„Selbstverständlich“ — erklärte nun Frau Ney. „Oder glauben Sie wirklich, daß vollkommen Unwissende die Fähigkeit besitzen, sich selber zu regieren? Jawohl, wirkliche Freiheit und Gleichberechtigung hat einen gewissen Grad von Civilisation zur unerläßlichen Voraussetzung. Die Freiheit und Gleichberechtigung der Armut und Barbarei, diese allerdings lassen sich auch von unwissenden Horden ins Werk setzen; Reichtum und Muße aber sind Produkte hoher Kunst und Kultur, sie können nur von wirklichen Kulturmenschen genossen werden. Wer die Menschen frei und reich machen will, der muß ihnen zuvor Wissen beibringen — das liegt nun einmal in der Natur der Sache, und nicht unsere, sondern Euere Schuld ist es, daß so Viele Eurer Volksgenossen zur Freiheit erst noch erzogen werden müssen.“

„Da haben Sie abermals Recht“, seufzte mein Vater. „Nun, und welche Erfahrungen machen Sie mit diesen eingewanderten Analphabeten?“

„Die Erfahrung, daß diese Ausschließung von vollkommener Gleichberechtigung, gerade weil sie mit keinerlei materieller Benachteiligung verknüpft ist, als schlechthin unwiderstehlicher Antrieb zu möglichst raschem Nachholen des in der alten Heimat Versäumten wirkt. Wir haben zu Nutz und Frommen solcher Einwanderer besondere Schulen für Erwachsene eingerichtet; auch Nachbarn und gute Freunde nehmen sich ihrer an und die Leute lernen mit geradezu rührendem Eifer. Sie begnügen sich keineswegs mit der mechanischen Aneignung jenes Ausmaßes von Kenntnissen, dessen sie zu Ausübung aller freiländischen Rechte gerade bedürfen, sondern sind redlich bemüht, sich möglichst vollständiges Wissen zu erwerben, und es sind wenige Fälle bekannt, wo aus solchen Einwanderern in kurzer Zeit nicht ganz gebildete Menschen geworden wären.“

„Und was schließlich die hier wirklich als Invaliden anlangenden Einwanderer betrifft“, nahm jetzt wieder David das Wort, „so üben wir diesen gegenüber die Versorgungspflicht in der nämlichen Weise, als ob sie in freiländischen Werkstätten alt und schwach geworden wären. Eine merkliche Belastung unseres Budgets haben wir davon nicht verspürt. Charakteristisch ist übrigens, daß die invaliden Eingewanderten meist nur unvollständigen Gebrauch von dem ihnen eingeräumten Versorgungsrechte machen; diese Bedauernswerten gewöhnen sich in der Regel nur allmählich an das sich ihnen hier bietende Ausmaß höherer Genüsse, und sie wissen daher anfangs keine Verwendung für den auf sie einstürmenden Reichtum.“

„Jetzt bitte ich Sie, noch ein Bedenken zu zerstreuen, wie mir scheint, das wichtigste. — Was ist’s mit Verbrechern, gegen deren Einwanderung Sie doch auch nicht geschützt sind? Erscheint mir schon höchst merkwürdig, daß Sie ohne Polizei und Strafeinrichtungen mit den Millionen Ihrer freiländischen Bevölkerung auskommen, so kann ich vollends nicht begreifen, wie Sie mit jenen Strolchen und Verbrechern fertig werden wollen, welche durch die ihnen hier winkende Milde, die auch den Verbrecher nicht strafen, bloß bessern will, doch angelockt werden sollten, wie Wespen vom Honig. Nun haben Sie uns allerdings erzählt, daß die zur Entscheidung der Civilstreitfälle eingesetzten Friedensrichter auch in Criminalsachen als erste Instanz zu fungieren haben, und daß von diesen der Appell an höhere Richterkollegien zulässig sei; Sie fügten jedoch hinzu, daß diese Richter allesamt so gut wie nichts zu thun haben und nur in höchst seltenen Ausnahmefällen das hierzulande übliche Besserungsverfahren zu verhängen in die Lage kommen. Wirken thatsächlich Ihre Institutionen so besänftigend auch auf verstockte Verbrechergemüter?“

„Allerdings“, antwortete Frau Ney. „Und wenn Sie ruhig erwägen, welches die eigentliche und letzte Quelle aller Verbrechen ist, so werden Sie das auch ganz begreiflich finden. Vergessen Sie doch nicht, daß Recht und Gesetz in der ausbeuterischen Gesellschaft Anforderungen an das Individuum stellen, die der menschlichen Natur geradezu entgegenlaufen. Der Hungernde und Frierende soll vorübergehen an fremdem Überflusse, ohne sich davon anzueignen, wessen er zur Befriedigung seines unabweislichen Bedürfnisses bedarf, ja ohne Neid und Mißgunst gegen die Glücklicheren zu empfinden, die reichlich besitzen, was er so grausam entbehrt! Er soll seinen Nebenmenschen lieben, trotzdem dieser gerade auf jenem Gebiete, wo Interessenkonflikte am unversöhnlichsten sind, weil sie die Grundlagen der ganzen Existenz berühren, sein Nebenbuhler, sein Zwingherr oder sein Sklave, für alle Fälle aber sein Feind ist, aus dessen Nachteil er Vorteil zieht und aus dessen Vorteil ihm Nachteil erwächst! Daß all’ dies Jahrtausende hindurch unerbittliche Notwendigkeiten waren, läßt sich freilich nicht leugnen; aber thöricht wäre es, zu übersehen, daß derselbe grausame Zusammenhang, welcher die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, also das Unrecht, zur Voraussetzung des Kulturfortschrittes machte, auch das Verbrechen, d. h. die Auflehnung des gemarterten Individuums gegen die zum Wohle der Gesamtheit unerläßliche schreckliche Ordnung, erst ins Leben rief. Die ausbeuterische Weltordnung verlangt vom Individuum, daß es thue, was ihm schadet, weil das Wohl der Gesamtheit es so erfordert, und sie verlangt dies nicht etwa als besonders anerkennenswerte, hervorragende Leistung, die bloß einzelnen edlen Naturen zugemutet werden dürfe, in denen der Gemeinsinn jegliche Regung des Egoismus unterdrückt hat, sondern als etwas bei jedermann stets und überall Selbstverständliches, dessen Übung nicht Tugend, sondern dessen Unterlassung Verbrechen genannt wird. Auch der Held, der sein Leben dem Vaterlande, der Menschheit opfert, unterordnet sein Einzelinteresse dem Wohle einer höheren Gesamtheit, und niemals wird die Menschheit auf solche Opferthaten verzichten können, immer wird sie von ihren Edelsten verlangen, daß die Liebe zur Gattung den Sieg davon trage über die Liebe zum eigenen kleinen Ich, ja es darf ohne weiteres als logisches Ergebnis fortschreitender Kultur bezeichnet werden, daß diese Forderung stets gebieterischer im Busen des Menschen sich geltend machen und dort stets freudigeren Gehorsam finden wird. Aber der Name dieses Gehorsams ist „Heroismus“, sein Mangel noch kein Verbrechen; er kann nicht erzwungen werden, sondern ist ein freiwilliger Liebestribut groß angelegter Naturen. Auf wirtschaftlichem Gebiete aber wird ähnlicher, ja schwerer zu übender Heldenmut dem Letzten und Elendesten, ja diesem in erster Reihe zugemutet, muß ihm, so lange Ausbeutung die Grundlage der Gesellschaft ist, zugemutet werden, und „Verbrecher“ heißen dann alle Jene, die sich minder groß erweisen, als ein Leonidas, Curtius oder Winkelried auf dem Schlachtfelde, oder als jene meist ungenannten Heroen der Menschenliebe, die ihr Leben im Kampfe gegen feindliche Naturmächte zaglos zum Opfer brachten, wenn die heilige Stimme in ihnen, die Stimme der Nächstenliebe, es forderte.

„Wir in Freiland aber verlangen von niemand zwangsweise solchen Heldenmut. Auf wirtschaftlichem Gebiete muten wir dem Individuum nichts zu, was seinem eigenen Interesse widerspricht, es ist daher nur selbstverständlich, daß es sich niemals gegen unsere Rechtsordnung empört. Bei uns ist Wahrheit, was unter der Herrschaft der alten Ordnung bloß selbstgefällige Gedankenlosigkeit behaupten konnte, daß nämlich wirtschaftliche Moral nichts anderes sei, als vernünftiger Egoismus. Sie werden es also begreiflich finden, daß vernünftige Menschen unsere Rechtsordnung nicht verletzen können. Wir haben einige Dutzend unverbesserlicher Übelthäter im Lande, dieselben sind aber ohne Ausnahme — unheilbare Idioten.“

Nachdem auch dieser Punkt erledigt war, erbat sich mein Vater eine letzte Aufklärung. Er erklärte, nunmehr vollständig zu begreifen, daß die freiländischen Institutionen, gerade weil sie nichts anderes seien, als die konsequente Durchführung des Prinzipes der wirtschaftlichen Gerechtigkeit, durchaus geeignet wären, jeglichem billigen und vernünftigen Anspruche zu genügen. Nichtsdestoweniger drückte er seine Verwunderung über die sichtlich herrschende allgemeine und ausnahmslose Zufriedenheit mit denselben aus. Ob denn unvernünftige Parteiungen Freiland keinerlei Schwierigkeiten bereiteten? Insbesondere wollte er wissen, ob Kommunismus und Nihilismus, die in Europa stets drohender ihr Haupt erheben, hierzulande gar nicht zu schaffen machten. „In den Augen eines echten Kommunisten“, so rief er, „seid Ihr hier doch nichts weiter, als arge Aristokraten. Von absoluter Gleichheit keine Spur bei Euch! Welchen Wert kann Euere vielberühmte Gleichberechtigung in den Augen von Leuten haben, die von dem Grundsatze ausgehen, daß jeder Bissen Brot, den einer dem andern gegenüber voraus hat, Diebstahl sei, und die daher, damit niemand mehr besitze, als der andere, alles Eigentum aufheben? Und dabei keine Polizei, keine Soldaten, um diese Tollhäusler im Zaume zu halten! Teilt doch auch uns das Recept mit, nach welchem sich der nihilistische und kommunistische Fanatismus so unschädlich machen läßt!“

„Nichts leichter als das“ — antwortete Frau Ney. „Machen Sie, daß jedermann satt werde, und niemand wird dem anderen die Bissen vorzählen wollen. Die absolute Gleichheit ist eine Hallucination des Hungerfiebers, weiter nichts. Die Menschen sind einander nicht gleich, weder in ihren Fähigkeiten, noch in ihren Bedürfnissen; Ihr Appetit ist stärker, als der meinige; Sie lieben vielleicht hübsche Kleider — ich gebe keinen Heller für dieselben; dafür bin ich vielleicht ein Leckermaul, während Sie grobe Kost vorziehen, und so fort ohne Ende. Welcher Menschenverstand soll nun darin liegen, unsere beiderseitigen Bedürfnisse über denselben Leisten zu schlagen! Ich will gar nicht untersuchen, ob es möglich ist, ob über den davon unzertrennlichen Zwang nicht Freiheit und Fortschritt zu Grunde gehen müßten; der Zweck an sich ist so unsinnig, daß absolut unbegreiflich wäre, wie zurechnungsfähige Menschen auf derartige Gedanken geraten können, wenn nicht eines dazwischen träte, nämlich, daß der eine von uns weder seinen starken, noch seinen schwachen Appetit, seine Vorliebe weder für feine noch für ordinäre Kleidung, weder für leckere noch für gewöhnliche Speisen befriedigen kann, sondern grimmiges, brutales Elend leidet. Kommt dazu noch der Irrtum, daß mein Überfluß an Ihren Entbehrungen die Schuld trägt, so wird es begreiflich, daß Sie und diejenigen, die Mitleid mit Ihren Leiden haben, nach Teilung, nach vollkommen gleichmäßiger Teilung rufen. Mit einem Worte, der Kommunismus hat keine andere Quelle, als die Erkenntnis des grenzenlosen Elends der überwiegenden Mehrzahl aller Menschen, verknüpft mit der falschen Anschauung, daß es der thatsächlich vorhandene Reichtum Einzelner sei, aus welchem allein die Linderung dieses Elends geschöpft werden könne. Diese letztere Meinung ist nun allerdings eine unbegreifliche Thorheit, denn man braucht nur die Augen zu öffnen, um zu sehen, welch kümmerlicher Gebrauch von den so reichlich vorhandenen Fähigkeiten, Reichtümer zu erzeugen, gemacht wird; aber nicht die Kommunisten sind es, welche diese Thorheit ausheckten; Euere orthodoxe Ökonomie hat die Lehre in Umlauf gebracht, daß gesteigerte Ergiebigkeit der Arbeit die vorhandenen Werte nicht zu vermehren vermöge, sie, nicht der Kommunismus war es, was die Menschheit blind machte gegen den wahren Zusammenhang der wirtschaftlichen Vorgänge; Kommunisten sind in Wirklichkeit nichts anderes, als gläubige Anhänger der sogenannten „Grundwahrheiten“ orthodoxer Ökonomie und der einzige Unterschied zwischen der bei Euch herrschenden Partei und ihnen liegt lediglich darin, daß sie hungrig sind, während jene satt ist. Mit der Erkenntnis, daß es nur der vollkommenen Gleichberechtigung bedürfe, um Überfluß für alle zu schaffen, verfliegt der Kommunismus ganz von selbst wie ein böser, beängstigender Traum. Man kann verlangen — wenn auch nicht durchführen — daß alle Menschen auf gleiche Brotrationen gesetzt werden, so lange man glaubt, daß der gemeinsame Reichtum, von dem wir alle zehren müssen, eben nicht weiter als fürs liebe Brot reiche; denn satt werden wollen wir doch alle. Zu verlangen, daß jedem die gleiche Sorte und Menge Braten, Backwerk und Konfekt aufgezwungen werde, nachdem sich herausgestellt hat, daß genug für alle auch von diesen guten Dingen vorhanden sein könnte, wäre schlechthin läppisch. Es gibt daher bei uns keine Kommunisten und kann keine geben.

„Aber auch der Nihilismus ist aus dem gleichen Grunde in Freiland unmöglich, denn auch er ist nichts anderes, als eine durch die Verzweiflung des Hungers hervorgerufene Hallucination, die nur auf dem Boden der orthodoxen Weltanschauung gedeihen kann. Ist der Kommunismus die Nutzanwendung, welche der Hunger aus dem Lehrsatze zieht, daß die Arbeit der Menschheit nicht ausreiche, um Überfluß für Alle zu erzeugen, so kann man den Nihilismus als die Schlußfolgerung der Verzweiflung aus jener anderen Lehre ziehen, daß Kultur und Civilisation unvereinbar seien mit wirtschaftlicher Gleichberechtigung. Die Orthodoxie ist’s, welche auch dieses Dogma in Umlauf gebracht hat; allerdings hält sie, als die Wortführerin der Satten, auch hier keine andere Schlußfolgerung für denkbar, als diejenige, daß die auf ewig enterbten Massen sich im Interesse der Civilisation resigniert in ihr Schicksal fügen müßten; die Partei der Hungrigen aber wendet sich in wütendem Grimme gegen diese Civilisation, von welcher selbst ihre Anhänger behaupten, daß sie der ungeheuern Mehrzahl der Menschen niemals helfen könne und die deshalb für diese keinen anderen Effekt hat, als den einer Steigerung der Empfindung des Elends. Wir haben den Beweis erbracht, daß Civilisation nicht bloß vereinbar, sondern geradezu die Voraussetzung der wirtschaftlichen Gleichberechtigung ist — auch der Nihilismus muß also hierzulande unbekannt sein.“