Wir entschlossen uns endlich kopfschüttelnd, den automatischen Wagen zu besteigen. Mein Vater mit Herrn Ney nahm den ersten, ich mit David den zweiten Sitz ein; ein Druck Ney’s auf den Leithebel, und geräuschlos setzte sich die Maschine in Bewegung, unserem ersten Ziele, dem Edensee zu. Dessen Ufer sind mit Ausnahme der Nordwestseite, wo in einer Ausdehnung von 5 Kilometern die Quais für den Waarenverkehr sich erstrecken, sämtlich von vierfachen Palmenreihen umsäumt und bestehen teils aus breiten, bis zum Wasserspiegel hinabreichenden Marmorstufen, teils aus in den See vorspringenden Molen, bedeckt von säulengetragenen Wandelbahnen. An letzteren landen die zahlreichen, den See nach allen Richtungen durchfurchenden Passagierdampfer, die jedoch, um die balsamische Luft nicht zu verderben, mit vollkommen funktionierenden Rauchverzehrern versehen sein müssen. Auch das mißtönige Pfeifen der Dampfventile ist in Edenthal verpönt. Denn der Edensee ist nur nebenbei Verkehrsstraße; seine hauptsächliche Bestimmung ist die eines gewaltigen Zier- und Lustteiches. Ein großer Teil der Ufer wird von den luxuriös ausgestatteten Badeanstalten eingenommen, die weit in den See hineinreichen und zu jeder Tageszeit von tausenden Badender benützt werden. Neben diesen, zumeist von schattigen Lusthainen umgebenen Bädern haben sich auch die sämtlichen Theater-, Opern- und Konzerthäuser Edenthals, im Ganzen 16 an der Zahl, angesiedelt, die wir jedoch einstweilen nur von außen in Augenschein nahmen. Unsere Gastfreunde machten uns darauf aufmerksam, daß der Edensee seine Hauptreize erst bei Monden- oder Elektrodenschein entfalte, und daher an einem der nächsten Abende von uns aufgesucht werden solle.
Wir wendeten den Wagen und bogen in eine der Radialstraßen, die vom See zu den halbkreisförmig das Edenthal umgrenzenden Höhen führen. Hier leuchtete uns sofort, wenn auch noch reichlich 3 Kilometer entfernt, ein Riesenbau entgegen, der selbst den dieses Anblicks Gewohnten stets aufs neue mit staunender Bewunderung erfüllen muß, uns Fremden aber geradezu die Sinne verwirrte. Er ist ebenso unerreicht an Größe, wie unvergleichlich an Ebenmaß und harmonischer Vollendung all seiner Bestandteile. Er macht gleichzeitig den Eindruck des überwältigend Majestätischen und des märchenhaft Lieblichen. Dieses, vor 5 Jahren vollendete Wunderwerk ist der Volkspalast von Freiland, der Sitz der zwölf obersten Verwaltungsbehörden und der zwölf Vertretungskörper. Er ist durchwegs aus weißem und gelbem Marmor gebaut, übertrifft an Flächenausdehnung den Vatikan, seine luftigen Kuppeln sind höher als der Petersdom; daß er mit einem Kostenaufwande von 9½ Millionen Pfd. Sterling hergestellt werden konnte, erklärt sich bloß dadurch, daß alle Baugewerke wie nicht minder die hervorragendsten Künstler des Landes sich dazu drängten, bei dem Baue irgendwie verwendet zu werden. Und — so belehrte mich David — das geschah nicht etwa aus patriotischer, sondern aus rein künstlerischer Begeisterung. Freiland ist reich genug, um sein Volkshaus wie hoch immer zu bezahlen; um den Bau billiger zu gestalten, hätte sich also Niemand in Aufregung versetzt; aber die aus dem Entwurfe hervorleuchtende eigenartige, überwältigende Schönheit des Werkes hatte es allen Künstlern angethan. Er erinnere sich noch der fieberhaften Erregung, mit der schon die Mitglieder jener Prüfungskommission, welche über die vorgelegten Bauentwürfe zu entscheiden hatte, allenthalben erzählten, es sei ein Plan eingelaufen, von einem bis dahin unbekannten jungen Architekten, der Unsagbares biete; eine neue Ära der Baukunst sei angebrochen, ein neuer Baustil erfunden, der an Adel der Form die besten griechischen, an Großartigkeit die gewaltigsten ägyptischen Denkmale erreiche. Und diese Begeisterung teilte sich allen mit, die den Entwurf sahen; die Konkurrenten — es waren deren nicht weniger als 84, denn in Edenthal wurde damals schon viel und schön gebaut — zogen ausnahmslos ihre Entwürfe zurück, und huldigten freiwillig dem neuaufgegangenen Stern am Kunsthimmel.
Wir waren sobald nicht dazu zu bewegen, uns der Besichtigung anderer Bauwerke zuzuwenden. Endlich, nachdem wir dreimal die Runde um den Volkspalast gemacht, willigten wir ein, demselben den Rücken zu kehren. Mit der Aufzählung der zahllosen Prachtbauten, an denen wir flüchtig vorbeirollten, will ich Dich verschonen; nur soviel lasse Dir sagen, daß die Mannigfaltigkeit und Großartigkeit der den unterschiedlichen wissenschaftlichen und künstlerischen Zwecken dienenden öffentlichen Anstalten auf mich durchaus verblüffend wirkte. Die Akademien, Museen, Laboratorien, Versuchsanstalten u. dergl. wollten gar kein Ende nehmen und allen sah man es auf den ersten Blick an, daß sie mit verschwenderischer Munifizenz ausgestattet seien.
Nachdem wir schon an zahllosen öffentlichen Gebäuden vorbeigefahren waren, deren Bestimmung mir zum Teil nur schwer begreiflich gemacht werden konnte, da unser „civilisiertes“ Europa nichts ihnen Ähnliches besitzt — ich nenne Dir beispielsweise bloß das Institut für „animalische Zuchtversuche“, welches den Zweck hat, durch Experiment und Beobachtung festzustellen, welchen Einfluß Erblichkeit, Lebensweise, Nahrung auf die Entwickelung des menschlichen Organismus äußern — fiel es mir auf, daß wir noch an keinem Spital vorbeigekommen. Da ich nun begierig war zu sehen, wie die weltberühmte freiländische Humanität, die seit Jahren mindestens die Hälfte aller Spitäler der Welt mit reichen Mitteln ausstattet, daheim im eigenen Lande sich der armen Kranken annehme, bat ich David, uns doch in ein solches zu führen. „Ich kann Dir ebensowenig ein Spital, als einen Kerker oder eine Kaserne in Edenthal zeigen, aus dem sehr einfachen Grunde, weil wir deren in ganz Freiland keines besitzen“, war dessen Antwort.
„„Den Mangel von Kerker und Kaserne lasse ich gelten; man weiß ja, daß Ihr Freiländer Euch ohne Kriminal- und Militärwesen behelft; aber — so meinte ich — Krankheiten muß es doch auch hier geben, diese haben doch mit Euren socialen Einrichtungen nichts zu thun!““
„Letzteres kann ich zwar nicht so unbedingt zugeben“, mengte sich hier Herr Ney ins Gespräch; „auch die Krankheiten haben unter dem Einflusse unserer socialen Institutionen abgenommen; aber verschwunden sind sie allerdings nicht; wir haben Kranke auch in Freiland — aber keine armen Kranken, weil wir eben keine Armen haben, weder kranke, noch gesunde. Wir besitzen daher auch nicht jene Sammelstellen des Massensiechtums, die man da draußen mit dem Namen „Spital“ bezeichnet. Anstalten, in denen sich Kranke unter besonderer Aufsicht gegen gute Bezahlung verpflegen lassen können, haben wir allerdings und sie werden insbesondere in Fällen schwierigerer chirurgischer Operationen häufig aufgesucht; aber das sind Privatanstalten und sie gleichen in ihrer Einrichtung wie in ihrem Gebaren durchwegs Ihren feinsten Sanatorien für „distinguierte Patienten“.“
Wir waren inzwischen des Fahrens müde geworden, was nach nahezu vierstündiger Rundfahrt trotz des sanften Ganges und der bequemen Einrichtung der Wagen erklärlich erscheint. Neys machten daher den Vorschlag, den automatischen Wagen heimzuschicken und den Rückweg zu Fuße anzutreten, was von uns gern angenommen wurde. Wir hielten vor einem der Stationshäuschen der Transportassociation, ließen dort das Gefährte zurück und durchschritten die schattigen Alleen, von denen jede Edenthaler Straße eingesäumt ist. Jetzt hatten wir Muße, die zierlichen Privathäuser näher zu betrachten, die zwar alle den eigentümlichen, halb an den maurischen, halb an den griechischen erinnernden Edenthaler Baustil zeigen, im übrigen aber weder an Größe noch an Ausstattung gleich sind. Den vornehmsten Reiz dieser Villen bilden deren wunderliebliche Gärten mit ihren erlesenen Bäumen, ihrer unglaublichen Blumenpracht, den weißen Marmorstatuen, Fontänen und den mannigfaltigen zahmen Tieren — insbesondere Äffchen, Papageien, Prachtfinken und allerlei Singvögeln — die sich in ihnen neben jauchzenden Kindern tummeln. Des weiteren überraschte uns die außerordentliche Reinlichkeit der Straßen, als deren Hauptgrund uns angegeben wurde, daß seit Erfindung der automatischen Wagen keinerlei Zugtiere in den Straßen freiländischer Städte Staub aufwühlen und Unrat hinterlassen.
„Giebt es also keinerlei Pferde hier?“ fragte ich, worauf mir die Erklärung ward, daß deren allerdings und zwar in bedeutender Anzahl und von edelster Zucht vorhanden seien; dieselben würden jedoch nur außerhalb des eigentlichen Weichbildes der Stadt zu Promenaderitten durch die benachbarten Wiesen, Haine und Wälder benützt. „Das muß aber hierzulande ein sehr teurer Luxus sein“, meinte ich. „Das Pferd selber und was es frißt, mag billig sein; aber da Menschenkraft in Freiland das teuerste von allen Dingen ist, so kann ich nicht begreifen, wie ein freiländischer Haushalt die Kosten eines Pferdewärters zu erschwingen vermag. Oder erhält diese Klasse Bediensteter hierzulande ausnahmsweise geringeren Lohn?“
„Letzteres wäre bei uns wohl kaum möglich“, — antwortete lächelnd Herr Ney — „denn wer würde dann in Freiland Pferdewärter sein wollen? Wir müssen auch dem Stallpersonal denselben Durchschnittsverdienst gewähren, wie anderen Arbeitern, und wenn ich für die sieben Reitpferde, die ich zum Gebrauche meiner Familie in den Ställen der Transport-Association halte, ein Wartepersonal nach abendländischem Zuschnitt bezahlen wollte, so würden die Kosten mein gesamtes Einkommen überschreiten. Aber das Rätsel löst sich sehr einfach dadurch, daß auch die Arbeit im Pferdestall mit Hülfe von Maschinen verrichtet wird, derart, daß durchschnittlich ein Mann für je 50 Tiere vollkommen genügt. Sie schütteln ungläubig den Kopf? Wenn Sie gesehen haben werden, binnen wie wenigen Minuten unsere durch mechanische Kraft in Rotation versetzten riesigen cylinderförmigen Bürsten ein Pferd spiegelblank putzen; binnen welch kurzer Zeit unsere Kehrmaschinen und Wasserleitungen den größten Stall von Mist und jeglicher Unreinlichkeit säubern; wie das Futter den Tieren automatisch zugeteilt wird: so dürfte Ihnen nicht bloß das, sondern ebenso die Thatsache einleuchten, daß in Freiland auch die „Stallknechte“ gebildete Gentlemen sind, Geschäftsleute so ehrenwert und geachtet, wie alle anderen“.
Unter solchen Gesprächen waren wir daheim angelangt, wo ein ausgiebiger Imbiß genommen ward und einige Geschäfte Erledigung fanden. Nach dem bereits letzthin geschilderten Diner fuhren wir mit unseren Gastfreunden abermals zum Edensee und besuchten zunächst die große Oper, wo an diesem Tage das Werk eines freiländischen Kompositeurs gegeben wurde. Dasselbe war uns nicht neu, da es eines jener zahlreichen freiländischen Tonwerke ist, die auch im Auslande großen Anklang finden und häufig aufgeführt werden. Dagegen überraschte uns die eigenartige — allen freiländischen Theatern gemeinsame — Anordnung des Zuschauerraums. Die Sitzreihen bauen sich amphitheatralisch bis zu bedeutender Höhe auf; das Dach ruht auf Säulen, durch welche die äußere Luft frei hereinstreichen kann. Bis zu 10000 Personen finden solcherart in den größeren dieser Theater bequem Platz, ohne daß jemals Hitze oder verdorbene Luft sich in denselben ansammeln könnte.