Sie wissen also, daß jener unerschöpfliche Überfluß, der im Gegensatze zum Elend der menschlichen Gesellschaft allenthalben in der Natur herrscht und den dieses Gegensatzes halber die Denker und Dichter aller Zeiten besprochen und besungen haben, kein Werk des Zufalls, sondern der Notwendigkeit ist und es erübrigt nur mehr die Ergründung jenes Naturprozesses, jenes causalen Zusammenhanges, kraft dessen sich diese Notwendigkeit vollzieht. In diesem Punkte war man zur Zeit, als Malthus schrieb, allerdings auf allgemeine Redensarten angewiesen. Das Dunkel, welches die Entwickelungsgeschichte der organischen Welt verhüllt, war damals noch nicht erhellt; man mußte sich also damit begnügen, alle Vorgänge im Tier- und Pflanzenreiche aus dem Walten der Vorsehung oder der sogenannten Lebenskraft zu erklären — was natürlich auch damals niemand hinderte, die Thatsache sowohl, als die Notwendigkeit dieses einstweilen unerklärlichen Naturvorganges zu sehen und zu begreifen. Sie aber — im Jahrhundert nach Darwin lebend — können auch über diesen letzten Punkt keinen Augenblick im Zweifel sein. Sie wissen, daß es der Kampf ums Dasein ist, in welchem sich die lebenden Wesen zu dem entwickeln, was sie sind, daß Eigenschaften, die sich als nützlich und notwendig zum Gedeihen einer Art erweisen, durch diesen Kampf hervorgelockt, ausgebildet und festgehalten, Eigenschaften dagegen, die sich als schädlich für das Gedeihen der Art erweisen, unterdrückt und beseitigt werden. Da nun die Eigenschaft, sich niemals bis an die Grenzen des Nahrungsspielraums zu vermehren, zum Gedeihen, ja zur Existenz jeglicher Art nicht bloß nützlich, sondern durchaus notwendig ist, so muß eben auch sie durch den Daseinskampf hervorgerufen, ausgebildet und als bleibender Artcharakter festgehalten worden sein.

Das alles haben Sie gewußt, meine Freunde, bevor ich es Ihnen sagte; nur war Ihnen dieses Ihr Wissen bloß in jenen Fällen auch bewußt, zum Gebrauche beim Denkprozesse gegenwärtig, wo es sich um rein botanische oder zoologische Fragen handelte; sowie in Ihrem Denkapparate die Saite der socialen oder ökonomischen Probleme berührt wurde, senkte sich augenblicklich ein dichter, undurchdringlicher Schleier über diese soeben noch so klaren Erkenntnisse; die Welt stellte sich Ihnen jetzt nicht mehr so dar, wie sie ist, sondern wie sie sich durch besagten Schleier — seine Fäden heißen anerzogene Vorurteile und Wahnvorstellungen — ansieht, und Ihr Urteilsvermögen funktionierte nun nicht mehr nach jenen allgemeinen Gesetzen, die sonst unter dem Namen ‚Logik‘ sich Ihrer Achtung erfreuen, sondern machte ganz eigenartige Kapriolen, die — läge besagter Schleier nicht auf Ihren Sinnen — unmöglich ohne Wirkung auf Ihre Lachmuskeln bleiben könnten. Ja, so gründlich haben Sie sich daran gewöhnt, die Bilder, die Ihnen dieser Schleier zeigt, für die wirkliche Welt zu halten, daß Sie sich von denselben nicht zu befreien vermögen, auch nachdem Sie sich dazu aufgerafft, den Schleier selber zu zerreißen.

Die Wahnvorstellungen und Trugschlüsse der Malthus’schen Theorie sind doch eigentlich nur dadurch entstanden, daß ihr Autor nach Gründen für das Elend der Menschheit suchte, den wahren Grund aber nicht zu entdecken vermochte. Warum hungert der irische Bauer und der ägyptische Fellache, so fragte er sich; und da er — gehindert durch den bewußten Schleier — nicht zu sehen vermochte, daß sie hungerten, weil ihnen der Ertrag ihrer Arbeit weggenommen wird, ja weil man ihnen gar nicht gestattet, zu arbeiten, dabei aber bemerkte, daß die Massen überall und allezeit hungerten, örtlich und zeitlich etwas minder empfindlich als zu anderen Zeiten und Orten, aber schließlich doch hungerten, hungerten, hungerten, trotz aller Plage und allen Fleißes, soweit menschliche Erinnerung zurückreicht — so geriet er endlich auf den Ausweg, diesen allgemeinen Hunger für die Folge eines Naturgesetzes zu halten. Jetzt wußte er es; der Fellache hungert und der irische Bauer hungert und die Völker aller Weltteile und aller Zeiten hungern, weil sie zu zahlreich sind, und sie sind zu zahlreich, weil nur der Hunger sie hindert, noch zahlreicher zu werden. Daß die vom Rätsel des Elends gepeinigte Welt das glaubte, ist schließlich zu begreifen, denn einen Grund muß das Elend doch haben und Mangels der richtigen haben noch allezeit falsche Erklärungsgründe herhalten müssen; Sie aber, meine Freunde, die Sie die Ursache des Elends in der Ausbeutung und Knechtschaft erkannt haben, Sie glauben merkwürdiger Weise noch immer an jenes seltsame Naturgesetz, welches doch Malthus nur ersann, um obigen Notbehelf aus ihm zu konstruieren; das macht: Sie haben den Schleier zwar zerrissen, durchlöchert, aber seine Fetzen umhüllen Ihnen noch immer Haupt und Sinne. Warum der Fellache und der irische Bauer heute hungert, das zu sehen, dazu haben Sie sich aufgerafft; aber für unsere Nachkommen zittern Sie noch immer vor Übervölkerung, den Hering sehen Sie noch immer von Nahrungssorgen verfolgt, und der Elefant durchstreift für Sie immer noch mit knurrendem Magen die kahlgefressenen Waldungen Hindostans oder Afrikas — sowie Sie von Hering und Elefant weiter hinaus denken an diese unsere armen, der Übervölkerung verfallenen Nachkommen.“

Jubelnder Applaus, untermengt mit Ausbrüchen lauter Heiterkeit durchbrauste den Saal, nachdem Dr. Strahl geschlossen. Auf seinem Wege von der Rednerbühne zum Präsidentensitze erwarteten ihn neben den Freunden, die herbeigeeilt waren, ihm die Hand zu drücken, auch die Wortführer der Opposition, die freudig und rückhaltlos den vollkommenen Sieg anerkannten.

(Schluß des vierten Verhandlungstages.)

27. Kapitel.

Fünfter Verhandlungstag.

Zur Diskussion gelangt der vierte und letzte Punkt der Tagesordnung:

Ist es möglich, die Institutionen der wirtschaftlichen Gerechtigkeit überall unter Schonung der erworbenen Rechte und überkommenen Interessen zur Durchführung zu bringen; und wenn dies möglich ist, welches sind die geeigneten Mittel hierzu?

Der Vorsitzende. Ich glaube dem Wunsche der Versammlung zu entsprechen, wenn ich den heute Morgen in Edenthal eingetroffenen Spezialgesandten des amerikanischen Kongresses, William Stuart, bitte, sich seines Auftrages zu entledigen und uns Bericht zu erstatten über jene Vorschläge, welche das mit Ausarbeitung der Übergangsbestimmungen in das Regime der wirtschaftlichen Gleichberechtigung betraute Komitee dem Kongresse seines Landes unterbreitet hat.