Am 25. August, also zwei Tage, nachdem der erste Kampf stattgefunden, erhielt die Edenthaler Zentralbehörde das Ultimatum des Negus, in welchem dieser erklärte, daß er gegen Freiland nichts Böses im Schilde führe, sondern die Waffen nur deshalb ergriffen habe, um sich und — Freiland gegen eine europäische Invasion zu schützen, die diesem, wie er erfahren habe, aufgenötigt worden sei. Da wir nicht die Macht besäßen, seine Feinde von unseren Grenzen fernzuhalten, so gebiete ihm die Pflicht der Selbsterhaltung, von uns die Auslieferung einiger strategisch wichtiger Punkte zu verlangen. Fügten wir uns diesem Begehren, so wolle er unsere Freiheiten und Rechte im übrigen schonen, auch den seinen Schiffen bei Ungama zugefügten Schaden verzeihen; widersetzten wir uns, so werde er uns mit Krieg überziehen, und da er dafür gesorgt, daß uns so rasch keine Hilfe aus Europa zu erreichen vermöge, so könne der Ausgang wohl nicht zweifelhaft sein. Er habe sich mit einem Occupationsheere von 300000 Mann bereits in Bewegung gegen unsere Nordgrenze gesetzt und werde längstens binnen Wochenfrist an derselben eintreffen; an uns sei es, ob wir ihn als Freund oder Feind empfangen wollten.
Die Antwort an den Negus lautete dahin, daß er sich zwar in seiner Voraussetzung, daß Freiland fremde Truppen aufzunehmen gedachte, täusche, da dieses den Engländern, Franzosen und Italienern ebensowenig als ihm zu kriegerischen Zwecken die Grenzen offen zu halten gesonnen sei; in Frieden mit ihm könnten wir jedoch trotzdem nur dann leben, wenn er sich entschließe, auch den genannten europäischen Mächten gegenüber Frieden zu halten, und für das ihnen zugefügte Unrecht volle Sühne zu leisten. Nicht verschweigen wolle man nämlich, daß Freiland im Begriffe sei, mit dessen europäischen Staaten einen Freundschaftsvertrag zu schließen, in dessen Sinne es sich dann verpflichtet halten würde, die Feinde seiner Freunde auch als die seinigen anzusehen. Man warne ihn, Freilands stets an den Tag gelegte Friedfertigkeit als Mutlosigkeit oder Schwäche auszulegen. Eine Woche Frist solle ihm gelassen werden, um seine drohende Haltung aufzugeben und Bürgschaften des Friedens und der Sühne zu stellen. Sollten diese bis dahin nicht geboten worden sein, so würde Freiland ihn angreifen, wo immer es ihn fände.
Selbstverständlich gab sich niemand über den Erfolg dieses Notenwechsels einer Täuschung hin und mit aller Beschleunigung wurden die Rüstungen zum Kriege betrieben.
Kaum daß Telegraph und Zeitungen die erste Kunde von dem abyssinischen Überfalle durch Freiland getragen, trafen von allen Seiten Meldungen und Anfragen bei der Zentralverwaltung ein, die Jedermann den vollgültigen Beweis lieferten, daß die Bevölkerung des ganzen Landes nicht bloß sofort begriffen hatte, ein Krieg sei bevorstehend, sondern daß sich auch unmittelbar ohne jeden bevormundenden Eingriff von oben, alle jene Faktoren des Widerstandes ganz von selbst in Aktion setzten, welche eine auf den Krieg jederzeit gerüstete Militärverwaltung nur immer hätte aufbieten können. Freiland mobilisierte sich selber und es erwies sich, daß diese selbstdenkende Thätigkeit von Millionen intelligenter, dabei aber an durchgreifendes Zusammenwirken gewohnter Köpfe, vollkommenere Ergebnisse lieferte, als durch einen noch so weislich erwogenen und vorbereiteten behördlichen Mobilisierungsplan auch nur entfernt möglich gewesen wäre. Von allen Tausendschaften des Landes langten schon im Laufe des ersten Tages Anfragen ein, ob die Zentralstelle ihre Mitwirkung für wünschenswert hielte; die Tausendschaften erster Klasse aus den zwölf Nord- und Nordostdistrikten, die Baringoländer und Leikipia umfassend, zeigten zugleich an, daß sie schon am nächsten Tage vollzählig — bis auf die zufällig verreisten Mitglieder — versammelt sein würden, da sie von der Voraussetzung ausgingen, daß die Ausfechtung des Kampfes mit Abyssinien zunächst ihre Sache sein werde. Man war nämlich ziemlich allgemein in Freiland der Ansicht, daß zur Bekämpfung der Abyssinier zwischen 40000 und 50000 Mann vollauf genügen würden, und da die Norddistrikte bekanntermaßen 85 der aus den Distriktsübungen als Sieger hervorgegangene Tausendschaften besaßen, so war von Anbeginn Niemand in Zweifel darüber, daß diesen allein die Kriegsarbeit zufallen würde. Zwar regte sich sicherlich in der Brust gar manchen Jünglings auch in den anderen Landesteilen der Thatendrang, aber nirgend zeigte sich das Gelüste, durch dessen Geltendmachung dem Lande mehr als nötig Arbeitskräfte zu entziehen oder unter Störung des naturgemäßen Mobilisierungsplanes entferntere Tausendschaften in den Vordergrund zu schieben. Und eben so bereitwillig, als die anderen zurücktraten, als ebenso selbstverständlich erachteten es die Norddistrikte, daß sie in Aktion zu treten hätten. Nur jene Tausendschaften, die während der letzten Jahre bei den großen Aberdarespielen Sieger gewesen waren, äußerten, auch sofern sie nicht zu den mobilisierenden Distrikten gehörten, den Wunsch, in die Mobilisierung mit einbezogen zu werden; ebenso ersuchten alle Sieger in den Einzelübungen der letztjährigen Distrikts- und Landesspiele um die Vergünstigung, in die mobilisierten Tausendschaften eingeteilt zu werden. Beides wurde bewilligt und es vermehrte sich solcherart das zur Verfügung gestellte Material um vier Tausendschaften und 960 Einzelne. Damit wären insgesamt 90000 Mann verfügbar gewesen, der im Lande herrschenden Ansicht zufolge ungefähr doppelt so viel als erforderlich war. Doch auch darauf nahmen die betreffenden Tausendschaften sofort aus eigener Initiative Bedacht, indem sie sich durch Vermittlung der Zentralverwaltung schon am nächsten Tage darüber einigten, bloß die vier letzten Jahrgänge zwischen 22 und 26 Jahren und in diesen bloß die Unverheirateten ins Feld zu stellen. Dadurch reducierte sich der Mannschaftsstand auf 48000 Mann — darunter 9500 Berittene — und 180 Geschütze; letzteren wurden nachträglich noch 80 Stücke aus dem oberen Naiwaschadistrikt hinzugefügt.
Diese Truppe besaß von Haus aus schon ihre Anführer bis zum Range der Tausendführer. Zwar waren zahlreiche dieser Offiziere verheiratet, doch wurde übereinstimmend beschlossen, sie nichtsdestoweniger beizubehalten. Die Wahlen der Oberoffiziere fanden, nachdem auch die Hundert- und Tausendführer der vier auswärtigen Tausendschaften in dem zu diesem Behufe bestimmten Vereinigungspunkte Nordleikipias eingetroffen waren, am 23. August statt. Das Oberkommando trugen die versammelten Offiziere keinem aus ihrer Mitte, sondern einem als Chef der Ukerewebaugesellschaft in Ripon lebenden jungen Ingenieur Namens Arago an, der selbstverständlich annahm, sich aber einen der Oberbeamten des Verkehrsressorts der Centralverwaltung als Generalstabschef ausbat. An diesen wandte ich mich, aus Ungama direkt nach Nordleikipia geeilt, mit der Bitte um Aufnahme in den Generalstab, die mir, da ich mich über die entsprechenden Kenntnisse auszuweisen vermochte, mit Rücksicht auf meine erst kürzlich aufgegebene italienische Staatsbürgerschaft bereitwillig zugestanden wurde. Gleichzeitig mit mir war auch David eingetroffen, der mir die zärtlichsten Grüße und die freudige Zustimmung meiner Braut zu meinem Entschlusse brachte, und zugleich erklärte, daß er während des Feldzuges nicht von meiner Seite weichen werde.
Mit Waffen und Munition waren alle Tausendschaften ohnehin reichlich versehen; ebensowenig fehlte es an gut eingerittenen und geschulten Pferden.
Die Verpflegung des Heeres wurde den Approvisionierungsgesellschaften von Edenthal und Danastadt übergeben. Den technischen Dienst — Pionierwesen, Brückenbau, Feldtelegraphie u. dergl. — übernahmen zwei Associationen aus Central- und Ostbaringo, den Transportdienst endlich besorgte die freiländische Centralstelle für diesen Verwaltungszweig. Innerhalb der Grenzen Freilands konnte bei der hohen Vollendung des Kommunikationsnetzes die Beförderung und Verpflegung einer so kleinen Armee natürlich nicht die geringsten Schwierigkeiten machen. Da man jedoch keineswegs gesonnen war, die Abyssinier zu erwarten, sondern den Krieg in die Gallaländer und nach Habesch hinüberzuspielen gedachte, so wurden 5000 Elefanten, 8000 Kamele, 20000 Pferde und 15000 Büffelochsen für den Lastendienst aufgebracht. Zelte, Feldkochgeräte, Konserven u. dergl. mußten herbeigeschafft, kurzum Vorsorge getroffen werden, daß die Armee auch in den unwirtlichen Gegenden außerhalb Freilands an nichts Mangel leide.
Alle diese Vorbereitungen waren am 29. August vollendet; schon zwei Tage vorher hatte Arago 4000 Reiter mit 28 Geschützen über den Konsopaß ins benachbarte Wakwafiland gesendet, mit dem Auftrage, sich fächerförmig ausbreitend, Fühlung mit den Abyssiniern zu suchen, deren Anzug wir auf dieser Seite erwarteten. Um für alle Eventualitäten gesichert zu sein, sandte er kleinere Streifkorps von 1200 und 900 Mann mit je 8 und 4 Geschützen zur Bewachung der sich nordöstlich und nordwestlich von dieser seiner Operationslinie erstreckenden Gebirgszüge von Endika und Silali. Am Konsopaß hinterließ er des ferneren eine Reserve von 6000 Mann und 20 Geschützen und überschritt am 30. August mit 36000 Mann und 200 Geschützen die Gallagrenze. Um möglichst große Marschleistungen zu erzielen und die Mannschaft trotzdem zu schonen, war das Handgepäck aufs äußerste reduciert. Es bestand außer den Waffen — Repetiergewehr, Repetierpistole und kurzem, auch als Haubajonett zu gebrauchendem Schwert — nur aus 80 Patronen, einer Feldflasche und kleinem, zur Aufnahme einer Mahlzeit bestimmten Ranzen. Alle anderen Gepäckstücke trugen Handpferde, die den Marschkolonnen unmittelbar folgten und deren auf jede Hundertschaft 25 kamen. Dieser der Mannschaft jederzeit zur Verfügung stehende sehr bewegliche Train führte wasserdichte Zelte, komplette Anzüge und Schuhwerk zum wechseln, Regenmäntel, Konserven und Getränke für einige Tage, und eine Patronenreserve für 200 Schuß per Mann mit sich. Unsere jungen Leute waren solcherart mit allem Nötigen versehen, ohne selber überlastet zu sein und sie legten daher an einzelnen Tagen bis zu 40 Kilometer zurück, ohne daß es Marode gegeben hätte.
Die freiländische Centralverwaltung hatte der Armee einen Kommissar beigegeben, dessen Amt es war, etwaige Wünsche der Heeresleitung, soweit deren Erfüllung Sache der Centralstelle sein sollte, entgegenzunehmen; ferner für den Fall, als der Negus sich zu Friedensverhandlungen geneigt zeigen sollte, dieselben zu führen; schließlich für Sicherheit und Bequemlichkeit der fremden Militärbevollmächtigten und Zeitungsreporter Sorge zu tragen, die unseren Kriegszug mitmachten. Ein Teil dieser Herren begleitete uns zu Pferde, ein anderer Teil war auf Elefanten bequem untergebracht; die meisten folgten dem Hauptquartier, welches dieselben über alle Vorkommnisse auf dem Laufenden erhielt.
Am dritten Marschtage, dem zweiten September, verständigte uns unsere vorausschwärmende Reiterei, daß sie auf den Feind gestoßen sei. Da Arago, bevor er einen entscheidenden Kampf annahm, zuvor praktisch erproben wollte, ob er und wir alle nicht etwa doch in einer verhängnisvollen Täuschung bezüglich der vorausgesetzten Überlegenheit unserer Mannschaften über die feindlichen befangen wären, gab er der Vorhut Auftrag, eine forcierte Rekognoscierung vorzunehmen, d. h. den Gegner zu möglichst vollständiger Entfaltung seiner Kräfte zu nötigen und erst zurückzuweichen, wenn über die Marschrichtung der feindlichen Hauptmacht Sicherheit erlangt sei.