„Eitel sind wir Freiländerinnen deshalb doch. Wir wollen nicht bloß schön sein, sondern auch schön erscheinen und die Männer bestärken uns nach Kräften in diesem Bestreben; nur bitte ich wohl im Auge zu behalten: wir wollen nicht prunken, sondern gefallen. Deshalb sind Kleid und Zierat einer Freiländerin nie Selbstzweck, sondern Mittel zum Zwecke. Eine richtige Modedame in Europa entstellt sich oft in der greulichsten Weise, weil es ihr weniger auf den Effekt ihrer Person, als auf den ihrer Kleider, ihres Putzes ankommt; sie wählt nicht das Gewand, welches ihre persönlichen Reize am günstigsten hervorhebt, sondern das kostbarste, welches ihre Mittel ihr gestatten. Wir halten es anders; schon unsere eigenen ästhetischen Anschauungen bewahren uns vor der Thorheit, einem Kleiderkünstler zu Liebe andere Gewänder anzulegen, als jene, von welchen wir vermuten oder wissen, daß sie unsere Gestalt am vorteilhaftesten zur Geltung bringen. Außerdem aber steht uns diesbezüglich jederzeit der Rat künstlerisch gebildeter Männer zur Seite. Kein hervorragender Maler verschmäht es, jungen Damen Aufschluß über die passendste Wahl ihrer Toilette zu gewähren, ja es werden besondere Vorträge über diesen wichtigen Punkt gehalten. Natürlich kann es eine strenge Mode bei uns nicht geben, da Zusammenstellung, Faltenwurf und Farbe der Kleidung durchweg der Individualität der Trägerin angepaßt sind; daß Hagere und Wohlbeleibte, Große und Kleine, Blonde und Brünette, Imposante und Niedliche, sich nach der gleichen Schablone tragen sollten, gälte hier zu Lande als Gipfel der Abgeschmacktheit. Ebenso lächerlich aber fände es eine Freiländerin, die gefallen will, mutete man ihr zu, ein Kleid, eine Haartracht, die sie als für sich passend einmal erprobt, zu wechseln, bloß aus dem Grunde, weil man sie in dieser Tracht schon zu oft gesehen. Wir begreifen es nicht, daß man, um zu gefallen, am besten thue, sich möglichst mannigfaltig zu entstellen; insbesondere aber halten wir, darin abermals unterstützt von unseren Männern, zähe fest an dem Glauben, daß die menschliche Gestalt durch das Kleid zwar bedeckt und verhüllt, aber nicht verzerrt werden dürfe.“
Wir erklärten galant, diese Toiletteprinzipien durchaus zu billigen. Die Wahrheit ist, daß der an die Excentricitäten abendländischer Moden gewohnte Fremde in Freiland angelangt, die nach künstlerischen Grundsätzen zusammengestellte hiesige Frauentracht anfangs etwas zu einfach, dann aber die Rückkehr zu den abendländischen Zerrbildern schlechterdings unerträglich findet. Du wirst Dich erinnern, daß David uns in Rom versicherte, die europäischen Moden machten ihm genau den nämlichen Eindruck, wie die der afrikanischen Wilden; nach kaum einwöchentlichem Aufenthalte hier beginne ich diese Auffassung zu teilen.
Doch ich sehe, daß ich abermals schließen muß, ohne meinen Bericht erschöpft zu haben. Mit dem Versprechen, das Versäumte nachzuholen
Dein .....
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16. Kapitel.
Edenthal, den 28. Juli.
Ich konnte mein Versprechen, Dir bald zu schreiben, nicht halten, weil die vergangene Woche einer Reihe kürzerer oder längerer Ausflüge gewidmet war, die ich mit David teils zu Pferde oder mittels automatischer Draisinen in die unmittelbare Umgebung Edenthals und der benachbarten Danastadt, teils mit der Eisenbahn bis an die Ufer des Ukerewe unternahm. Ich lernte solcherart eine ziemliche Anzahl freiländischer Städte und ebenso mehrere zerstreute Industrie- und Ackerbaukolonien kennen. Ich sah die lieblichen, in schattigen Wäldern eingebetteten Orte des Aberdaregebirges mit ihrer gewaltigen Metallindustrie; Naiwaschacity, das Emporium der Lederindustrieen und des Fleischexports, dessen Villenreihen den ganzen Naiwaschasee in einer Längenausdehnung von 64 Kilometern umrahmen; die Ansiedelungen in den Bergen nördlich vom Baringosee mit ihren zahllosen Herden edler Pferde, Rinder, Schweine, Schafe, zahmer Elefanten, Büffel, Zebras, mit ihren Gold- und Silberbergwerken, und Ripon, das Centrum der Mühlenindustrie und des Ukerwehandels. In allen Städten fand ich dem Wesen nach die nämlichen Einrichtungen wie in Edenthal; elektrische Eisenbahnen in den Hauptstraßen, elektrische Beleuchtung und Beheizung, Bibliotheken, Theater u. s. w. Was mich jedoch zumeist überraschte, war, daß auch die ländlichen Ansiedelungen mit sehr geringen Ausnahmen eines hochentwickelten städtischen Comforts nicht entbehrten. Elektrische Bahnen zogen auch an ihnen vorüber und setzten sie mit den Hauptverkehrslinien in Verbindung; wo nur 5-6 Villen — denn der Villenstil herrscht ausnahmslos durch ganz Freiland — nebeneinander standen, fanden sich elektrische Beleuchtung und Beheizung; Telegraph und Telephon fehlten selbst dem entlegensten Gebirgsthale nicht, ebenso keinem Hause das Bad; und wo einige hundert Villen in nicht gar zu großer Entfernung zerstreut lagen, war sicherlich ein Theater für sie gebaut, in welchem abwechselnd Schauspiele, Concerte, Vorträge abgehalten wurden. An Schulen gab es allenthalben Überfluß, und wo irgend ein Ansiedler sich allzu einsam angebaut hatte, als daß die Kinder eine in der Nähe gelegene Schule hätten besuchen können, dort waren diese bei befreundeten Familien untergebracht, denn der Jugendunterricht darf in Freiland unter keinen Umständen leiden.
Daß ich die Gelegenheit nicht versäumte, mir das freiländische Volk an seiner Arbeit — auf dem Felde und in der Fabrik — zu betrachten, ist selbstverständlich. Hier wurde mir die Größe Freilands erst offenbar. Ungeheuer, überwältigend war, was ich allenthalben sah. Von der Großartigkeit der maschinellen Einrichtungen, von der unermeßlichen Kraftfülle, welche die gebändigten Elemente hier dem Menschen zur Verfügung stellen, kann sich der Abendländer ebensowenig eine Vorstellung machen, als von dem raffinierten, ich möchte fast sagen aristokratischen Komfort, mit welchem die Arbeit überall umgeben ist. Keine schmutzige, aufreibende Handlangung verrichtet der Mensch; die sinnreichsten Apparate entheben ihn jedes wirklich unangenehmen Geschäftes; er hat der Hauptsache nach bloß seine unermüdlichen eisernen Sklaven zu überwachen. Und nicht einmal durch ihr Klappern, Stöhnen und Rasseln dürfen diese überall geschäftigen Diener das Ohr ihrer Herren beleidigen. Ich bewegte mich in den Stampfwerken von Leikipia, die den mineralischen Dünger für die dortige Bodenassociation bereiten, zwischen Steinzermalmern von tausenden Centnern Stoßkraft, und kein lästiges Geräusch war zu hören, kein Atom Staub zu sehen. Ich durchschritt Eisenwerke, in denen Stahlhämmer bis zu 3000 Tonnen Fallgewicht verwendet werden; die gleiche Ruhe herrschte in den lichten freundlichen Fabriksälen, kein Ruß auf Händen oder Gesichtern der Arbeiter störte den Eindruck, daß man es mit Gentlemen zu thun habe, die sich dazu herbeilassen, die Schmiedearbeit der Elemente zu überwachen. Ich sah auf den Feldern ackern und säen — wieder dieselbe Erscheinung des Herrn der Schöpfung, der durch den Druck eines Fingers die Riesen „Dampf“ oder „Elektricität“ nach seinem Willen lenkt, wohin und wozu es ihm nützlich dünkt. Ich war unter der Erde in den Kohlengruben und in den Eisenminen; auch dort fand ich es nicht anders: keinen Schmutz, keine aufreibende Plage für den Menschen, der in vornehmer Ruhe zusieht, wie seine gehorsamen Geschöpfe aus Stahl und Eisen für ihn schaffen ohne zu ermüden und zu murren, von ihm nichts anderes verlangend, als daß er sie lenke.
Während der nämlichen Ausflüge lernte ich auch eine Reihe besonderer in Freiland üblicher Vergnügungen näher kennen; ich besuchte mit David die mannigfaltigen entzückenden Aussichtspunkte des Kenia und der Aberdareberge, auf denen es allsonntäglich Gesang und Tanz der jungen Leute gibt, gewürzt in der Regel durch eine Überraschung, welche die Vergnügungskomitees — eine ständige Institution in jedem freiländischen Orte — zur Feier eines beliebigen Anlasses veranstalten. Mir waren die Eisfeste auf dem großen Eislaufteiche am Keniagletscher das Überraschendste. Dort hatten vor fünf Jahren die vereinigten Vergnügungskomitees von Edenthal, Danastadt und Oberleikipia ein 2400 Hektaren messendes, 4250 Meter über dem Meeresspiegel gelegenes Plateau in einen Teich verwandeln lassen, der von den Wässern der unmittelbar daran grenzenden großen Eisfelder gespeist wird. Von Ende Mai bis Mitte August gibt es nun in dieser Höhe stets sehr empfindliche Nachtfröste, die das ohnehin dem Gefrierpunkte nahe Gletscherwasser des Teiches sehr rasch in eine solide Eisbahn verwandeln. Nachdem hierauf dieser großartige Eislaufplatz seinem ganzen Umfange nach mit luxuriösen heizbaren Warte-, Toilette und Speise-Sälen umgeben, des ferneren mittels einer leistungsfähigen Zahnradbahn mit dem Fuße des Berges in Verbindung gebracht worden war, übergaben die vereinigten Komitees ihr Werk der Öffentlichkeit zur unentgeltlichen Benutzung. Die, wie sich denken läßt, sehr beträchtlichen Anlagekosten waren mit Leichtigkeit im Wege freiwilliger Subskriptionen aufgebracht worden, und ebenso decken sich die Erfordernisse der Instandhaltung überreichlich durch freiwillige Beiträge der zahlreichen Besucher. Denn die ganze kühle Jahreszeit hindurch ist die Riesenfläche des Eisteiches von Schlittschuhläufern und insbesondere von Schlittschuhläuferinnen nicht bloß aus der Umgebung des Kenia auf hundert Kilometer in der Runde, sondern aus allen Teilen Freilands bedeckt. Selbst von den Gestaden des indischen Ozeans und der großen Seen kommen Freunde und Freundinnen dieses gesunden Sports hierher, um an den zeitweilig veranstalteten glänzenden Eisfesten teilzunehmen. Gegenwärtig beschäftigt man sich mit dem Plane, unmittelbar am Eislaufplatze ein großartiges Hotel zu errichten, das besonders ausdauernden Verehrern dieser ebenso graziösen als gesunden Leibesübung Gelegenheit geben soll, in 4200 Meter Seehöhe zu übernachten. Des ferneren hat die große Beliebtheit des Kenia-Eisteiches den Anlaß gegeben, auch am Kilima-Ndscharo, und zwar dort in einer noch um 500 Meter höheren Lage ein ähnliches Unternehmen ins Werk zu setzen, welches gegenwärtig seiner Vollendung nahe ist; ein drittes, in den Mondbergen am Albertsee, hat einstweilen das Versuchsstadium nicht überschritten, da dem dortigen Komitee die Auffindung eines zu solchem Zwecke genügend hoch gelegenen und dabei ausreichend großen Platzes bisher nicht recht gelungen sein soll.
Mehr als all’ diese Vergnügungseinrichtungen aber erregte die ungetrübte, im besten Sinne des Wortes kindliche Lust und Fröhlichkeit meine Bewunderung, mit denen nicht bloß diese Veranstaltungen, sondern das ganze Leben in Freiland genossen werden. Man gewinnt durchaus den Eindruck, als ob die Sorge hierzulande unbekannt wäre. Jene unbefangene Heiterkeit, die bei uns in Europa der beneidenswerte Vorzug bloß der ersten Jugendjahre ist, thront hier auf jeder Stirne, strahlt aus Jedermanns Auge. Durchwandere welches civilisierte Land der Welt immer, Du wirst selten, ja ich möchte fast behaupten niemals, einen Erwachsenen finden, auf dessen Antlitz behagliches Glück, ungetrübter Lebensgenuß zu lesen wäre; mit sorgenschweren, meist sogar kummervollen Mienen hasten oder schleichen bei uns daheim die Menschen aneinander vorüber, und zeigt sich irgendwo wirkliche, nicht bloß erkünstelte Fröhlichkeit, so ist es beinahe ausnahmslos die der Gedankenlosigkeit. Glücklich sind bei uns höchstens die „Armen an Geist“; die Reflexion scheint uns nur gegeben, um über des Lebens Not und Qual nachzudenken. Hier zum erstenmale finde ich Menschengesichter, die den Stempel bewußten Denkens und unbefangenen Glückes zugleich zur Schau tragen. Und dieses Schauspiel allgemein glücklicher Zufriedenheit ist für mich erhebender als alles, was wir hier zu sehen bekamen; freier und wohliger atmet die Brust; es ist, als ob ich zum erstenmale aus der beängstigenden Atmosphäre eines mit erstickenden Dünsten geschwängerten Kerkers hinausgelangt wäre in die freie Natur, wo balsamische reine Lüfte mich umfächeln. „Woher kommt Euch allen, allen dieser Abglanz sonniger Heiterkeit?“ fragte ich David.