Du äußerst in Deinem letzten Briefe einige Verwunderung darüber, daß unser Gastfreund aus seinem bloß 1440 Pfund betragenden Gehalte als Regent von Freiland einen Hausstand gleich dem Dir beschriebenen zu führen, eine elegante Villa mit zwölf Wohnräumen zu bewohnen, feine Küche zu führen, Wagen und Reitpferde zu halten, kurzum einen Luxus zu treiben vermöge, den sich bei uns daheim nur die Reichsten gönnen dürfen. Die Erklärung liegt darin, daß Dank der wunderbaren Organisation von Arbeit und Verkehr hier eben alles fabelhaft billig ist, ja zahlreiche Dinge, die in Europa und Amerika recht viel Geld verschlingen, den freiländischen Haushalt überhaupt nicht belasten, da sie vom Gemeinwesen unentgeltlich beigestellt werden und ihre Deckung schon in den vom Reineinkommen vorweg abgezogenen Steuern finden. So erscheinen z. B. bei den Reisekosten die Fahrpreise auf Eisenbahnen und Dampfschiffen auch nicht mit einem Heller, da, wie Du schon aus meinen früheren Briefen entnommen haben kannst, das freiländische Gemeinwesen den Personentransport unentgeltlich besorgt. Das Gleiche gilt, wie ich ebenfalls schon erwähnt zu haben glaube, bei allen Telegraphen, Telephonanstalten, Briefpost, elektrischer Beleuchtung, mechanischer Kraftabgabe u. dergl. Beim Frachtentransporte zu Lande und Wasser dagegen läßt sich die freiländische Verwaltung die Selbstkosten ersetzen. Bemerken will ich bei diesem Anlasse noch, daß beinahe jede freiländische Familie durchschnittlich zwei Monate des Jahres auf Reisen wendet, die meist den wundervollen und mannigfaltigen Naturschönheiten des eigenen Landes gelten, teils auch — dies jedoch seltener — bis ins entfernte Ausland sich erstrecken. Jeder Freiländer nimmt alljährlich mindestens sechs, bisweilen aber auch zehn Wochen Urlaub von allen Geschäften und sucht während dieser Zeit Erholung, Vergnügen und Belehrung als Tourist. Insbesondere in den Hochlanden des Kilima-Ndscharo, Kenia und Elgon, des Aberdare und Mondgebirges, sowie an den Gestaden der sämtlichen großen Seen wimmelt es mit Ausnahme der beiden Regenepochen jederzeit von fahrenden, reitenden, wandernden, rudernden und segelnden Männern, Frauen und Kindern, die in vollen Zügen jegliche Lust des Reisens genießen.
Überhaupt gehört sinnige, herzliche Freude an der Natur und ihren Schönheiten zu den charakteristischen Eigenschaften der Freiländer. Sie sind eben allesamt Eigentümer ihres gesamten Landes, und inniges Behagen an diesem ihrem köstlichsten Eigentum tritt überall zu Tage. So halte ich es z. B. für bezeichnend, daß nirgend in Freiland Bäche und Flüsse durch Abfallwässer vergiftet, nirgend malerische Berghänge durch wahllos angebrachte Steinbrüche verunstaltet werden, oder sonst ein Frevel gegen die landschaftliche Schönheit zu rügen ist. Warum auch sollten diese selbstherrlichen Arbeiter um geringer Ersparnisse willen — die sie zudem sehr bald mit aller Welt teilen müßten — sich selber eines so wesentlichen Genusses berauben, wie es eine möglichst gesunde und schöne Landschaft ist? Natürlich kommt diese verständige Pflege aller landschaftlichen Reize auch den Reisenden zu gute. Allenthalben sind Straßen sowohl als Eisenbahnen von mehrfachen Alleen prächtiger Palmen eingesäumt, deren schlanke astlose Stämme nirgend die Aussicht behindern, während ihre dichten Kronen erquickenden Schatten gewähren. Man hat infolge dieser ebenso einfachen als wirksamen Einrichtung beim Reisen hier unter dem Äquator von Hitze und Staub weit weniger zu leiden, als im „gemäßigten“ Europa, wo während der Sommermonate eine mehrstündige Eisenbahn- oder Wagenfahrt häufig zur Tortur wird. An allen schön und romantisch gelegenen Punkten haben die zahlreichen, mit den gewaltigsten Mitteln arbeitenden Hôtel- und Vergnügungsassociationen sowohl riesige Gasthöfe als eine Menge kleiner Villen angelegt, in denen die Touristen und Sommerfrischler je nach Laune und Geschmack für Stunden, Tage, Wochen oder Monate gemeinsam zu Hunderten und Tausenden oder allein in ländlicher Zurückgezogenheit Unterkunft und allen erdenklichen Comfort finden.
Wunderst Du Dich schon über den Luxus im Neyschen Hause, was wirst Du erst sagen, wenn ich Dir erzähle, daß hierzulande dem Wesen nach jeder einfache Arbeiter so lebt, wie unsere Gastfreunde. Die Villen haben einige Wohnräume weniger, die Möbel sind einfacher, statt eigene Reitpferde in den Ställen der Transportassociation zu halten, werden Mietpferde benützt, auf Kunstgegenstände, Bücher und zu wohlthätigen Zwecken wird weniger ausgegeben, das ist aber auch der ganze Unterschied. Da ist z. B. unser Nachbar Moro. Derselbe, ein gewöhnlicher Werkführer der Edenthaler Farbwarenassociation, gehört samt seiner reizenden Frau zu den Intimen des Neyschen Hauses, und wir haben schon einigemale vortrefflich in seinem netten und komfortabel eingerichteten 7 Wohnräume enthaltenden Heim gespeist. Ja selbst die „Ziehtöchter“ fehlen — nebenbei bemerkt — in seinem Hause nicht, denn auch seine Gattin genießt — und, wie ich hinzufügen will, nicht mit Unrecht — den Ruf einer hervorragenden Geistes- und Herzensbildung, und die Ziehtöchter suchen, wie Du weißt, nicht das große Haus, sondern die bedeutende Frau auf. Und sollte Dir besonders auffallend erscheinen, daß solch ein Phönix von Frau Gattin eines gewöhnlichen Fabrikarbeiters ist, so bedenke, daß freiländische Arbeiter etwas anderes sind, als europäische. Gediegene Mittelschulbildung genießt hier alle Welt, und daß ein junger Mann Handwerker und nicht Lehrer, Arzt, Ingenieur oder dergl. wird, hat darin seinen Grund, daß er eben keinerlei hervorragende geistige Fähigkeiten in sich entdeckt oder vermutet. Denn hierzulande kann sich den geistigen Berufszweigen nur ein geistig hervorragend Befähigter mit Aussicht auf Erfolg zuwenden, da der Minderbefähigte angesichts der Konkurrenz aller wirklich Befähigten unmöglich aufzukommen vermag. Bei uns da draußen, wo nur eine verschwindende Minderzahl die materiellen Mittel zum Studium hat, gewährt diese Mittellosigkeit einer ungeheuern Mehrzahl auch den Dummköpfen unter den Bemittelten ein Privilegium. Die Reichen können eben nicht alle talentiert sein — so wenig als die Armen alle es sind; da wir aber trotzdem unseren Bedarf an geistigen Arbeitern — von Ausnahmen, die ja überall vorkommen, muß dabei natürlich abgesehen werden — bloß aus der kleinen Menge von Söhnen reicher Familien decken, so kommen bei uns — günstig gerechnet — auf je einen fähigen Studierenden zehn Unfähige, von welchen Zehnen aber, da wir mit dem einen Fähigen natürlich nicht den ganzen Bedarf decken können, höchstens die zwei oder drei Allerdümmsten Schiffbruch leiden. Hier dagegen, wo Jedermann die Mittel zum Studium hat, giebt es selbstverständlich unendlich mehr befähigte Studierende, folglich brauchen die Freiländer bei Deckung ihres geistigen Bedarfes lange nicht so tief zu greifen, als wir. Ihre Tüchtigsten sind nicht notwendig tüchtiger, als die unsrigen, aber unsere Unfähigsten — unter den Studierenden — sind viel, viel unfähiger, als ihre überhaupt noch möglichen Unfähigsten. Was bei uns noch mittelgut wäre, ist hier schon lange aussichtslos. Freund Moro z. B. hätte es in Europa oder Amerika vielleicht auch zu keiner „Leuchte der Wissenschaft“ oder „Zierde des Barreau“ gebracht, doch ein ganz annehmbarer Durchschnittslehrer, Advokat oder Beamter wäre er immerhin geworden. Hier aber mußte er — nach absolvierten Mittelschulen — gewissenhafter mit seinen geistigen Fähigkeiten zu Rate zu gehen und gelangte dabei zu dem Resultate, daß es ersprießlicher für ihn sei, ein tüchtiger Fabrikwerkführer, als ein mittelmäßiger Lehrer oder Beamter zu werden. Und er konnte diesem Ratschlage strenger — vielleicht allzustrenger — Selbstprüfung Folge geben, ohne sich gesellschaftlich zu degradieren, denn in Freiland schändet Handarbeit wirklich nicht, zum Unterschiede von Europa und Amerika, wo dies zwar auch behauptet wird, jedoch lediglich eine der vielen konventionellen Lügen ist, mit denen wir uns selber hinters Licht zu führen versuchen. Arbeit ist bei uns — trotz aller demokratischen Redensarten — ganz im Allgemeinen eine Schande, denn der Arbeitende ist ein höriger Mann, ein ausgebeuteter Knecht, er hat einen Herrn über sich, der ihn kommandiert, für sich ausnützt gleich dem arbeitenden Tiere — keine Moraltheorie der Welt wird die Ehre des Knechtes der des Herrn gleichsetzen. Hier aber ist das anders. Um dies voll zu ermessen, brauchst Du bloß einmal gesellige Vereinigungen in Freiland besucht zu haben. Zwar liegt es in der Natur der Sache, daß Personen des gleichen Interessenkreises sich zunächst aufsuchen und anziehen, doch darf dies beileibe nicht so aufgefaßt werden, als ob damit auch nur im entferntesten eine Sonderung verschiedener Gesellschaftsschichten nach Berufen verbunden wäre. Das allgemeine Bildungsniveau ist ein so hohes, das Interesse an den erhabensten Problemen der Menschheit auch unter den Handarbeitern so verbreitet, daß Gelehrte, Künstler, hohe Beamte die mannigfaltigsten geistigen und gemütlichen Berührungspunkte auch mit Fabrik- oder Feldarbeitern finden.
Dies ist umsomehr der Fall, als eigentlich eine Scheidung von Kopf- und Handarbeitern sich hierzulande gar nicht streng durchführen läßt. Der Handarbeiter von heute kann morgen durch die Wahl seiner Genossen Betriebsleiter, also Kopfarbeiter werden, und umgekehrt gibt es unter den Handarbeitern ungezählte Tausende, die ursprünglich einen anderen Beruf gewählt und die für diesen erforderlichen höheren Studien absolviert hatten, dann aber — sei es, weil ihre geistigen Fähigkeiten sich als nicht vollkommen ausreichend erwiesen, sei es, weil ihre Geschmacksrichtung wechselte — die Feder mit dem Werkzeug vertauschten. So hat z. B. ein anderer Hausfreund der Familie Ney sein mehrere Jahre hindurch zu allgemeiner Zufriedenheit verwaltetes Amt als Arzt niedergelegt und sich der Gärtnerei gewidmet, weil er fand, daß dieser ruhige Beruf ihn weniger von seinem Lieblingsstudium, der Astronomie abziehe, als die ärztliche Thätigkeit. Um sich als Astronom zu ernähren, dazu reichten seine Kenntnisse und Fähigkeiten nicht aus, und da ihm einigemal widerfahren war, von interessanten Beobachtungen zu plötzlich des Nachts erkrankten Kindern abberufen zu werden, so zog er es vor, seinen Haushalt durch den Ertrag von Gartenarbeit zu decken und des Nachts ungestört seinen lieben Sternen nachzuspüren. Ein anderer Mann, den ich hier kennen gelernt, vertauschte seine Carrière als Bankbeamter mit der Maschinenschlosserei, lediglich weil ihm auf die Dauer die sitzende Thätigkeit nicht behagte; er wäre wiederholt schon von den Mitgliedern seiner Association in die Oberleitung gewählt worden, lehnte aber stets ab, da seine Abneigung gegen Bureauarbeiten noch immer nicht überwunden ist. Insbesondere aber ist die Zahl derjenigen sehr groß, die irgendwelche Handarbeit mit Kopfarbeit verbinden. So allgemein verbreitet ist in Freiland die Abneigung gegen ausschließliche Kopfarbeit, daß sich die sämtlichen höheren Berufe, ja sogar die öffentlichen Ämter darauf einrichten mußten, ihren Angehörigen zeitweilig körperliche Berufsthätigkeit zu gestatten. Die Buchhalter und Korrespondenten der Associationen sowohl als der Centralbank, die Lehrer, Beamten und sonstigen Angestellten welcher Art immer, haben das Recht, außer den der Erholung gegönnten zweimonatlichen Ferien auch noch beliebigen Urlaub von längerer oder kürzerer Dauer zu verlangen und die Zeit desselben durch anderweitige Erwerbsthätigkeit auszufüllen. Natürlich wird diese außerordentliche Urlaubszeit vom Gehalte in Abzug gebracht, was jedoch die weitaus größere Hälfte all’ dieser Bureauarbeiter nicht hindert, in Zwischenpausen von zwei bis drei Jahren je einige Monate hindurch als Fabrikarbeiter, Bergleute, Landbauer, Gärtner u. dgl. sich vom Einerlei ihrer gewohnten Berufsthätigkeit zu erholen. Ein mir bekannter Bureauchef der Centralverwaltung arbeitet jedes zweite Jahr acht Wochen lang in einer anderen Mine des Aberdare- oder Baringo-Distrikts; er hat — wie er mir erzählte — bis jetzt den Kohlen-, Eisen-, Zinn-, Kupfer- und Schwefelbau praktisch durchgenommen und freut sich jetzt auf den bevorstehenden Kursus in den Salzwerken von Elmeteita.
Angesichts dieser allgemeinen und durchgängigen wechselseitigen Durchdringung von gewöhnlichster körperlicher und höchster geistiger Thätigkeit kann selbstverständlich von irgendwelchen Standes- oder Klassenunterschieden nirgend die Rede sein. Die hiesigen Ackerbauer sind gerade so geachtete, selbstbewußte Gentlemen, wie die Gelehrten, Künstler oder hohen Beamten, und nichts steht dem im Wege, sie im Salon als gute Kameraden zu behandeln, sofern die Charaktere und die Geistesrichtungen harmonieren.
Insbesondere aber sind die Frauen — anderwärts die hauptsächlichen Vertreterinnen aristokratischer Absonderung — hierzulande Förderinnen vollständiger Verschmelzung aller Bevölkerungsschichten. Die freiländische Frau steht beinahe ausnahmslos auf einer sehr hohen Stufe ethischer und geistiger Bildung. Losgelöst von jeglicher materiellen Sorge und Arbeit, ist es ihr alleiniger Beruf, sich zu veredeln, ihr Verständnis für alles Gute und Erhabene zu schärfen. Da sie sich der entwürdigenden Notwendigkeit enthoben sieht, im Manne einen Ernährer zu suchen, mit ihrem Werte auf sich selber gestellt und nicht von der äußeren Lebensstellung des Mannes abhängig ist, so fehlt ihr jener exklusive Hochmut, der überall dort sich einfindet, wo wirkliche Vorzüge fehlen. Sind doch die Frauen der sog. besseren Stände bei uns daheim meist nur deshalb so schroff abweisend ihren vom Glücke minder begünstigten Schwestern gegenüber, weil sie des instinktiven Gefühls nicht ledig werden, daß diese sehr gut ihren Platz ausfüllen und sie selber mitunter in deren dienende Stelle passen würden, wenn sie die Ehegatten vertauscht hätten. Und auch, wenn dem nicht so ist, wenn die europäische „Dame“ wirklich höheren ethischen und geistigen Wert besitzt, so muß sie sich doch sagen, daß ihre Stellung im Urteile der Welt weniger von diesen ihren eigenen Eigenschaften, als von Rang und Stellung des Mannes abhänge, also vom Werte eines Dritten, der ebensogut jede Andere auf den erborgten Thron hätte setzen können. Schopenhauer hat nicht ganz Unrecht: die Frauen betreiben zumeist das gleiche Gewerbe: die Männerjagd, und Konkurrenzneid ist es, was ihrem Hochmut zu Grunde liegt. Nur vergißt er hinzuzufügen, oder vielmehr er weiß wohl selber nicht, daß dieses den Frauen gemeinsame, von ihm mit so herbem Spotte gegeißelte Gewerbe mit all seinen häßlichen Folgeübeln ihnen durch ihre Rechtlosigkeit aufgenötigt und keineswegs mit ihrer Natur untrennbar verknüpft ist.
Die hiesigen Frauen, die frei und gleichberechtigt sind in der höchsten Bedeutung des Wortes, kennen diesen Hochmut auf äußere Lebensverhältnisse nicht. Selbst wenn Beruf oder Reichtum des Gatten hierzulande irgendwelche Standesunterschiede begründen könnten, sie würden dieselben niemals anerkennen, sondern sich in ihrem Umgange lediglich von persönlichen Eigenschaften bestimmen lassen. Die geistreichste, liebenswürdigste Frau ist es, deren Freundschaft von ihnen am eifrigsten gesucht wird, gleichviel, welche Stellung der Gatte einnehmen mag. Du begreifst also, daß Frau Moro ihren Mann wählen konnte, ohne sich in der hiesigen „Gesellschaft“ das Geringste zu vergeben.
Da wir gerade mit diesem Thema beschäftigt sind, laß mich die Gelegenheit benützen, einige Worte über das Wesen der hiesigen Geselligkeit nachzutragen. Dieselbe ist überaus lebhaft; die bekannten Familien versammeln sich beinahe jeden Abend in zwanglosen Cirkeln, in denen geplaudert, musiciert, vom jungen Volke wohl auch getanzt wird. Soweit wäre dabei nichts besonderes; ihren ganz eigentümlichen, dem Fremden anfangs schier unbegreiflichen Reiz aber erhält diese Geselligkeit durch den sie durchwehenden Ton höchster Freiheit im Vereine mit reinstem Adel und tadelloser Feinheit. Nachdem ich sie einigemale gekostet, dürstete ich förmlich nach den Freuden dieser Zusammenkünfte, ohne mir anfangs Rechenschaft geben zu können über die Natur des Zaubers, den sie auf mich übten. Schließlich bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß es in erster Linie jene Atmosphäre wahrer Menschenliebe sein müsse, die in Freiland alles umfängt, was hier den geselligen Verkehr zu einem so genußreichen gestaltet.
Europäische Gesellschaften sind im Grunde doch nichts anderes, als Maskeraden, bei denen alle Welt sich gegenseitig belügt; Zusammenkünfte von Feinden, die das Böse, das sie sich gegenseitig wünschen, unter höflichen Grimassen zu verbergen suchen, ohne jedoch dadurch irgendwen ernstlich zu täuschen. Und dies ist in einer ausbeuterischen Gesellschaft anders gar nicht möglich, denn in dieser ist Interessengegensatz die Regel, wahre Interessensolidarität eine höchst seltene und bloß zufällige Ausnahme; seinen Nebenmenschen wirklich zu lieben, ist bei uns eine Tugend, zu deren Übung ein nicht gerade alltägliches Maß von Selbstverleugnung gehört, und Jedermann weiß daher, daß neun Zehnteile dieser verbindlich grinsenden Masken sofort in bitterem Hasse über einander herfallen würden, wenn die angeborene und anerzogene Dressur der wohlanständigen Sitte sie auch nur einen Moment im Stiche ließe. Man hat also inmitten solcher Gesellschaften stets ein Gefühl, welches etwa dem der unterschiedlichen Bestien gleichen mag, welche in den Menagerien zum Ergötzen des schaulustigen Publikums in einen gemeinsamen Käfig gesperrt, sich wohl oder übel miteinander vertragen müssen. Der Unterschied liegt bloß darin, daß die Dressur von uns zweibeinigen Tigern, Panthern, Luchsen, Wölfen, Bären und Hyänen vollkommener ist, als die unserer vierbeinigen Ebenbilder; diese umschleichen einander, ingrimmig knurrend, ihre Rauf- und Mordlust sichtlich nur mühsam unter scheuen Seitenblicken auf die Peitsche des Tierbändigers unterdrückend; während wir den im Herzen lauernden bösen Willen höchstens dem aufmerksamen Beobachter durch ein tückisches Blinzeln des Auges oder sonst eine kaum zu bemerkende Kleinigkeit verraten. Ja, so mächtig ist die Dressur von uns zweibeinigen Raubtieren, daß wir uns durch dieselbe zeitweilig selber täuschen lassen; die Hyäne unter uns hat Momente, wo sie allen Ernstes glaubt, ihr verbindliches Grinsen dem Tiger gegenüber sei ehrlich gemeint, und wo der Tiger sich einbildet, hinter seinem leisen Knurren verberge sich eitel Liebe und Freundschaft mit seinen Mitbestien. Aber das sind eben nur vorübergehende Momente holden Selbstbetrugs, und im allgemeinen wird man der Empfindung nicht ledig, sich unter natürlichen Feinden zu befinden, die nur äußerer Zwang hindert, uns des lieben Futters halber an die Kehle zu springen. Die Freiländer dagegen sehen sich unter wahren, aufrichtigen Freunden, wenn sie unter Menschen sind. Sie haben einander nichts zu verbergen, sie wollen einander weder übervorteilen, noch gegenseitig ausnützen. Wetteifer findet allerdings auch unter ihnen statt, aber dieser kann das Gefühl kameradschaftlichen Wohlwollens nicht beeinträchtigen, da der Erfolg des Siegers allemal auch dem Besiegten gute Früchte trägt. Harmlose Offenheit, ein geradezu kindliches Sichgehenlassen ist daher allenthalben unter ihnen heimisch und das in Verbindung mit der heiteren Lebensanschauung und geistigen Vielseitigkeit ist es, was der hiesigen Geselligkeit so wunderbaren Reiz verleiht.
Doch jetzt laß mich fortfahren in meinen Berichten über unsere hiesigen Erlebnisse. Gestern sahen wir hier den ersten — Betrunkenen. Wir — d. h. mein Vater und ich — hatten in Begleitung Davids nach dem Diner eine kleine Promenade am Edensee gemacht, an dessen Ufern bekanntlich die meisten der Edenthaler Hotels gelegen sind; eben als wir wieder heimkehren wollten, begegnete uns ein Trunkener, der wankend auf uns zukam und lallend nach einem der Gasthöfe fragte. Es war sichtlich ein erst kürzlich eingetroffener Einwanderer. David bat uns, die wenigen Schritte nach Hause allein zurückzulegen, nahm den Betrunkenen unter den Arm und führte ihn nach seinem Gasthofe; ich schloß mich diesem Liebeswerke an, während mein Vater heimkehrte. Als auch wir anlangten, fanden wir ihn im lebhaftesten Gespräche mit Frau Ney über dieses kleine Abenteuer. „Denke nur,“ rief er mir zu, „Madame behauptet, wir könnten uns rühmen, einer der in diesem Lande seltensten Sehenswürdigkeiten begegnet zu sein; sie ihrerseits habe während der 25 Jahre ihres Aufenthalts in Freiland bloß drei Trunkene bemerkt, und sie sei überzeugt, daß Edenthal zur Stunde sicherlich keinen zweiten Menschen in seinen Mauern beherberge, der jemals bis zur Sinnlosigkeit tränke! Ihr Freiländer“ — so wandte er sich nun an David — „seid doch sicherlich keine Temperenzler; Euer Bier und Palmwein ist vorzüglich, Euere Weine lassen nichts zu wünschen übrig, und Ihr scheint mir nicht die Leute, diese guten Dinge bloß zum Gebrauche etwaiger Gäste in Bereitschaft zu halten; sollte es Euch also wirklich niemals widerfahren, daß Ihr ein klein wenig über den Durst tränket?“