Hiermit schloß der vorgerückten Stunde halber der Präsident die Sitzung, die Erledigung der auf der Tagesordnung stehenden Frage auf den morgigen Tag verschiebend.

24. Kapitel.

Zweiter Verhandlungstag.
(Fortsetzung der Verhandlungen über Punkt 1 der Tagesordnung.)

Das Wort erhält Leopold Stockau (Centrum): Ich glaube, daß die Vorfrage des ersten Punktes der Tagesordnung, nämlich ob unsere gegenwärtigen Bemühungen im Interesse der wirtschaftlichen Gerechtigkeit wirklich ohne jedes wie immer geartete weltgeschichtliche Präcedens dastehen, am gestrigen Tage erschöpfend, und zwar im verneinenden Sinne erledigt worden ist. Zum mindesten bin ich von den gestrigen Wortführern der Gegenpartei ermächtigt, zu erklären, daß sie vollkommen davon überzeugt worden seien, die Lehre Christi unterscheide sich in keinem wesentlichen Punkte von dem, was in Freiland verwirklicht ist und was wir nunmehr zum Gemeingute des ganzen Erdkreises machen wollen. Wir kommen jetzt zum Hauptgegenstande des ersten Fragepunktes, zu der Erörterung nämlich, warum diese früheren Versuche, Gerechtigkeit und Freiheit zur Grundlage der menschlichen Wirtschaft zu machen, erfolglos bleiben mußten.

Die Antwort auf diese Frage ist durch den letzten Redner des gestrigen Tages schon angedeutet worden. Die früheren Versuche mißlangen, weil sie die Gleichheit der Armut etablieren wollten, der unsere wird gelingen, weil er die Gleichheit des Reichtums bedeutet. Gleichheit der Armut wäre Stillstand der Kultur gewesen. Kunst und Wissenschaft, diese beiden Triebfedern des Fortschritts, haben Überfluß und Muße zur Voraussetzung; sie können nicht bestehen, geschweige denn sich entwickeln, wenn es Niemand giebt, der mehr besäße, als zur Stillung der tierischen Notdurft hinreicht. In früheren Epochen menschlicher Kultur war es jedoch unmöglich, Überfluß und Muße für Alle zu schaffen; es war unmöglich, weil die Hilfsmittel der Produktion nicht hinreichten, Überfluß für Alle zu erzeugen, selbst wenn Alle unausgesetzt unter Einsatz ihrer gesamten physischen Kraft gearbeitet, geschweige denn, wenn sie sich zugleich jene Muße gegönnt hätten, die zur Entfaltung der höheren geistigen Kräfte ebenso notwendig ist, wie der Überfluß zur Zeitigung der höheren geistigen Bedürfnisse. Und da es nicht möglich war, Allen ein vollkommen menschenwürdiges Dasein zu gewähren, so blieb es eine traurige zwar, aber darum nicht minder unerschütterliche Kulturnotwendigkeit, die Mehrzahl der Menschen auch in dem Wenigen, das ihr Teil gewesen wäre, zu verkürzen und mit dem, den Massen entzogenen Beutestücken eine Minderzahl auszustatten, die solcherart zu Überfluß und Muße gelangen konnte. Die Knechtschaft war eine Kulturnotwendigkeit, weil sie allein zum mindesten in einzelnen Menschen Kulturbedürfnisse und Kulturfähigkeiten zur Entfaltung zu bringen vermochte, während ohne sie Barbarei das Los Aller gewesen wäre.

Falsch ist übrigens die Meinung, als ob die Knechtschaft so alt wäre, als das Menschengeschlecht; sie ist nur so alt, als die menschliche Kultur. Es gab einst eine Zeit, in der sie unbekannt war, in der es keine Herren und Knechte gab und niemand die Arbeit seiner Nebenmenschen auszubeuten vermochte; nur war das nicht das goldene, sondern das barbarische Zeitalter unserer Rasse. So lange der Mensch die Kunst noch nicht erlernt hatte, seine Bedürfnisse zu erzeugen, sondern sich damit begnügen mußte, die freiwilligen Gaben der Natur zu sammeln, zu erjagen; so lange daher jeder Mitkonkurrent als Feind angesehen wurde, der nach demselben Gute trachtete, welches jeder Einzelne als die ihm bestimmte Beute ansah; so lange richtete sich der Daseinskampf unter den Menschen notwendigerweise auf gegenseitige Vernichtung, statt auf Unterjochung und Ausbeutung. Es nützt dem Stärkeren, Schlaueren noch nichts, die Schwächeren zu unterjochen; der Konkurrent im Daseinskampfe muß getötet werden, und da der Kampf von Haß und Aberglauben begleitet ist, so gelangt man bald dahin, den Getöteten auch zu fressen. Ausrottungskrieg Aller gegen Alle, gefolgt in der Regel von Kannibalismus, war daher der Urzustand unseres Geschlechts.

Überwunden aber wurde diese erste sociale Ordnung nicht durch moralische oder philosophische Erwägungen, sondern durch einen Wandel im Wesen der Arbeit. Der Mann, welcher zuerst auf den Gedanken geriet, ein Samenkorn in die Erde zu legen, es zu pflegen und Früchte heranzuziehen, war der Erlöser der Menschheit aus der niedrigsten, blutigsten Stufe der Barbarei, denn er schuf die erste Produktion, die Kunst, Nahrungsmittel nicht bloß zu sammeln, sondern zu erzeugen; und als diese Kunst sich in dem Maße verbessert hatte, daß es möglich wurde, dem Arbeitenden einen Teil seines Ertrages zu entziehen, ohne ihn geradezu dem Hungertode zu überantworten, zeigte es sich allgemach, daß es nützlicher sei, den Besiegten als Arbeitstier und nicht wie bisher, als Schlachttier zu gebrauchen. Und da dem so war, da die Sklaverei zum erstenmal die Möglichkeit bot, Überfluß und Muße zum mindesten für eine bevorzugte Minderheit zu schaffen, so war sie die erste Anregerin höherer Kultur. Kultur aber ist Macht und so kam es denn, daß Sklaverei oder Knechtschaft in irgend welcher Form allgemach den Erdball eroberten.

Daraus folgt aber mit nichten, daß die Dauer ihrer Herrschaft eine ewige sein muß oder auch nur sein kann. Gleichwie Menschenfresserei das Ergebnis jenes geringsten Ausmaßes der Ergiebigkeit menschlicher Arbeit gewesen, bei welchem die angestrengteste Thätigkeit eben nur zur Fristung des nackten tierischen Lebens ausreichte, und der Knechtschaft weichen mußte, sowie die erste Möglichkeit des Überflusses infolge wachsender Arbeitsergiebigkeit sich zeigte, so ist auch diese nichts anderes, als das sociale Ergebnis jenes mittleren Ausmaßes von Ergiebigkeit, bei welchem die Arbeit zwar genügt, um Einzelnen, nicht aber, um Allen Überfluß und Muße zugleich zu gewähren, und auch sie muß einer anderen, höheren socialen Ordnung weichen, sowie dieses mittlere Maß der Ergiebigkeit überschritten ist, denn von da ab ist sie aus einer Kulturnotwendigkeit ein Kulturhindernis geworden.

Das ist seit Generationen thatsächlich geschehen. Seitdem es dem Menschen gelungen ist, die Naturkräfte seiner Produktion dienstbar zu machen, seitdem er die Fähigkeit erlangt hat, an Stelle der Kraft seiner Muskeln die unbegrenzten Elementarkräfte eintreten zu lassen, hindert ihn nichts, Überfluß und Muße für Alle zu erzeugen — nichts als jene überlebte sociale Einrichtung, die Knechtschaft nämlich, welche den Massen den Genuß dieser Güter vorenthält. Wir können nicht bloß, wir müssen die soziale Gerechtigkeit verwirklichen, weil die neue Form der Arbeit dies ebenso gebieterisch fordert, als die alten Formen der Arbeit gebieterisch die Knechtschaft gefordert haben. Diese, einst das Werkzeug des Kulturfortschrittes, ist zu einem Hindernisse der Kultur geworden, denn sie vereitelt den vollen Gebrauch der uns zu Gebote stehenden Kulturmittel. Dadurch, daß sie die Genüsse der großen Majorität unserer Brüder auf ein äußerst geringes Maß reduziert, auf ein Maß, zu dessen Erfüllung der Gebrauch der modernen Produktionsbehelfe keineswegs erforderlich ist, zwingt sie uns, in unserer Arbeit weit hinter jenem Umfange und hinter jener Vollkommenheit zurückzubleiben, die wir sofort erreichen würden, sowie nur einmal Verwendung für die dann unvermeidliche Fülle aller Reichtümer vorhanden wäre.

Ich resumiere also: die wirtschaftliche Gleichberechtigung konnte in früheren Kulturepochen aus dem Grunde nicht verwirklicht werden, weil menschliche Arbeit in jenen Epochen nicht hinreichend ergiebig war, um Reichtum für Alle zu ermöglichen, die Gleichheit also Armut für Alle bedeutet, diese aber gleichbedeutend mit Barbarei gewesen wäre; sie kann nicht nur, sie muß jetzt zur Wahrheit werden, weil Dank der erlangten Kulturmittel unerschöpflicher Reichtum für alle produzierbar wäre, die thatsächliche Produktion dieses dem Kulturfortschritte entsprechenden Reichtums aber zudem an die Bedingung geknüpft ist, daß jedermann genieße, was das Ergebnis seines Fleißes ist.