„Sie glauben also“, nahm ich das Wort, „daß die Gleichheit des thatsächlichen Einkommens mit der Gleichberechtigung nichts zu thun habe? Ich meinerseits muß gestehen, daß mir jene nutzlose Anhäufung überflüssiger Reichtümer, die wir in unserer abendländischen Gesellschaft zu beobachten Gelegenheit haben, an und für sich widerwärtig geworden ist, auch wenn ich mich überzeugt habe, daß das Elend der Massen weder in diesem Überflusse einer kleinen Minderzahl seinen letzten Grund habe, noch sich durch Verteilung dieses Überflusses wesentlich lindern ließe. Eine gesellschaftliche Ordnung, welche diese geilen Überschüsse nicht beseitigt, wird in meinen Augen immer unvollkommen bleiben, mag sie im übrigen noch so ausreichend für den Wohlstand Aller Sorge tragen.“

„Auch ich kann dieses Gefühles nicht ganz Herr werden“, meinte mein Vater. „Aber ich bin der Ansicht, daß in dieser Auflehnung gegen die Ungleichheit an sich, denn doch nichts anderes zu suchen sein dürfte, als die sittliche Empörung, welche in jedem unbefangen denkenden Menschen gegen die bisherigen Ursachen der Ungleichheit Wurzel geschlagen hat. Wir sehen bei uns zu Hause, daß große Vermögen fast niemals in hervorragenden individuellen Anlagen, sondern regelmäßig bloß in der Ausbeutung der Nebenmenschen ihren Entstehungsgrund haben, und daß sie ebenso regelmäßig zu neuer Ausbeutung benutzt werden. Das ist’s, was uns dagegen einnimmt. Könnten noch so große Vermögen bloß durch hervorragende persönliche Fähigkeiten entstehen und vermöchte man sie zu nichts anderem zu gebrauchen, als zur Steigerung der individuellen Genüsse, wie dies in Freiland alles zutrifft, so würde auch die nicht hinwegzuleugnende Abneigung gegen dieselben rasch aufhören. Was ist übrigens die Meinung unserer liebenswürdigen Wirtin über diesen Punkt?“

„Der Widerwille gegen übergroße Vermögen“ — erklärte diese — „ist meines Erachtens nicht bloß in der ungerechten Quelle und Verwendung derselben zu suchen, sondern liegt tiefer, in der Erkenntnis nämlich, daß von sehr vereinzelten Ausnahmen abgesehen, die Verschiedenheiten in den Fähigkeiten der Menschen nicht so einschneidend sind, um so gewaltige Differenzen des Reichtums genügend zu rechtfertigen. Der Reichtum einer hochkultivierten Gesellschaft besteht zu derart überwiegendem Teile aus den Hinterlassenschaften der Vergangenheit und zu verhältnismäßig so geringem Teile aus den ureigenen Leistungen der einzelnen Individuen, daß ein gewisser Grad der Gleichheit — nicht bloß der Rechte, sondern auch der thatsächlichen Genüsse — allerdings im Wesen der Sache begründet und ein Gebot der Gerechtigkeit ist. Jeder Fortschritt der Kultur ist gleichbedeutend mit fortschreitender Ausgleichung der Differenzen der Leistungsfähigkeit. Denken Sie sich zurück in den Urzustand, wo das Individuum den Kampf ums Dasein der Hauptsache nach mit den ihm angeborenen Hilfsmitteln zu Ende führen mußte, so werden Sie finden, daß die Unterschiede sehr groß waren: bloß der Kräftige, Gewandte, Schlaue vermochte sich zu erhalten; der minder Begabte mußte untergehen. Als dann späterhin wachsende Kultur die Hilfsmittel der Menschen vermehrte, dermaßen, daß auch dem minder Fähigen möglich wurde, das zur Lebensfristung erforderliche zu erzeugen, blieb doch der Unterschied der individuellen Leistungen anfangs sehr groß. Der geschickte Jäger wird um ein Vielfaches reichlichere Beute haben, als der minder geschickte; der kräftige, gewandte Ackerbauer wird mit dem Spaten vielfach mehr richten, als der schwächliche, schwerfällige. Schon mit Erfindung des Pfluges verringert sich diese Verschiedenheit der Leistungen sehr wesentlich, und sie wird — was körperliche Fähigkeiten anlangt — mit der Erfindung der Kraftmaschinen beinahe auf Null reduciert. Mehr und mehr ersetzt die Maschine die Energie der menschlichen Muskeln, mehr und mehr aber gleichzeitig auch Witz und Erfahrung der Vorfahren die individuelle Findigkeit. Zwar so vollständig wie auf körperlichem Gebiete treten auf geistigem die individuellen Unterschiede nicht in den Hintergrund, aber auch sie rechtfertigen mit nichten jene kolossalen Differenzen des Reichtums, an welche man zu denken pflegt, wenn von „großen Vermögen“ die Rede ist. Der Arbeiter am Dampfpfluge leistet — er mag ein Riese oder ein Schwächling sein — so ziemlich das nämliche; Klugheit und Umsicht der Leitung des Produktionsprozesses kann den Ertrag noch immer vervielfachen; eine Leistung aber, die hundertfach und tausendfach den Wert gewöhnlicher Durchschnittsleistung überträfe, ist heutzutage nur mehr — dem Genie möglich, und diesem allein würde sie dem entsprechend auch unser Billigkeitsgefühl zuerkennen.“

Damit schloß dieses Gespräch, welches mir aus dem Grunde ewig denkwürdig bleiben wird, weil es meinen Entschluß, Freiländer zu werden, zur Reife gebracht hat.

21. Kapitel.

Edenthal, den 20. August.

Du schreibst in Deinem Letzten, es komme Dir nicht ganz geheuer vor, daß in meinen Briefen so gar keine Rede mehr von den jungen Damen sei, mit denen ich seit nunmehr sechs Wochen unter einem Dache weile. Wenn ein junger Italiener — so argumentiert Deine unerbittliche Logik — von schönen Mädchen, mit denen er verkehrt, darunter eines, dessen erster Anblick ihn — eigenem Geständnis zufolge — „geradezu verwirrt“ habe, nichts zu erzählen wisse, so habe er sich entweder einen Korb von der bewußten Einen geholt oder sei doch im Begriffe, es darauf ankommen zu lassen. Die Logik hat Recht, Luigi; ich bin verliebt, d. h. ich war es vom ersten Blicke an, und zwar in Bertha, meines David herrliches Schwesterlein, und auch mit dem Korbe hätte es um ein Kleines seine Richtigkeit gehabt. Nicht, daß die Geliebte meine Gefühle unerwidert gelassen hätte; Bertha gestand mir mit jener unbefangenen Offenheit, die ihr — richtiger, die allen Freiländerinnen — so entzückend steht, beim ersten Anlasse, wo ich mir zu einem Geständnisse den Mut faßte, daß auch sie mich sofort in ihr Herz geschlossen, daß sie noch am ersten Abend unseres Beisammenseins gewußt, mir oder niemand werde sie als Gattin angehören — und trotzdem bekam ich auf meine Werbung zunächst ein „Nein“ zu hören, das an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig ließ. Bertha vermochte sich nämlich nicht zu entschließen, italienische Herzogin zu werden, und mein Vater, der — höre und staune — den Brautwerber für mich machte, hatte von ihr als etwas selbstverständliches gefordert, sie solle mir nach Italien auf unsere dortigen fürstlichen Besitzungen folgen, das Herzogsdiadem in ihre Locken — sie sind von einem entzückenden Blond — flechten und im Vereine mit mir die Fortpflanzung des erlauchten Geschlechts der Falieri zu ihrer Lebensaufgabe zu machen. Meinen Wunsch, mich als Freiländer in Freiland anzusiedeln, betrachtete mein Vater als überspannte Narrheit. Du kennst seine Anschauungen, die ein seltsames Gemengsel von aufrichtigem Freisinn und aristokratischem Stolze sind, richtiger waren; hier in Freiland hatte die demokratische Seite seiner Anschauungen sich allgemach gewaltig ins Breite und Tiefe entwickelt; er begann sogar aufs feurigste für die freiländischen Institutionen zu schwärmen; wenn es einen anderen Zweig der Falieri gäbe, dem man die Erhaltung der fürstlichen Familientraditionen hätte anvertrauen können — per baccho — mein Vater hätte mich sofort gewähren lassen. Aber um einer — und sei es auch noch so edlen — Schwärmerei willen, die Axt an den Stammbaum eines Hauses zu legen, dessen Ahnen unter den ersten Kreuzfahrern gekämpft und späterhin als italienische Duodez-Fürsten die Welt mit ihren (Schand-) Thaten erfüllt — das war mehr, als er mir zu gewähren vermochte. Gegen die Liebe zu Bertha aber hatte er nichts einzuwenden; wirklich und wahrhaftig, lieber Freund, nicht das geringste. Im Gegenteil, er war ordentlich stolz auf mich, als ich ihm die Frage, ob ich denn der Gegenliebe des Mädchens sicher sei, mit einem zuversichtlichen „Ja“ beantworten konnte. „Blitzjunge“ rief er, „dieses Prachtgeschöpf so im Handumdrehen erobern! Das soll uns Falieris jemand nachmachen!“ Bertha hatte es meinem Vater geradeso angethan, wie mir, und da dieser ganz im allgemeinen vor den freiländischen Frauen den größten Respekt empfindet, so war ihm die „bürgerliche“ Schwiegertochter ganz recht. Aber nur unter der Bedingung, daß ich den „tollen“ Gedanken des Hierbleibens aufgebe. „Das Mädchen ist im kleinen Finger klüger als Du“, rief er; „sie würde sich schön bedanken, wenn ihr der Bräutigam die Herzogskrone zerbrochen vor die Füße würfe. Freiländerin sein ist recht schön — aber, glaube mir, Fürstin zu sein, ist noch schöner. Zudem kann man ja diese beiden Vorteile recht wohl vereinigen. Den Winter und Frühling verbringt Ihr in unseren Palästen in Rom und Venedig; Sommer und Herbst hindurch könnt Ihr dann — wenn es Euch recht ist, in meiner Begleitung — hier an Euren Seen und in Euren Bergen die Freiheit genießen. Also es bleibt dabei; ich werbe für Dich um Bertha — aber von dauernder Ansiedelung hier kein Wort weiter!“

Mir gefiel die Sache nicht; den Vorsatz, Freiländer zu werden, hatte ich — Du darfst es mir glauben — nicht der Geliebten halber gefaßt, aber deren Lichtgestalt vermochte ich mir nun einmal weder mit dem Fürstendiadem, noch in den Prunkgemächern unserer Schlösser zu denken. Indessen mußte ich mich dem Willen des Vaters einstweilen fügen und so brachte nun dieser seine Werbung an den Mann, indem er in meinem und Berthas Beisein deren Eltern um die Hand ihrer Tochter für seinen Sohn, den Prinzen Carlo Falieri bat, hinzufügend, daß er sofort nach vollzogener Heirat die Güter in der Romagna, im Toskanischen und Venetianischen, sowie die Paläste in Rom, Florenz, Mailand, Verona und Venedig an mich übergeben und sich bloß unsere sicilianischen Besitzungen — als „Altenteil“, wie er scherzend meinte — vorbehalten werde. Die alten Neys nahmen diese grandiosen Zusagen mit einer nichts Gutes verkündenden eisigen Zurückhaltung entgegen; nach minutenlangem Schweigen und nachdem er auf Gattin und Tochter einen langen, prüfenden, auf mich aber einen vorwurfsvollen Blick geworfen, erklärte Herr Ney: „Wir Freiländer sind nicht die Tyrannen, bloß die Berater unserer Töchter; in diesem Falle aber bedarf unser Kind des Rates nicht; wenn Bertha Ihnen als Fürstin Falieri nach Italien folgen will, wir werden es ihr nicht verwehren.“

Hochaufgerichtet, einem erzürnten Cherub vergleichbar, wandte sich nun Bertha an meinen Vater: „Niemals! Niemals!“ rief sie mit zuckenden Lippen. „Mehr als mein Leben liebe ich Ihren Sohn; ich werde sterben, wenn er, um Ihnen zu gehorchen, mir entsagt; aber Freiland verlassen, als Fürstin verlassen? Niemals! Niemals! Lieber tausendmal den Tod!“

„Aber unseliges Kind,“ entgegnete ganz entsetzt über diesen unerwarteten Effekt seines Antrages mein Vater, „Sie sprechen ja das Wort ‚Fürstin‘ aus, als wäre es für Sie der Inbegriff des Schrecklichen. Jawohl, Fürstin sollen Sie werden, eine der reichsten, stolzesten Fürstinnen Europas, d. h. Sie sollen fürderhin keinen Wunsch haben, den zu erfüllen nicht Tausende wetteifern würden; Sie sollen Gelegenheit und Macht erlangen, Tausende zu beglücken; Millionen werden Sie beneiden“