„Und doch ist dem so, wie meine Mutter sagt. Wir trinken gern einen guten Tropfen und gönnen uns einen solchen nicht gerade selten; auch will ich nicht leugnen, daß bei festlichen Gelegenheiten die Begeisterung des Weines hie und da in ziemlich hellen Flammen emporschlägt; ein sinnlos trunkener Freiländer gehört aber trotzdem zu den allerseltensten Erscheinungen. Wenn Sie das gar so sehr Wunder nimmt, so werfen Sie sich doch die Frage auf, ob denn in Europa und Amerika gesittete und gebildete Menschen sich zu betrinken pflegen. Das geschieht, wie ich weiß, auch bei Ihnen bloß in den seltensten Fällen, obwohl dort die öffentliche Meinung in diesem Punkte minder streng ist, als hierzulande. In Freiland aber gibt es keinen Pöbel, der im Rausche Vergessenheit seines Elendes suchen müßte, und das Beispiel dieses Pöbels kann daher auch nicht dazu dienen, an den Anblick dieses erniedrigendsten aller Laster zu gewöhnen.“
„Daß ihr Freiländer gegen dieses Laster gefeit seid, nimmt uns auch nicht gar so sehr Wunder,“ entgegnete mein Vater. „Aber ihre verehrte Mama erklärte uns, daß auch unter den Eingewanderten Trunkenbolde so rar sind, wie weiße Raben. Nun ist mir nicht bekannt, daß an den Grenzen Ihres Landes Mäßigkeitsapostel Wache halten; die Einwanderer gehören zum Teil jedenfalls solchen Rassen und Klassen an, die in ihrer alten Heimat dem Trunke — und zwar dem Trunke in seiner häßlichsten Bedeutung — keineswegs abgeneigt sind; was veranlaßt diese Leute hier, sich solcher Enthaltsamkeit zu befleißigen?“
„Zunächst der Wegfall jener Gründe, die in Europa und Amerika zum Trunke verleiten. Ich habe mich gelegentlich meiner europäischen Studienreise, die nicht bloß der Kunst, sondern auch dem Leben Ihres Landes gewidmet war, in den Höhlen der Armut umgesehen und dort Verhältnisse gefunden, die es geradezu wunderbar erscheinen ließen, wenn die inmitten derselben Lebenden nicht in der Schnapsflasche Vergessenheit ihrer Marter, ihrer Schmach, ihrer Entwürdigung gesucht hätten. Ich sah Menschen, die zu zwanzig und dreißig — alle Altersklassen und Geschlechter bunt durcheinander gewürfelt — in einem Gemache schliefen, welches gerade nur soviel Raum bot, daß die Insassen dichtgedrängt auf der eklen, den Boden bedeckenden Streu Unterkunft fanden; Menschen, die tagsüber kein anderes Heim hatten, als den Fabriksaal — oder die Schenke. Und das waren nicht etwa brotlose, sondern in regelmäßiger Arbeit stehende Leute, und nicht vereinzelte Ausnahmen, sondern Typen der Arbeiterschaft großer Landstriche. Daß solche Menschen in viehischer Betäubung Rettung suchen gegen die Erinnerungen ihrer Entbehrungen, der Schande ihrer Weiber und Töchter, daß sie das Bewußtsein ihrer Menschenwürde verlieren, das hat mich niemals in Erstaunen und noch weniger in Entrüstung versetzt; diese beiden Gefühle kehrten sich bloß gegen den Unverstand, der solchen Jammer ruhig gewähren läßt, als wäre er in Wahrheit der Ausfluß eines unwandelbaren Naturgesetzes. Und eben so natürlich finde ich, daß diese selben Menschen hier, wo sie ihre Würde und ihr Recht zurückerlangt haben, wo ihnen sorglose, schöne Lebensfreude allenthalben entgegenlacht, zugleich mit dem Elend auch das Laster des Elends abstreifen. Diese neuen Ankömmlinge stürzen sich alle mit wollüstiger Gier in den Umgang mit uns; sie können es meist gar nicht erwarten, ganz und vollständig unseresgleichen zu werden; je elender, entwürdigter sie zuvor gewesen, desto grenzenloser ist ihr Entzücken, ihr Dankgefühl, sich hier von Jedermann als Seinesgleichen betrachtet zu sehen; um keinen Preis würden sie der Achtung ihrer neuen Genossen verlustig werden, und da diese den Trunk allgemein meiden, so trinken sie eben auch nicht.“
„Du hast uns erklärt, warum Ihr keine Trunkenbolde hierzulande habet“ — nahm nunmehr ich das Wort. „Aber noch um vieles wunderbarer erscheint mir, daß Euer Grundsatz, jedem Arbeitsunfähigen — er mag es aus welchem Grunde immer sein — einen Versorgungsanspruch einzuräumen, Euch nicht mit Krüppeln und Greisen sonder Zahl überflutet. Oder gibt es irgendwelche, uns noch unbekannte Einrichtungen, welche Euch gegen solche Gäste schützen? Und in welcher Weise erwehrt Ihr Euch, ohne peinlich inquisitorische Kontrolle, jener Trägen, die das Versorgungsrecht der wirklich Arbeitsunfähigen erschleichen wollen, um dem Müssiggange fröhnen zu können? Werden hinsichtlich der Versorgungsansprüche vielleicht Unterschiede zwischen Einheimischen und Eingewanderten gemacht, und was ist zur Geltendmachung eines solchen Anspruches vonnöten?“
„Hinsichtlich der Versorgungsansprüche wird keinerlei Unterschied gemacht, und zu deren Geltendmachung genügt das Krankheitszeugnis eines unserer Ärzte, oder der Ausweis des zurückgelegten 60. Jahres. Bei Ausstellung der Krankheitsatteste wird prinzipiell mit der größten Liberalität vorgegangen, ja es hat Jedermann das Recht, für den Fall, daß ihm der eine Arzt das Zeugnis verweigern sollte, sich nach Belieben einen anderen auszusuchen, da wir es grundsätzlich vorziehen, lieber zehn träge Simulanten zu füttern, als einen wirklich Kranken abzuweisen. Trotzdem gibt es bei uns ebensowenig fremde, als einheimische Müssiggänger von Beruf. Auch hier erweist sich der Einfluß unserer Institutionen als genügend mächtig, um alle derartigen Gelüste im Keime zu ersticken. Beachte vor allem, daß der Neueingewanderte den obersten Ehrgeiz hat, Unseresgleichen zu werden, sich uns anzuschließen; zu diesem Behufe muß er, ist er anders gesund und kräftig, an unseren Geschäften teilnehmen. Der kennt die menschliche Natur schlecht, der da glaubt, Proletarier, die sich noch einen Rest von Menschenwürde gerettet, würden, wenn sie Gelegenheit haben, als gleichberechtigte, selbstherrliche Männer in blühende, mächtige Geschäfte einzutreten, darauf verzichten und es vorziehen, sich von Gesamtheitswegen füttern zu lassen. Die Ankömmlinge wollen an allem teilnehmen, was hierzulande zu erlangen und zu leisten ist; es bedarf in neunundneunzig unter hundert Fällen keines anderen Anreizes zur Arbeit für sie. Jene Wenigen aber, denen dieser Sporn nicht genügt, finden sich, ist erst einmal die erste Zeit des Schauens und Hörens vorbei, sehr rasch durch Langeweile und Vereinsamung genötigt, irgend eine fruchtbare Thätigkeit zu wählen. Wir haben hier kein Wirtshausleben im abendländischen Sinne, keine Geselligkeit gewohnheitsmäßiger Müssiggänger; man muß hier eben arbeiten, um sich behaglich zu fühlen, und so arbeitet denn Alles, was arbeitsfähig ist. Die verstockteste Trägheit und Indolenz kann höchstens durch einige Wochen dem Zauber des Gedankens Stand halten, daß man, um den Ersten des Landes als Seinesgleichen die Hand schütteln zu dürfen, keines anderen Ehren- und Machttitels bedürfe, als einiger ehrlicher Arbeit. Kräftige, gesunde Müssiggänger sind also auch unter den Eingewanderten geradezu verschwindende Ausnahmen, die wir resigniert als eine Art geistiger Krankheitsfälle über uns ergehen lassen. Darben aber dürfen bei uns auch diese Trägen nicht. Sie erhalten, ohne daß ihnen ein besonderes Recht eingeräumt wird, alles, was sie brauchen und zwar nach europäischen Begriffen überreichlich.
„Was nun die Frage anlangt, ob das Institut der Versorgungsrechte nicht geradezu alles ins Land locke, was die übrige Welt an körperlich und geistig Invaliden, an Krüppeln und Greisen besitze, so kann ich darauf nur antworten, daß Freiland Jedermann unwiderstehlich anlockt, der nähere Kunde von seinen Einrichtungen erhalten hat, und daß daher das Verhältnis zwischen arbeitstüchtigen und arbeitsuntüchtigen Einwanderern lediglich davon abhängt, ob solche Kunde leichter und rascher zu ersteren oder zu letzteren gelangt. Wir weisen niemand zurück und befördern den lahmen Krüppel ebenso unentgeltlich in unser Land, wie den rüstigsten Arbeiter; aber es liegt in der Natur der Sache, daß die Tüchtigsten, Regsamsten sich in stärkerer Zahl melden, als die Armen an Geist und Körper.
„Auf der Forderung, daß jeder Einwanderer des Lesens und Schreibens kundig sein müsse, um all’ unserer Rechte teilhaftig zu werden, bestehen wir seit Gründung des Gemeinwesens. Freiheit und Gleichberechtigung setzen ein gewisses Ausmaß von Kenntnissen voraus, welche wir niemand erlassen können. Freilich bliebe uns der Ausweg, die Unwissenden zu bevormunden; aber damit wäre den Behörden ein Wirkungskreis eingeräumt, den wir für unvereinbar mit wahrer Freiheit halten, und wir behandeln daher Einwanderer, die Analphabeten sind, als Fremdlinge, oder wenn man so will, als Gäste, die nach Möglichkeit zu fördern jedermanns Menschenpflicht ist, die in materieller Beziehung, sofern sie sich leistungsfähig erweisen, den Einheimischen gegenüber keineswegs verkürzt werden, die jedoch keinerlei politisches Recht auszuüben vermögen.“
„Wie aber“, so fragte mein Vater, „konstatieren Sie diese geistige Beschaffenheit Ihrer unwissenden Landesgenossen? Existiert zu diesem Behufe eine besondere Behörde, und ergeben sich keine Unzukömmlichkeiten bei solcher Inquisition?“
„Wir inquirieren nicht, und keine Behörde kümmert sich um das Wissen der Leute. Anfänglich übten wir, um nicht von fremder Unwissenheit überflutet zu werden, die Vorsicht, Analphabeten von der unentgeltlichen Beförderung nach Freiland auszuschließen; wir haben vor 19 Jahren auch das fallen gelassen. Jedermann, ohne jegliche Ausnahme, wird seither unentgeltlich bis an jeden ihm beliebigen Punkt Freilands befördert; niemand befragt ihn auch hier um den Stand seines Wissens; es steht ihm frei, von allen unseren Einrichtungen vollen Gebrauch zu machen, alle unsere Rechte auszuüben — nur muß er dies in derselben Weise thun, wie wir — und das ist dem Analphabeten eben unmöglich. Wohin er sich wenden mag, bei der Centralbank, bei allen Associationen, in allen Wahlbureaus, muß er lesen, schreiben — und zwar der Natur der Sache nach meist mit Verstand schreiben — sich in Gedrucktem und Geschriebenem zurechtfinden, kurz, ein gewisses Maß von Bildung haben, welches wir ihm nicht erlassen könnten, auch wenn wir wollten.“
„Dann ist aber“, meinte mein Vater, „Ihre berühmte Gleichberechtigung doch nur für einigermaßen gebildete Leute vorhanden?“