Um Dich nicht zu ermüden, erlasse ich Dir die Schilderung des ersten und zweiten Frühstücks am nächsten Tage, und will Dir nur nach der Hauptmahlzeit, die um 6 Uhr genommen wird, den Mund wässern machen.
David gestand mir auf Befragen, daß man uns zu Ehren den sonst gebräuchlichen vier Gängen einen fünften zugelegt habe; aber nicht in der Mannigfaltigkeit, sondern in der Vorzüglichkeit der Gerichte, wie nicht minder in der Abwesenheit nicht zur Gesellschaft gehöriger und deshalb störender Dienerschaft bestand der Reiz des Mahles. Ohne Übertreibung kann ich versichern, selten so vorzügliche Bereitung, niemals zuvor aber so erlesenes Material vereinigt gesehen zu haben. Das Fleisch der auf den würzigen Hochalpen gemästeten jungen Ochsen und zahmen Antilopen hat nirgend anderwärts seines Gleichen; die Gemüse stellen die seltensten Schaustücke einer Pariser Ausstellung in den Schatten; insbesondere aber ist die Pracht und Mannigfaltigkeit seiner Frucht- und Obstsorten der Stolz Freilands. Und nun die mysteriöse Art des Servierens! Ein in der Wand des Speisegemachs angebrachter Schrank entwickelte aus seinem Innern eine scheinbar unerschöpfliche Reihe von Eßwaren. Zunächst entnahm Fräulein Bertha diesem Schrank eine Terrine, welche sie vorsichtig an den elfenbeinenen Henkeln anfassen mußte — als der Deckel gehoben wurde, präsentierte sich eine köstlich dampfende Suppe. Dann gab ein anderes Fach des gleichen Schrankes einen Fisch heraus — derselbe war kalt, als ob er frisch vom Eise gekommen wäre. Nun folgte — wieder aus einem anderen Fache — ein warmes Ragout, diesem ein ditto Braten mit mannigfaltigen Gemüsen und Salat — dann kam Eis mit Backwerk, Obst, Käse. Den Schluß bildete ein schwarzer Kaffee, der aber vor den Augen der Gäste bereitet wurde, nebst erlesenen Cigarren — alles gleich dem Biere und den Weinen freiländisches Gewächs und Fabrikat. Dienerschaft war während der ganzen Mahlzeit nicht sichtbar; die drei reizenden Mädchen holten alles aus dem geheimnisvollen Schranke oder von einem in dessen Nachbarschaft befindlichen Serviertische.
Frau Ney machte jetzt den Cicerone. „Dieser Wandschrank“ — erklärte sie — „ist zur einen Hälfte Eiskeller, d. h. von gekälteter Luft durchströmt, zur anderen Hälfte Herd, d. h. mit elektrischen Heizvorkehrungen ausgestattet; in der Mitte zwischen diesen beiden Extremen befindet sich — durch schlechtleitende Wände von beiden getrennt — eine neutrale Abteilung von gewöhnlicher Zimmertemperatur. Außerdem hat dieser Schrank die Eigenheit, sich nach zwei Seiten zu öffnen, hier herein in den Speisesaal, und hinaus in den Korridor. Während wir nun tafelten, brachte die „Speiseassociation“ in rascher Reihenfolge die bei ihr bestellten Gerichte, teils vollkommen bereitet, teils, wie z. B. den Braten und einige Gemüse, fertig adjustiert, aber noch roh. Die fertigen Speisen wurden vom Korridor aus in die verschiedenen Fächer des Schrankes eingeschoben; Braten und Gemüse kochte ein Mitglied der Association in der rückwärts befindlichen Küche mit gleichfalls elektrischem Herde gar. Das ist übrigens nicht die gewöhnliche Ordnung; wenn wir allein sind, wird in der Regel auch das Geschäft des Garkochens hier am Schranke besorgt und zwar von meinen Töchtern; das nimmt bloß kurze Zeit in Anspruch und Küchendünste sind dabei niemals zu spüren, denn dieser Speiseschrank, der Herd- und Eiskeller zugleich ist, vereinigt damit auch noch die Eigenschaften eines guten Ventilators. Das Reinigen der Geräte ist Sache der Association, die übrigens, wenn es gewünscht wird, auch das Geschäft des Servierens bei Tisch übernimmt.
Der Kaffee wurde im Freien auf einer der Terrassen genommen; dann sangen die Damen zur Harfe und zum Klavier einige Lieder. Inzwischen machte uns Herr Ney mit den Familienverhältnissen der beiden Ziehtöchter seiner Frau bekannt. Die eine derselben — Leonore — ist eines Ackerbauers Kind aus Leikipia, die andere — Klementine — die Tochter eines seiner Departementschefs. Letzteres befremdete uns. „Warum“ — so fragte ich — „verläßt diese zweite Dame das elterliche Haus, das doch auch ein vornehmes, hochgebildetes sein muß?“ Herr Ney erklärte nun, daß die Ziehtöchter nicht sowohl das vornehme gebildete „Haus“, sondern ausschließlich die gebildete, geistreiche Frau des Hauses suchen. Der Mann mag noch so berühmt und gelehrt sein, wenn die Hausfrau ein gewöhnliches Geschöpf ist, betritt niemals eine Ziehtochter ihre Schwelle. Diese Institution hat eben bloß den Zweck, den betreffenden Jungfrauen den Vorteil eines höheren Beispiels, eines veredelnden weiblichen Umganges, nicht aber den Glanz günstiger äußerer Verhältnisse zu gewähren, was, nebenbei bemerkt, angesichts der hier herrschenden Zustände auch keinen rechten Sinn hätte, da im großen Ganzen jede freiländische Familie dem Wesen nach auf gleichem Fuße lebt. Die Mutter Klementinens nun ist eine herzensgute brave Dame, aber schließlich doch nur eine tüchtige Hausfrau; „deshalb bat sie meine Ellen, die“, so fügte er leuchtenden Auges hinzu, „den edelsten Frauen unseres an herrlichen Weibern so reichen Landes zugezählt wird, um die Gunst, sich ihrer Klementine für zwei Jahre anzunehmen.“
Ich muß für heute schließen, denn Müdigkeit überwältigt mich, trotzdem ich Dir noch vielerlei über meine Erfahrungen sowohl innerhalb als außerhalb des Ney’schen Hauses zu erzählen hätte ....
15. Kapitel.
Edenthal, den 18. Juli.
Erst heute komme ich dazu, den vor Wochenfrist unterbrochenen Bericht über unsere hiesigen Erlebnisse wieder aufzunehmen. Begreiflich wirst Du finden, daß wir beide, mein Vater und ich, vor Begierde brannten, die Stadt zu besichtigen, welchen Wunsch erratend, uns Herr Ney schon am Morgen des ersten Tages einlud, unter seiner und seines Sohnes Führung eine Rundfahrt durch Edenthal zu unternehmen. Der Wagen warte schon.
Es war das ein leicht und elegant gebautes Gefährte auf stählernen, denen eines Velocipeds ähnlichen Rädern, mit zwei bequemen, für je zwei Personen ausreichenden Sitzen. Da wir beide Davids zum Einsteigen auffordernde Handbewegung mit betretenen Mienen aufnahmen und keine Anstalt machten, der Einladung Folge zu leisten, bemerkte dieser erst, daß wir die — Pferde vermißten. Er sah sich also bemüßigt, uns zu erklären, daß man hierzulande aus mancherlei Gründen im Wagenverkehr, insbesondere im städtischen, die animalische Zugkraft durch mechanische ersetzt habe. Das sei sicherer, reinlicher und nebenbei auch billiger. Der Lenker dieser Gefährte, einer Art Draisinen, dessen Platz rechts auf dem vorderen Sitze ist und dessen Amt keinerlei Kraftaufwand oder besondere Kunstfertigkeit erfordert, setzt durch einen leichten Druck nach abwärts auf eine zur rechten Hand angebrachte kleine Hebelstange den Wagen in Bewegung, und zwar in desto raschere, je stärker gedrückt wird; ein Druck nach aufwärts verlangsamt den Gang oder bringt das Gefährte zum Stillstand; das Ausweichen oder Umlenken nach rechts oder links wird durch entsprechende Drehbewegungen desselben Hebels hervorgebracht. Die Kraft, welche die Räder in Bewegung setzt, ist weder Dampf noch Elektricität, sondern die Elasticität einer Spiralfeder, die jedoch nicht fix mit dem Wagen verbunden, sondern nach Bedarf einzuschalten oder zu entfernen ist.
„Die oberhalb der vorderen Achse angebrachte, etwa ½ Meter lange und 20 Centimeter tiefe cylindrische Kapsel hier“, so demonstrierte mein Freund — „ist zur Aufnahme der Spiralfeder bestimmt. Vor dem Gebrauche wird die Feder „aufgezogen“, d. h. in Spannung gebracht und zwar in sehr hochgradige, ein Geschäft, welches Dampfmaschinen in den Ateliers der „Association für Transportwesen“ besorgen, und solcherart einen entsprechenden Teil ihrer in Form von Dampfspannung vorhandenen Arbeitsenergie in die Form von Federnspannung umwandeln. Dieses in den Spiralen niedergelegte Quantum lebendiger Kraft genügt, um — durch einen sehr einfachen Mechanismus auf die Achse des Rades übertragen — ein solches Rad zehntausend Umdrehungen machen zu lassen, auch wenn der Wagen ziemlich schwer beladen ist, und da der Radumfang 2 Meter beträgt, so reicht der Kraftvorrat der Spirale zur Durchmessung eines Weges von 20 Kilometern hin. Die Schnelligkeit der Fortbewegung hängt einerseits von der Belastung des Wagens, anderseits von der mehr oder minder vollständigen Auslösung der Hemmvorrichtung — reguliert durch den Druck des oben erwähnten Hebels — ab; das zu erreichende Maximum bei mäßiger Belastung und gutem Wege beträgt bei diesen gewöhnlichen Draisinen 2½ Radumdrehungen, d. i. eine Fortbewegung um 5 Meter in der Sekunde oder 18 Kilometer in der Stunde: doch besitzen wir auch sogenannte Rennwagen, mit denen nahezu die doppelte Geschwindigkeit erreicht werden kann. Die Kraft der Spirale ist erschöpft, sowie das Rad seine 10000 Umdrehungen gemacht hat, was auch bei langsamerem Fahren binnen 1¼-1½ Stunden eintritt; es muß daher bei länger dauernden oder rascheren Fahrten für angemessene Reserven gesorgt werden, was in mannigfaltiger Weise geschieht. Zunächst kann man eine oder mehrere aufgezogene Spiralen — denn wenn die Hemmung geschlossen bleibt, bewahren dieselben Monate und Jahre lang ihre Spannung — für welche hinten im Wagen eigene Reservebehälter angebracht sind, auf die Fahrt mitnehmen. Da jedoch jede Spirale mindestens 35 Kilogramm wiegt, so hat auch diese Art Kraftverlängerung ihre Grenzen; außerdem ist das Auswechseln der Spiralen immerhin keine angenehme Arbeit; man zieht daher in der Regel die zweite Methode der Kraftverlängerung vor, die darin besteht, daß man nach Verlauf einer gewissen Zeit bei einer der zahlreichen, auch anderen Zwecken dienenden Stationshäuschen der Transportassociation, die sich auf allen belebteren Straßen finden und durch weithin sichtbare Flaggen kenntlich sind, Halt macht und die Spirale wechseln läßt. Jede Station besitzt jederzeit einen genügenden Vorrat gespannter Spiralen und so kann man jede beliebige Zeit hindurch umherkutschieren, ohne stecken zu bleiben, zumal wenn man die Vorsicht gebraucht, für den Fall des Übersehens einer notwendig gewordenen Auswechslung eine Reservespirale mit sich zu führen. Solche Auswechslungsstationen aber giebt es nicht bloß in und um Edenthal, sondern in und um alle Städte Freilands und außerdem auf allen belebteren Landstraßen, und da die unterschiedlichen Associationen des gleichen Geschäftszweiges im ganzen Lande so klug waren, überall Spiralen von genau den gleichen Maßen einzuführen, so kann man das ganze Land bereisen und mit einiger Bestimmtheit darauf rechnen, überall entsprechende Relais zu finden. Will man jedoch völlig sicher gehen, so kann man sich durch seine Association die Relaisspiralen für eine vorher angegebene Route eigens bestellen, in welch letzterem Falle auch nichts hindert, die großen Straßen zu verlassen und minder frequentierte Nebenwege einzuschlagen, sofern dieselben nur nicht allzuschlecht und steil sind, was aber angesichts der hohen Vollendung des freiländischen Straßennetzes nur bei ganz entlegenen Gebirgswegen zu besorgen ist. Unsere Familie hat solcherart vor zwei Jahren das ganze Aberdare- und Baringo-Gebiet bereist, dabei 1700 Kilometer zurückgelegt und zu der ganzen Reise in aller Bequemlichkeit bloß 14 Tage gebraucht.“