländer blieben in diesem Punkte verstockt und meinten, Niemand zwinge uns, unsere Geheimnisse preiszugeben, wenn wir selbe aus eigenen Kräften fruktifizieren wollten; wenn wir aber hierzu freiländischen Boden und freiländisches Kapital brauchten, so müsse selbstverständlich ganz Freiland wissen, worum es sich handelt. „Und wenn unser Geschäft nur eine kleine Anzahl von Arbeitern brauchen kann, wenn z. B. die Ware, die wir fabrizieren wollen, zwar großen Gewinn abwirft, aber doch nur beschränkten Absatz hat, müssen wir auch dann alle Welt beitreten lassen? „In diesem Fall“ — so war die Antwort — werden freiländische Arbeiter nicht so dumm sein, sich Euch massenhaft aufzudrängen.“ „Schön!“ rief ich mit verbissenem Zorn, „wenn aber doch mehr beitreten, als wir gerade brauchen können?“ Doch auch darauf wußten die Leute eine Antwort; dann, so meinten sie, würden die zuviel Beigetretenen eben nachträglich austreten, oder wenn sie partout dabei blieben, so müßten wir alle die Arbeitszeit etwas einschränken, etwa einen Turnus einführen, oder dergleichen; an Gelegenheit, unsere dadurch frei werdende Zeit nützlich anderweitig zu verwerten, fehle es in Freiland nirgend.
„Was ließ sich da machen? Wir mußten unser Plänchen so einkleiden, daß den freiländischen Arbeitern ganz von selbst die Lust verginge, sich zu beteiligen. Aber auch allzu plump durfte anderseits die Sache nicht gemacht werden, sonst witterten die Leute am Ende doch Unrat, oder beteiligten sich vielleicht gar aus purer Menschenliebe, um unserer Thorheit mit gutem Rat zu Hilfe zu kommen. Schließlich einigten wir uns dahin, eine Nähnadelfabrik zu errichten; eine solche war nach der ganzen Geschäftslage offenbar unrentabel, der Plan klang aber doch nicht allzu abenteuerlich, um uns Neugierige an den Hals zu ziehen. Wir konstituierten uns also und hatten in der That die Genugthuung, vorläufig außer zwei Dummköpfen, welche die Nähnadelfabrikation aus irgend einem Grunde für ein gutes Geschäft halten mochten, und mit denen fertig zu werden, nicht allzu schwer fallen konnte, keine Genossen zu erhalten. Jetzt handelte es sich um die Festsetzung des Gründungskapitals, will sagen um die Höhe des bei der Centralbank zu fordernden Kredits. Natürlich hätten wir am liebsten gleich eine Million Pfd. Sterling verlangt; das ging aber nicht, da wir, wie gesagt, angeben mußten, wozu wir das Geld brauchten und eine Nähnadelfabrik für 48 Arbeiter doch unmöglich so viel verschlingen durfte, ohne uns sofort eine ganze Legion von Untersuchungsrichtern in Gestalt beitretender Arbeiter auf den Nacken zu setzen. Wir beschränkten uns also notgedrungen auf 130000 Pfd. Sterling, was zwar auch einiges Aufsehen erregte, von uns aber damit motiviert wurde, daß die neuartigen Maschinen, die wir anzuwenden gedächten, sehr teuer wären.
„Jetzt kam aber die Hauptsorge; wie sollten diese 130000 Pfd. Sterling oder doch der größte Teil derselben in unsere Taschen geleitet werden? Mich hatten unsere Jungens zum Direktor der „ersten Edenthaler Nähnadel-Fabriks-Association“ gewählt und als solcher begab ich mich anderntags zu der Bank, um uns dort unser Konto eröffnen zu lassen und gleichzeitig alle erforderlichen Informationen einzuholen. Der Kassierer versicherte mir zwar auf Befragen, daß alle von mir angewiesenen Auszahlungen ohne weiteres durchgeführt werden sollten, als ich aber daraufhin um ein „kleines Akonto“ von einigen tausend Pfunden bat, fragte er mich verwundert, was es damit solle. „Je nun, wir müssen doch gewisse kleine Zahlungen leisten.“ — „Unnötig“, war die Antwort, „alle Zahlungen werden hier bei der Bank ausgeglichen.“ — „Ja, aber wovon soll denn ich mit meinen Leuten inzwischen, bis die Nähnadelfabrik zu arbeiten anfängt, leben?“ fragte ich gereizt. „Nun, von Ihrer Arbeit bei anderen Unternehmungen, oder von Ihren Ersparnissen, wenn sie welche haben. Auch an Kredit wird es Ihnen nirgend fehlen — wir aber, die Centralbank — geben bloß Produktivkredite; was Sie verzehren, können wir Ihnen nicht vorstrecken.“
„Da standen wir nun mit unserem Kredite von 130000 Pfd. Sterling und fingen an zu begreifen, daß derselbe doch nicht so leicht davonzutragen sei. Allerdings konnten wir bauen lassen und bestellen, so viel und was wir wollten. Was hatten wir aber davon, Geld auf unnütze Dinge auszugeben?
„Das ärgerlichste war, daß wir ehrlich zu arbeiten beginnen mußten, wollten wir das allgemeine Mißtrauen nicht doch schließlich gegen uns erwecken, und so traten wir denn verschiedenen Unternehmungen bei. Überwunden aber wollten wir uns noch immer nicht geben und nach reiflichem Nachdenken fiel mir folgendes als die allein mögliche Methode des von uns geplanten Schwindels ein. Die Centralbank vermittelt zwar alle Käufe und Verkäufe, hindert aber, wie ich bald herausbekam, den Käufer oder Besteller nicht im geringsten in der Wahl der ihm passend erscheinenden Güter. Wir hatten also das Recht, für unsere Nähnadelfabrik Maschinen in Europa oder Amerika bei beliebigen Fabrikanten zu bestellen, für welche dann die Centralbank Zahlung leisten würde. Wir mußten also bloß mit einer geeigneten europäischen oder amerikanischen Schwindelfirma in Verbindung treten und den zu erzielenden Nutzen mit dieser teilen, um schließlich doch eine recht ansehnliche Beute wegtragen zu können.
„Aber zugleich mit diesem Auskunftsmittel fiel mir auch ein, wie grenzenlos dumm es wäre, von demselben Gebrauch zu machen. Sehr viel, das leuchtete mir ein, war mit demselben nicht zu gewinnen; aber selbst wenn es möglich gewesen wäre, für jeden Einzelnen von uns ein Vermögen herauszuschwindeln, hatte ich doch die Lust verloren, Freiland wieder zu verlassen. Die Rechnung stand für alle Fälle zu ungleich. Ich war in ehrlicher Arbeit ein Neuling und sonderliche Anstrengungen sagten meinem damaligen Geschmack nicht zu; trotzdem hatte ich es auf einen Tagesverdienst von 12 Shillingen gebracht, das sind 180 Pfd. Sterling im Jahr, mit denen sich hier mindestens so gut leben ließ, wie mit dem Doppelten in Amerika oder England; selbst wenn ich in der bisherigen Weise, gleichsam bloß, um mir die Langeweile zu kürzen, fortarbeitete, mußte sich dieses Einkommen sehr bald steigern, ich konnte hier schlimmstenfalls ein Leben führen, wie da draußen im Besitze einer Jahresrente von 400-500 Pfd. Sterling; auch nur annähernd so viel zu stehlen, war nun nicht die geringste Aussicht vorhanden. Doch wenn auch! Ich wäre doch nicht weggegangen. Erstlich weil es mir hier zu gut gefiel; der Umgang gleich und gleich mit anständigen Menschen hat etwas Lockendes selbst für Spitzbuben, wie ich damals einer war. Und dann — es kam mir damals komisch vor — begann ich mich meines Gaunertums zu schämen. Auch die Spitzbuben haben ihre Ehre. Da draußen, wo Jeder dem Nebenmanne das Fell über die Ohren zieht, wenn er nur kann, erachtete ich mich im Wesen nicht schlechter, als die sog. ehrlichen Leute; ich hielt mich nicht so genau an das Gesetz, als diese, das war aber auch der ganze Unterschied. Auf der Jagd nach dem lieben Nebenmenschen befinden sie sich da draußen Alle; daß ich ohne Jagdkarte zu jagen mir erlaubte, beschwerte mir das Gewissen nicht sonderlich, umsoweniger, da ich doch nur die Wahl hatte, zu jagen, oder gejagt zu werden. Hier aber jagte Niemand dem Nebenmenschen das Seine ab, hier mußte sich jeder Gauner selber gestehen, daß er schlechter sei, als die Anderen alle, und zwar ein schlechter Kerl ohne Not, aus purer Freude am Schlechten. Und wenn man dabei noch den Reiz der Gefahr gehabt hätte, der da draußen die Jagd mit einer gewissen Poesie umgiebt! aber auch davon keine Spur! Nicht einmal verfolgt hätten uns die Freiländer, wenn wir uns mit der erschwindelten Beute aus dem Staube gemacht hätten; sie hätten uns laufen lassen wie räudige Hunde. Nein, hier wollte und konnte ich kein Spitzbube sein. Ich rief die Genossen zusammen, um ihnen anzuzeigen, daß ich meine Würde als ihr Anführer niederlege, mich überhaupt von der Kompagnie lossage und es hier mit anständiger Arbeit versuchen wolle. Nicht einer war, der mir nicht zugestimmt hätte. Zwar mit der Arbeitslust sah es bei einigen noch windig aus, aber hier bleiben wollten sie Alle. Ein besonders zäher Kerl warf zwar die Frage auf, ob es, da wir doch einmal so hübsch beisammen seien, wie später wohl nicht wieder, nicht vielleicht doch ganz nett wäre, ein paar Tausend Pfund herauszuschwindeln und dann erst ehrliche Leute zu werden; aber schon bedurfte es des Hinweises auf die Haftpflicht der Associationsmitglieder für die von ihnen kontrahierten Kredite nicht, um den Vorschlag dieses Nachzüglers unserer ehemaligen Gaunerei zu beseitigen. Nicht bloß hier bleiben, sondern ehrlich werden wollten sie, diese hartgesottenen Schelme, die wenige Wochen früher ehrlich und dumm als gleichbedeutende Worte zu gebrauchen pflegten. So kam’s, daß das feine Plänchen, an welchem die „smartesten fellows“ von Neu-England ihren Witz erschöpft hatten, klanglos fallen gelassen wurde und wenn ich gut berichtet bin, so hat nachher keiner von uns 46 je zu ernstlicher Klage Anlaß gegeben.“
Der zweite, vor die Gesamtvertretung von Freiland gebrachte Antrag — die Rückzahlung der bis dahin von den meisten Mitgliedern bei Gelegenheit ihres Eintrittes in die Gesellschaft geleisteten größeren oder geringeren Beiträge betreffend, bedeutete die Aufbringung einer Gesamtsumme von nicht weniger als 43 Millionen Pfd. Sterling. Nun hatte man allerdings den Mitgliedern jederzeit gesagt, daß die Beiträge nicht rückzahlbar, sondern ein den gesellschaftlichen Zwecken gebrachtes Opfer seien; nichtsdestoweniger erachtete es die Verwaltung von Freiland der Billigkeit entsprechend, daß nunmehr, wo das neue Gemeinwesen eines solchen Opfers nicht mehr bedurfte, auf dasselbe für die Zukunft sowohl als für die Vergangenheit verzichtet werde. Die großmütigen Spender hatten zwar niemals aus ihrer den ärmeren Mitgliedern so reichlich geleisteten Hülfe irgendwelchen Rechtstitel auf besondere Anerkennung oder höhere Ehre abgeleitet, ja die meisten hatten es sich sogar verbeten, namentlich als Schenker angeführt zu werden; auch widersprach diese Hülfeleistung keineswegs den Prinzipien, auf denen das neue Gemeinwesen begründet war, ja im Sinne derselben durfte das Eintreten der Bemittelten für die Hülflosen gerad zu als eine Forderung des gesunden, vernünftigen Eigennutzes angesehen werden. Aber mit dem Momente, wo gerade infolge dieses so ausgiebig bethätigten vernünftigen Egoismus das Gemeinwesen kräftig genug wurde, um außergewöhnliche Hülfeleistungen entbehren und die vordem dargebrachten zurückerstatten zu können, erschien es uns wieder billig, daß dies auch sofort geschehe.