1. Wie erklärt sich die Thatsache, daß es im geschichtlichen Verlaufe vor Gründung Freilands noch niemals gelungen ist, ein Gemeinwesen auf den Prinzipien der wirtschaftlichen Gerechtigkeit und Freiheit einzurichten?
2. Ist der Erfolg der freiländischen Institutionen nicht etwa bloß auf das ausnahmsweise und daher vielleicht vorübergehende Zusammenwirken besonders günstiger Verhältnisse zurückzuführen oder beruhen dieselben auf überall vorhandenen, in der menschlichen Natur begründeten Voraussetzungen?
3. Sind Not und Elend nicht etwa Naturnotwendigkeiten und müßte nicht Übervölkerung eintreten, wenn es vorübergehend gelänge, das Elend allgemein zu beseitigen?
4. Ist es möglich, die Institutionen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit überall unter Schonung der erworbenen Rechte und überkommener Interessen zur Durchführung zu bringen; und wenn dies möglich ist, welches sind die geeigneten Mittel hierzu?
Hat jemand zu diesem unserem Vorschlage eine Bemerkung zu machen? Es ist nicht der Fall. Ich setze also Punkt 1 auf die Tagesordnung und erteile dem Abgeordneten Erasmus Kraft das Wort.
Erasmus Kraft (Rechte). Wir schicken uns allenthalben, so weit denkende Menschen den Erdball bewohnen, an, den Zustand der Knechtschaft und des Elends, in welchem, so weit menschliche Erinnerung zurückreicht, unsere Rasse gefangen war, mit einer glücklicheren Ordnung der Dinge zu vertauschen. Das leuchtende Beispiel, welches wir hier in Freiland vor Augen haben, scheint dafür zu sprechen, daß der Versuch gelingen werde, gelingen müsse. Doch je deutlicher sich diese Perspektive uns darstellt, desto dringender, unabweislicher wird die Frage, warum das, was sich jetzt vollziehen soll, nicht schon längst geschehen, warum der Genius der Menschlichkeit so lange geschlafen, ehe er sich zur Vollbringung dieses segensreichen Werkes aufraffte. Wir sehen, daß es genügt, Jedermann den vollen Genuß dessen, was er erzeugt, zu gönnen, um Jedermann Überfluß zu verschaffen, und trotzdem hat man ungezählte Jahrtausende hindurch grenzenloses Elend mit all seinem Gefolge von Jammer und Verbrechen geduldig ertragen, als wären sie unabweisliche Naturnotwendigkeiten. Woran liegt das? Sind wir klüger, weiser, gerechter als alle unsere Vorfahren, oder befinden wir uns trotz all der scheinbar untrüglichen Beweise, die für das Gelingen unseres Werkes sprechen, nicht vielleicht doch im Irrtume? Die zum größten, wichtigsten Teile allerdings in das Dunkel der Urzeit gehüllte Geschichte der Menschheit ist so alt, daß schwerlich anzunehmen ist, eine so wichtige, dem brennendsten Wunsche jeglicher Kreatur entsprechende Bestrebung, wie diejenige nach materiellem Wohlbefinden aller, trete jetzt zum ersten Male in die Erscheinung; sie muß nicht einmal, wiederholt schon hervorgetreten sein, auch wenn keinerlei Überlieferung uns darüber Verläßliches erzählt. Wo aber sind ihre Erfolge? Oder waren vielleicht solche Erfolge vorhanden, auch wenn wir nichts davon wissen, ist die Erzählung vom goldenen Zeitalter mehr als eine fromme Fabel und sind wir etwa im Begriffe, neuerdings ein solches heraufzubeschwören? Dann aber taucht wieder die Frage auf, von welcher Dauer dieses Zeitalter sein, ob ihm nicht abermals das eherne und eiserne folgen werden — vielleicht in traurigerer schrecklicherer Gestalt als jenes gezeigt, von welchem Abschied zu nehmen wir uns eben anschicken. Ich will es, dem Winke des verehrten Vorsitzenden gehorchend, vermeiden, jetzt schon die möglichen Ursachen eines solchen Rückfalls in verdoppeltes Elend zu untersuchen, da dies das Thema des dritten Punktes der Tagesordnung sein wird; auch glaube ich, daß, bevor wir an die Klarlegung aller denkbaren Konsequenzen eines Gelingens unserer Bestrebungen schreiten, sehr zweckentsprechend zunächst festgestellt werden sollte, ob diese denn auch wirklich und in vollem Umfange gelingen werden, zu welchem Behufe hinwieder die Klarlegung der Frage ersprießlich ist, warum dieselbe bisher niemals gelungen, ja vielleicht niemals versucht worden sind.
Christian Castor (Centrum). Der Vorredner irrt, wenn er behauptet, im geschichtlichen Verlaufe der letzten Jahrtausende sei es zu keinerlei ernsthaftem Versuche einer Verwirklichung des Prinzips der wirtschaftlichen Gerechtigkeit gekommen. Einer der großartigsten Versuche dieser Art ist das Christentum. Wer die Evangelien kennt, muß wissen, daß Christus und seine Apostel die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen verdammen; das Wort der Schrift: „Wehe dem, der sich mästet vom Schweiße seines Bruders“ enthält schon im Keime den ganzen Kodex des freiländischen Rechts und alles, was wir nunmehr ins Werk zu setzen bestrebt sind. Daß das offizielle Christentum späterhin seine sociale Befreiungsarbeit fallen ließ, ist allerdings richtig, aber einzelne Kirchenväter haben immer und immer wieder, gestützt auf die heiligen Texte, die ursprünglichen Absichten Christi zu verwirklichen gestrebt. Und daß es im ganzen Verlaufe des Mittelalters wie später in der Neuzeit an zum Teil sehr energischen Versuchen zur Verwirklichung des christlichen Ideals niemals gefehlt hat, ist gleichfalls bekannt. Das wollte ich zunächst hervorheben. Die Beleuchtung der Frage, warum alle diese Versuche Schiffbruch litten, überlasse ich anderen bewährteren Kräften.
Wladimir Ossip (Linke). Fern sei es von mir, den edlen Stifter des Christentums mit dem, was später aus seiner Lehre gemacht wurde, zu verwechseln; aber unser Freund aus der amerikanischen Union geht meines Erachtens doch zu weit, wenn er ihn und seine Nachfolger als unsere Vorgänger hinstellen will. Wir verkünden das Glück und die Freiheit, Christus predigte Entsagung und Demut; wir wollen den Reichtum, er die Armut Aller; wir beschäftigen uns mit den Dingen dieser Erde, er hat das Jenseits vor Augen; wir sind — um es kurz zu sagen — Revolutionäre, wenn auch friedliche, er ist ein Religionsstifter. Lassen wir die Religion; ich glaube, es kann zu nichts führen, sich in Fragen des Mein und Dein auf das Christentum zu berufen.
Lionel Acosta (Centrum). Ich bin diesfalls durchaus anderer Meinung als mein geehrter Herr Vorredner und schließe mich dem Kollegen aus Nordamerika an. Die Lehre Christi ist die reinste, edelste, wenn auch über Mittel und Ziele noch nicht klar bewußte Verkündigung der socialen Freiheit, die bisher gehört worden ist, und diese Verkündigung der socialen Befreiung, nicht religiöse Neuerungen, sind der Inhalt der „guten Botschaft“; Christus für einen Religionsstifter statt für einen socialen Reformator auszugeben, eine Lehre, die im Fluge die Herzen der unterdrückten Massen gewonnen, weil sie ihnen Abhülfe ihrer Leiden versprach, zu einem Einschläferungsmittel ihrer erwachenden Energie zu gebrauchen, war das Meisterstück der Verknechtungskunst. Christus hat sich mit Religion gar nicht beschäftigt, keine Zeile der Evangelien enthält auch nur eine Spur davon, daß er an den alten religiösen Satzungen seines Landes rüttelte; der frömmste, eifrigste Jude kann seinen Kindern unbedenklich die Evangelien zu lesen geben, sie werden nichts darin finden, was ihr religiöses Gefühl verletzt. (Eine Stimme: Warum wurde aber dann Christus ans Kreuz geschlagen?) Man fragt mich, warum Christus von den Juden gekreuzigt wurde, wenn er nichts gegen das mosaische Gesetz unternommen hatte. Ja mordet man denn bloß aus religiösen Gründen? Christus wurde zum Tode geschleift, weil er ein socialer, nicht weil er ein religiöser Neuerer war, und nicht die Frommen, sondern die Mächtigen unter den Juden haben seinen Tod gefordert. Darüber auch nur ein Wort zu verlieren ist in den Augen all jener durchaus überflüssig, welche die weltbewegenden Begebenheiten jener traurigsten und doch zugleich glorreichsten Tage Israels, in denen der edelste seiner Söhne den freiwillig gesuchten Märtyrertod fand, unbefangen betrachten. Zunächst ist es eine wohlbeglaubigte geschichtliche Thatsache, daß im Judäa der damaligen Zeit für religiöse Sektirerei ebenso wenig auf Tod erkannt wurde, wie etwa in Europa des letzten Jahrhunderts. Zum zweiten spricht die Art der Hinrichtung, das den Juden ganz unbekannte Kreuz, dafür, daß Christus nach römischem, nicht nach jüdischem Recht gerichtet wurde; die Römer, dieses in religiöser Beziehung toleranteste aller Völker, hätten aber erst recht wegen religiöser Neuerungen Niemand zum Tode gebracht; sie hätten die Hinrichtung keineswegs geduldet, geschweige denn selber das Urteil gesprochen und in ihrer Art vollzogen; das Kreuz war bei ihnen die Strafe aufrührerischer Sklaven oder ihrer Verführer.
Ich sage das nicht, um die Verantwortung für Christi Tod von Juda abzuwälzen; es ist jedes Volkes trauriges Privilegium, der Henker seiner Edelsten zu sein, und gleichwie Niemand anders als die Athener Sokrates tötete, so hat auch Niemand anders als die Juden Christus getötet; der Römer war nur das Werkzeug des jüdischen Hasses, doch wohlverstanden des Hasses der um ihre Besitztümer zitternden Reichen unter den damaligen Juden, die den „Verführer des Volkes“ dem Statthalter denunzierten. Ja, es ist auch durchaus glaubhaft, daß dieser letztere sich nicht bereitwillig zeigte, auf die Wünsche der geängstigten Denunzianten einzugehen, denn er, der Römer, der im niemals erschütterten Glauben an seine starre Eigentumsordnung Aufgewachsene, verstand die Bedeutung und Tragweite der socialen Lehre Christi gar nicht. Er hielt ihn — die Evangelien lassen darüber kaum einen Zweifel und es wäre im Grunde genommen anders auch schwer zu begreifen — für einen harmlosen Schwärmer, den man mit ein paar Rutenstreichen laufen lassen könnte. Generationen mußten vergehen, bis die römische Welt erkennen lernte, was die Lehre Christi eigentlich zu bedeuten habe — dann aber fiel sie auch mit einer Wut sonder gleichen über ihre Anhänger her, kreuzigte sie, warf sie den Bestien vor, kurz that alles, was Rom niemals gegen abweichende Religionen, stets aber gegen die Feinde seiner Rechts- und Eigentumsordnung that. Anders die jüdische Aristokratie; diese begriff Sinn und Tragweite der christlichen Propaganda sofort, denn im Pentateuch wie in den Lehren der früheren Propheten hatte sie längst schon die Keime dieser socialen Forderungen kennen gelernt. Das Jubeljahr, welches neuerliche Grundverteilung nach je 49 Jahren forderte, die Bestimmung, daß alle Knechte im siebenten Jahre freizulassen seien, was waren sie anderes, als die Vorläufer der von Christus verlangten allgemeinen Gleichheit. Ob all diese in den heiligen Schriften des alten Juda niedergelegten socialen Gedanken jemals zu praktischer Durchführung gelangt waren, ist mehr als zweifelhaft, aber bekannt und geläufig waren sie längst jedem Juden, und als Christus daher den Versuch machte, sie ins praktische Leben einzuführen, als er in gewaltigen, hinreißenden Reden Wehe über den Reichen rief, der sich vom Schweiße seines Bruders mäste, da erkannten die Mächtigen in Jerusalem sofort die ihren Interessen drohende Gefahr, welche ihren nicht jüdischen Standesgenossen erst viel später klar wurde. Es unterliegt auch nicht dem geringsten Zweifel, daß sie dem römischen Statthalter gegenüber aus der wahren Beschaffenheit ihrer Besorgnisse kein Hehl machten, denn nicht als Sektierer, als Aufwiegler wurde Christus hingerichtet.