„Vortrefflich!“ mengte sich hier David in das Gespräch, „nur daß die Arbeitgeber keineswegs gewillt sind, die Überschüsse, welche ihnen der Mehrertrag ihrer Produktion liefert, in sonderlichem Maße zur Steigerung ihres Luxuskonsums zu verwenden, sondern der Hauptsache nach kapitalisieren, d. h. den Mehrertrag in Werkzeugen der Produktion anlegen wollen. Ja, unter Umständen ist der „Arbeitgeber“, wie wir gestern schon gehört, gar kein Mensch, der menschliche Bedürfnisse besitzt, sondern ein Popanz, der nichts genießt und alles kapitalisiert.“
„Desto besser!“ meinte ich, „desto rascher kann der Reichtum zunehmen, denn rasch wachsende Kapitalien bedeuten rasch wachsende Produktion und diese ist an sich gleichbedeutend mit rasch wachsendem Reichtume.“
„Herrlich!“ rief David. „Also weil die arbeitenden Massen ihren Konsum nicht steigern können, die Arbeitgeber den ihrigen nicht entsprechend steigern wollen, weil man demnach von keinerlei menschlichen Bedarfsartikeln mehr gebrauchen kann, als zuvor, so benützt man die überschüssige Produktivkraft zur Vermehrung der Produktionsmittel. D. h. mit anderen Worten: Niemand braucht mehr Getreide — folglich bauen wir neue Pflüge; niemand braucht mehr Gewebe — folglich errichten wir neue Spinnereien und Webereien! Ermissest du noch nicht den Gipfel des Unsinnes, zu welchem Eure Doktrin führt?“
Ich glaube, Luigi, Du wirst gleich mir zugeben, daß sich gegen dieses ebenso einfache als überzeugende Raisonnement schlechterdings nichts einwenden ließ. Eine Wirtschaftsordnung, die den Produkten des menschlichen Fleißes und Erfindungsgeistes die einzige Verwendung, der sie in letzter Linie alle dienen, nämlich die bessere Befriedigung irgendwelcher menschlicher Bedürfnisse, abschneidet und sich dann wundert, daß dieselben nicht verwendet werden können, ist thatsächlich an der Grenze des Blödsinns angelangt. Und daß die Dinge bei uns in Europa und Amerika wirklich so liegen, muß schließlich jedermann einleuchten.
„Aber was geschieht — um des Himmels willen — mit der solcherart bei uns unverwendbar gewordenen Produktivkraft?“ fragte ich weiter. „Wir sind der Hauptsache nach in Künsten, Wissenschaften und technischen Fertigkeiten so vorgeschritten, als Ihr in Freiland; ich muß also glauben, daß wir, besäßen wir nur Verwendung für alle Erträge unserer Produktion, so reich, oder doch annähernd so reich sein könnten, wie Ihr. Nun besitzen wir aber thatsächlich lange nicht den zehnten Teil Eures Reichtums und trotzdem wird bei uns ungefähr doppelt so angestrengt gearbeitet, als hier. Denn wenn auch bei Euch alles arbeitet, während es bei uns einige Müssiggänger gibt, die lediglich von fremder Arbeit leben, so fällt dies doch angesichts des Umstandes, daß unsere arbeitenden Massen acht bis zehn Stunden und darüber ins Joch gespannt sind, während hier durchschnittlich bloß fünf Stunden lang gearbeitet wird, gar nicht ins Gewicht. Es gibt bei uns zahlreiche Millionen feiernder Arbeiter, allerdings; aber auch das wird überreichlich aufgewogen durch Weiber- und Kinderarbeit, die Ihr nicht kennt; wo also — ich wiederhole es — liegt der unermeßliche Unterschied in der Ausnutzung unserer und Eurer Produktivkräfte?“
„In der Ausrüstung der Arbeitskräfte“, war die Antwort. „Wir Freiländer arbeiten weniger angestrengt als Ihr, aber wir benutzen dazu alle Behelfe der Wissenschaft und Technik in vollstem Umfange, während Ihr dies nur ausnahmsweise und nirgends so vollkommen als wir, vermögt. Alle Erfindungen und Entdeckungen der großen Geister der Menschheit sind Euch so gut bekannt, als uns; in allgemeinem Gebrauche aber stehen sie nur bei uns. Da Euch Eure herrlichen socialen Einrichtungen den Genuß jener Dinge verwehren, zu deren erleichterter Erzeugung doch all jene Erfindung einzig dienen — nun so bedient Ihr Euch ihrer eben nicht, oder doch nur entsprechend jenem geringen Maße, in welchem Eure Einrichtungen Euch den Genuß zumessen.“
Selbst mein Vater war von dieser vernichtenden Beleuchtung eines Systems, das als höchsten Ausfluß ewiger Weisheit zu verehren er von jeher gewöhnt gewesen, aufs tiefste erschüttert. „Unglaublich! Schrecklich!“ murmelte er, nur mir verständlich.
Herr Clark aber fuhr fort: „Bei uns hingegen ist der Lehrsatz der sog. klassischen Ökonomie, daß ein allgemeines Zuviel an Produkten unmöglich sei, allerdings zur Wahrheit geworden, denn in Freiland decken sich Konsum und Produktivität thatsächlich aufs vollkommenste. Hier könnte es also wirklich bloß geschehen, daß vorübergehend zu viel von einzelnen Dingen erzeugt, d. h. daß das Gleichgewicht der verschiedenen Produktionsarten zeitweilig gestört würde. Doch auch diese, an sich geringfügige Gefahr brauchen wir nicht zu fürchten. Der durch unsere Einrichtungen bewerkstelligte innige Zusammenhang aller Produktionsinteressen gewährleistet von vornherein das Gleichgewicht aller Produktionserträge. Genauer besehen ist ganz Freiland eine einzige große Produktionsgenossenschaft, deren einzelne Mitglieder unabhängig von einander sind in allen Dingen, in einem Punkte jedoch zusammenhängen, im Ertrage ihrer Arbeit nämlich. Gerade weil jedermann arbeiten kann wo und was ihm beliebt, jedermanns Arbeit aber in dem einen Zwecke der Erzielung möglichst hohen Nutzens zusammenläuft, so ist es, von vorübergehenden nebensächlichen Irrungen abgesehen, anders gar nicht möglich, als daß der bei gleicher Arbeit erzielbare Nutzen überall der gleiche sei. Alle unsere Einrichtungen gipfeln in diesem einen Punkte. Anfangs, so lange unser Gemeinwesen noch im Werden begriffen war, kam es vor, daß ziemlich bedeutende Ungleichheiten erst nachträglich ausgeglichen werden konnten; die Produzenten wußten oft erst nach Abschluß der Jahresbilanzen, was sie und was andere verdient hatten. Das ist ein längst überwundenes Stadium der Kindheit; heute weiß jeder Freiländer bis auf geringfügige, durch unvorhergesehene kleinere Zufälle herbeigeführte Abweichungen ganz genau, was er und alle anderen nicht bloß verdient haben, sondern was sie aller Voraussicht nach in nächster Zukunft verdienen werden; er wartet nicht erst, bis Ungleichheiten eingetreten sind, um sie dann auszugleichen, sondern er sorgt dafür, daß Ungleichheiten gar nicht eintreten. Da unsere Statistik jederzeit mit untrüglicher Sicherheit angibt, was in jedem Produktionszweige jeweilig erzeugt wird und der Bedarf sowohl, als dessen Einfluß auf die Preise überall aus sorgfältiger Beobachtung früherer Jahre genau bekannt ist, so läßt sich die Rentabilität nicht bloß jedes Produktionszweiges, sondern jedes einzelnen Etablissements so verläßlich vorherberechnen, daß namhaftere Irrtümer nur im Falle elementarer Katastrophen möglich sind. Ereignen sich solche, nun dann greift eben die wechselseitige Versicherung helfend ein; im übrigen giebt es hierzulande nicht bloß keine Krisen, sondern nicht einmal sonderliche Ertragsschwankungen der verschiedenen Produktionen. Unser statistisches Amt veröffentlicht ununterbrochen genaue Zusammenstellungen, aus denen jederzeit zu ersehen ist, wo in nächster Zukunft Bedarf, wo Überfluß an Arbeitskraft herrschen wird; nach diesen Ausweisen richtet sich unser Arbeiternachwuchs und das genügt, von höchst seltenen Ausnahmen abgesehen, vollkommen zur Erhaltung des Gleichgewichts der Erträge. Daß da oder dort ein neueingerichtetes Etablissement verunglückt, kommt manchmal, insbesondere bei der Minenindustrie vor. Aber dieses Verunglücken darf man sich nicht etwa als Bankerott vorstellen — wie sollen Unternehmer bankerottieren, die weder Grundrente, noch Kapitalzins, noch Arbeitslohn zu bezahlen haben und denen für alle Fälle ihre hochwertige Arbeitskraft bleibt — sondern schlimmstenfalls als getäuschte Erwartung. Und verliert in einem ganz besonderen Falle das Gemeinwesen oder irgend eine Association durch den vorzeitigen Tod eines Schuldners wirklich die dargeliehene Summe — was kann das angesichts der gefahrlos umgesetzten Riesensummen unseres Verkehrs zu bedeuten haben? Sollte man zur Deckung solcher Verluste ein Delcredere einheben, es würde kaum Tausendteile eines Prozents betragen und wäre die seinetwegen verspritzte Tinte nicht wert.“
„Und stören auswärtige Katastrophen nicht zeitweilig den ruhigen Gleichgang Ihrer freiländischen Produktion? Werden Ihre Märkte nicht durch ausländische Überproduktion mit Waren überflutet, für die entsprechende Verwendung fehlt?“ fragte ich.
„Daß die durch die anarchische Gestaltung der ausbeuterischen Produktionsverhältnisse so häufig eintretenden heftigen Preisschwankungen der Welthandelsgüter nicht auch für uns mit empfindlichen Unannehmlichkeiten verknüpft wären, kann allerdings nicht behauptet werden. Wir sehen uns dadurch nur zu oft genötigt, einzelne Produktionen einzuschränken und die damit frei werdenden Arbeitskräfte anderen Erzeugungsarten zuzuwenden, ohne daß ein wirklicher Wechsel in den Produktionskosten oder in den Bedarfsverhältnissen dies begründen würde. Thatsächlich sind diese fremden, plötzlichen und unberechenbaren Einflüsse bisweilen Schuld daran, daß zur Erhaltung des Gleichgewichts der Erträge wirkliche Auswanderung von Arbeitskräften aus einer Produktion in die andere notwendig wird, während zu Ausgleichung der aus natürlichen Gründen eintretenden Verschiebungen des Angebots und der Nachfrage fast immer die planmäßige Zu- oder Ableitung des Arbeiternachwuchses genügt. Eine tiefergehende Erschütterung unserer Erwerbsverhältnisse aber vermögen auch diese sprunghaften ausländischen Ereignisse nicht herbeizuführen. Gleichwie es unmöglich ist, eine Flüssigkeit, die jedem Drucke oder Stoße nachgibt und ausweicht, aus dem Gleichgewichte zu bringen, so kann auch unsere Wirtschaft, gerade wegen ihrer absoluten freien Beweglichkeit, nie ihr Gleichgewicht verlieren. In unnütze, störende Bewegung mag sie gebracht werden, aber die natürliche Schwerkraft stellt sofort das Gleichmaß aller Verhältnisse wieder her.“