„Warum“ — so fragte mein Vater — „wird in Ihrem Hause verhältnismäßig weniger geklingelt, als anderwärts?“
„Weil unser Haushalt beständig zwei oder drei junge Damen beherbergt, die es sich zur angenehmen Pflicht machen, meinen Eltern all’ jene persönlichen Dienste zu leisten, die sich mit der Würde wohlerzogener, gebildeter Frauenzimmer vertragen. Diese — seit einem Jahre auch von meiner Schwester unterstützten — Mädchen sind junge Freiländerinnen, wie man sie in jeder freiländischen Familie findet, wo die Hausfrau im Rufe besonderer Intelligenz und feiner Sitte steht — Sie entschuldigen, daß ich meine Mutter so ohne weiteres zu diesen Auserwählten zähle. Jedes junge Mädchen Freilands rechnet es sich zur besonderen Ehre und zu großem Vorteile an, in einem solchen Hause mindestens für ein Jahr Aufnahme zu erlangen, weil allgemein die Ansicht besteht, daß nichts den Geist und die Sitte heranwachsender weiblicher Geschöpfe mehr veredle, als möglichst intimer Umgang mit hervorragenden Frauen. Selbstverständlich ist, daß derartige junge Damen durchaus wie Kinder vom Hause angesehen und behandelt werden; aber sie leisten ihren Adoptiveltern auch durchweg die nämlichen Dienste, wie aufmerksame, liebevolle Töchter. Vater und Mutter können einen Wunsch kaum im Gedanken fassen, so ist er schon erraten und erfüllt.“
„Ei, das ist ja ganz das Institut unserer königlichen Ehrenfräulein“, meinte lächelnd mein Vater.
„Allerdings; und ich zweifle sehr, ob Ihr Königspaar so gut, und insbesondere ob es so zärtlich betraut ist, wie mein Elternpaar jederzeit von diesen Ziehtöchtern der Mutter, deren seit 18 Jahren — denn so alt ist diese Einrichtung in Freiland — nicht weniger als 24 durch unser Haus gegangen sind, die aber sämtlich heute noch in durchaus kindlichem Verhältnisse zu meinen Eltern und in geschwisterlichem zu uns stehen. Unsere gegenwärtigen Ziehschwestern Leonore und Klementine haben Sie soeben kennen gelernt.“
„Sie sagten vorhin“, nahm wieder mein Vater das Wort, „daß Ihr gesamtes Haus — also vier Damen und drei Herren — während eines ganzen Jahres bloß zweihundertmal 3 Minuten hindurch die durch diese Klingel citierten dienstbaren Geister in Anspruch genommen hätte; außerdem erwähnten Sie die Dienste der reizenden Ehrenfräulein — wer aber verrichtet jene gröberen Hantierungen, welche binnen 600 Minuten oder zehn Stunden jährlich kaum der Geist aus Aladins Lampe in einem Hause wie dieses hier zu vollbringen vermöchte. Sie haben, wie mir scheint, etwa zehn bis zwölf Wohnräume; das Estrich ist zwar aus Marmor — aber sie müssen doch gefegt werden. Ich sehe überall schwere Teppiche, wer reinigt diese? Mit einem Worte, wer verrichtet die gröbere Arbeit in diesem, wie der oberflächlichste Augenschein zeigt, mit peinlichster Sorgsamkeit instand gehaltenen, komfortabel eingerichteten Hause?“
Die nämliche Association, mit deren Wachtstube ich Sie soeben bekannt gemacht habe; nur brauchen wir nicht zu klingeln, um diese, zum regelmäßigen Bedarfe gehörigen Verrichtungen besorgen zu lassen, vielmehr geschieht dieses auf Grund eines vereinbarten Tarifs, ohne daß man sich fernerhin darum zu kümmern hätte, mit einer Pünktlichkeit, die nichts zu wünschen übrig läßt. Die Association besitzt Haus- und Stubenschlüssel der mit ihr in Akkord stehenden Häuser. Zeitlich morgens, wir schlafen meist noch alle, erscheinen geräuschlos ihre Sendlinge, nehmen die zu reinigenden Kleider — richtiger die zu wechselnden, denn wir Freiländer tragen niemals ein Kleidungsstück an zwei aufeinander folgenden Tagen — von den Orten, wo sie des Abends hinterlegt wurden, thun die gereinigten an die dazu bestimmte Stelle, bereiten die Bäder — denn in den meisten freiländischen Häusern hat jedes Familienglied sein besonderes Bad, das täglich genommen wird, es sei denn, daß man ein See- oder Flußbad vorzöge — reinigen die Vorräume und einen Teil der Stuben, entfernen die Teppiche und sind verschwunden, ohne daß man zumeist auch nur eine Ahnung ihrer Anwesenheit besitzt. Und zu all dem genügen wenige Minuten. Es wird nämlich fast durchweg mit Maschinen gearbeitet. Sehen Sie jenen kleinen Apparat dort hinten im Korridor? Das ist eine Wasserkraftmaschine, in Gang gebracht durch das Öffnen jenes Hahnes dort, der sie mit der großen, von den Keniakaskaden gespeisten Hochdruckleitung in Verbindung setzt. (In anderen Städten, wo Wasserdruck bis zu 35 Atmosphären nicht so leicht zu beschaffen ist, thun elektrische oder atmosphärische Kraftleitungen den nämlichen Dienst.) Hier die stählerne Welle in der mit dem zierlichen Gitter verdeckten Höhlung am Boden, und dort oben am Plafond die broncene, die dem Gestänge zum Aufhängen der Spiegel und Bilder zum Verwechseln ähnlich sieht — es sind alles Transmissionen, welche die Bewegung der Wassermaschine in jeden Raum des ganzen Hauses, von den Kellern angefangen bis zu den Gelassen unter dem Dache, übertragen. Und dort in jener Kammer findet sich eine Anzahl von Maschinen, deren Bedeutung ich Ihnen schwer erklären kann, wenn Sie sie nicht in Funktion sehen. Eine Reihe anderer Geräte führen die 3-4 Leute der Association bei ihren Besuchen mit sich, und wenn diese Maschinen mit dem Gestänge da oben oder da unten in Verbindung gebracht sind und der Hahn des Wassermotors geöffnet wird, so ist solch ein Raum im Handumdrehen gefegt, gewaschen, die schwerste Last an ihren Ort gebracht, kurz alles mit Zauberschnelle geräuschlos verrichtet, was Menschenhände nur langsam und meist mit unangenehmem Gepolter zuwege brächten.
„Einige Zeit später erscheinen die Arbeiter der Association neuerlich, um die noch übrigen Stuben zu reinigen, die früher entfernten Teppiche an ihren Ort zu geben, in Küche und Frühstückszimmer alles zum Frühstück Erforderliche herzurichten. Und so kommen und gehen diese Leute tagsüber mehrmals, so oft es eben vereinbart ist, um nach dem Rechten zu sehen. Alles geschieht unaufgefordert, unhörbar, mit Blitzesschnelle. Unser Haus gehört zu den größeren, unsere Einrichtung zu den besseren in Edenthal; die Association hat also in wenigen Häusern mehr zu thun, als bei uns; trotzdem rechnete sie uns für all’ diese Dienste im Vorjahre nicht mehr als 180 Stunden an, für welche wir nach dem bereits erwähnten Tarife jenes Jahres 72 Pfd. Sterling zu zahlen hatten. Ich bezweifle, daß irgend ein Haus gleich dem unsrigen in Europa oder Amerika um das Doppelte und Dreifache dieses Betrages in gleich gutem Stande erhalten werden könnte. Und dabei haben wir statt mit den leidigen „Domestiken“, mit intelligenten, höflichen, diensteifrigen Geschäftsleuten zu thun, die schon durch die Konkurrenz — denn wir haben in Edenthal sechs solche Associationen — genötigt sind, ihr Äußerstes zur Befriedigung der sie beschäftigenden Familien zu thun. Die Mitglieder dieser Associationen sind Gentleman, mit denen man füglich an der gleichen Tafel Platz nehmen kann, die sie soeben selber hergerichtet, und weder unsere zwei „Ehrenfräulein“, noch meine Schwester, würden den geringsten Anstand nehmen, bei Tische mit anderen Gästen auch Mitgliedern der Association für persönliche Dienstleistungen aufzuwarten.
„Sie werden übrigens die Herren der Association heute noch kennen lernen, denn die unser Haus versorgenden Mitglieder werden sofort eintreffen, um sich mit peinlicher Genauigkeit über jeden Ihrer speziellen Wünsche zu unterrichten. Sie dürfen nicht ungeduldig werden, wenn Sie dabei einem etwas umständlichen Verhöre unterzogen werden; es geschieht zu Ihrem Besten und nur dies eine Mal. Haben Sie einmal den keine Kleinigkeit übersehenden Fragen der Association Stand gehalten, so wird es Ihnen, so lange Sie in Freiland sind, gewiß nicht widerfahren, des morgens ein anderes als das gewünschte Kleid an der bezeichneten Stelle, Ihr Bad um einige Grade zu kalt oder zu warm, Ihr Bett nicht in der gewohnten Weise bereitet zu finden, oder was dergleichen kleine Ungehörigkeiten mehr sind, aus deren Vermeidung zu nicht geringem Teile das häusliche Behagen besteht.
„Mit der Association für persönliche Dienstleistungen wären wir fertig. Ich kann also mit der Erklärung unserer häuslichen Einrichtungen fortfahren. Hier dieses andere Telephon hat die auch in Europa gebräuchliche Bestimmung, mit dem Unterschiede allerdings, daß hierzulande Jedermann sein Telephon besitzt. Jene Schraube dort hat den Zweck die Kaltluftleitung zu öffnen, welche künstlich gekühlte und zugleich ein wenig ozonisierte Luft in jeden Raum leitet, falls die Hitze unangenehm werden sollte; da dieses ausnahmsweise — wenn nämlich in den heißen Monaten ein nächtliches Gewitter am Horizonte heraufzieht — auch des Nachts vorzukommen pflegt, so ist die Schraube vorsichtshalber in der Nähe des Bettes angebracht.“
Ich teile Dir all’ diese Details mit, weil ich glaube, daß sie Dich als Beweise dafür interessieren werden, wie wunderbar es diese Freiländer verstanden haben, unsere abendländischen Haussklaven durch ihre „eisernen Sklaven“ zu ersetzen. Bemerken will ich nur noch, daß die „Association für persönliche Dienstleistungen“ selbst meines Vaters weitgehenden Ansprüchen durchaus zu genügen vermochte; er versichert, im Hotel Bristol zu Paris keine bessere Bedienung gefunden zu haben.