„und verfluchen und hassen“ — unterbrach ihn mit bebenden Lippen Bertha. „Wie, sechs Wochen leben Sie unter uns und begreifen nicht, was eine freie Tochter Freilands empfinden muß bei dem Ansinnen, diese glücklichen Gefilde, die Heimstätte der Gerechtigkeit und der Menschenliebe zu verlassen, um fern in Ihrem traurigen Vaterlande — nicht etwa die Thränen Unterdrückter zu stillen, sondern zu erpressen, nicht etwa die Scheußlichkeiten Ihrer Sklaverei zu bekämpfen, sondern sie selber zu üben? Ich liebe Carlo so über alle Maßen, daß ich bereit wäre, an seiner Seite dies Land des Glückes mit dem des Elends zu vertauschen, wenn irgend eine unlösliche Pflicht ihn dahin riefe; aber nur unter der Bedingung, daß seine und meine Hand frei bliebe von fremdem Gute, daß wir in ehrlicher Arbeit selber verdienten, was wir zum Leben brauchen; aber Fürstin soll ich werden, Fürstin! Tausende von Knechten sollen das Mark ihrer Knochen hergeben, damit ich im Überfluß schwelge, tausende von Flüchen zu Tode gequälter Menschen sollen haften an der Speise, die ich genieße, an der Kleidung, die meine Glieder umhüllt! (Bei diesen Worten verbarg sie ihr Antlitz schaudernd in den Händen; dann aber, sich gewaltsam aufraffend, fuhr sie fort): Bedenken Sie doch, wenn Sie eine Tochter hätten und man würde von ihr verlangen, unter die menschenfressenden Njam-Njam zu gehen, um dort Königin zu werden, und der Vater des Bräutigams würde ihr versprechen, es sollten ihr recht zahlreiche und fette Sklaven geschlachtet werden — was würde das arme Kind, das unüberwindliches Grauen vor Menschenfleisch mit der Muttermilch eingesogen hat, dazu sagen? Nun, sehen Sie, wir in Freiland empfinden Grauen vor Menschenfleisch, auch wenn das Schlachtopfer ohne Blutvergießen, Zoll um Zoll und Glied um Glied langsam getötet wird, uns flößt das allmähliche Aussaugen und Verzehren eines Nebenmenschen nicht minderes Entsetzen ein, als Ihnen das buchstäbliche Auffressen desselben, und so wenig Sie an den Mahlzeiten der Kannibalen Teil zu nehmen im Stande sind, so unmöglich ist es uns, von der Ausbeutung geknechteter Mitmenschen zu leben. Ich kann nicht Fürstin werden, ich kann nicht! O, trennen Sie mich nicht von Carlo, denn wir werden beide darüber zu Grunde gehen, und — das weiß ich nicht erst seit heute — Sie lieben nicht nur ihn, sondern auch mich.“
Dieser Appell, verbunden mit den rührendsten Blicken und einem sanften Erfassen seiner Hände, war mehr, als mein Vater — aus solchem Munde — ungerührt zu ertragen vermochte. „Mädchen, Du hast mir ja ordentlich Entsetzen vor mir selber eingejagt! Also Menschenfresser sind wir, mit dem Unterschiede bloß von Euern liebenswürdigen Njam-Njam, daß wir unsere Schlachtopfer nicht mit einem herzhaften Keulenschlage erlegen und dann sofort verschlingen, sondern stückweise, Zoll um Zoll uns zu Gemüte führen! Nun, Du magst so Unrecht nicht haben und keineswegs will ich Dich zu den Freuden einer Fürstlichkeit zwingen, bezüglich deren Du solche Anschauungen hegst. Auch mein entarteter Sohn scheint in diesem Punkte mehr Deiner als meiner — bisherigen Geschmacksrichtung zu huldigen. Nehmt einander also und werdet glücklich nach Eurer Façon. Was mich anlangt, so werde ich über Mittel und Wege nachsinnen, um mich in den Augen meines neuen Töchterchens einigermaßen vom Geruche des Kannibalismus zu befreien.“
Meine Bertha flog jetzt zuerst mir, dann meinem Vater, dann der Reihe nach ihren Eltern und Geschwistern, dann aber wieder meinem Vater an den Hals. Das Küssen und Umarmen des Schwiegerpapas geriet so begeistert und stürmisch, daß ich um ein Haar eifersüchtig geworden wäre. Mein Vater aber war nun derart Feuer und Flamme für unsere bevorstehende Verbindung, daß er Neys aufforderte, sofort alle erforderlichen Formalitäten dieses erfreulichen Aktes einzuleiten. Binnen Monatsfrist ungefähr glaube er — vorübergehend — nach Europa zurückkehren zu müssen, und es wäre ihm eine große Freude, uns bis dahin schon vereint zu wissen. So wurde nun festgestellt, daß unsere Vermählung nach Ablauf von 14 Tagen, d. i. am 3. September stattfinden solle.
Ungama, den 24. August.
„Zwischen Lipp’ und Bechers Rand ........“
Als ich vor vier Tagen meinen Brief geschlossen hatte und zum Zwecke eines Nachtrags, den Bertha hinzufügen wollte (sie erklärte sich verpflichtet, „meinem besten Freunde“ einige Worte der Entschuldigung ob des Raubes zu sagen, den sie an ihm begangen), einstweilen noch zurückbehielt — da ahnte ich nicht, daß gewaltige Ereignisse sich zwischen mich und die sofortige Erfüllung meiner glühenden Wünsche drängen könnten. Der Krieg, dem wir entgegengehen, läßt zwar mein neues Vaterland merkwürdig ruhig, und befände ich mich nicht in Ungama, so würde nichts verraten, daß es den Kampf mit einem Gegner gilt, der mehreren der mächtigsten kriegsgeübten Staaten Europas wiederholt schon schwere Sorge bereitet; aber ich bin noch nicht lange genug Freiländer, um die bittere Schmach und das schwere Unglück, von welchen mein Geburtsland neuerlich betroffen wurde, nicht schmerzlich zu empfinden, und für alle Fälle — in meiner Eigenschaft sowohl als ehemaliger Italiener, wie als gegenwärtiger Freiländer — halte ich es für meine Pflicht, den Kampf persönlich mitzumachen; bis dieser beendet ist, kann ich an Hochzeit und Ehe natürlich nicht denken. Einstweilen hat mich das Würfelspiel des Krieges von Edenthal weg, hierher, an die Küste des indischen Oceans verschlagen. Doch laß mich ordnungsgemäß der Reihe nach berichten.
Zunächst also wisse, daß — es ist dies ja jetzt kein „diplomatisches Geheimnis“ mehr — meines Vaters und seiner englischen wie französischen Kollegen Bemühungen, für 300000 bis 350000 Mann anglo-franco-italischer Truppen Durchzug durch Freiland zu erlangen, von vollständigstem Mißerfolge begleitet waren. Freiland lebe mit Abyssinien in Frieden, so erklärten die Edenthaler Regenten und habe vorerst kein Recht, sich in dessen Händel mit den Westmächten zu mischen. Anders stünden allerdings die Sachen, wenn letztere sich entschließen wollten, auf ihren afrikanischen Territorien freiländisches Recht einzuführen, in welchem Falle diese als freiländisches Gebiet angesehen und als solches dann selbstverständlich von Freiland geschützt werden müßten. Aber dann wäre die geforderte Militärkonvention erst recht überflüssig, denn in diesem Falle würde Freiland jeden Angriff auf seine Verbündeten als casus belli für sich selber auffassen und Abyssinien aus eigenen Kräften zur Ruhe bringen. Darüber nun flossen die Verhandlungen seit Wochen resultatlos hin und wider. Sichtlich nahmen die Kabinette von London, Paris und Rom letztere Zusage Freilands nicht recht ernst, trotzdem ihre Gesandten, insbesondere mein Vater, redlich das ihre thaten, ihnen mehr Vertrauen in die kriegerische Kraft Freilands einzuflößen; die europäischen Mächte waren nicht abgeneigt, die von Freiland als Bedingung eines Bündnisses geforderte Anerkennung des freiländischen Rechts für die Kolonien am roten und indischen Meere zuzugestehen, beharrten aber trotzdem auf der Forderung nach Abschluß einer Militärkonvention, worauf jedoch Freiland nicht eingehen wollte. So standen die Sachen bis in die letzten Tage.
Am Morgen nach meiner Verlobung saßen wir eben beim Frühstück, als für meinen Vater eine chiffrierte Depesche aus Ungama — dem großen Hafenplatze Freilands am indischen Ocean — eintraf, nach deren Entzifferung derselbe, von seiner gewohnten diplomatischen Ruhe gänzlich im Stiche gelassen, totenbleich aufsprang und Papa Ney bat, sofort eine Sitzung der sämtlichen Regenten der freiländischen Centralverwaltung einzuberufen, er habe eine Mitteilung von entscheidender Bedeutung zu machen. Den teilnahmsvollen Schrecken unserer Freunde bemerkend, erklärte mein Vater: „Geheimnis kann die Sache ohnehin nicht bleiben, so erfahret denn aus meinem Munde die Unglücksbotschaft. Die mir von Commodore Cialdini, dem Kapitän eines unserer in Massaua stationiert gewesenen Panzerschiffe zugekommene Depesche lautet: „Ungama, den 21. August 8 Uhr Morgens. Bin soeben mit Panzerfregatte Erebus und zwei Avisodampfern — einem eigenen und einem französischen — schwerbeschädigt und flüchtig aus Massaua hier eingetroffen. Johannes von Abyssinien hat vorgestern Nachts unter Bruch des bestehenden Friedens Massaua verräterisch überfallen und fast ohne Schwertstreich eingenommen. Unsere im Hafen liegenden und ebenso die englischen und französischen Schiffe, 17 an der Zahl, wurden gleichfalls überrumpelt und genommen, nur mir und den zwei Avisos gelang es zu entkommen. Die kleineren Küstenfestungen, an denen wir vorbeikamen, sind auch sämtlich in den Händen der Abyssinier. Da uns der Cours nach Aden durch mehrere uns verfolgende feindliche Dampfer abgeschnitten wurde und der Erebus kampfunfähig ist, suchten wir Zuflucht in Ungama, um unsere Havarien auszubessern. Finden uns hier die Abyssinier, so sprenge ich unsere Schiffe in die Luft.“
Das war in der That eine üble Botschaft, nicht bloß für die Verbündeten, sondern auch für Freiland, denn sie bedeutete Krieg mit Abyssinien, den man hier zu vermeiden gehofft hatte. Zwar war man — wie gesagt — von Anbeginn gefaßt darauf gewesen, den europäischen Mächten als präsumtiven Bundesbrüdern, Ruhe vor Abyssinien zu verschaffen, aber man hatte sich — im Vertrauen auf die hohe Achtung, welche Freiland bei allen Nachbarvölkern genoß — mit der Erwartung geschmeichelt, dem trotzigen Halbbarbaren durch festes Auftreten imponieren und ihn in friedlichem Wege zur Ruhe verhalten zu können. Der verräterische Überfall gerade zu einer Zeit, wo die Unterhändler der Angegriffenen eben in Edenthal weilten, zerstörte jedoch diese Hoffnung.
Im Volkspalaste fanden wir die freiländischen Verwaltungschefs schon vollzählig versammelt, und bald nach uns trafen auch die englischen und französischen Bevollmächtigten ein. Den Franzosen sahen wir es sofort an den verstörten Mienen an, daß ihnen die Unglücksbotschaft schon zugekommen war; die Engländer erhielten erst einige Stunden später direkte Nachricht, als ihre Panzerkorvette „Nelson“, die unterwegs mit zweien der in abyssinische Hände gefallenen Schiffe ein mörderisches Gefecht bestanden und eines derselben in den Grund gebohrt hatte, als halbes Wrack ebenfalls in Ungama anlangte. Inzwischen waren aber auch an das freiländische auswärtige Amt aus verschiedenen Küstenorten nähere und ausführliche Nachrichten eingetroffen, die das Unglück seinem ganzen Umfange nach bestätigten. Der mit sehr überlegener Macht unternommene und offenbar von Verrat begünstigte Überfall war den Abyssiniern vollständig gelungen. Da der Frieden mit Abyssinien noch mehrere Wochen zu gelten hatte, so waren die Garnisonen der meist ungesunden Küstenorte weder sehr zahlreich, noch sonderlich wachsam gewesen; die Abyssinier hatten zur nämlichen Stunde — gegen 2 Uhr nach Mitternacht — Massaua, Arkiko und Obok, die Hauptfestungen der Italiener, Engländer und Franzosen, und sämtliche acht Küstenforts derselben erstiegen, die im Schlafe überraschten Garnisonen teils niedergemetzelt, teils gefangen genommen und sich gleichzeitig auch der in den Häfen liegenden Schiffe bis auf die schon erwähnten vier bemächtigt. Daß sie einige derselben schon am nächsten Morgen segelfertig machen und mit ihnen in See stechen konnten, erklärt sich aus den früher schon erwähnten Matrosenwerbungen des Negus, welch letztere aber auch ein bezeichnendes Licht darauf werfen, wie lange geplant und wohlvorbereitet der Überfall gewesen. So vortrefflich funktionierte das Getriebe des Verrats, daß die vier geretteten Schiffe wenige Minuten nachdem der Überfall auf die anderen gelungen war, aus Schiffsgeschützen sehr wirksam und heftig beschossen werden konnten. Die den Abyssiniern in den sämtlichen drei Häfen in die Hände gefallenen Fahrzeuge waren 7 englische, 5 französische und 4 italienische Panzerschiffe, darunter mehrere erster Größe, und 11 englische, 8 französische und 4 italienische Kanonenbote und Avisos; die in den Festungen und Schiffen gefangenen oder gefallenen Truppen betrugen in runder Zahl 24000 Mann.