Die Zentralverwaltung von Freiland hatte unmittelbar nachdem sie die Nachricht von der Wegnahme der Küstenfestungen und der Schiffe erhalten, den Bau einer Flotte beschlossen und keine Stunde mit der Verwirklichung gezögert. Eine Panzerflotte herzustellen, dazu fehlte allerdings die Zeit; sie hielt aber dafür, einer solchen nicht zu bedürfen. Was sie plante, war die Konstruktion sehr schnellfahrender Fahrzeuge mit so weit tragenden Geschützen, daß ihre Geschosse die fremden Panzerschiffe zerstören könnten, ohne daß die Geschosse der Letzteren unsere Schiffe zu erreichen vermöchten. Dabei rechnete sie allerdings nicht bloß auf die größere Schnelligkeit der Fahrzeuge und die weitere Flugbahn der Geschosse, sondern hauptsächlich auf die Überlegenheit unserer Artilleristen. Wenn unsere Schiffsmaschinen den Feind immer nur auf die uns passend erscheinende Distanz heranließen, so mußte — das war der Kalkül — den Unseren gelingen, das stärkste feindliche Schiff zu vernichten, ehe unsere Fahrzeuge auch nur getroffen werden könnten. Um Schiffe von 2000 bis 3500 Tonnen — so groß sollten unsere Kanonenbote sein — in beliebiger Zahl binnen wenigen Wochen vollkommen auszurüsten, dazu genügten, wenn nur mit entsprechender Energie daran gegangen wurde und alles gehörig ineinander griff, die freiländischen Rhedereien und sonstigen Industrien vollkommen. Schon am 23. August wurde daher in Ungama der Kiel zu 36 Schiffen gelegt; Schiffsmaschinen zwischen 2000 und 3000 Pferdekräften — von denen die größeren Kriegsdampfer bis zu vieren erhalten sollten — waren genügend in den Maschinenwerkstätten Ungamas vorrätig. Aus allen freiländischen Schießplätzen wurden die vorzüglichsten und größten Geschütze herbeigezogen, 24 neue, alles bisher Erreichte in den Schatten stellende Ungetüme in den Gußstahlwerkstätten von Danastadt konstruiert und solchergestalt ermöglicht, daß binnen 22 Tagen der letzte Hammerschlag und Feilenstrich an der letzten der 36 schwimmenden Kriegsmaschinen gethan werden konnte. Die Eleganz der Ausstattung ließ in einzelnen Punkten zu wünschen übrig; die Vollkommenheit der technischen Ausführung aber war tadellos. Die Fahrzeuge, ziemlich flachbordig um den feindlichen Kugeln ein möglichst geringes Ziel zu bieten, waren in wasserdichte Kammern geteilt, um selbst durch einige unter der Wasserlinie einschlagende Granaten nicht zum Sinken gebracht zu werden; da jedes Schiff mindestens zwei vollkommen unabhängig funktionierende Maschinen besaß, so war auch eine Lähmung seiner Beweglichkeit nicht so leicht zu besorgen; gepanzert, und zwar mit Platten der stärksten Art, waren bloß die Pulverkammern. Die verwendeten, durchwegs frei beweglich an Deck angebrachten Geschütze wogen zwischen 95 und 245 Tonnen, und waren den einzelnen Schiffen teils einzeln, teils zu zweien und dreien zugeteilt; insgesamt besaßen die 36 Fahrzeuge deren 78. Das Maximum der Fahrgeschwindigkeit betrug bei den verschiedenen Schiffen zwischen 23 und 27 Knoten in der Stunde.
Da wir den Westmächten versprochen hatten, die den Suezkanal sperrende Flotte vor Eintreffen der europäischen Expeditionskorps unschädlich zu machen, so mußte geeilt werden, dieses gegebene Wort einzulösen. Am 19. September abends bekamen unsere Schiffe eine bei Bab-el-Mandeb kreuzende abyssinische Eskadre von 5 Panzern in Sicht. Diese, die scharfgebauten Schiffe für Passagierdampfer nehmend, machte sofort Jagd auf sie und wunderte sich nicht wenig, daß die so harmlos aussehenden Fahrzeuge ihren Kurs unbeirrt fortsetzten. Erst als die Abyssinier sich auf 14000 Meter Distanz genähert und nunmehr einige der gröbsten Brocken aus unseren Feuerschlünden zu kosten bekamen, erkannten sie ihren Irrtum und machten augenblicklich kehrt. Das Gros unserer Flotte hielt sich auch mit ihrer Verfolgung nicht auf, sondern setzte die Fahrt ins Rote Meer fort; bloß 6 unserer größten und zugleich als schnellste Fahrer geltenden Kriegsdampfer eilten den Fliehenden nach, brachten deren zwei durch eine Reihe wohlgezielter Schüsse, die von den Abyssiniern der großen Distanz halber wirksam gar nicht erwidert werden konnten, zum Sinken, und jagten die andern auf den Strand. Unsere Schaluppen nahmen von den im Wasser treibenden Mannschaften auf, so viel sie nur immer erreichen konnten und setzten dann — die Affaire mit der Bab-el-Mandeb-Eskadre hatte bloß 2½ Stunden beansprucht — den Weg nach Suez fort.
An Massaua dampfte das Gros unserer Flotte in der Nacht vom 19. und 20. unbemerkt vorbei; die nachfolgenden 6 Schiffe aber wurden im Morgengrauen von einem feindlichen Kreuzer gesehen und verfolgt. Da es weder in der Absicht der Unseren lag, sich vor Massaua jetzt schon aufzuhalten, noch die dort liegenden abyssinischen Schiffe durch eine, ihrem Kreuzer im Vorbeifahren erteilte Lektion vorzeitig zu warnen, so beantworteten sie dessen Schüsse nicht, trotzdem einige derselben trafen, sondern suchten bloß so rasch als möglich an ihm vorbei zu kommen, was auch ohne ernstlichen Schaden gelang. Wie wir später erfuhren, wurden sie in Massaua gleichfalls für Postschiffe gehalten, die unbegreiflicherweise den Suez bewachenden Kreuzern in die Hände liefen. Alles, was der Negus that, war, daß er in den nächsten Nächten vor Massaua fleißig kreuzen ließ, um die vermeintlichen 6 Postdampfer, wenn sie vor Suez etwa rechtzeitig kehrt machen sollten, diesmal nicht entschlüpfen zu lassen.
Am 22. nachmittags erschien unsere Flotte vor Suez, griff die den Kanal bewachenden abyssinischen Schiffe unverzüglich an und bohrte drei derselben nach kurzem Gefechte in den Grund. Die anderen, darunter drei Panzerfregatten, liefen auf den Strand, wo die Bemannung von den ägyptischen Truppen gefangen genommen wurde. Denselben Ägyptern lieferte unser Admiral auch die aufgefischten abyssinischen Matrosen und Seesoldaten provisorisch aus, wandte sich sofort wieder nach Süden und langte am 24. September vor Massaua an.
Dort waren wir inzwischen unthätig geblieben; wir wußten, daß das Eingreifen unserer Schiffe genügen werde, die Feste in kurzem Wege zu Falle zu bringen. Als diese auf der Höhe von Massaua erschienen, näherten sich ihnen einige kleinere abyssinische Kriegsfahrzeuge. Wenige Schüsse jagten sie in die Flucht und nun erst begriff der Negus die Situation. Zwar hoffte er noch immer, mit unseren Schiffen fertig zu werden; die schreckliche Wirkung der ersten Lagen aus unseren Riesengeschützen belehrte ihn und seine Admiralität eines Besseren. Vor den herandampfenden schwerfälligen Panzerkolossen stetig zurückweichend gaben unsere unerreichbaren Vernichtungsmaschinen ihre Geschosse ab und zwei der Fregatten sanken in die Tiefe, bevor nur eine abyssinische Kugel ein freiländisches Schiff getroffen hätte. Nun wandten sich die Abyssinier zum Rückzuge, aber die Unseren blieben ihnen — stets in der gleichen unnahbaren Distanz — auf den Fersen und bevor die feindliche Flotte den Hafen erreicht hatte, fuhr ein drittes Panzerschiff zu Grunde. Doch im Hafen fanden sie so wenig Sicherheit, als auf offenem Meere; die schrecklichen Panzerzerschmetterer sandten Kugel auf Kugel hinein; ein viertes Schiff versank und ein fünftes; gleichzeitig hämmerten unsere Riesengeschosse zermalmend an den Steinquadern der Hafenbastionen — wir erwarteten jeden Moment die weiße Fahne, das Zeichen der Ergebung, in Massaua flattern zu sehen. Statt dessen machte der Negus, die Unhaltbarkeit der Feste einsehend, von uns jedoch keine Gnade erwartend, plötzlich einen verzweifelten Ausfall, um sich in die Berge durchzuschlagen. Doch nur unsere äußerste Vorpostenkette gelang es ihm zu durchbrechen; vor der ersten freiländischen Linie angelangt, brachten einige Salven den Ansturm der Seinen zum Stehen, ihm aber den Tod. Die Abyssinier warfen die Waffen weg, der Krieg war beendet.
Hiermit schließen die freiländischen Briefe unseres neuen Landsmannes Carlo Falieri an seinen Freund, den Architekten Luigi Cavalotti. Die beiden Freunde haben inzwischen den Aufenthalt getauscht; Cavalotti ist zu uns nach Freiland übersiedelt, Falieri dagegen wurde, kaum daß er mit seinem jungen Weibe einige Wochen seligster Zurückgezogenheit auf einer der paradiesischen Ukerewe-Inseln genossen, uns zeitweilig wieder entführt. Er folgte einem Rufe seines Geburtslandes, welches seiner zu Durchführung jener Reformen zu bedürfen glaubte, die in Konsequenz der soeben von ihm geschilderten und der diesen folgenden Ereignisse dort wie fast überall in der bewohnten Welt ins Werk gesetzt werden sollen. Seine Gattin begleitet ihn auf dieser Mission, zu deren Durchführung ihm seitens unserer Centralverwaltung die unbegrenzten Hülfsquellen Freilands zur Verfügung gestellt sind. Doch damit geraten wir schon in den Bereich jener Begebenheiten, deren Darstellung das folgende Buch gewidmet sein soll.
Viertes Buch.
23. Kapitel.
Die moralische Wirkung unseres abyssinischen Feldzuges war eine ungeheure, soweit civilisierte und halbcivilisierte Völker die Kunde davon empfingen. Wir selber hatten uns heilsame Folgen davon versprochen insofern, als wir voraussahen, daß die vor aller Welt abgelegte glänzende Kraftprobe unseren Widersachern Vorsicht und größere Geneigtheit beibringen werde, auf unsere gerechten Wünsche einzugehen. Doch der Erfolg übertraf unsere kühnsten Erwartungen weitaus. Nicht eingeschüchtert, sondern bekehrt wurden die bisherigen Gegner der wirtschaftlichen Gerechtigkeit, was indessen mehr uns Freiländer, als unsere auswärtigen Freunde zu überraschen schien. Wir vermochten nicht recht zu begreifen, warum Leute, die Jahrzehnte lang unsere socialen und wirtschaftlichen Bestrebungen für thöricht oder verwerflich gehalten hatten, aus der Thatsache, daß unsere jungen Leute sich als treffliche Krieger erwiesen, urplötzlich die Schlußfolgerung zogen, es sei möglich und nützlich, jedem Arbeitenden den vollen Ertrag seines Fleißes zuzuwenden. Uns, die wir unter der Herrschaft der Vernunft und Gerechtigkeit lebten, wollte der Zusammenhang zwischen Letzterem und der Wirkung unserer Gewehre und Geschütze nicht einleuchten; außerhalb Freilands jedoch, wo immer noch physische Gewalt die letzte Quelle allen Rechtes war, hielt es ersichtlich Jedermann — selbst der prinzipielle Anhänger unserer Ideen — für selbstverständlich, daß die blitzartig zerschmetternden Schläge, unter deren elementarer Gewalt der Negus von Abyssinien erlegen, das untrüglichste Argumentum ad hominem für die Vorzüglichkeit unserer gesamten Einrichtungen seien. Insbesondere das urplötzliche siegreiche Auftreten unserer Flotte wirkte da draußen gleichwie ein entscheidendes Beweismittel dafür, daß die wirtschaftliche Gerechtigkeit keine wesenlose Utopie, sondern sehr reelle Wirklichkeit sei — kurzum, unsere kriegerischen Erfolge gestalteten sich zu einem Triumphe unserer socialen Einrichtungen. Eine gewaltige fieberhafte Bewegung ergriff alle Geister, und mit einem Schlage wollte man nun überall verwirklichen, was bis dahin bloß von verhältnismäßig Wenigen schüchtern als dereinst zu erreichendes Ideal aufgestellt, von Vielen mit Abneigung betrachtet, von den großen Massen aber zumeist gänzlich ignoriert worden war.