Und dabei erwies sich — was uns nun allerdings wieder nicht überraschte — daß die Ungeduld und das Revolutionsfieber desto heftiger waren, je weniger man sich zuvor mit unseren Ideen beschäftigt hatte. Die fortgeschrittensten freisinnigsten Völker, deren leitende Staatsmänner auch zuvor schon mit uns sympathisiert und gutgemeinte, wenn auch zusammenhanglose Versuche unternommen hatten, ihre arbeitenden Massen zu wirtschaftlicher Freiheit heranzuziehen, schickten sich in verhältnismäßiger Ruhe an, die große ökonomische und sociale Revolution unter möglichster Wahrung aller bestehenden Interessen einzuleiten. England, Frankreich und Italien, die schon vor Ausbruch des abyssinischen Krieges bereit gewesen waren, unsere Einrichtungen — wenn auch vorläufig bloß in ihren ostafrikanischen Besitzungen — zuzulassen, beschlossen nunmehr, ohne daß dazu besondere politische Umwälzungen bei ihnen notwendig gewesen wären, sich wegen Überführung ihrer bestehenden Institutionen in den unsrigen ähnliche, mit Freiland ins Einvernehmen zu setzen, und mehrere andere europäische Staaten, sowie ganz Amerika und Australien schlossen sich ihnen unmittelbar an. Dieses Ereignis war in den betreffenden Staaten allenthalben von stürmischen Ausbrüchen der Volksbegeisterung begleitet; aber mit Ausnahme einiger Fensterscheiben litt Niemand Schaden dabei. Gewaltthätiger schon ging es in den „konservativen“ Staaten Europas und in einzelnen Ländern Asiens her; dort kam es zu heftigen Krawallen, ernstlichen Verfolgungen verhaßter Staatsmänner, die vergebens beteuerten, daß nunmehr auch sie gegen die wirtschaftliche Gleichberechtigung nichts einzuwenden hätten, stellenweise zu Blutvergießen und Vermögenskonfiskationen. Die arbeitenden Massen mißtrauten dort den besitzenden Ständen, waren aber selber uneinig über den einzuschlagenden Weg, so daß drohender stets und gehässiger die Parteien einander entgegentraten. Vollends schlimm aber gestalteten sich die Ereignisse dort, wo die Regierungen früher wirklich und bewußt volksfeindlich gehandelt, die Besitzenden gegen die Massen ausgespielt und Letztere vorsätzlich in Unwissenheit und Verkommenheit darniedergehalten hatten. Dort gab es keine intelligente Volksklasse, die genügenden Einfluß besessen hätte, sich den Ausbrüchen wütenden und unvernünftigen Hasses entgegenzuwerfen; dort wurden Grausamkeiten und Scheußlichkeiten aller Art begangen, die einstigen Unterdrücker massenhaft abgeschlachtet und es wäre kein Ende der sinn- und zwecklosen Gräuel abzusehen gewesen, wenn nicht zum Glücke auch für diese Länder unser Ansehen und unsere Autorität schließlich die wütenden Massen beruhigt und die Bewegung in geregelte Bahnen geleitet hätte. Nachdem eine der in diesen Gebieten sich ohne ersichtliches Ziel zerfleischenden Parteien auf den Gedanken geraten war, unsere Intervention anzurufen, fand dieses Beispiel allgemeine Nachahmung. Allenthalben aus dem Osten Europas, aus Asien und aus einigen afrikanischen Staaten richteten die der Anarchie Verfallenen die Bitte an uns, ihnen Kommissäre zu senden, denen man unumschränkte Gewalt einräumen wolle. Wir willfahrteten dem natürlich aufs bereitwilligste und diese freiländischen Kommissäre begegneten thatsächlich allenthalben jenem ungeteilten Vertrauen, das zur Herstellung der Ruhe erforderlich war.
Inzwischen hatten sich aber auch jene Staaten, die von Anbeginn besonnen vorgegangen waren, freiländische Vertrauensmänner erbeten, die ihren Regierungen bei Anbahnung der beabsichtigten Reformen mit Rat und That behülflich sein sollten. Wir sagen nicht ohne Grund: mit Rat und That, denn das freiländische Volk hatte, sowie es erkannt, daß man seine Mitwirkung in Anspruch nehmen werde, den Beschluß gefaßt, seinen Delegierten — sie mochten nun als beratende Mitglieder einer fremden Regierung oder als mit unumschränkter Gewalt ausgerüstete Kommissäre auftreten, das Verfügungsrecht über die materiellen Hülfsquellen Freilands zu Gunsten der sie berufenden Völker einzuräumen, denen diese Summen übrigens nicht schenkungs-, sondern leihweise zufließen sollten. Der Edenthaler Centralverwaltung wurde zwar formell das Recht vorbehalten, von Fall zu Fall über die von diesen Delegierten angemeldeten Geldforderungen zu entscheiden; da jedoch als Prinzip aufgestellt war, daß jede notwendige Hülfe zu gewähren sei, über die Notwendigkeit der Hülfeleistung aber zumeist doch nur die an Ort und Stelle Befindlichen urteilen konnten, so lag thatsächlich in Händen dieser Kommissäre und Vertrauensmänner das diskretionäre Verfügungsrecht über die flüssig gemachten Kapitalien.
Daß wir aber in der Lage waren, einem solchen, binnen wenigen Monaten nahe an 2 Milliarden Pfd. Sterling erreichenden Bedarfe sofort zu entsprechen, erklärt sich daraus, daß unsere freiländische Versicherungsabteilung ungefähr den fünften Teil ihrer derzeit 10 Milliarden überschreitenden Reserven in allezeit flüssiger Form zur Disposition hatte. Die anderen vier Fünftel waren arbeitend angelegt, d. h. den Associationen sowohl als dem Gemeinwesen zu mannigfaltigen Investitionen leihweise überlassen; ein Fünftel aber wurde als für alle Fälle bereiter Stock in den Magazinen der Bank zurückgelegt und konnte jetzt dem plötzlich aufgetauchten Kapitalbedarfe dienen. Selbstverständlich ist, daß diese Reserve nicht in Form von Gold oder Silber hinterlegt war, da sie sich in diesem Falle als unbrauchbar in der Stunde eines eventuellen Bedarfs erwiesen hätte. Nicht Gold oder Silber, sondern ganz andere Dinge sind es, die in Zeiten der Not gefordert werden; die Edelmetalle können bloß als geeignete Mittel dienen, um diese eigentlich benötigten Dinge sich zu verschaffen; damit Letzteres jedoch geschehen könne, wird vorausgesetzt, daß sie in entsprechender Menge überhaupt irgendwo vorhanden seien, was bei einem plötzlich auftretenden Bedarfe von außergewöhnlichem Umfange eben nicht angenommen werden darf. Wer plötzlich Waren im Gesamtwerte von Milliarden braucht, der wird dieselben nirgend kaufen können, weil sie nirgend vorrätig sein werden; will er auch im Falle solchen Bedarfes vor Not geschützt sein, so muß er nicht das Geld zum Einkaufe, sondern die voraussichtlich erforderlichen Güter selber vorrätig halten. Was hätte es z. B. den Russen, welche die Getreidespeicher ihrer Gutsherren, die Warenmagazine ihrer Kaufleute, die Maschinen in ihren Fabriken verbrannt und zerstört hatten, genützt, wenn wir ihnen die Milliarden Rubel, deren sie zur Ersetzung sowohl als zur Vermehrung dieser vernichteten Dinge bedurften, in Form von Geld zur Verfügung gestellt hätten? Nirgend gab es entbehrliche Vorräte, die sie hätten kaufen können; wären sie mit unserem Gelde auf den Märkten erschienen, so hätte dies zum ausschließlichen Erfolge gehabt, daß alle Preise gestiegen und ihre Not sich allen Nachbarvölkern mitgeteilt hätte. Und ebenso bedurften auch alle andere Nationen, die wir in ihrem Bestreben unterstützen wollten, möglichst rasch aus ihrem bisherigen Elend zu einem dem unsrigen ähnlichen Reichtume zu gelangen, nicht vermehrter Geldmittel, sondern vermehrter Nahrungsmittel, Rohstoffe, Werkzeuge. Und in Form solcher Dinge hatten wir denn auch unsere Reserven angelegt. Ungefähr die Hälfte derselben bestand stets aus Getreide, die andere Hälfte aus verschiedenen Rohmaterialien, insbesondere Webestoffen und Metallen. Als daher unser Kommissär in Rußland successive 285 Millionen Pfund forderte, erhielt er von uns nicht einen Heller Geld, wohl aber 3040 Schiffsladungen Weizen, Wolle, Eisen, Kupfer, Hölzer u. dgl. zugesendet, was zur Folge hatte, daß das verwüstete Land an nichts Mangel litt, vielmehr schon wenige Monate nachher — allerdings weniger infolge dieser ihm dargeliehenen Schätze, als vielmehr der in freiländischem Geiste durchgeführten Verwendung derselben — sich eines Wohlstandes erfreute, den man dort noch vor kurzem kaum im Traume für möglich gehalten hätte. In ähnlicher Weise machten wir auch anderen Nationen der Erde unsere Vorräte nutzbar und waren für den Fall, als diese nicht genügen sollten, entschlossen, aus den Erträgen der kommenden Jahre das Fehlende zu ersetzen.
Doch gedachten wir keineswegs diese uns zugefallene Rolle der ökonomischen und socialen Vorsehung der Brudervölker länger als unumgänglich notwendig zu bewahren. Nicht weil wir die Verantwortung oder Last scheuten, sondern weil wir es in jeder Beziehung und im allseitigen Interesse für das Beste hielten, wenn der soziale Umgestaltungsprozeß, welchem nunmehr die gesamte Menschheit entgegenging, von dieser auch mit gesammelten Kräften nach gemeinsam wohl erwogenem Plane ins Werk gesetzt werde, beschlossen wir, ungesäumt die Nationen der Erde zu einer Beratung nach Edenthal einzuladen, in welcher erörtert werden solle, was nunmehr zu geschehen habe. Unsere Meinung dabei war nicht, daß dieser Kongreß bindende Beschlüsse zu fassen hätte; es möge, so beantragten wir, jedem Volke unbenommen bleiben, aus den Beratungen des Kongresses die ihm beliebigen Konsequenzen zu ziehen; nützlich aber, das war unsere Ansicht, würde es für alle Fälle sein, zu wissen, wie die Gesamtheit über die im Zuge befindliche Bewegung dächte.
Auf ernstlichen Widerstand stieß diese Anregung nirgend. Insbesondere bei den zurückgebliebeneren Völkern des Ostens machte sich zwar eine starke dahingehende Strömung geltend, man möge die Zeit nicht mit nutzlosen Reden vertrödeln, sondern einfach thun, was wir Freiländer vorschlagen würden; sie ihrerseits, so thaten uns die konstituierenden Versammlungen mehrerer — und nicht gerade der kleinsten — Nationen zu wissen, würden doch nur auf uns hören, der Kongreß möge sagen, was er wolle. Doch bedurfte es bloß des Hinweises darauf, daß wir, um ihnen zu raten, sie doch auch hören müßten und daß uns hierzu der Kongreß das geeignetste Forum scheine, um sie zu dessen Beschickung zu veranlassen. Auch konnten wir nicht verhindern, daß viele von den nach Edenthal entsendeten Delegierten die bindende Instruktion auf den Weg erhielten, bei allen Abstimmungen unbedingt mit uns Freiländern zu gehen, welche Instruktion sich jedoch insofern gegenstandlos erwies, als der Kongreß überhaupt nur über Formfragen abstimmte, sonst aber bloß beriet, es Jedermann anheimgebend, sich die Diskussionsresultate selber zu bilden.
Dagegen hatte sich gerade inmitten der vorgeschrittensten Länder eine, wenn auch der Zahl nach geringe, Opposition wiedereingestellt, die zwar das Prinzip der wirtschaftlichen Gerechtigkeit in seiner Allgemeinheit anerkannte, jedoch eine ganze Reihe angeblich „praktischer“ Bedenken gegen dessen durchgreifende Verwirklichung geltend machte. Diese Opposition hätte, auf ihre eigenen Kräfte angewiesen, nirgend vermocht, ein Mandat für den Welt-Kongreß zu erlangen; sie fand aber allerorten kräftige Fürsprecher — in den freiländischen Vertrauensmännern und Kommissären, die, durchaus im Einklang mit der öffentlichen Meinung Freilands, das Bestreben verfolgten, wo möglich jeder namhafteren Parteirichtung eine Vertretung zu sichern, damit selbst die etwa vorhandenen offenen Anhänger der überlebten, alten Wirtschaftsordnung kein Recht hätten, darüber Klage zu führen, daß man sie nicht hätte zu Worte kommen lassen. 68 Nationen waren zur Teilnahme am Kongresse geladen worden; die Anzahl der zu entsendenden Delegierten blieb dem Belieben der Geladenen überlassen, nur wurde gebeten, die Zahl von je zehn Abgesandten nicht zu überschreiten; thatsächlich wählten die 68 Länder insgesamt 425 Delegierte, was mit den 12 am Kongresse gleichfalls teilnehmenden Chefs der freiländischen Verwaltung eine Gesamtzahl von 437 Kongreßmitgliedern ergab.
Am 3. März des 26. Jahres nach der Gründung von Freiland versammelte sich der Kongreß im großen Saale des Edenthaler Volkspalastes. Auf der Rechten saßen die Zweifler an der allgemeinen Durchführbarkeit der im Zuge befindlichen Reformen, im Centrum die Anhänger Freilands, auf der Linken die Radikalen, denen die gewaltsamsten Mittel die besten schienen. Den Vorsitz führte der Chef der freiländischen Präsidialabteilung, welches Amt seit Gründung des Gemeinwesens ununterbrochen Dr. Strahl verwaltet hatte. Wir lassen nunmehr den Verlauf der fünftägigen Diskussion auszugsweise an der Hand der Sitzungsprotokolle folgen.
Erster Verhandlungstag.
Der Vorsitzende begrüßt namens des freiländischen Volkes die auf dessen Einladung herbeigeeilten Abgesandten der sämtlichen Brudernationen der Erde und fährt dann fort:
„Um einiges, wenn auch nicht gerade strenges und starres System in den Gang der Beratungen zu bringen, schlage ich vor, daß wir von Anbeginn eine gewisse Reihenfolge der zu behandelnden Fragen feststellen; Abschweifungen von dieser Reihenfolge werden allerdings nicht immer zu vermeiden sein; aber als nützlich dürfte es sich für alle Fälle erweisen, wenn die Redner zum mindesten das Bestreben zeigen, möglichst nur zu dem gerade in Verhandlung stehenden Gegenstande zu sprechen. Um die Diskussion dieser Formfrage abzukürzen, hat die freiländische Verwaltung sich erlaubt, eine Art Tagesordnung auszuarbeiten, die Sie annehmen, amendieren oder auch verwerfen können; die in diese Tagesordnung aufgenommenen Diskussionsstoffe sind jedoch, wie ich sofort bemerken will, nicht unserer hierortigen Initiative entsprungen, sondern wurden uns von den Führern der verschiedenen ausländischen Parteien als näherer Aufklärung bedürftig bezeichnet; wir unserseits begnügten uns damit, System in diese uns vorgelegten Fragen zu bringen. Wir schlagen also folgende Reihenfolge der Verhandlungsgegenstände vor: