Sobald Alfred das Thor hinter sich hatte, schien er gleichsam von einer großen Last befreit zu sein. Seine Blicke, die unruhig hier und dort umherirrten, so lange er sich in der Stadt sahe, nahmen plötzlich den Ausdruck der Ruhe an, als er sich im Freien befand; er schien jetzt freier athmen zu können, und seiner Frau lebhaft die Hand drückend, rief er aus: „Endlich haben wir die Stadt im Rücken! O, wie verhaßt ist sie mir, wie lange dauerte mir die Zeit, bis der Wagen zum Thore hinausfuhr!“

— Ist es möglich, lieber Alfred, erwiederte seine Frau, daß du so sprechen kannst? Ist denn Berlin nicht mehr deine Geburtsstadt? Hat sie allen Reiz für dich verloren, da du doch sonst immer mit Entzücken von ihr sprachst? Ist sie nicht mehr dieselbe Stadt, und kann sie dir deßhalb mißfallen, weil sich unsere Lage geändert hat? —

„Ja, ich gestehe es, antwortete der Oberst, was mich sonst entzückte, mag ich jetzt kaum mit Augen sehen. Ich fühle, daß es mir unmöglich sein würde, nur noch einen Tag länger in Berlin zu bleiben.“

— Nun, so sei doch jetzt zufrieden, da wir diese dir so verhaßte Stadt schon im Rücken haben. Möchtest du in einer andern deine Ruhe wiederfinden, und alle unangenehmen Erinnerungen vergessen! —

„Von welcher Stadt sprichst du denn, mein Kind?“

— Nun, von derjenigen, in welcher wir künftig wohnen werden. Wir befinden uns auf der Straße nach Potsdam; willst du vielleicht nach Dresden, nach Leipzig, oder noch weiter? —

„Ach, liebe Helene, sagte der Oberst verlegen, es wird mir schwer, dich ganz mit dem Opfer bekannt zu machen, das du mir bringen sollst. Denkst du, ich verlasse Berlin, um in einer andern Stadt zu wohnen? Ach nein, in meiner Lage gefällt mir nur die Einsamkeit! Liebe Helene! wirst du dich nicht über meinen grausamen, Entschluß beklagen? Ich will eine abgelegene ländliche Wohnung suchen, wo nichts ....“

Eine plötzliche Röthe überzog bei diesen Worten die schönen männlichen Gesichtszüge des Obersten; er hielt mitten in seiner Rede inne, und sahe Helenen mit einem unbeschreiblichen Blicke an, in welchem indessen die schmerzhaftesten Empfindungen nicht zu verkennen waren.

Helene würde sich vielleicht hierüber beunruhigt haben, wenn sie geglaubt hätte, daß geheime Ursachen dem Schmerze ihres Gatten zum Grunde lägen. Allein sie wußte, wie sehr ihm der Verlust eines Theils seines Vermögens, bloß aus Liebe zu ihr und ihren Kindern, zu Herzen ging; sie kannte seine Zärtlichkeit für sie, und fürchtete, daß es ihn bekümmern möchte, sie mitten aus den Vergnügungen der großen Welt in die Einsamkeit des Landlebens zu versetzen. Ohne daher weiter über Alfreds Betragen nachzudenken, hielt sie sich bloß an den Schein, und sagte, ihrem Gatten die Hand drückend:

„Beruhige dich, lieber Alfred; mir ist wenig daran gelegen, welchen Winkel der Erde ich bewohne, wenn ich nur mit dir und meinen Kindern bin. Meine Pinsel und Farben sind hier in diesem Kästchen, meine Harfe wird mir nachgesandt: was könnte mir nun noch zu meinem Glücke fehlen?“