Kaum war die Familie in Prag angekommen, so verlor der Oberst auch keinen Augenblick mehr, die einsame Wohnung ausfindig zu machen, nach welcher er sich so herzlich sehnte. Er wendete sich an einen Kommissionär, um zu erfahren, ob er irgend eine ländliche Wohnung, entfernt von allen großen Straßen, aber doch nicht zu weit von der Stadt entlegen, miethen oder kaufen könnte; und der Zufall entsprach hierbei völlig seinen Wünschen. Der Eigenthümer des Schlosses R...., in einer romantisch schönen und fruchtbaren Gegend, ungefähr zwei Stunden von Prag, bewohnte dieses uralte Gebäude nicht; vergebens hatte er schon seit längerer Zeit Liebhaber des Landlebens gesucht, aber bis jetzt noch keinen Miether finden können; daher ging er auch leicht in die Bedingungen ein, die ihm der Oberst Lobenthal machte, und der, kaum unterrichtet, daß das Schloß zu vermiethen sei, dahin geeilt war, um es zu besichtigen. Entzückt von seiner Lage, die ganz so war, wie er sie wünschte, errichtete Alfred sogleich einen Miethsvertrag in gehöriger Form, und begab sich mit seiner Familie nach seiner neuen Wohnung. Die nöthigen Möbel, einfach aber bequem, nicht prächtig, aber geschmackvoll, hatte er in der Stadt gekauft, und ließ sie unter Aufsicht eines alten Unteroffiziers von seinem Regiment nachkommen. Dieser, Namens Werner, ebenfalls ein Deutscher, ein tapferer Soldat, war schon früher in Rußland mit einer kleinen Pension verabschiedet worden; allein aus Anhänglichkeit an seinen Obersten, der ihm einst in einer Schlacht das Leben gerettet hatte, wollte er schlechterdings das Schicksal desselben theilen, und er nahm bei ihm weniger die Stelle eines Bedienten, als eines treuen und völlig ergebenen Freundes ein. Eine Köchin und ein Hausmädchen, beide in Prag in Dienst genommen, machten das Hauswesen des Obersten vollständig; denn Helene und ihr Gemahl hatten auf allen Luxus verzichtet, weil er durchaus keinen Reiz mehr für sie gewährte.
Die ersten Tage nach ihrer Ankunft im Schlosse R.... verflossen unter Beschäftigungen, die gewöhnlich mit der Veränderung des Wohnsitzes verbunden sind. Die Arbeiter waren in jener Gegend selten zu haben, oder ungeschickt, und die ganze innere Einrichtung beruhte daher auf des Obersten und Werners Thätigkeit. Sie leimten die Tapeten an, hingen die Spiegel auf, stellten die Möbel an ihren Ort, schlugen die Betten auf, u. s. w. und ihre Hände, nur gewohnt, die Waffen zu führen, wußten sich äußerst geschickt der Werkzeuge friedlicher Arbeiter zu bedienen.
Auch Helene war ihrerseits nicht müßig; die Wäsche, die Küche, die Speisekammer gaben ihr vollauf zu thun; sie vernachlässigte nichts, und indem die beiden Gatten so mit einander arbeiteten, verschönerten sie ihre Zeit durch die Ergießungen ihrer Zärtlichkeit und durch die Glückseligkeit eines vollkommnern gegenseitigen Vertrauens. Doch mitten unter diesen leichten Arbeiten verdunkelte oft eine plötzliche Erinnerung die heitere Stirn des Obersten; ein unwillkührliches Erbeben, das er sogleich wieder zu unterdrücken suchte, bewies, daß ihn ein geheimer Kummer drücken müsse, und mehr als einmal mußte Helene ihr Gesicht abwenden, um ihrem Gatten nicht noch mehr Unruhe zu verursachen, wenn er sähe, daß sie seinetwegen ebenfalls bekümmert sei.
Oefters schien Alfred wieder völlig heiter zu sein; die Gegenwart seiner Kinder machte ihm Vergnügen, und sehr häufig nahm er an ihren unschuldigen Spielen Theil; bald beschäftigte er sich mit seiner Flöte, bald durchstrich er, von einem Jagdhunde begleitet, die zahlreichen umliegenden Thäler und Berge. Hier aber, von dickem Gebüsch umgeben, setzte er sich oft am Fuße einer Eiche nieder, und überließ sich seinen Träumereien, welche dann mehrere Stunden lang dauerten. Erst die einbrechende Abenddämmerung, oder einige vorübergehende Landleute weckten ihn aus seinem fast bewußtlosen Zustande; er schlug sich dann heftig vor die Stirn, und eilte schnellen Schrittes nach dem Schlosse zurück.
Hätte Helene nur Geschmack für die Vergnügungen der großen Welt gehabt, so würde sie sich in ihrem jetzigen Aufenthalte äußerst unglücklich gefühlt haben. An Gesellschaft war hier wenig zu denken; die in der Nähe wohnenden Herrschaften kamen nur im Sommer auf’s Land, und sechs Monate lang im Jahre würde es Niemand von ihnen gewagt haben, sich zwischen die Berge und Felsen zu begeben, die im Winter fast gänzlich unzugänglich waren. Wir haben aber schon gesagt, daß Helene in sich selbst vortreffliche Hülfsmittel zum Zeitvertreib fand. Wenn das Hauswesen ihre Thätigkeit nicht in Anspruch nahm, so vergnügte sie sich durch Musik, Malerei und das Lesen der besten Werke unserer schönen Literatur, oder sie fand hinreichenden Genuß in der Gesellschaft ihres Mannes und ihrer Kinder.
Ein ganzes Jahr verging, ohne daß irgend eine außerordentliche Begebenheit eine Abwechselung in dem stillen und einförmigen Leben der Familie Lobenthal hervorgebracht hätte. Je mehr die Zeit verfloß, desto mehr erlangte der Oberst seine Ruhe wieder, und keine unangenehme Erinnerung schien ihn mehr zu belästigen. Helene, die ihren Gatten sehr genau beobachtet hatte, freute sich heimlich darüber. Nur selten war Alfred jetzt vom Schlosse abwesend; er ging nicht mehr so häufig, wie im Anfange, auf die Jagd, sondern war fast immer bei seiner Frau und seinen Kindern, mit deren Erziehung er sich beschäftigte; zum Zeitvertreib ließ er sich auch die Verschönerung des Schloßgartens angelegen sein, den er mit mehreren seltenen und schönen Blumen bereichert hatte.
Auch der Winter war an diesem einsamen und abgelegenen Orte für Alfred und Helenen nicht ohne allen Reiz, denn sie verstanden, sich selbst genug zu sein. Wenn der häufig fallende Regen die Wege in der Umgegend so verdorben hatte, daß es völlig unmöglich war, spazieren zu gehen, so diente der weite Saal des Schlosses zum gymnastischen Tummelplatz, wo Vater und Kinder sich für die körperliche Ausbildung der letztern heilsamen Leibesübungen überließen. Ohne Unterlaß hallte dann von den langen und hohen leeren Wänden ein lautes und herzliches Gelächter wieder. Den Stunden des Vergnügens folgte ein lehrreicher Unterricht; die Abende verflossen unter angenehmen Erzählungen, womit Helene ihre beiden kleinen aufmerksamen Zuhörer in Erstaunen setzte, und voll Entzücken betrachtete dann Alfred dieses Gemälde der häuslichen Glückseligkeit. Man achtete nicht der Stürme, des Schnees und Regens, der gegen die Fenster prasselte, und nach und nach verschwand jede Erinnerung an eine bittere Vergangenheit.
Auch der nächste Frühling verfloß in dieser angenehmen Ruhe. Um die Mitte des Monats Juli erhielt aber der Oberst einen Brief, der ihn mit neuem Kummer erfüllte. Er hatte eine Schwester, die in Stettin an einen königlichen Beamten verheirathet war. Gegenseitiges Unrecht unter den beiden Gatten, die beide noch jung und vielleicht Sklaven ihrer Leidenschaften waren, hatte schon mehrere unangenehme Auftritte unter ihnen herbeigeführt, die sich noch täglich vervielfältigten. Ein gemeinschaftlicher Freund dieser beiden Unglücklichen, der einen öffentlichen Ausbruch ihrer Uneinigkeiten fürchtete, hielt es für seine Pflicht, den Obersten von dem, was vorging, zu benachrichtigen. Er forderte ihn auf, keine Zeit zu verlieren, und nach Stettin zu eilen, weil, wie er glaubte, seine Gegenwart allein im Stande wäre, die beiden Gatten auf die Dauer wieder mit einander zu versöhnen.
Dem Obersten kam diese unangenehme Mittheilung sehr ungelegen. Es schien ihm zu hart, sich aus dem Schooße seiner glücklichen Familie entfernen zu sollen, um wieder in die Welt zurückzukehren, deren verhaßtem Geräusch er nun schon entgangen war. Zwar machte ihm sein Herz Vorwürfe wegen seiner Gleichgültigkeit gegen seine junge Schwester, für die er die Stelle eines Vaters zu vertreten hatte; er fühlte, wie nützlich ihr sein guter Rath sein könnte, wodurch er vielleicht im Stande wäre, sie vor dem Abgrunde des Unglücks zu bewahren, dem sie unbedachtsam entgegen zu eilen schien; allein von der andern Seite sollte er sich von seiner zärtlichen Gattin, von seinen Kindern auf unbestimmte Zeit entfernen; das Opfer war ihm zu groß. Er wußte lange nicht, was er thun sollte; ehe er indessen einen Entschluß faßte, suchte er durch schriftliche Ermahnungen auf seine Schwester einzuwirken. Solche Vorstellungen konnten aber da kein Gehör finden, wo heftige Leidenschaften laut ihre Stimmen erhoben; die beiden Gatten klagten einander gegenseitig in den Antworten an, die sie ihrem Schwager zukommen ließen, und dachten nicht daran, sich wieder auszusöhnen. Endlich gedieh ihre Uneinigkeit auf einen solchen Punkt, daß Alfreds Schwester keinen Anstand nahm, das Haus ihres Mannes zu verlassen, und sich nach dem Landgute einer ihrer Freundinnen zurückzuziehen.