„Sie ist das naturgemäße Ergebnis der heiteren Sorglosigkeit, in der wir alle leben“, war seine Antwort. „Denn es scheint nicht bloß, es ist wirklich an dem, daß die Sorge hierzulande unbekannt ist, zum mindesten jene häßlichste, erniedrigendste aller Sorgen, die um das tägliche Brot. Nicht daß wir reicher sind, und auch nicht, daß wir es alle sind, ist diesbezüglich das Entscheidende, sondern daß wir, und zwar wohlverstanden jeder Einzelne unter uns, die absolute Sicherheit besitzen, es stets zu bleiben. Hier kann niemand verarmen, denn unveräußerlich ist ihm sein Anteil am unermeßlichen Vermögen der Gesamtheit. Heiter und lachend liegt das „Morgen“ vor uns; es kann uns nichts Schlimmes bringen, denn Gewähr und Sicherheit für das Wohlergehen auch des Letzten unter uns ist eine Macht, so stark und dauerhaft, wie der Bestand unserer Rasse auf diesem Planeten, die Macht des menschlichen Fortschritts. Wir gleichen in diesem Punkte wirklich den Kindern, denen Schirm und Hort des elterlichen Hauses jede materielle Sorge fernhält.“

„Und befürchtet Ihr nicht“ — so warf ich ein — „daß diese Sorglosigkeit schließlich gerade dem ein Ende bereiten wird, worauf sie sich stützt, dem Fortschritte nämlich? Bisher zum mindesten waren noch stets Not und Sorge die besten Triebfedern menschlicher Betriebsamkeit; erlahmen diese beiden, hat die quälende Angst um das Morgen ihr Ende, so wird auch der Fortschritt erlahmen, Stillstand, dann Rückschritt werden ihm folgen und zugleich mit der dadurch notwendigerweise eintretenden Verarmung werden auch Not und Sorge wieder ihren Einzug halten. Daß bisher unter Euch nichts von alledem zu bemerken ist, muß ich zugeben; aber es kann mich dies nicht beruhigen. Denn einstweilen genießt Ihr in Freiland noch die Früchte des Fortschritts Anderer. Was unter Not und Qual ungezählter Jahrtausende ersonnen und erfunden wurde, unter Not und Qual ungezählter Millionen außerhalb der Grenzen Eures Landes auch heute noch ersonnen und erfunden wird, das ist’s, was Euer Glück einstweilen ermöglicht. Wie aber dann, wenn dereinst — was Ihr ja offenbar anstrebt — die ganze Menschheit sich zu Euren Prinzipien bekehrt? Glaubt Ihr, daß die Not gänzlich von der Erdoberfläche verschwinden kann, ohne den Fortschritt mit sich zu nehmen?“

„Das glauben wir nicht bloß“ — war seine Antwort — „wir wissen es, und jedermann, der unbeirrt durch überkommene Vorurteile die Thatsachen prüft, muß unsere Erkenntnis teilen. Kampf ums Dasein ist das unerbittliche Gebot, an welches die Natur den Fortschritt, ja die Existenz jeglichen lebenden Wesens geknüpft hat — das begreifen wir besser, als irgend jemand da draußen. Aber daß dieser Kampf gerade durch den Hunger gestachelt werden muß, leugnen wir, und ebenso, daß er notwendigerweise als ein gegenseitiger Kampf der Individuen der nämlichen Art aufzufassen ist. Auch wir kämpfen den Kampf ums Dasein, denn mühe- und arbeitslos fällt auch uns der Genuß nicht in den Schoß. Aber nicht gegeneinander, sondern miteinander stehen wir in unserem Streben, und gerade deshalb ist uns der Erfolg desselben niemals zweifelhaft. Wir könnten uns, wenn auf das Beispiel des in der Tierwelt herrschenden Kampfes verwiesen wird, darauf berufen, daß der Mensch, dem andere Kampfmittel zu Gebote stehen, als seinen niedriger stehenden animalischen Vettern, den Entwickelungskampf auch in anderer Weise auszutragen vermöchte, als diese; aber das wäre eine ebenso schlechte, als überflüssige Ausflucht. Denn in Wahrheit verhält sich die Sache umgekehrt; Not und materielle Sorge sind — von höchst vereinzelten Ausnahmen abgesehen — keine natürlichen Kampfmittel im Mitbewerbe ums Dasein; die weitaus überwiegende Mehrzahl aller Tiere leidet niemals Mangel, sorgt niemals und in keinerlei wie immer gearteter Form um das Morgen, und ist trotzdem von Uranfang aller Dinge dem großen ausnahmslosen Gesetze des Fortschritts unterworfen gewesen. Am allerwenigsten aber ist im Tierreiche gegenseitiger Kampf der Angehörigen der nämlichen Art die Regel; die Individuen der gleichen Art leben friedlich und der Hauptsache nach kampflos untereinander, ihre Waffen sind nach außen gekehrt, gegen andersgeartete Feinde. Gegen den Löwen und den Panther ficht die Gazelle den Daseinskampf durch Wachsamkeit und Schnelligkeit, nicht gegen ihresgleichen; gegen die Gazelle und den Büffel, Löwe und Panther den ihrigen durch List und Stärke, nicht aber gegen Mit-Löwen und Mit-Panther. Der Kampf unter uns und gegen uns selber war und ist unser, der menschlichen Rasse, Privilegium gewesen. Entsprungen aber ist dies traurige Privilegium allerdings einer Kulturnotwendigkeit; um uns zu dem zu entwickeln, was wir geworden sind, mußten wir von der Natur mehr verlangen, als sie freiwillig zu bieten in der Lage ist; um es zu erlangen, blieb lange Jahrtausende hindurch kein anderer Ausweg, als das zur Befriedigung unserer höheren Bedürfnisse Erforderliche uns gegenseitig abzujagen und abzupressen. Und dadurch erst gestaltete sich die Not zu einem Kampfmittel im menschlichen Daseinskampfe. Also wohlgemerkt, daß der Mensch gegen den Menschen kämpfte, und daß in diesem Kampfe die materielle Sorge den empfindlichsten Stachel bildete, war und ist nicht die einfache Übertragung eines in der ganzen belebten Natur geltenden Gesetzes auf die menschliche Gesellschaft, sondern eine ausnahmsweise Verzerrung dieses großen Naturgesetzes unter dem Einflusse einer menschlichen Entwickelungsphase. Wir litten Not, nicht weil die Natur es durchaus so verlangt, sondern weil wir uns gegenseitig beraubten, und wir beraubten uns gegenseitig, weil mit der beginnenden Kultur ein Mißverhältnis unserer Bedürfnisse und unserer natürlichen Mittel zur Befriedigung derselben entstand. Jetzt aber hat die bis zur Herrschaft über die Naturkräfte gediehene Kultur dieses Mißverhältnis wieder ausgeglichen; um Überfluß und Muße zu genießen, müssen wir uns fürderhin nicht mehr gegenseitig ausbeuten, und wenn nunmehr der Kampf des Menschen gegen den Menschen, und damit zugleich die materielle Not ihr Ende finden, so bedeutet das nicht die Abwendung von den natürlichen Formen des Daseinskampfes, sondern in Wahrheit Rückkehr zu denselben. Nicht der Kampf ist damit zu Ende, sondern bloß die unnatürliche Form desselben. In ihrem Ringen, sich über die rein tierische Natur zu erheben, geriet die Menschheit in einen Jahrtausende währenden Widerstreit mit der Natur selber, und dieser Widerstreit war die Quelle all der unsäglichen Marter und Pein, der Verbrechen und Scheußlichkeiten, deren ununterbrochene Kette die Geschichte unserer ganzen Rasse ist, von den ersten Anfängen ihrer beginnenden Kultur bis zur Gegenwart. Jetzt aber ist der schreckliche Widerstreit durch den glorreichsten Sieg beendet, wir sind geworden, was wir Jahrtausende hindurch erstrebten, ein Geschlecht, das der Natur Überfluß und Muße für alle seine Angehörigen abzugewinnen vermag und gerade durch diese wiedererlangte Harmonie unserer Bedürfnisse und Bedürfnisbefriedigungsmittel haben wir den Einklang mit der Natur wieder hergestellt. Unterworfen bleiben wir ihrem unwandelbaren Gesetze des Kampfes ums Dasein, aber wir werden diesen Kampf hinfort in der nämlichen Weise führen, wie alle anderen Naturwesen, nach außen, nicht nach innen gegen die Genossen der eigenen Art, und entledigt des Stachels materieller Not.“

„Was aber“ — so fragte ich — „soll hinfort den Menschen zu ferneren Kämpfen im Dienste des Fortschritts anspornen, wenn die Not ihren Stachel verloren hat?“

„Sonderbare Frage! Sie zeigt so recht deutlich, wie schwer es ist, Dinge zu sehen, die jenen Anschauungen widersprechen, die wir mit der Muttermilch eingesogen haben und die wir als Grundpfeiler der Ordnung und Gesittung anzusehen uns gewöhnt haben, auch wenn diese Anschauungen den offenbarsten Thatsachen aufs augenscheinlichste widersprechen. Als ob jemals Not die ausschließliche, oder auch nur die vornehmste Triebfeder menschlichen Fortschrittes gewesen wäre! Der Widerstreit zur Natur, in welchen das Mißverhältnis zwischen Kulturbedürfnissen und Kulturkräften die Menschheit in den Jahrtausenden des Übergangs von Barbarei zu wirklich menschenwürdiger Kultur brachte, hatte zwar zur Folge, daß der Kampf ums Dasein neben seinen natürlichen auch widernatürliche, der tiefinnersten Eigenart der meisten Naturwesen Hohn sprechende Formen annahm; doch zur Alleinherrschaft gelangten diese niemals, ja die Natur erwies sich in der Regel doch mächtiger, als die ihr widerstrebenden Menschensatzungen, und alle Epochen der Kulturgeschichte hindurch haben wir die besten Errungenschaften des menschlichen Geistes nicht der Not, sondern jenen anderen Impulsen zu verdanken, die unserer Rasse eigentümlich sind und bleiben werden, so lange sie als herrschende die Erde bevölkert. Dreimal blind, wer dies nicht sehen will! Die großen Denker, Erfinder und Entdecker aller Zeiten und aller Nationen, sie wurden nicht durch Hunger angespornt, ja man kann in der Mehrzahl der Fälle behaupten, daß sie sannen und dachten, forschten und fanden, nicht weil, sondern trotzdem sie hungerten. „Doch“ — so könnte man einwenden — „das waren eben die wenigen Erlesenen unseres Geschlechts; die große Masse der Alltagsmenschen aber kann nur durch gemeinen, prosaischen Hunger angespornt werden, nach besten Kräften zu gebrauchen, was jene fanden und ersannen.“ Wer so urteilt, geht abermals von einem höchst merkwürdigen Übersehen aus. Welche Voreingenommenheit gehört dazu, sich der Thatsache zu verschließen, daß es gerade die Besitzenden sind, die Nichthungernden, die am emsigsten vorwärts streben. Der Hunger ist zwar ein Stachel zur Arbeit, aber ein entnervender, verderblicher, und wer triumphierend auf jene Elenden weist, die thatsächlich nur durch bitterste Not zur Thätigkeit angespornt werden können und sofort wieder in träge Apathie versinken, sowie der nagendste Hunger gestillt ist, der vergißt, daß es eben das Elend ist, was Schuld an dieser Entartung trägt. Der Kulturmensch, der höhere Bedürfnisse einmal kennen gelernt, wird desto emsiger deren Befriedigung anstreben, je weniger ihm entwürdigende Not die Spannkraft des Geistes und Körpers gebrochen hat und je zweifelloser der Erfolg seines Strebens ist. Denn nicht in der hoffnungslosen Not, sondern im vernünftigen, auf ein sicheres Ziel fröhlich zusteuernden Eigennutze muß jeder Unbefangene den wirksamsten Sporn der Betriebsamkeit erkennen. Diesen Eigennutz aber hat unsere sociale Ordnung — weit entfernt, ihn abzustumpfen — in Wahrheit erst zu voller Entfaltung gebracht. Du kannst also vollkommen beruhigt darüber sein: was Du bisher bei uns wahrzunehmen Gelegenheit hattest, daß wir nämlich an Erfindungskraft und geistiger Regsamkeit den anderen Nationen voranschreiten, es ist kein zufälliges Ergebnis irgendwelcher vorübergehender Einflüsse, sondern die notwendige Konsequenz unserer Institutionen, und jedes Volk, welches diese letztere nachahmt, wird die gleichen Konsequenzen verspüren. So wenig als wir der quälenden Not bedürfen, um Erfindungen und Verbesserungen zu ersinnen, welche die Menge und Mannigfaltigkeit unserer materiellen wie geistigen Genüsse zu vermehren geeignet sind, ebensowenig wird bei irgend einem anderen Volke der Fortschritt aus dem Grunde erlahmen, weil dieses Volk gleich uns in die glückliche Lage gerät, die Früchte des Fortschritts zu genießen.“

Ich konnte mich nicht enthalten dem gleich einem begeisterten Seher sprechenden Freunde um den Hals zu fallen. „Wenn ich es bei Lichte betrachte“ — erklärte ich — „so läuft die gegenteilige Auffassung darauf hinaus, als ob der Fortschritt nur dort gedeihen könne, wo er der Hauptsache nach nutzlos ist. Denn der fundamentale Unterschied zwischen Euch Freiländern und uns anderen liegt doch darin, daß Ihr die Früchte jeden Fortschritts genießet, während wir mit demselben eigentlich bloß in das Danaidenfaß der Überproduktion schöpfen. Niemand bezweifelt, daß Stuart Mill Recht hatte, als er beklagte, daß alle Entdeckungen und Erfindungen bisher nicht vermochten, die Plage und Not auch nur eines arbeitenden Menschen zu lindern; welch schrecklicher Wahnsinn jedoch, zu glauben, daß gerade das notwendig sei, damit fernerhin entdeckt und erfunden werde!“

„Doch, um wieder auf unseren Ausgangspunkt zurückzukommen“, fuhr ich fort, „so ist mir mit alledem die geradezu wunderbare, herzerquickende Heiterkeit, die alles hier in diesem Lande der Glücklichen atmet, noch immer nicht ganz erklärlich. Not und materielle Sorge sind hier unbekannt, zugegeben. Aber es gibt ja auch außerhalb Freilands Hunderttausende und Millionen, die jeder drückenden Sorge enthoben sind; warum fehlt diesen die wirkliche Heiterkeit? Vergleiche doch einmal unsere beiderseitigen Väter. Der meinige ist unstreitig der reichere, und doch, welch’ tiefe Furchen hat die Sorge in seine Stirn gegraben, welch’ herben Zug schmerzlicher Reflexion um seine Mundwinkel; und welch’ froher Glanz ewiger Jugend leuchtet aus jedem Zuge Deines Vaters. Ich möchte beinahe vermuten, daß die Luft, die man in diesem Lande atmet, sehr wesentlich mit im Spiele ist; denn die Falten und Furchen in Vaters Zügen, von denen ich soeben sprach, haben sich schon in den zwei Wochen unseres Aufenthaltes hier merklich geglättet, und ich selber fühle mich heiterer, glücklicher als jemals zuvor.“

„Du hast“, entgegnete mir David, „das Wichtigste vergessen, den Einfluß des Gesamtgefühls auf das Gefühl des Einzelnen. Der Mensch ist ein geselliges Wesen, das seine Gedanken und Empfindungen nur zum Teile dem eigenen Kopfe und dem eigenen Herzen entnimmt, während ein anderer, nicht minder wichtiger Teil, ich möchte sagen die Grundstimmung, die den individuellen Geistes- und Gemütsregungen Farbe und Inhalt verleiht, in der jeweilig existierenden Gesamtgesellschaft ihren Ursprung hat. Jeder Einzelne steht mit seinen Mitlebenden nicht bloß äußerlich, sondern ebenso auch innerlich in unlöslicher Berührung; er glaubt zu denken, zu fühlen und zu handeln, bloß wie seine Individualität es erheischt, fühlt, denkt und handelt aber der Hauptsache nach unter dem unentrinnbaren Banne einer alle Köpfe, Herzen und Handlungen umschlingenden Zeitströmung. Der aufgeklärte, humane Freidenker der Gegenwart hätte — wäre er drei Jahrhunderte früher geboren worden, um der kleinlichsten, ihm heute lächerlich erscheinenden Glaubensdifferenzen willen Andersdenkende mit demselben grimmigen Hasse verfolgt, wie dazumal alle anderen Lebenden auch; und hätte er noch um einige Jahrhunderte früher, etwa unter den heidnischen Sachsen zur Zeit Karls des Großen das Sonnenlicht gesehen, so wären ihm Menschenopfer so wenig ein Greuel gewesen, als den andern Verehrern der Göttin Hertha. Derselbe Mann aber, welcher als heidnischer Sachse in den Wäldern der Weser und Elbe aufgewachsen, Ruhm und Preis darin gefunden hätte, das Blut geschlachteter Gefangener vom Herthastein gen Himmel dampfen zu lassen, wäre dazumal schon von unüberwindlichem Grauen vor solchem Thun geschüttelt worden, wenn ihn — begabt mit genau den nämlichen individuellen Anlagen — der Zufall im kaiserlichen Byzanz, statt unter germanischen Barbaren hätte geboren werden lassen; hier dagegen hätte er skrupellos Lug und Verrat geübt, während er — im übrigen vom Wirbel bis zur Zehe derselbe Mann — umgeben von den trotzigen Germanenhelden, solch weichlicher Laster ganz und gar unfähig geblieben wäre. Da dem aber so ist, da die Tugenden und Laster, die Gedanken und Gefühle jener unserer Zeitgenossen, in deren Mitte wir geboren und erzogen worden, die Grundstimmung unseres eigenen Wesens bilden, so ist es schlechterdings unmöglich, daß der Angehörige einer von wahnsinnigster Angst vor dem Hunger bis ins innerste Mark gerüttelten Gesellschaft, jemals in ungetrübter Sorglosigkeit seines Lebens sich freue. Wo die ungeheure Mehrzahl der Zeitgenossen niemals weiß, was der morgige Tag bringen mag, ob eine fernere Fristung des jammervollen Daseins oder den völligen wirtschaftlichen Untergang, unter dem Obwalten einer socialen Ordnung, die den eigenen Erfolg im Daseinskampfe davon abhängig macht, daß es uns gelinge, dem gierig nach unserem Brote lechzenden, gleich uns von fiebernder Angst gerüttelten Konkurrenten sein Brot aus den Zähnen zu reißen; in einer Gesellschaft, wo jedermann jedermanns Feind ist, von wirklich heiterem Lebensgenusse zu sprechen, ist der Gipfel des Unsinns. Kein individueller Reichtum gewährt Schutz gegen den zermalmenden Jammer der Gesamtheit aller Mitlebenden. Dem hundertfachen Millionär, der nicht den hundertsten Teil der Zinsen seiner Zinsen in Wirklichkeit verzehren kann, ihm greift das schreckliche Hungergespenst mit ebenso scharfen Krallen ins Gemüt, wie dem elendesten der Elenden, der obdachlos, frierend und hungernd durch die Straßen Eurer Großstädte irrt. Der Unterschied zwischen beiden liegt nicht im Hirn und im Herzen, sondern lediglich in den Magennerven; der zweite empfindet auch physisch, was der erste bloß seelisch und geistig empfindet. Die seelischen und geistigen Leiden aber sind die dauernden und deshalb wirksameren. Betrachtet ihn doch, Eueren vom wahnwitzigen Hungerfieber besessenen Krösus, wie er atemlos nach immer neuem und neuem Erwerbe hastet, wie er sich und der Seinen Glück und Ehre, Genuß und Frieden dem Götzen schlachtet, von welchem er sich Hilfe in der allgemeinen Not erwartet, dem Götzen des Mammons. Denn nicht besitzt er seinen Reichtum, er ist von ihm besessen. Besitz auf Besitz will er häufen, vermeinend, daß er hoch oben auf dem schwindelnden Gipfel zahlloser Millionen Sicherheit erlangen könnte gegen das Meer von Elend, das ihn grauenerregend rings umbrandet; ja, so verblendet ist der Thor, daß er nicht einmal bemerkt, wie nur dieser Ozean des allgemeinen Elends es ist, was ihm Grauen einjagt, vielmehr des traurigen Wahnes lebt, seine Angst werde sich mindern, wenn nur der Abgrund da unten noch tiefer und schauerlicher sich abhebt von seinem schwindelnden Sitze da oben. Und man glaube nicht etwa, daß unter dieser abergläubischen Angst vor dem Hunger bloß die Thorheit Einzelner gemeint sei. Das ganze Zeitalter ist davon besessen, und gerade die besten Naturen am meisten. Denn je empfänglicher Kopf und Herz sind, zu desto schrankenloserer Vorherrschaft gelangt das Gemeingefühl der allgemeinen Not dem vorübergehenden individuellen Behagen gegenüber; bloß vollkommen kaltherzige Egoisten oder vollendete Idioten machen hie und da eine Ausnahme; bloß sie können sich, unbeirrt durch das Hungergespenst, welches die Millionen ihrer Brüder würgt, mit wirklichem Behagen ihres Reichtums freuen.

„Das ist’s, o mein Karlo, was Euch allen den hippokratischen Leidenszug ins Antlitz prägt; Ihr könnt Euch unbefangenem Lebensgenusse nimmermehr hingeben, so lange Ihr inmitten einer Atmosphäre des Elends, des Jammers und der Angst atmet. Und das ist’s auch, dieses Gemeingefühl, welches jeden Menschen mit seiner Umgebung verbindet, was Euch hier, kaum angelangt inmitten einer Gesellschaft, der dieses Elend, dieser Jammer, diese Angst gänzlich unbekannt sind, zu jener Heiterkeit des Denkens und Empfindens erwachen läßt, die jedem gesunden Naturwesen ureigentümlich ist. Und vollends wir, die wir seit einem Menschenalter uns inmitten dieser, des Elends sowohl als der Furcht vor dem Elend entledigten Gesellschaft bewegen, wir haben die düstere Auffassung des Menschenschicksals, von welcher auch wir befangen waren, solange die alte Welt mit ihrem selbstauferlegten Martyrium uns umfing, beinahe vollständig überwunden. Ich gebrauche das einschränkende „beinahe“ für diejenigen unter uns, die erst im Mannesalter Freiländer geworden sind. Wir jüngeren, die wir hier im Lande geboren und aufgewachsen sind, ohne das Elend jemals gesehen zu haben, unterscheiden uns in diesem Punkte nicht unerheblich von den älteren, die in ihrer Jugend das Medusenhaupt der Knechtschaft von Angesicht zu Angesicht geschaut. Fünfundzwanzig Jahre sind es her, daß mein Vater und meine Mutter, die beide unter den ersten hier am Kenia anlangten, der Stickluft des Massenelends, der Entwürdigung des Menschen durch den Menschen entrückt sind; aber die Erinnerung des Entsetzlichen, das sie vorher miterlebt, dessen Teilnehmer sie gewesen, ohne es hindern zu können, sie wird bis zu ihrem Ende nicht gänzlich aus ihrem Gemüte schwinden und nimmermehr kann jene göttergleiche Ruhe und Heiterkeit völlig von ihrem Herzen Besitz ergreifen, die das selbstverständliche Erbteil ihrer Kinder ist, an deren Händen niemals Schweiß und Mark geknechteter Menschen haftete, die um zu genießen, niemals die Früchte fremder Arbeit sich aneigneten, niemals vor der grausamen Alternative standen, Hammer oder Ambos im Daseinskampfe zu sein.“

Damit schloß David für diesmal seine Belehrungen und ich will es ihm nachthun.