Die Arbeitszeit ist auf 36 Stunden wöchentlich fixiert. Außerdem ist ein zweistündiger täglicher Unterricht für Erwachsene eingerichtet, welchen Unterricht gegenwärtig 65000 Wanderlehrer, deren Zahl jedoch stetig vermehrt wird, zu besorgen haben. Desgleichen sind bisher 120000 Volksbibliotheken errichtet, zu deren Versorgung mit den notwendigsten Büchern eine Anzahl großer Druckereien in Rußland selber gegründet, außerdem aber die bedeutenderen Druckereien des Auslandes beschäftigt sind; die freiländischen Druckereien allein haben bisher 28 Millionen Bände geliefert. Da auch der Jugendunterricht mit aller erdenklichen Energie gefördert wird — 780 Lehrerseminare sind teils gegründet, teils in Gründung begriffen, vom slawischen Auslande, insbesondere aus Böhmen, sind massenhaft Lehrkräfte herangezogen worden, und dergleichen mehr — so hoffen wir den Bildungsgrad der Massen sich binnen wenigen Jahren so weit heben zu sehen, daß mit den Resten des Kommunismus wird aufgeräumt werden können.
Inzwischen wird die provisorisch geübte Bevormundung den sich derselben freiwillig unterwerfenden Massen gegenüber auch zur Hebung und Veredlung ihrer Gewohnheiten und Bedürfnisse ausgenutzt. Geistige Getränke, insbesondere Branntwein, werden nur in begrenzten Dosen ausgeschenkt, die elenden Lehmhütten und Arbeiterhöhlen werden successive niedergerissen und durch nette, mit kleinen Gärten versehene Familienhäuser ersetzt; monatlich mindestens einmal werden Volksfeste veranstaltet, bei denen leichte zwar, aber gute Musik, Theatervorstellungen und populäre Vorträge den ästhetischen, eine rationelle feinere Küche den materiellen Geschmack der Teilnehmer zu heben bestimmt sind. Besondere Sorgfalt wird der Erziehung der Frauen gewidmet. Nahe an 80000 Wanderlehrerinnen durchziehen heute schon das Land, unterrichten die — von jeder groben Arbeit befreiten — Weiber in den Elementen der Wissenschaft sowohl, als civilisierterer Haushaltungskunst, suchen ihr Selbstgefühl und ihren Geschmack zu heben, sie über ihre neuen Rechte und Pflichten aufzuklären und insbesondere der bis dahin herrschend gewesenen häuslichen Brutalität zu steuern. Da diese Apostel höherer Weiblichkeit — wie überhaupt alle Lehrkräfte — die volle Autorität der Behörden hinter sich haben und sich ihrem Berufe mit hingebender Begeisterung widmen, so lassen sich derzeit schon nicht unerhebliche Erfolge ihres Wirkens feststellen. Die Weiber der arbeitenden Klassen, bis dahin schmutzige, mißhandelte, störrige Lasttiere, beginnen allgemach für ihre Würde als Menschen sowohl wie als Frauen Verständnis zu zeigen. Sie lassen sich von ihren Männern nicht mehr prügeln, halten diese, sich selber, die Kinder und ihr Haus reinlich und wetteifern untereinander in Erwerbung von allerlei nützlichen Kenntnissen. Ein ganz unglaublicher Fortschritt, ja eine Revolution hat — Dank dem sofort eingeführten Versorgungsanspruche der Frauen — in den Sittlichkeitsverhältnissen stattgefunden. Während früher, insbesondere unter dem städtischen Proletariate, geschlechtliche Zügellosigkeit und Käuflichkeit allgemein verbreitet waren, sind jetzt geschlechtliche Fehltritte eine unerhörte Seltenheit geworden. Dabei ist es insbesondere interessant, den Unterschied zu beobachten, welchen die Meinung des Volkes zwischen derlei Sünden aus früherer Zeit und zwischen denen der Gegenwart macht. Während über jene ganz allgemein der Mantel der Vergessenheit gebreitet wird, kennt die öffentliche Meinung für diese keine Nachsicht. „Die sich früher verkaufte, war eine Unglückliche, die es jetzt thäte, wäre eine Verworfene,“ so spricht und handelt in diesem Punkte das Volk. Die öffentliche Dirne von ehemals trägt die Stirne hoch und frei, sofern sie jetzt nur tadellos ist, und sieht mit stolzer Verachtung herab auf das Mädchen oder die Frau, die sich nunmehr, „seitdem wir Weiber uns nicht mehr verkaufen müssen, um Brot zu haben,“ auch nur das Geringste zu Schulden kommen läßt.“
Es wird nunmehr in die Debatte über Punkt 4 der Tagesordnung eingegangen.
Ibrahim el Melek (Rechte). Die überaus lehrreichen Berichte aus Amerika und Rußland liefern den drastischen Beweis dafür, daß der Übergang zu dem Systeme der wirtschaftlichen Gerechtigkeit sich nicht bloß im allgemeinen desto leichter, sondern insbesondere auch unter desto annehmlicheren Formen für die besitzenden Klassen vollziehe, je entwickelter und vorgeschrittener zuvor die arbeitenden Klassen gewesen. Unter diesem Gesichtspunkte darf es also nicht Wunder nehmen, daß auch wir in Ägypten den Systemwechsel voraussichtlich nicht ohne schwere Erschütterungen werden durchmachen können. Die Nähe Freilands und das rasche Eintreffen seiner von den aus Rand und Band geratenen Fellachim mit nahezu göttlichen Ehren empfangenen Kommissäre hat uns zwar vor ähnlichen Greuelscenen bewahrt, wie sie Rußland Wochen hindurch zerfleischten; es sind keinerlei Mordthaten und nur geringe Zerstörungen von Eigentum vorgekommen; aber die von den freiländischen Kommissären einberufene ägyptische Nationalversammlung zeigt sich noch weit abgeneigter als ihre russische Kollegin, die Entschädigungsansprüche der früheren Besitzer anzuerkennen. Ich sehe darin eine Fügung des Schicksals, gegen die sich nichts machen läßt und die man daher mit Resignation hinnehmen muß. Von Verschulden aber möchte ich die so schwer Betroffenen freisprechen. Ohne daß es ausdrücklich gesagt worden ist, habe ich doch das deutliche Empfinden, daß die große Majorität dieser Versammlung von dem Gedanken ausgeht, die ehemals herrschend gewesenen Klassen erführen nunmehr überall das Los, welches sie sich selber bereiteten; dem gegenüber möchte ich fragen, ob denn etwa die amerikanischen, australischen und west-europäischen Grundherren, Kapitalisten und Arbeitgeber früher die Vorteile ihrer Stellung minder schonungslos ausbeuteten, als die russischen oder ägyptischen? Daß sie ihren arbeitenden Klassen nicht so übel mitzuspielen vermochten, als die letzteren, hat in der größeren Energie des Volkscharakters, in der größeren Widerstandskraft der Massen, nicht aber in ihrer, der Herrschenden, Gutmütigkeit seinen Grund. Ich vermag also keine Gerechtigkeit darin zu sehen, wenn der russische Edelmann oder der ägyptische Bey sein Vermögen verliert, während der amerikanische Spekulant, der französische Kapitalist oder der englische Lord aus dem Umschwunge vielleicht sogar mit Gewinn hervorgeht.
Lionel Spencer (Centrum). Der Herr Vorredner dürfte mit seiner Vermutung, daß auch die besitzenden Klassen Englands gleich denen Amerikas ohne Verlust aus der im Zuge befindlichen Revolution hervorgehen werden, voraussichtlich Recht behalten; daß den Besitzenden nichts genommen werden dürfe, was ihnen nicht zum vollen Werte bezahlt wird, kann bei uns in England so gut als z. B. in Frankreich und noch in einigen anderen demokratisch verwaltet gewesenen Ländern nicht dem geringsten Zweifel unterliegen. Ein Spiel des blinden Fatums aber vermag ich darin nicht zu erblicken. Bemerken Sie, daß die Opfer der socialen Revolution überall im umgekehrten Verhältnisse des bis dahin üblich gewesenen Arbeitslohnes stehen, dessen Höhe in erster Reihe bestimmend ist für das Durchschnittsniveau der geistigen Bildung des Volkes. Wo die Massen in tierischem Elend schmachteten, dort darf man sich nicht wundern, daß sie, als ihre Ketten brachen, sich auch mit tierischer Wut auf ihre Zwingherrn stürzten. Die Höhe des Arbeitslohnes hinwieder ist überall abhängig von dem Ausmaße politischer und socialer Freiheit, welches die Besitzenden den Massen gönnen. Mag immerhin der russische Edelmann oder der ägyptische Bey persönlich sogar gutmütiger sein, als der amerikanische Spekulant oder der englische Landlord; der essentielle Unterschied liegt darin, daß das Schicksal der Massen in Amerika und England vom persönlichen Belieben der Reichen unabhängiger war als in Rußland und Ägypten. Die Besitzenden waren dort — wenn auch vielleicht im Privatverkehr noch härter — politisch klüger, maßvoller, als hier und die Früchte dieser politischen Klugheit nun sind es, die sie ernten. Mag auch sein, daß sie selbst zu dieser Klugheit sich bloß gezwungen bekannt hatten — sie thaten es eben und nur die Thaten, nicht die Gesinnungen richtet die Geschichte. Die herrschend gewesenen Klassen der zurückgebliebenen Länder büßen jetzt für das Übermaß ihres Herrenbewußtseins; sie zahlen gleichsam nachträglich jene Differenzen des Arbeitslohnes, welche sie früher noch an dem, ohnehin kärglich genug bemessenen, allgemeinen Durchschnitt der ausbeuterischen Ordnung abgezwackt hatten.
Tei-Fu (Rechte). Der Herr Vorredner übersieht, daß die Bestimmung des Arbeitslohnes nicht vom Belieben der Arbeitgeber, sondern von Angebot und Nachfrage abhängt. Daß Hungerlöhne zum Tiere herabdrücken, ist ja leider richtig und die Blutbäder, mit denen die zur Verzweiflung getriebenen Massen auch meines Vaterlandes allenthalben das Befreiungswerk einleiteten, sind gleich den Ereignissen in Rußland beredte Beweise dieser Wahrheit; aber wie hätte alle politische Klugheit der Herrschenden dem vorbeugen können? Der Arbeitsmarkt in China war eben überfüllt, das Händeangebot zu groß; keine Macht der Erde konnte den Lohn erhöhen.
Alexander Ming-Li (Freiland). Mein Bruder Tei-Fu glaubt, daß der Arbeitslohn von Angebot und Nachfrage abhänge; es ist das kein in unserem gemeinsamen Geburtslande erdachtes Axiom, sondern ein der Nationalökonomie des Westens entlehnter Satz, der aber deshalb in gewissem Sinne nicht minder richtig ist. Er gilt schließlich von jeder Ware, also auch von menschlicher Arbeitskraft, so lange sie als Ware feilgeboten werden muß. Aber daneben hängt der Preis auch noch von zwei anderen Dingen ab, nämlich von den Produktionskosten und vom Nutzwerte der Ware, ja diese beiden letztgenannten Faktoren sind es, die auf die Dauer den Preis regulieren, während die Schwankungen von Angebot und Nachfrage auch bloß Schwankungen innerhalb der von Produktionskosten und Nutzwert gezogenen Grenzen herbeizuführen vermögen. Man muß auf die Dauer für jedes Ding so viel bezahlen, als seine Herstellung kostet und man kann auf die Dauer nicht mehr für dasselbe erhalten, als sein Gebrauch wert ist. Das ist alles auch längst bekannt, nur hat man es sonderbarer Weise niemals vollständig auf die Frage des Arbeitslohnes angewendet. Was kostet die Herstellung der Arbeitskraft? Nun offenbar so viel, als der Arbeiter an Mitteln des Unterhalts braucht, um bei Kräften zu bleiben. Und was ist der Nutzwert der menschlichen Arbeit? Nun ebenso offenbar der Wert des durch sie zu erzielenden Produkts. Was heißt das also in seiner Anwendung auf den Arbeitsmarkt? Wie mir scheint, nichts anderes, als daß die Höhe des Arbeitslohnes — unbeschadet der Fluktuationen durch Angebot und Nachfrage — auf die Dauer bestimmt wird durch die Lebensgewohnheiten der Arbeiter einerseits und durch die Produktivität ihrer Arbeit anderseits. Ersteres Moment ist bestimmend für die Forderungen der Arbeiter, letzteres für die Zugeständnisse der Arbeitgeber.
Nun aber bitte ich meinen geehrten Landsmann wohl Acht zu geben. Die Lebensgewohnheiten der Massen sind nichts unabänderlich gegebenes; jedes menschliche Wesen hat das natürliche Bestreben, möglichst gut zu leben, und wenn auch zugegeben werden muß, daß Sitte und Gewohnheit häufig dieser natürlichen Expansionstendenz der Bedürfnisse einige Zeit hindurch hemmend entgegentreten können, so darf ich doch mit gutem Gewissen behaupten, daß unsere unglücklichen Brüder im blumigen Lande der Mitte nicht aus unüberwindlicher Abneigung gegen ausreichende Kost und Kleidung hungerten und halbnackt umherliefen, sondern sehr gern bereit gewesen wären, sich höhere Gewohnheiten anzueignen, wenn nur die vorsorgliche Weisheit aller chinesischen Regierungen dem nicht jederzeit dadurch entgegengetreten wäre, daß sie alle Versuche der Arbeiter, sich behufs wirksamer Geltendmachung ihrer Forderungen zu verabreden und zu vereinigen, mit den härtesten Strafen verfolgte. Verbündete Arbeiter wurden nicht anders behandelt, denn als Rebellen und die Besitzenden Chinas — das ist ihre Thorheit und ihre Schuld — haben dieser verbrecherischen Thorheit der chinesischen Regierung stets Beifall gespendet.
Thorheit sowohl als Verbrechen nenne ich dies Beginnen, weil es nicht bloß gegen die Gerechtigkeit und Menschlichkeit, sondern auch gegen den eigenen Vorteil der also Handelnden und der ihnen Beifall Spendenden in gröblichster Weise verstieß. Die Regierung anlangend sollte man meinen, daß dieser das Aberwitzige und Selbstmörderische ihres Beginnens ganz von selbst auch ohne tieferes Nachdenken längst hätte einleuchten sollen. Mußte doch ein Blinder sehen, daß sie ihre finanzielle sowohl als ihre militärische Kraft in dem Maße ruinierte, in welchem ihre Maßregeln gegen die unteren Volksklassen von Erfolg begleitet waren. Der Konsum der Massen ist wie allerorten so auch in China die hauptsächliche Quelle der Staatseinnahmen, die physische Gesundheit der Bevölkerung die Stütze der militärischen Kraft gewesen. Was sollten aber Chinas Zölle und Accisen einbringen, wenn das Volk nichts verzehren konnte und wie sollten seine aus dem elendesten Proletariate rekrutierten Soldaten Mut und Kraft vor dem Feinde beweisen? Ebenso schädigte diese Darniederhaltung der Massen auch die Interessen der Besitzenden. Weil das chinesische Volk wenig konsumierte, vermochte es auch nicht zu höher produktiver Arbeit überzugehen, d. h. seine Arbeitskraft hatte, gerade weil ihre Herstellungskosten so jämmerlich wenig beanspruchten, auch jämmerlich wenig Nutzwert.
Der chinesische Arbeitgeber konnte also wirklich nicht viel für die Arbeit zahlen, aber nur aus dem Grunde, weil dem Arbeiter verwehrt war, in wirksamer, d. h. nicht bloß den einzelnen Arbeitgeber, sondern den Arbeitsmarkt beeinflussender Weise, viel zu verlangen. Der einzelne Unternehmer hätte freilich den Forderungen seiner Arbeiter nur in beschränktem Maße nachgeben können, da er als Einzelner das Mehr an Lohn an seinem Gewinne eingebüßt hätte; wäre aber in ganz China der Arbeitslohn gestiegen, so hätte dies den Bedarf in solchem Maße erhöht, daß die gesamte chinesische Arbeit ergiebiger geworden wäre, d. h. mit besseren Produktionsmitteln hätte ausgestattet werden können; nicht aus ihrem Gewinne, sondern aus dem gesteigerten Ertrage hätten die Arbeitgeber die Lohnaufbesserung gedeckt, ja ihr Gewinn wäre sogar gewachsen, ihr Reichtum, dargestellt durch die in ihrem Besitze befindlichen kapitalistischen Arbeitsmittel, hätte sich vermehrt. Das schließt natürlich nicht aus, daß einzelne Produktionszweige unter diesem Umschwunge gelitten hätten, denn die Zunahme des Konsums infolge verbesserter Löhne erstreckt sich nicht gleichmäßig auf alle Bedarfsartikel. Der Konsum kann sich im Durchschnitt verzehnfacht haben und trotzdem die Nachfrage nach einem einzelnen Gute ziemlich stationär bleiben, ja vielleicht sogar zurückgehen; dafür aber wird in diesem Falle ganz gewiß die Nachfrage nach gewissen anderen Gütern sich mehr als verzehnfachen, den Einbußen einzelner Arbeitgeber stehen sicherlich desto größere Gewinne anderer Arbeitgeber gegenüber und als allgemeine Regel kann überall gelten, daß der Reichtum der Besitzenden im geraden Verhältnisse mit dem Arbeitslohne wächst, den sie bezahlen müssen. Es ist dies ja anders auch gar nicht möglich, da dieser Reichtum der besitzenden Klassen der Hauptsache nach in gar nichts anderem besteht, als in den Produktionsmitteln, die zur Herstellung der Bedarfsgüter des ganzen Volkes dienen.