Dem Volke aber konnte ebenso selbstverständlich nicht gesagt werden, daß man den Tod Christi fordere, weil er die in den heiligen Büchern niedergelegte und von den Propheten oft genug geforderte Gleichheit praktisch verwirklichen wolle; diesem mußte das Märlein von den religiösen Ketzereien des Nazareners aufgetischt werden, welches Märlein indessen — abgesehen von dem bei der Hinrichtung zusammengelaufenen urteilslosen Pöbel — lange Zeit nirgend Glauben fand. Als gut jüdisch galten die ersten Christengemeinden allenthalben in Israel, als „judaei“ werden sie uns von allen römischen Schriftstellern genannt, in denen ihrer Erwähnung geschieht. Was sie wirklich waren, wodurch allein sie sich von den anderen Judengemeinden unterschieden, darüber ist — trotz aller anfangs aus leicht begreiflichen Gründen beobachteten Vorsicht und trotz der später, aus ebenso begreiflichen Gründen geübten Fälschungen — in den Apostelgeschichten Genügendes auf uns gekommen. Socialisten, ja zum Teil Kommunisten waren sie; absolute wirtschaftliche Gleichheit, Gütergemeinschaft wurde in ihnen geübt. Später erst, als die christliche Kirche unter Preisgebung ihres socialen Inhalts Frieden mit der Staatsgewalt geschlossen, aus einer grausam verfolgten Märtyrerin der Gleichheit, sich in ein Werkzeug der Herrschaft und zwar vielleicht gerade wegen dieses Renegatentums, doppelt verfolgungssüchtiger Herrschaft, umgewandelt hatte, erst von da ab suchte sie selber die tückische Verleumdung ihrer einstigen Ankläger hervor, spielte sich selber als neue Religion aus — was sie seither in der That auch geworden ist. Und daß es ihr gelang, durch länger als anderthalb Jahrtausende diese ihre neue Rolle mit dem Namen Christi in Verbindung zu erhalten, ist zum weitaus überwiegenden Teile allerdings die Schuld des jüdischen Stammes, der durch die blutigen Verfolgungen, die unter Berufung auf den milden Dulder von Golgata gegen ihn verübt wurden, sich zu blindem, thörichtem Hasse gegen diesen seinen größten und edelsten Sohn verleiten ließ.
Aber deshalb bleibt es nicht minder wahr, daß Christus für die Idee der socialen Gerechtigkeit und nur für diese den Tod erlitten, ja daß diese Idee schon vor ihm dem Judentume nicht unbekannt war. Und ebenso wahr ist, daß trotz aller nachträglichen Verdunkelung und Fälschung dieser welterlösenden Idee, die Propaganda der wirtschaftlichen Befreiung niemals wieder völlig erstickt werden konnte. Vergebens untersagte die Kirche der Laienwelt die Lektüre jener Bücher, welche angeblich nichts anderes, als ihre, der Kirche, Lehren enthalten sollten; immer und immer wieder holten sich die in tiefster Erniedrigung schmachtenden europäischen Völker aus diesen verfehmten Schriften Mut und Begeisterung zu Versuchen der Befreiung.
Darja-Sing (Centrum). Ich möchte das soeben Gehörte dahin ergänzen, daß auch noch ein anderes Volk und zwar 600 Jahre vor Christus, die Idee der Freiheit und Gerechtigkeit aus sich gebar — es ist das indische. Der eigentliche Kern auch des Buddhismus ist die Lehre von der Gleichheit aller Menschen und von der Sündhaftigkeit der Unterdrückung und Ausbeutung. Ja, ich wage sogar die Vermutung zu äußern, daß die bereits erwähnten socialen Freiheitsgedanken des Pentateuch wie der Propheten und folglich mittelbar auch die Christi, auf indische Anregung zurückzuführen sind. Das scheint auf den ersten Blick ein arger Anachronismus zu sein, denn Buddha lebte wie gesagt 600 Jahre vor Christus, während die jüdische Legende die Abfassung der fünf Bücher in das 14. Jahrhundert v. Chr. verlegt. Allein es ist mir bekannt, daß neuere Forschungen mit nahezu absoluter Sicherheit festgestellt haben, daß diese angeblichen Bücher Mosis frühestens im sechsten Jahrhundert, und jedenfalls erst nach der Rückkehr aus der sogenannten babylonischen Gefangenschaft verfaßt wurden. Gerade zur Zeit aber, als die Elite des damaligen Juda nach Babylon verpflanzt war, sandte Buddha seine Apostel durch ganz Asien, und daß die „an den Wassern Babels Weinenden“ gegen solche Lehren damals besonders empfänglich gewesen sein mußten, liegt auf der Hand.
Wenn also einige germanische Schriftsteller die Behauptung aufstellten, das Christentum sei ein fremder Blutstropfen im Körper des arischen Volkstums, so haben sie insofern allerdings Recht, als ihnen das Christentum thatsächlich als Semitismus, nämlich dem Judentum entsprossen, zukam; nichtsdestoweniger kann die arische Welt den Grundgedanken des Christentums für sich reklamieren, da höchstwahrscheinlich sie es war, welche die ersten Keime hierzu dem Semitentume übergab. Ich sage das nicht, um das Verdienst des großen semitischen Freiheitsmärtyrers zu schmälern. Ich kann leider nicht leugnen, daß wir Arier mit dem unserem Schoße entsprossenen göttlichen Gedanken aus eigener Kraft nichts anzufangen verstanden. Gleichwie es wahrscheinlich ist, daß gerade die Scheußlichkeit des indischen Kastenwesens, jener schändlichsten Blüte, die jemals dem blut- und thränengedüngten Boden der Knechtschaft entsprossen, Ursache gewesen, daß in Indien zuerst die geistige Reaktion gegen diese Geißel der Menschheit sich zeigte, ebenso sicher ist es auf der anderen Seite, daß das nämliche Kastenwesen die Spannkraft unseres indischen Volkes allzusehr gebrochen, als daß dieses die empfangene Anregung selber hätte fruchtbringend verarbeiten können. Der Buddhismus erlosch in Indien und wurde außerhalb Indiens sehr bald seines socialen Inhalts gänzlich entkleidet. Jene transcendenten Spekulationen, auf welche man auch im Abendlande das Christentum zu beschränken versuchte, sie sind im Osten Asiens thatsächlich der einzige Effekt des Buddhismus gewesen. Ja schon im Geiste der Stifter gestaltet sich der Freiheitsgedanke anders bei dem, trotz aller Erhabenheit doch den Stempel seines Volkstumes tragenden „Avatar“ Indiens und anders bei dem Messias in Juda, der inmitten eines von nie gebändigtem Gleichheitsdrange durchglühten Volkes das Licht der Welt erblickte. Buddha konnte sich die Freiheit wirklich nur in Form jener hoffnungslosen Entsagung vorstellen, die dem christlichen Freiheitsgedanken bloß fälschlich von Jenen untergeschoben wurde, die durch fremde Ansprüche im eigenen Genusse nicht gestört zu werden wünschten.
Ja ich bin überzeugt, daß auch unsere kräftigeren, nach dem Westen ausgewanderten Verwandten den Freiheits- und Gleichheitsgedanken nicht hätten verwerten können, wenn wir — die indische Welt — ihnen denselben unverändert, wie wir ihn schufen, übergeben hätten. Denn auch ihnen steckte, als sie nach Europa kamen und noch ein Jahrtausend später, das Kastengefühl im Blute; daß alle Menschen gleich, wirklich schon hier auf Erden gleich seien, wäre dem germanischen Edeling sowohl, als dem germanischen Knechte ebenso unfaßbar geblieben, als es dem indischen Paria oder Sudra und dem Brahmanen oder Ksatrija unfaßbar geblieben ist. Dieser Gedanke mußte zuerst von dem streng demokratisch gesinnten kleinen semitischen Volksstamme an den Ufern des Jordan in feste, fürderhin nicht mehr zu verdunkelnde Formen gebracht und von der freien nüchternen Forschung Roms und Griechenlands in grelle — wenn auch vorläufig ablehnende — Untersuchung gezogen worden sein, ehe er, zu rein arischen Volksstämmen verpflanzt, Früchte zu tragen vermochte. Nahmen doch die bekehrten germanischen Könige das Christentum ganz ersichtlich nur an, weil sie es für ein passendes Werkzeug der Herrschaft hielten. Was die neue Lehre den Knechten etwa sagen mochte, war ihnen vorerst gleichgiltig, denn der Knecht, der in scheuer Ehrfurcht zu den „Abkömmlingen der Asen“, seinen Herren, emporsah, erschien für alle Ewigkeit ungefährlich; gegen wen es sich zu wappnen galt, das waren die Mitherren, die Großen und Edlen, die bisher nur der faktischen Macht, nicht dem Wesen nach, von den Königen verschieden waren. Das Herrenrecht kam — nach arischer Anschauung — von Gott, sehr wohl; aber das des kleinsten Edeln in der nämlichen Weise, wie das des Königs; sie alle stammten von den Göttern ab. In Christus nun fanden die Könige den einen obersten Herrn, der ihnen, ihnen allein, die Macht verliehen hatte; abermals besaßen sie eine göttliche Quelle des Herrenrechts, aber für sich allein und deshalb erzählt uns die Geschichte überall, daß die Könige gegen den — oft verzweifelten — Widerstand der Großen das Christentum einführten, nirgends, daß die Großen ohne, oder gar gegen den Willen der Könige sich bekehrt hätten. Die Volksmassen, die Knechte — wo werden diese jemals überhaupt gefragt? Sie haben zu thun und zu glauben, was die Herren für gut finden — und sie thun es ausnahmslos, ohne den geringsten Widerstand, lassen sich gleich den Schafen herdenweise zur Taufe ins Wasser treiben und glauben nunmehr auf Befehl, daß alle Macht von einem Gotte komme, der sie einem Herrn verliehen. Denn der arische Knecht ist eine willenlose Sache, die zu eigenem Denken erst erzogen werden muß. Dieses Erziehungswerk nun hat allerdings ziemlich lange gedauert, aber wie der Vorredner richtig bemerkte, geschlafen hat der Gedanke der Freiheit nicht.
Erich Holm (Rechte). Ich glaube, es läßt sich gegen den Nachweis, daß der Gedanke der wirtschaftlichen Gerechtigkeit in seiner Allgemeinheit schon Jahrtausende alt ist und niemals vollständig entschlief, nichts stichhaltiges sagen. Aber es fragt sich, ob denn dieser allgemeine Gleichberechtigungs- und Freiheitsgedanke mit jenem speciellen, an dessen Verwirklichung wir jetzt schreiten, viel des Gemeinsamen hat, nicht vielleicht in manchen Stücken das Gegenteil desselben besagt; und zum zweiten muß nun erst recht Bedenken erregen, daß dieser, wie wir gehört haben, 2½ Jahrtausende alte Gedanke bisher noch nie und nirgend verwirklicht werden konnte.
Ersteres anlangend muß ich zugeben, daß Christus — im Gegensatze zu Buddha — die Gleichheit nicht transcendent und metaphysisch, sondern sehr materiell und buchstäblich verstanden hat. Er pries zwar auch die Armen an Geist selig, aber unter den Reichen, die ihm zufolge schwerer ins Himmelreich eingehen sollen, als ein Schiffsseil aus Kamelhaaren durch ein Nadelöhr, verstand er ganz gewiß nicht die Reichen im Geiste, sondern die an irdischen Gütern Reichen. Auch ist es richtig, daß er sagte, „mein Reich ist nicht von dieser Welt“ und dem Kaiser geben hieß, was des Kaisers sei; allein, wer diese Stellen nicht aus dem Zusammenhange reißt, kann unmöglich übersehen, daß er damit lediglich jede Einmischung in die politischen Angelegenheiten ablehnt, nicht um politischer, sondern um transcendenter Zwecke, um der ewigen Seligkeit willen, der socialen Gerechtigkeit zum Siege verhelfen will. Ob Rom oder Israel herrscht, ist ihm gleichgiltig, wenn nur Gerechtigkeit geübt wird; doch daß er diese nicht erst im Jenseits, sondern schon hinieden geübt wissen will, kann nur fromme Beschränktheit leugnen. Aber ist das, was Christus unter Gerechtigkeit versteht, wirklich dasselbe, was wir darunter meinen? Zwar das von ihm gleich anderen jüdischen Lehrern verkündete „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ wäre eine sinnlose Phrase, wenn es nicht wirtschaftliche Gleichberechtigung zur Voraussetzung hätte. Den Menschen, den man ausbeutet, liebt man wie sein Haustier, nicht aber wie sich selbst; wahrhaft „christliche Nächstenliebe“ in einer ausbeuterischen Gesellschaft verlangen, wäre einfach albern, und was dabei herauskommen kann, haben wir bisher sattsam erfahren. Im übrigen nimmt uns ja der Apostel hierüber den letzten Rest von Zweifel, denn er verdammt ausdrücklich, sich vom Schweiße des Nächsten zu mästen, d. h. ihn auszubeuten. Insoweit also wären wir mit Christus vollkommen eines Strebens. Aber er verdammt ebenso ausdrücklich den Reichtum, preist die Armut, während wir den Reichtum zum Gemeingute Aller machen, also alle unsere Mitmenschen in einen Zustand versetzen wollen, in dem sie — um mit Christus zu reden — schwerer als ein Schiffstau durchs Nadelöhr, ins Himmelreich eingehen könnten. Hier ist ein Gegensatz, dessen Überbrückung mir schwer möglich erscheint. Wir halten das Elend, Christus den Reichtum für die Quelle des Lasters, der Sünde; unsere Gleichheit ist die des Reichtums, die seinige die der Armut; das bitte ich fürs erste festzuhalten.
Zum zweiten aber hat ja Christus — trotz des, wie man zugeben wird, viel bescheidenen Zieles, welches er sich steckte, dasselbe nicht erreicht. Ist sohin die Berufung auf diesen erhabensten aller Geister, statt uns in Verfolgung unserer Ziele zu stärken, nicht vielmehr geeignet, uns zu entmutigen?
Emilio Lerma (Freiland). Die Verbindung, in welche der Vorredner die von Christus gepriesene und geforderte Armut mit dem — angeblichen — Mißlingen seines Befreiungswerkes gebracht hat, ist eine verfehlte. Nicht trotzdem, sondern weil Christus die Gleichheit auf Grundlage der Armut herstellen wollte, ist dies fürs erste mißlungen. Die Gleichheit der Armut läßt sich nicht herstellen, denn sie wäre gleichbedeutend mit Stillstand der Kultur; wohl aber ist es nicht bloß möglich, sondern notwendig, die Gleichheit des Reichtums ins Werk zu setzen — sowie die Voraussetzungen dafür vorhanden sind — weil dies mit Fortschritt der Kultur gleichbedeutend ist. Allerdings — so werden Sie sagen — so verhält es sich nach unserer Auffassung; nach derjenigen Christi aber ist der Reichtum ein Übel. Sehr wahr. Nur kann uns bei unbefangenem Eingehen in die Sache unmöglich entgehen, daß Christus den Reichtum nur verwarf, weil er seine Quelle in der Ausbeutung hatte. Nichts im ganzen Laufe des Lebens Jesu deutet darauf hin, daß er jener finstere Ascet gewesen, der er hätte sein müssen, wenn er den Reichtum als solchen für sündhaft gehalten hätte; zahllose Stellen der Evangelien legen unzweideutiges Zeugnis für das Gegenteil ab. Christi Bedürfnisse waren allerdings einfach; aber er genoß stets mit Behagen, was ihm etwaiger Reichtum seiner Anhänger bot und sah nirgends ein Übles darin, vom Leben soviel anzunehmen, als sich mit der Gerechtigkeit verträgt. Auch der Haß, mit welchem ihn die Reichen Jerusalems verfolgen, änderte diese seine Anschauung nicht, wie denn überhaupt das oft citierte Verdammungsurteil gegen die Reichen etwas geradezu verletzendes, dem Geiste der Evangelien zuwiderlaufendes hat, wenn wir es außer Zusammenhang halten mit dem „Wehe, wer sich mästet vom Schweiße seines Bruders“. Im Reichtum verdammt Christus bloß dessen Quelle; nur weil Reichtum anders, als durch Ausnützung des Schweißes der Brüder nicht erworben werden konnte, deshalb und nur deshalb allein war ihm das Himmelreich verschlossen. Kein Zweifel, daß Christus gleich uns sich mit dem Reichtume versöhnt hätte, wäre damals wie zu unserer Zeit Reichtum auch ohne Ausbeutung, ja ohne diese erst recht möglich gewesen. Aus welchen Gründen dies zu Christi Zeiten und noch viele Jahrhunderte nachher unmöglich war, darüber werden wir uns noch ausführlich zu verbreiten haben; vorläufig sei bloß konstatiert, daß es unmöglich war, daß die Wahl bloß zwischen Armut oder Reichtum durch Ausbeutung stand.
Diese Alternative schärfer als je zuvor ein Anderer erkannt und sich mit hinreißender Glut gegen die Ausbeutung gewendet zu haben, ist eben die unsterbliche That Christi. Er mußte dafür am Kreuze sterben, denn im Gegensatze von Gerechtigkeit und Kulturnotwendigkeit wird stets die erstere unterliegen; er mußte sterben, weil er nahezu zwei Jahrtausende zu früh das Banner wahrer Menschenliebe, Freiheit und Gleichheit, kurz aller edelsten Gefühle des menschlichen Herzens entrollte — zu früh, wohlverstanden für ihn, nicht für uns, denn die träge Menschheit bedurfte dieser zwei Jahrtausende, um voll zu begreifen, was ihr Märtyrer gemeint, für sie starb er keinen Tag zu früh. Es gibt also keinen Gegensatz der christlichen Ideen mit unseren Bestrebungen; der Unterschied beider liegt bloß darin, daß jene, die erste Verkündigung des Gedankens der Gleichheit, in eine Zeit fallen, wo die materiellen Voraussetzungen der Verwirklichung dieser göttlichen Idee noch nicht vorhanden waren, während diese die „Fleischwerdung des Wortes“ zu bedeuten haben, die Frucht des damals in den Geist der Menschheit niedergelegten Samenkorns. Auch von einem wirklichen „Mißlingen“ des christlichen Befreiungswerkes kann daher eigentlich nicht die Rede sein: es liegen bloß zwei Jahrtausende zwischen dem Beginn und dem Abschluß des von Christus unternommenen Werkes.