— Wie, theure Helene, du fürchtest dich nicht vor dem einsamen Landleben? —
„Es würde der Fall sein, wenn ich von den drei mir theuren Wesen entfernt wäre; mit ihnen ist meine Zufriedenheit stets vollkommen.“
— O, von welcher Unruhe befreist du mich; denn ich glaube, daß du aufrichtig sprichst! Wohlan, so gestehe ich dir, daß nur die Einsamkeit und Zurückgezogenheit meinem jetzigen Zustande anpassend ist, daß ich der Entfernung von allem Geräusche des Lebens bedarf. Ich will also einen Zufluchtsort aufzufinden suchen, der nicht so nahe bei einer Stadt liegt, daß man uns belästigen wird, der aber auch nicht allzuweit entfernt ist, um aller Annehmlichkeiten der Städte entbehren zu müssen, wozu insbesondere auch die Hülfe der Arzneikunst gehört, wenn die Gesundheit Wilhelms und Juliens (die Namen ihrer beiden Kinder) derselben bedürfen möchten. — —
„Nun, Alfred, und wo denkst du diesen Zufluchtsort zu finden?“
— In Böhmen, nicht weit von Prag. —
„Es scheint mir aber, daß du bei allen deinen früheren Reisen noch nie in dieser Gegend gewesen bist. Hast du dort vielleicht Bekanntschaften, und kennst du schon den Ort unseres künftigen Aufenthalts?“
— Nein, durchaus nicht; ich überlasse Alles dem Zufalle, und gerade, weil ich in Böhmen völlig unbekannt bin, reise ich dorthin. Ich hoffe, daß so meine Spur völlig verloren gehen wird, daß ich dort keiner Verfolgung ausgesetzt sein werde ... denn der Anblick der Menschen ist mir jetzt verhaßt. Ach, könnte ich die Vergangenheit aus meinem Gedächtnisse verwischen! Theure Helene, wie sehr wünschte ich, nur für dich gelebt zu haben! —
Diese zärtlichen Worte, die ihrer Natur nach Helenen nur angenehm sein konnten, brachten indessen in ihrem Herzen eine gerade entgegengesetzte Empfindung hervor. Der Ton, mit welchem ihr Gemahl sie ausgesprochen hatte, schien einen bittern Vorwurf gegen sie selbst anzudeuten, und seine Physiognomie sagte dabei mehr als seine Worte. Helene liebte ihren Mann noch, wie in den ersten Tagen ihrer Ehe; bis jetzt hatte sich in ihrem Herzen noch nie eine eifersüchtige Empfindung geregt, weil Alfreds Betragen sie überzeugte, daß sie allein in seinen Gedanken herrschte; aber diese Ruhe konnte von einem Augenblick zum andern getrübt werden. Helene hatte bis jetzt noch nie ernstlich über das Leben ihres Mannes nachgedacht, das er vor der Bekanntschaft mit ihr geführt haben könnte; sie wußte, daß ein junger, hübscher Offizier nicht anders als eine Menge verliebter Abentheuer gehabt haben konnte; aber sie glaubte, daß Alfred nicht Zeit gehabt hatte, sich Gefühlen hinzugeben, die nur dann erst gefährlich werden, wenn sie lange dauern. In dieser Hinsicht war also Helene frei von Unruhe; indessen stieg ihr doch jetzt der unglückliche Gedanke auf, daß wohl eine ältere Liebes-Intrigue ihren guten Theil an der so plötzlichen Reise, die einer übereilten Flucht glich, haben könnte.
Wie auch die Gedanken Helenens in dieser Hinsicht gewesen sein mochten, so hütete sie sich doch wohl, sie laut werden zu lassen; sie suchte vielmehr, sie zu unterdrücken, indem sie ein gleichgültiges Gespräch anfing. Hierbei kamen ihr die Fragen ihrer Kinder zu Hülfe, und Alfred, der sich über ihr unschuldiges Geschwätz freuete, suchte ihre Neugierde zu befriedigen. Der Oberst bemerkte indessen, daß die Miene seiner Gemahlin ernster und nachdenkender geworden war; da er diesen Anschein von Kummer nur ihrer Abreise von Berlin zuschrieb, so gab er sich alle Mühe, sie durch seine Zärtlichkeit wieder aufzuheitern, was ihm auch so gut gelang, daß Helene, von seiner Liebe zu ihr gerührt, alle ihre leeren Muthmaßungen bei Seite warf, und sich ganz dem Glücke überließ, mit ihrem Gatten und ihren Kindern leben zu können.