Die Bevollmächtigten aller drei Mächte hatten sofort, nachdem sie die Hiobsbotschaften empfangen, an ihre Regierungen telegraphiert und um Verhaltungsmaßregeln gebeten. Der freiländischen Verwaltung gegenüber erklärten sie, daß nunmehr aller Wahrscheinlichkeit nach mit größter Energie auf dem Abschluß der Militärkonvention bestanden werden dürfte. Jetzt, da die Festungen gefallen, wäre es vollends unmöglich, an den unwirtlichen Küsten des roten Meeres ein so großes Heer zu sammeln, wie es gegen den Negus nun erst recht notwendig sei. In der That war das auch die ziemlich kategorisch lautende, noch im Laufe des nämlichen Tages einlangende Kollektivforderung der drei Mächte. Ebenso kategorisch aber war die Ablehnung, begleitet von der Erklärung, daß man den, aller Voraussicht nach für Freiland allerdings unvermeidlichen Krieg mit Abyssinien allein auszufechten gedenke. Im übrigen, so gab man den Alliierten zu bedenken, kämen doch ihre Armeen ohnehin viel zu spät. Wäre der Suezkanal für ihre Truppensendungen auch praktikabel, so könnten ihre 350000 Mann — für so viel lautete die nun geforderte Durchzugsbewilligung — frühestens binnen 2 Monaten bei uns konzentriert sein, und es hieße fürwahr dem Negus Johannes sehr wenig zutrauen, wollte man sich darauf verlassen, daß er bis dahin nicht längst schon versucht haben sollte, sich in den Besitz aller strategischen Positionen Freilands zu setzen. Nunmehr vollends, wo die den Abyssiniern in die Hände gefallenen Schiffe von diesen in erster Linie dazu benutzt werden dürften, den Suezkanal zu sperren, kämen die Alliierten, selbst wenn man sie rufen wollte, jedenfalls zu spät. Denn auch der Landweg über Ägypten könne von den Abyssiniern so leicht verlegt werden, daß der zur Operationsbasis zu wählen schlechthin unsinnig wäre. Bliebe also nur der Weg ums Kap der guten Hoffnung, und wie lange es brauchen würde, bis von dorther 350000 Mann Hülfstruppen bei uns einträfen, das möge man sich in Paris, Rom und London doch selber beantworten. Unsere Freunde möchten im übrigen vollkommen beruhigt sein; rascher als sie zu glauben schienen und vollständiger sollte ihnen Genugthuung werden. Ehe man in England, Frankreich und Italien auch nur mit der Ausrüstung eines so großen Expeditionsheeres fertig sein könnte, würden wir mit dem Negus abgerechnet haben. Inzwischen möchten die Alliierten ihre neuen, nach den Küstenorten des roten und indischen Meeres bestimmten Garnisonen segelfertig machen; sie könnten für dieselben ohne weiteres den gewohnten Weg über den Suezkanal in Aussicht nehmen, denn bis ihre Transportschiffe vor demselben angelangt sein dürften — woran vor Ende des nächsten Monats kaum zu denken sei — würde Freiland den Abyssiniern ihre gestohlene Flotte genommen oder vernichtet haben.

Insbesondere die letztere Zusage erregte in hohem Grade das Befremden der verbündeten Regierungen und ihrer Gesandten, und ich muß gestehen, daß auch ich nicht recht abzusehen vermochte, wie wir es, ohne auch nur ein Kriegsfahrzeug zu besitzen, anstellen wollten, eine aus 16 der besten Schlachtschiffe und 23 kleineren Fahrzeugen bestehende Flotte vom Meere wegzublasen. Nicht ohne Bitterkeit meinten die Gesandten, statt so großartige Pläne zu verfolgen, wäre es vielleicht praktischer, ihren im Hafen von Ungama liegenden jämmerlich zugerichteten vier Schiffen dazu zu verhelfen, daß sie ihre Schäden möglichst rasch ausbessern und dann mit thunlichster Schnelligkeit das Weite suchen könnten. Beruhe doch die Möglichkeit, sie vor der so unendlich überlegenen feindlichen Flotte zu retten, angesichts der vollständigen Wehrlosigkeit Ungamas lediglich auf der höchst unsicheren Hoffnung, daß der Feind nicht sofort auf den Gedanken geraten werde, sie dort zu suchen.

„Für den Moment“ — so tröstete einer der Verwaltungschefs die geängstigten Diplomaten — „d. h. für wenige Stunden noch haben Sie allerdings Recht. Wenn heute vor einbrechender Dunkelheit eine abyssinische Übermacht vor Ungama erscheint und den Kampf mit Ihren Schiffen sofort aufnimmt, sind diese allerdings menschlicher Voraussicht nach verloren. Allein das gilt eben nur für heute. Zeigt sich morgen die abyssinische Flotte, so haben wir einen Empfang vorbereitet, der sie sicherlich nicht zur Wiederkehr einladen wird.“

„Wie das?“ fragten jene wie aus einem Munde. „Was thaten Sie, was konnten Sie thun zum Schutze der traurigen Überreste unserer kürzlich noch so stolzen verbündeten Flotte?“ Dabei hingen die Blicke dieser in ihrem Patriotismus so tief verwundeten Männer mit ängstlicher Spannung an den Zügen ihrer Gastfreunde, und trotz meiner jungen Zugehörigkeit nach Freiland teilte ich nur zu sehr ihre Empfindungen. Du wirst begreifen, daß es uns nicht um die paar Schiffe allein zu thun war; aber endlich einen Punkt des Widerstandes gegen den frechen Barbaren gefunden zu haben, die Unseren der fernern Notwendigkeit beschämender Flucht enthoben zu wissen, das war es, was uns als süße Verheißung in den Ohren klang. Man beeilte sich uns vollständige Aufklärung zu geben.

Wie ich Dir bereits erzählte, besitzt die freiländische Unterrichtsverwaltung zum Gebrauche der Jugend eine stattliche Anzahl von Geschützen verschiedensten Kalibers in allen Teilen des Landes. Die größten derselben durchschlagen den stärksten der derzeit in Gebrauch befindlichen Schiffspanzer wie ein Kartenblatt; 84 dieser Riesengeschütze aus den zunächst der Seeküste gelegenen Distrikten hatte man nun, sofort nachdem die ersten Nachrichten eingelaufen, nach Ungama in Bewegung gesetzt. Da alle diese Ungetüme ohnehin auf Schienen laufen, die mit dem freiländischen Eisenbahnnetze in Verbindung gesetzt sind, so waren sie allesamt noch am gleichen Vormittage in Begleitung der mit ihrer Behandlung vertrauten Jünglinge unterwegs nach ihrem Bestimmungsorte und mußten dort successive am Abend und im Laufe der Nacht eintreffen. Da ebenso in Ungama zu Zwecken des gewöhnlichen Hafendienstes mehrere mit dem Eisenbahnnetze in Verbindung stehende Schienenstränge längs der Seeküste hinlaufen, so können die anlangenden Geschütze ohne weiteres sofort in die für sie bestimmten Stellungen einfahren, die inzwischen — gleichfalls noch im Laufe des nämlichen Tages — mit provisorischen Erdwerken versehen werden. Späterhin sollen diese Werke auch Panzerdeckung erhalten; fürs erste aber, so rechnete die Centralverwaltung, mußten 84 Geschütze erster Größe, denen die auf ihnen eingeschossenen besten Kanoniere mitgegeben waren, auch ohne sonderliche Deckung genügen, um von zusammengelaufenen Abenteurern bemannte Panzerschiffe in respektvoller Entfernung zu halten.

Mich litt es nun nicht länger in Edenthal; nach kurzem Abschiede von meinem Vater, nach etwas längerem von meiner Bertha, eilte ich nach Ungama, und schon der zweitnächste Tag zeigte, daß die getroffenen Schutzmaßregeln weder überflüssig noch ungenügend gewesen waren. Am 23. August erschienen 5 abyssinische Panzerfregatten und 4 Kanonenboote vor Ungama und versuchten, da sie den Ort für wehrlos hielten, ohne weiteres in den Hafen einzulaufen, um die dort liegenden Wracks der Verbündeten vollends zu zerstören. Ein auf sie aus 10000 Meter Entfernung abgegebener scharfer Schuß des größten unserer Panzerbrecher, der einen der Schornsteine der vordersten Panzerfregatte wegnahm, veranlaßte sie zwar zu etwas größerer Vorsicht, hielt sie jedoch in ihrem Laufe nicht auf. Jetzt ließen unsere jungen Kanoniere den einmal gewarnten Gegner bis auf 7 Kilometer Distanz herandampfen, ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben; dann eröffneten sie aus 37 Geschützen zugleich das Feuer, welches jedoch nur kurze Zeit währte. Schon die erste Salve brachte ein Kanonenboot zum sofortigen Sinken und beschädigte die sämtlichen Schiffe so stark, daß die ganze feindliche Schlachtlinie in sichtliche Unordnung geriet. Einige Schiffe machten Miene, das Feuer der Unseren zu erwidern, andere legten sofort eine sichtliche Neigung zum Stoppen und Rückwärtsdampfen an den Tag. Zwei Minuten später fegte unsere zweite Salve über die Wogen; deutlich konnte man verfolgen, daß diesmal keiner der 37 Schüsse fehlgegangen war; alle feindlichen Schiffe zeigten schwere Havarien und insgesamt hatten sie die Lust verloren, den ungleichen Kampf weiterzuspinnen. Sie gaben Kontredampf und suchten mit möglichster Beschleunigung das Weite. Eine dritte und vierte Salve wurde ihnen nachgesandt, worauf ein zweites Kanonenboot und die größte der Panzerfregatten sank; noch drei weitere Salven fügten dem fliehenden Feinde zwar beträchtlichen ferneren Schaden zu, vermochten aber kein Schiff mehr zu sofortigem Sinken zu bringen; nur erfuhren wir durch den italienischen Aviso, der den abyssinischen Schiffen von weitem nachfolgte, daß noch ein drittes Kanonenboot eine Stunde nach Abbruch des Kampfes unterging, und daß eine der Panzerfregatten ins Schlepptau genommen werden mußte, um den Kugeln unserer Strandbatterien zu entgehen. Diese selbst hatten bloß zwei Mann verloren.

Mit dem Berichte dieser ersten freiländischen Waffenthat, an welcher ich jedoch lediglich als staunender Zuschauer teilzunehmen vermochte, schließe ich diesen Brief. Wann, wo — und ob ich Dir einen nächsten schreiben werde, weiß allein der Kriegsgott.

22. Kapitel.

Massaua, 25. September.

Wenn ich mich recht entsinne, sind es genau ein Monat und ein Tag, daß ich mein letztes Schreiben an Dich sandte; binnen dieser kurzen Frist haben sich Ereignisse abgespielt, welche Euch drüben im alten Europa gar mancherlei Überraschungen gebracht haben dürften und die — täusche ich mich über die Absichten meiner neuen Landsleute nicht — in ihren mittelbaren Konsequenzen für die ganze bewohnte Erde von entscheidender Tragweite sein werden. Die Freiheit der Welt ist es — so glaube ich — die auf den Schlachtfeldern des Roten Meeres und der Gallaländer gesiegt hat — nicht bloß über den unseligen Johannes von Abyssinien, sondern auch über gar mancherlei Tyrannei, die inmitten Euerer sogen. civilisierten Welt geknechtete Völker darniederhält. Doch wozu sich in Vermutungen ergehen über Dinge, welche die nächste Zukunft schon zur Entscheidung bringen muß; mein heutiger Brief dient dem Zwecke, Dich meines ungetrübten Wohlbefindens zu versichern und Dir den freiländisch-abyssinischen Feldzug zu schildern, den ich vom ersten bis zum letzten Kanonenschusse mitgemacht.